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Interview: VARIUS COLORIBUS EXPERIENCE
Titel: Moderne Klang-Alchimie

Aus dem bunten Berliner Viertel Kreuzberg stammen diese fünf ausdrucksfreudigen Zeitgenossen. Seine wichtigsten musikalischen Einflüsse bezieht der kecke Spielmanns-Trupp laut eigenem Selbstverständnis aus den stilistischen Bereichen Ethno, Dolk, Jazz, Worldmusic, Rock, Experimental und Medieval.

Heraus kommt eine vielfältige und interessante Mischung, wie man sie selten hört. Umgesetzt wird die variantenreiche Melange aus alten und neuen Klängen von dem findigen Quintetts auf Sackpfeifen, Nyckelharpa und Trommeln. Und die beteiligten Künstler Sackwahn, Abul Kabul, Renaldo Renaldini, Don Kailypso und Lenz-A-Lot könnten dabei eigenständiger und individueller wohl nicht vorgehen.

Ihre aktuelle Albumveröffentlichung wurde in schlitzohriger Manier „555“ betitelt und auch sonst scheint der Vierer sich nicht viel um Genre-Konventionen zu scheren.

Für Sackpfeifen- und Schalmeien-Spieler Sackwahn, welcher bei Varius Coloribus Experience auch als Perkussionist wirkt, ist das Musikmachen an sich ein elementarer Bestandteil seines Daseins:

„Für mich bedeutet es in einer Sprache zu kommunizieren, die mehr ausdrücken kann als Worte. Darum empfinde ich Texte in der Musik als eher ablenkend, manchmal sogar als überflüssig, ich erachte die Stimme an sich aber als ein einzigartiges Instrument. Ich denke, Musik kann und sollte heilend sein für Macher und Hörer.“

Und wie mir Schlagwerker und Hackbrett-Spielmann Abul danach erzählt, drücken Varius Coloribus Experience Teile des Lebens der Beteiligten und ihrer Gefühle mit der Musik aus. „Am kreativen Leben hält uns natürlich, dass wir es aufgrund unserer Kompositionen schaffen so viele Menschen zu erreichen. Je weiter man kommt, desto größer ist der Schaffensprozess und umso leichter fällt es, eigene emotionale Ebenen in Musik umzusetzen. Dies macht uns zufrieden und füllt uns aus.“

Laut Aussage von Sackpfeifer und Vokalist Don Kailypso hat es gar etwas Magisches, andere Menschen mit eigener Musik zu faszinieren beziehungsweise die Zuhörer durch die Klangbilder von Varius Coloribus Experience mit auf eine oder besser gesagt mit auf die Reise der Gruppe zu nehmen.

Im Weiteren behandelte das Gespräch die Thematik, wie der Haufen eigentlich auf den stilistischen Terminus „Ancient Power Worldmusic“ kam. „Auf der erfolglosen Suche bei Myspace die passende Kombination für ein Genre zu finden, entschied ich mich ganz einfach dafür, ein eigenes zu wählen, um Missverständnisse zu vermeiden“, lässt Sackwahn kurzerhand pfiffig vor mir verlauten.

Wir gingen zum eigentlichen Erstellungs-Prozess der aktuellen Veröffentlichung „555“ über. Don Kailypso übermittelt mir gerne dazu Nennenswertes:

„Wir hatten bereits im Herbst 2008 damit begonnen einige Stücke im Studio einzuspielen, dies kam dann leider zum Erliegen. Im Januar 2009 kam unser Bassist Lenz dazu und wir haben begonnen unsere ganzen Stücke um zu arrangieren und mit dem Sound der Viola de Gamba zu versehen. Durch Lenz kam auch der Kontakt zu einem anderen Studio zustande, in dem wir dann von Dezember 2009 bis März 2010 unsere CD ‚555’ einspielten und bearbeiteten. Bereits eingespielte Stücke haben es leider nicht mehr auf diese Veröffentlichung geschafft, da der Sound der beiden Studios doch sehr auseinander ging.“

Und Sackwahn, der Kerl mit der großen Puste, weiß hierzu zu ergänzen:

„Da wir keinen so genannten „Band-leader“ haben, sondern jeder von uns einen Aufgabenbereich abdeckt, der ihm am meisten liegt und zusagt, übernahm unser ‚Neuer’ an der Bass-Gambe, Lenz-A-Lot, zu unserer Entlastung die Hauptarbeit an der Produktion im Allgemeinen.“



Ich erkundige mich anschließend danach, ob das aktuelle Liedmaterial für „555“ für den Kreuzberger Haufen schwer zu kreieren war. Sackwahn resümiert:

„Nein. Aber manchmal waren die Ideen ziemlich schwer umzusetzen. Selbst wenn man nur für das eigene Instrument eine Melodie oder eine zweite Stimme schreibt, stößt man manchmal an seine grenzen bei der Umsetzung; was natürlich auch einen gewissen Reiz hat, um seinen Horizont dahingehend zu erweitern.“

Und der Sackpfeifen- und Schalmeien-Spieler offenbart weiter: „ Wenn ich die neuen und neueren Varius Coloribus Experience-Kompositionen innerlich vor mir her ,singe‘, so schmücke ich sie mit weitaus mehr Phrasierungen, Umspielungen, zweiten Stimmen, Rhythmen und Läufen aus, als ich selber in der Lage wäre zu spielen oder es Sinn ergeben würde, diese anzuwenden. Ich werde aber nie vergessen , welche Gefühle mich im Moment des Komponierens an sich bewegt haben.“


Der Dialog ging sogleich zur aktuellen Besetzung der Gruppe beziehungsweise deren Stabilität und Harmonie im Miteinander über. „Stabil? Gemessen an wem oder was? Bislang würde ich sagen: Ja! Was die Zukunft bringt, steht in den Sternen. Harmonisch? Es wäre glaube ich ziemlich langweilig, wenn immer alles harmonisch wäre. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Disharmonien sorgen ja auch in der Musik für Spannung, und solange diese auch wieder aufgelöst werden, empfindet man es nicht mehr als störend, sondern als bereichernd“, platzt es aus Sackwahn heraus.

Die eingeschlagene stilistische Richtung werden Varius Coloribus Experience auf jeden Fall beibehalten, so Don Kailypso. „Unser Stil ist schon einmalig in dieser Szene. Wir werden auf jeden Fall so weiter machen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht auch weiter nach vorne entwickeln oder ganz andere Stilrichtungen in unseren Sound mit einfließen lassen.“

© Markus Eck, 28.04.2011

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