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Interview: VANITAS
Titel: In der eigenen Nische heimisch

Im spannenden Pokerspiel um möglichst qualitativen Melodic Dark Metal zocken diese österreichischen Ästheten seit 1996 mit.

Und die ideenreiche Band um den Grollbarden und Gitarristen Andreas Schärfinger verstand es bisher stets bestens, ihre kreativen Karten gut gemischt ins Spiel zu bringen.

Das Jahr 2000 brachte die Veröffentlichung des Debütalbums „Das Leben ein Traum“ mit sich, ein glänzender Szene-Einstand war Vanitas damit zweifellos gelungen. Der mit feierlichen Festmelodien zelebrierte Anteil barocker Einflüsse ist zeitlos, das Werk heute noch von höchst ergiebiger Genussvielfalt. Da hier auch der stramme Härtefaktor stimmte, konnte eine breite Ebene von Hörern angesprochen werden.

Erfolg auf allen Ebenen war somit auch dem 2002er Albumnachfolger „Der Schatten einer Existenz“ beschieden, mit welchem sich die verspielte Dunkelschar erneut als kompositorisch potente Zusammenkunft von musikalisch enorm zielstrebigen Visionären erwies. Aus dem 2004 erschienenen dritten Studiolangspieler „Lichtgestalten“ brachen dann diverse neue künstlerische wie stilistische Facetten aus. Denn Vanitas sind nach wie vor bemüht, sich nicht selbst zu wiederholen.

„Im Moment sind wir dabei neues Material zu schreiben. Das heißt auch, dass wir live eher zurückhaltend sind und nur ein paar wenige Gigs spielen, die für uns besonders reizvoll sind. Ansonsten hat uns ja Maria – unsere Sopranistin – vor einiger Zeit verlassen. Sie hat uns zwar noch bei den Live-Gigs unterstützt, aber dafür hat sie mittlerweile auch keine Zeit mehr. Wir waren jetzt relativ lange in einer recht plan- und ziellosen Situation, aber durch das Arbeiten an den neuen Stücken haben wir wieder Spaß an der Sache gefunden“, lässt mich Andreas wissen.

So wie es im Moment aussieht, werden Vanitas in Zukunft also ohne feste Sängerin weitermachen.

„Die neuen Lieder funktionieren auch recht gut ohne Frauengesang. Auch in der Vergangenheit war ja der Frauengesang bei uns nicht sehr vordergründig. Unser Schwerpunkt war eigentlich schon immer mein Growl-Gesang und viele unserer Lieblingsnummern sind ohne Marias Gesang. Wir hoffen auf jeden Fall, dass die Fans das auch so sehen. Das gilt außerdem in erster Linie für die Konzerte. Es kann durchaus sein, dass wir auf der kommenden CD vereinzelt weiterhin mit Frauengesang arbeiten, aber halt sehr auf Hintergrundstimme beschränkt. Zur Entwicklung in der Band im Allgemeinen lässt sich auch einiges Positives berichten. Unser Gitarrist Christoph, der ja seit der letzten CD bei uns ist und damals erst knapp vor der Aufnahme zu `Lichtgestalten` zu uns gestoßen ist, kann sich mittlerweile viel mehr einbringen. Damals hatte er ja eigentlich nur Zeit, die Stücke zu üben und dann ging es schon ins Studio. Und kurz nach den Aufnahmen stieg unser Drummer aus. Mit Franz haben wir aber schnell Ersatz gefunden. Durch diese ganzen Rochaden haben wir aber tatsächlich einen großen Schritt nach vorne gemacht, zumindest empfinde ich das so. Mit unserem Stamm an Vanitas-Mitgliedern, die von Anfang an dabei waren und eben diesen beiden – nicht mehr ganz so – Neuen, klappt es einfach super. Wir haben noch nie zuvor soviel Zeit im Proberaum damit verbracht, dass wir einzelne Teile immer und immer wieder probieren, bis alle damit zufrieden sind. Vor allem Franz ist beim Entstehen der neuen Stücke ein ganz wichtiger Faktor, weil er sich sehr viele Gedanken macht über die Struktur der neuen Stücke. Er hat immer wieder neue Ideen und die Zusammenarbeit mit ihm macht auch deshalb sehr viel Spaß, weil wir uns gegenseitig zu besseren Leistungen bringen wollen und auch können.“

Wie der Vokalist ergänzt, kann er eigentlich keinen speziellen Beweggrund nennen, genau diese Art von Musik zu kreieren. „Irgendwie treibt sich das von selbst an. Wir haben immer wieder schwierige Phasen, (aktuell ja beispielsweise durch den Ausstieg von Maria, aber nach einer kurzen unmotivierten Phase geht es schon wieder von vorne los. Es treibt mich förmlich von alleine dazu, mich vor den PC zu hocken und ein paar Ideen aufzunehmen. Oft entstehen dann ganze Songs in relativ kurzer Zeit. Diese Ideen dann bei der Probe gemeinsam mit den anderen zu verfeinern, macht immer noch Spaß. Auch die restlichen Mitglieder kommen mit mehr Ideen daher, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Von der musikalischen Ausrichtung her sind wir ja eine Band, die von Album zu Album irgendwie extremer beziehungsweise kranker wird, also von den Inhalten her. Das liegt wohl daran, dass wir alle Musik teilweise als Gegenpol zu unserem `normalen` Leben sehen. Da wir in der Tat alle relativ normal leben, also arbeiten gehen, fixe Beziehungen haben und so weiter, brauchen wir als Ausgleich die Musik. Wir werden älter, unser Leben `normaler`, daher kann man sich in der Musik immer mehr austoben. Das kommt mir zumindest so vor. Auch bei den Texten für Vanitas probiere ich ja immer in eine Gedankenwelt einzutauchen, die von meiner Realität teilweise doch sehr abweicht. Wobei da zu erwähnen ist, dass wir vor allem auf der letzten CD sehr Gothic-untypische Texte verwendet haben. Wir waren noch nie eine Band, die `Gut-Böse-Mann-Frau-08/15`-Gesülze gebracht hat und das wird auch so bleiben. Dieser Eskapismus vom Realen ist wohl der Hauptgrund für mich, Musik im Allgemeinen und diese Art von Musik im Speziellen zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeine andere Form der `Ablenkung` gibt, die eine ähnlich starke beruhigende Wirkung auf mich ausüben könnte.“

Das letzte Album „Lichtgestalten“ hat Vanitas laut Andreas in jedem Fall weitergebracht und zwar vor allem persönlich.

Die Band hat dabei zum wiederholten Male festgestellt, dass es für alle Beteiligten am besten ist, dass zu machen was sie selber wollen.

„Dazu gehört auch, uns mehr und mehr für modernere Elemente zu öffnen. Das mag für manche abschreckend wirken im ersten Moment, aber genau das ist der Reiz von Vanitas. Bei uns kann man immer wieder etwas Neues entdecken, ohne dass man uns Untreue zu den eigenen Wurzeln vorwerfen könnte. Von den Verkaufszahlen her muss ich zugeben, dass wir uns doch ein wenig mehr erwartet haben, vor allem auch daher, weil `Der Schatten einer Existenz` recht gut über die Ladentische ging. Aber wir trösten uns auch damit, dass auch die `Großen` derzeit noch immer Verkaufseinbrüche erleiden.“

Außerdem sind Vanitas an einem Punkt angelangt, wo sie eine alte Swinger-Formel für sich entdeckt haben – natürlich aufs Musikalische bezogen -, wie der Gitarrist schelmisch grinsend berichtet. „`Alles kann, nichts muss!`. Das soll auch unser Motto für unsere nächsten Taten sein. Was uns nach jedem Release sehr positiv stimmt, sind die vielen Mails von Fans, die sich mit uns über die neuen Stücke freuen können. Vor allem, dass unser Stil kaum kategorisierbar ist und dass viele meinen, keine ähnliche Band zu kennen, macht uns sehr stolz. Auch das Video zu `Endlosschleife`, das wir aufgenommen haben, läuft recht erfolgreich. Man kann es auf unserer Website gratis herunterladen. Mittlerweile haben wir über 30.000 Downloads verzeichnet. Typisch für uns, haben wir auch hier versucht mit den eher geringen Mitteln, die uns zur Verfügung stellen das Optimum rauszuholen. Angelehnt an David Lynch`s `Twin Peaks` beziehungsweise `Red Room` haben wir meiner Meinung nach ein Metal-Video der ganz besonderen Art abgeliefert.“

Wie Andreas sich erinnert, haben die Fans das letzte Album beziehungsweise dessen Songs bei den Live-Auftritten sehr gut aufgenommen. „Die neueren Lieder von uns sind ja teilweise direkter und mehr am kompositorischen Ziel orientierter, von daher gehen sie auch live richtig gut ab. Bei Song-Favoriten ist das immer so eine Frage. Wir treffen ja immer eine Vorauswahl von Stücken, die uns selbst am besten gefallen und die am tauglichsten für die Bühne erscheinen. Meistens sind das dann auch die Lieder, welche die Fans danach am liebsten hören. Ob unsere Vorselektion das mit beeinflusst, kann ich nicht sagen. `Endlosschleife` ist aber auf jeden Fall immer fix im Programm, auch wegen dem angesprochenen Video. Ansonsten ist auch `Lebenslauf` live eine richtige Wucht. Bei härteren Stücken wie `Missverstanden` entscheiden wir je nach Veranstaltung.“

Neue Songs sind wie zuvor schon erwähnt im Entstehen. „Es ist allerdings so, dass unsere Songwriting-Phase am Beginn immer mehr als chaotisch ist. Die Orientierung kommt uns da des Öfteren abhanden. Mit der Zeit, und genau in dem Stadium sind wir im Moment, formt sich aber alles wieder zusammen und wir merken, wie wir klingen wollen und was wir machen wollen. Meiner Meinung nach sind die neuen entstehenden Stücke zumindest schon mal sehr viel versprechend.“

Der Schritt von der `Schatten einer Existenz` zur `Lichtgestalten` war schon ganz bewusst gewählt, da ist sich Andreas sicher. „Wir haben uns neuen Einflüssen geöffnet, mehr auf modernere Elemente gesetzt und sind etwas eingängiger geworden. Der Schritt von `Lichtgestalten` zur nächsten CD wird wohl ähnlich ausfallen. Was immer das jetzt heißen mag“, scherzt er. „Es ist ganz einfach gesagt so, dass wir uns langsam wieder finden und die recht unterschiedlich angelegten neuen Stücke langsam zu einer Einheit wachsen. Wir werden weiterhin – wahrscheinlich sogar verstärkt – auch modernere Sounds einbringen. Vor allem was die Keyboards betrifft. Es geht einem einfach irgendwann mächtig am Arsch vorbei auf Kirchenorgel und Streichersounds zurückzugreifen, wo aus diesem sauteuren Synthie-Ding doch solch schön-kranke Töne herauszuholen sind. Im Vordergrund wird aber weiterhin die `melodiöse Härte` stehen. Wir kommen aus dem Metalbereich, wir bleiben auch dabei.“

Auch wenn es laut Andreas egoistisch klingt: Aber den Musikern von Vanitas muss primär selbst gefallen, was sie kreieren.

„Wir denken zwar sehr oft darüber nach, ob das auch den Leuten gefallen wird, für die wir die Musik ja (auch) machen, aber in erster Linie müssen wir damit glücklich sein. Bei den neueren Sachen merken wir recht oft, dass es eine Gratwanderung ist. Also, dass wir uns teilweise nicht ganz sicher sind, ob unser Glücksgefühl über manche Teile auch von `außen` geteilt wird. Man muss halt auch verstehen, dass Musiker sich immer wieder weiterentwickeln wollen. Ich gebe zu, als Fan verstehe ich das nicht immer, aber als Musiker geht es nicht anders. Unser Ziel ist von daher ganz einfach definiert: Wir wollen, dass den Leuten die Musik genauso gefällt, wie sie uns selber gefällt. Und damit das Ganze jetzt nicht als Vorab-Entschuldigung für etwaige grobe Änderungen missverstanden wird: Die neuen Lieder sind 100 % Vanitas und werden ordentlich abgehen. Von Stück zu Stück gibt es sehr wohl Unterschiede, was die kreativen Ziele betreffen. Am Beispiel einiger Songs der letzten CD lässt sich das recht gut erklären. `Tausende Quadrate` ist das depressive, schön melancholische Psychostück. Es bringt unsere Trademarks recht gut zum Ausdruck. Das Ziel, hart zu klingen und dennoch eine melancholische Stimmung zu erzeugen: Ein dauerndes Wechselspiel zwischen Gefühlen entstehen zu lassen, das den Hörer entsprechend mitreißen soll. Auf der anderen Seite stehen Stücke wie `Missverstanden`, welches wir für unsere Verhältnisse bewusst schnell und direkt angelegt haben. Ein Lied zum Bangen eben. Oft ergibt sich das allerdings von alleine, im Prozess der Liedermacherei. Es muss nicht immer alles groß durchdacht sein, um etwas zu schaffen. Manchmal denke ich fast zu viel.“

Ich frage im Weiteren neugierig nach, worauf Andreas bisher besonders stolz ist, wenn er den bisherigen Werdegang seiner Band Vanitas vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt. „Auf sehr vieles eigentlich. Vor allem Reaktionen von Fans, die sich wirklich total mit unserer Musik identifizieren können und Details entdecken. Ich bin ja da wirklich sehr kleinlich, wenn es um das Gesamtbild geht. Wir bauen immer wieder verschiedene Anspielungen ein, also textlich, musikalisch, sowie im CD-Booklet. Immer wieder gibt es Zusammenhänge. Leider merkt das der Großteil der Hörer gar nicht. Umso schöner ist es, wenn jemand einzelnen, versteckten Elementen auf die Schliche kommt. Das macht mich dann sehr stolz. Ich bin auch stolz, dass wir unser künstlerisches Level halten können. Ich bin stolz, dass wir einen Stamm an Fans haben, auch ohne bisher den ganz großen Durchbruch geschafft zu haben. Auch darauf bin ich nämlich stolz: Eine Nischenband im Underground zu sein. Das hat schon was. Wenn ich mir anhöre, welchen Scheiß manche Bands fabrizieren, die es zu was gebracht haben, bin ich sehr stolz, noch nicht so weit zu sein.“

Wir sprechen erneut auch noch über private Hörvorlieben. Andreas plaudert dazu gerne aus dem Nähkästchen: „Wie immer gilt für mich: Quer durch die Bank. Ich komme nie aus ohne meine alten Metal-Klassiker, also Iron Maiden, alte Metallica, Judas Priest und so weiter. Brauche ich in regelmäßigen Abständen, um `durchzukommen`. Genauso wie alte Death- und Black Metal-Kultbands. Neuere Releases sind mir ziemlich verborgen geblieben in letzter Zeit, was auch damit zu tun hat, dass ich nach einem Jobwechsel einfach ein wenig im Stress bin. Neben der Metal-Schiene bin ich und werde vor allem immer offener anderem gegenüber. Muse zählen etwa zu einem meiner absoluten Favoriten. Soviel Emotion und eben auch Härte geht mir im Metal-Bereich doch teilweise ganz schön ab. Es gibt einfach zu wenige innovative Bands, die sich etwas Neues zu probieren trauen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele nichts Neues hören wollen beziehungsweise nicht akzeptieren. Die neue CD von Goethes Erben werde ich mir dann wohl auch zulegen.“

Pläne für die nähere Zukunft sind laut Andreas primär neue Lieder. „Aber auch, den Spaß an der Sache nicht zu verlieren. Sowie ein neues Vanitas-Album und ein neues Video als auch eine kleine Tour und eventuell ein paar Festivals spielen. Und weiter stolz darauf auf das zu sein, was wir machen.“

© Markus Eck, 11.10.2005

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