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Interview: VINTERSORG
Titel: Auf der Suche

So einiges hat sich bei dem schwedischen Sänger, Gitarristen und Songwriter Andreas Hedlund alias Vintersorg (übersetzt: Wintersonne) in der Vergangenheit getan. Und das nicht nur auf musikalischer Seite. So ist er vor kurzem glücklicher Papa eines Sohnes geworden. Ebenso neu wie diese große elterliche Verantwortung für den frisch gebackenen Kindesvater dürfte vielen seiner Anhänger die stilistische Direktive der technisch enorm ausgefeilten Stücke auf dem nagelneuen Album „The Focusing Blur“ vorkommen.

Unser erneutes Gespräch steht demnach erstmal vollkommen unter dem Stern der neu erworbenen Vaterfreuden Hedlunds. Dieser frohlockt:

„Es ist wirklich super, Vater zu sein. Alles ist so neu und aufregend für mich. Es kommt mir vor, als ob sich mir eine ganz neue Welt eröffnet hat. Der Kleine ist das phantastischste Ding, das ich je erblicken konnte.“

Beide hätten wir darüber sicherlich noch mehr schwelgen können, doch galt es in erster Linie, sich über das neue Werk von Vintersorg auseinanderzusetzen.

„The Focusing Blur“ überrascht ganz in der Linie des Albumvorgängers „Visions From The Spiral Generator“ mit hohem technischen Anspruch, ausgefeilt komplex-progressiven Songstrukturen und einer geradezu immensen Fülle an kompositorischen Ideen.

Der Sänger hierzu: „Keine Ahnung, ob das neue Album nun progressiver, komplexer oder etwa komplizierter als das letzte ausgefallen ist. Darüber habe ich wirklich noch nicht nachgedacht. Ich versuchte wie immer, das bestmögliche Material zu komponieren, welches mir möglich war. Vom Resultat können sich die Hörer mit `The Focusing Blur` ein Bild machen.“

Er hatte zwar laut eigener Aussage, wie bei jeder seiner Veröffentlichungen, von Anfang an ein völlig klares Bild vor Augen, was die Ausrichtung des aktuellen Albums anbelangt, doch während des Kompositionsprozesses entwickelte das Ganze eine schier unbremsbare Eigendynamik, wie er mir berichtet.

Erneut hatte Hedlund die Möglichkeit, mit begnadeten Musikern wie dem amerikanischen Saiten-As Steve DiGiorgio und Borknagar-Schlagzeuger Asgeir Mickelson zusammen zu arbeiten, um seinen Traum, seine Vision dieses neuen Werkes zu verwirklichen:

„Beide trugen erneut ihren entscheidenden Teil dazu bei, dass auch `The Focusing Blur` eine unvergleichliche Atmosphäre, ja, eine gewisse Einmaligkeit zueigen ist. Ich kann nur hoffen, dass die beiden auch zukünftig wieder mit mir Musik machen wollen, denn nur mit ihren musikalischen Stärken ist der Sound, wie ich ihn mir für Vintersorg vorstelle, erst komplettiert.“

Und dieser Sound, den der nordische Visionär für seine Band favorisiert, ist mit jedem seiner Alben schwerer zu beschreiben. Immer mehr ineinander verschachtelte Songstrukturen lassen diesmal fast die Kategorisierung „Progressive Blackend Power Metal“ zu. Damit im Gespräch direkt konfrontiert, zeigt sich Mr. Vintersorg mir gegenüber doch etwas verunsichert.

Er wirkt ein wenig nachdenklich: „Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt bin ich auch überhaupt nicht daran interessiert, wie und ob ich unsere Musik mit einem speziellen Label versehen soll. Das habe ich auch bisher noch nicht gemacht, denn ich sehe keine Notwendigkeit darin. Es ist noch immer eine Mixtur aus vielen differierenden Ausrichtungen und Emotionen. Daher wäre es hart für mich, dies alles mit einem Schlagwort darzulegen.“

Und mit dieser Auffassung steht er beileibe nicht allein da. So geht es vielen Künstlern aus diesem Bereich. Im weiteren Gesprächsverlauf konkretisierten wir die Konzeption von „The Focusing Blur“; interessant, was dabei zutage kam:

„Es ist ein durchdachtes Konzept, welches das Verhalten und die Einstellung des Menschen gegenüber der gewaltigen Natur unseres Planeten im erweiterten Sinne behandelt. Es geht im Einzelnen um die scheinbar ewige Suche jedes Einzelnen nach seinem individuellen und bestmöglichen Platz auf dieser Erde. So nehmen wir textlich den Makrokosmos genauso unter die Lupe als auch die zahllosen Mikrostrukturen, welche uns umgeben und aus welchen wir gemacht sind. Es liegt in der ursprünglichen Verhaltensweise des Menschen, sofort neue Fragen dazu zu stellen, sobald er eine Sache erfasst und verstanden hat. Es scheint fast so, als ob die gesamte Erdbevölkerung immer auf der Suche nach größtmöglicher Perfektion ist, egal, um was es geht. Man kann jedoch lediglich immer nur ein wenig mehr in die Tiefe einer Sache oder eines Objekts gehen und versuchen, die Einzelheiten weiter zu ergründen. Was also heute unumstößliche und wahre Tatsache scheint, kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Was wir bis heute alles wissenschaftlich erforscht und enträtselt haben, ist doch im Endeffekt nur das, was das Universum uns bisher erlaubte zu wissen.“

So gestalten sich die neuen Lyrics von „The Focusing Blur“ zum Großteil im tieferen, philosophischen Sinne, wie von dem vielseitigen Schweden zu erfahren war.

„Manche Texte versuchen, Antworten zu geben, machen Zeilen stellen aber auch gezielte Fragen an den Zuhörer. Vieles in unseren aktuellen Texten stellt bewusst eine Synergie zwischen Tatsache und dem Geist her, um es mal im Kurzen auszudrücken. Wir wollten mit `The Focusing Blur` ein solches Konzeptalbum kreieren, welches sozusagen aufzeigen sollte, ob es möglich sei, die vielen verschiedenen Visionen der gesamten Band unter einem künstlerischen Dach zu vereinigen. Und die Arbeit daran gestaltete sich eigentlich doch leichter, als ich es mir vom Beginn weg vorstellen konnte. Ich bin der Ansicht, dass es uns gelang, unsere Gedanken nicht allzu schwer verständlich auszudrücken – alles fließt harmonisch ineinander über. Das zeichnet ein gutes Konzeptalbum doch erst aus.“

Das glaubt man Herrn Hedlund nur zu gerne, der abschließend vorgibt, ein richtiger Bücherwurm zu sein und einer mit großem Appetit noch dazu: „Den hauptsächlichen Teil meiner Inspirationen entnehme ich Büchern. Ebenso verschlinge ich regelmäßig eine ziemlich große Anzahl an anderem schriftlichen Material, wie beispielsweise Essays. So halte ich meinen Geist und seine Kreativität ständig auf Vordermann.“

© Markus Eck, 20.01.2004

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