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Interview: VANITAS
Titel: Schattenhafte Tagträume

Mit ihrem zweiten Album „Schatten einer Existenz“ verwandeln die niederösterreichischen Melodic Dark Metal-Könner Vanitas erneut den Tag zur alles umschlingenden Nachtschwärze.

Konnten die talentierten Dunkelpoeten schon mit ihrem Debüt „Das Leben ein Traum“ für manche Momente der schwelgerischen Zeit- und Raumlosigkeit sorgen, hat die Band auf dem neuen Werk diesmal die anfänglich aufgezeigten Trademarks noch einmal perfektioniert. Dazu zählt neben zahllosen bezaubernd traurigen und ergreifenden Melodielinien auch ein signifikanter Klassik-Einfluss, den das Sextett in Verbindung mit ausdrucksstarkem düsterem Metal zu seiner eigenen Reinkultur erhebt. So weiß ihr episch-orchestrales Material die verzückten Sinne trotz seiner gelegentlichen Bestialität mit schmeichelhafter Eleganz zu penetrieren.

Ganz besonders wissen mir Vanitas auf „Schatten einer Existenz“ diesmal auch wieder bei den geschickt eingestreuten besinnlichen Passagen zu gefallen, in welchen sich fein ziselierte Cembalo-Klänge, lieblich flüsternde Flöten und anmutig-sehnsüchtiger Sopran mit verträumten Keyboard-Intermezzi ein harmonisches Stelldichein geben. Und die edlen Soprangesänge kontrastieren den ansonsten vorherrschenden Beast-Growl von Sänger und Gitarrist Andreas Schärfinger sehr effektiv. Mit Letzterem trat ich aus aktuellem Anlass schon zum zweiten Mal in den Dialog, was beide Parteien erneut sehr erfreute.

Seit der Bandgründung hat sich ja allerhand bei der dunklen Kapelle getan. „Gegenüber den Anfängen hat sich bei uns praktisch alles verändert. Von den Gründungsmitgliedern bin nur noch ich dabei. Erst vor kurzem ist Markus als neuer Drummer bei uns eingestiegen. Im Großen und Ganzen ist das momentane Line-Up aber sehr stabil.“

Vanitas stammen aus der Gegend zwischen Tulln und St. Pölten in Niederösterreich. „Das ist in der Nähe von Wien. Richtig bekannte Bands gibt es bei uns eigentlich nicht. Aber dafür jede Menge Gruppen, die es sich verdient hätten, bekannt zu sein, wie etwa No Pride oder Nema.“

Andreas resümiert: „Wir gründeten die Band bekanntlich im Jahr 1996. Ich bin der einzige von der ursprünglichen Besetzung, der jetzt noch dabei ist. Irgendwie haben wir uns aus zwei verschiedenen Bands zu einer fusioniert. Stilistisch waren wir zu Beginn sehr vom typischen Gothic Metal beeinflusst, erst mit der Zeit haben wir den Stil entwickelt, den wir jetzt machen. Eigentlich spielten wir zu Beginn nur zum Spaß, erst nach rund einem Jahr haben wir uns entschlossen, wirklich ernsthaft daran zu arbeiten.“

Gut so, Potential dafür ist genug vorhanden. Der Bandname ist klug gewählt worden: „Den Begriff Vanitas hab ich erstmals im Zusammenhang mit der Barockliteratur gehört. Vanitas steht darin für die Vergänglichkeit des Lebens, für die Gewissheit das schon mit der Geburt der Tod feststeht. Unsere Lyrics beschäftigen sich meistens eben mit genau dieser Thematik, mit der Gewissheit des Sterbens als Lebensinhalt, mit den Gegensätzen des Alltags.“

Ebenso verhält es sich mit dem neuen Albumtitel. „`Der Schatten einer Existenz` haben wir deshalb als Albumtitel gewählt, weil es unsere Texte sehr gut widerspiegelt. Fast alle Texte beschäftigen sich mit dem Leben beziehungsweise der menschlichen Existenz. Und da es meistens die negativen, pessimistischen Aspekte betrifft – also die Schattenseiten des Daseins -, scheint uns der Titel sehr passend.“

Bei den Texten haben sich Vanitas große Mühe gemacht, sich in keinem der bekannten Klischees zu ergehen. „Wir haben nicht diese typischen `Mann böse – Frau Engel` Texte. Die Texte gehen in verschiedene Richtungen. Meistens wenn ich Texte schreibe, sind sie zu Beginn sehr persönlich. Ich verwende dann gern irgendwelche Zitate und Anspielungen, um dies ein wenig zu entschärfen. Am Ende sind die Texte meist auf sehr verschiedene Art und Weise zu interpretieren. Das erste Lied auf der neuen CD, `Pendelschwung`, hat eine Theorie eines Philosophen zur Thematik, die ich irgendwo mal aufgeschnappt habe. Ich glaube es war Schopenhauer. In dieser Theorie wird das Leben mit einem Pendel verglichen. Auf den beiden Außenpunkten des Pendelschwungs befinden sich negative Stimmungen. Nur ganz in der Mitte ist der Mensch ausgeglichen, allerdings bleibt es eben nie bei diesem Moment, da das Pendel ewig schwingt.“ Eine sehr interessante Ansicht, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Und Multitalent Andreas zeichnet nicht nur für alle Lyrics verantwortlich. „Für die Texte bin alleine ich zuständig. Auch bei der Musik stammt ein Großteil von mir. Allerdings zeichnet sich vor allem unser Bassist bei den neuen Nummern des öfteren als Komponist aus. Er hat einen völlig anderen Ansatz, Lieder zu schreiben, was zwar oft schwierig mit meiner Vorstellung von Musik zu vereinen ist, aber im Endeffekt sehr positiv für uns ist.“

Mir gefallen bei Vanitas immer wieder ganz besonders die massiven Klassik-Einflüsse in den Kompositionen. Andreas erläutert dazu: „Es liegt einfach daran wie wir Lieder schreiben. Von Anfang an lassen wir sehr viel Freiraum für Keyboard und klassische Passagen. Im konkreten Fall der neuen CD war es so, dass wir Unterstützung von einem klassischen `Streicherteam` bekommen haben, was diese Einflüsse natürlich besonders gut zur Geltung bringen lässt. An dieser Stelle muss ich mich bei Joachim Brandl bedanken, der sich für die klassischen Arrangements verantwortlich zeigt. Ich mag es zwar selbst nicht, wenn Bands in Interviews zu einer aktuellen CD schon von der nächsten CD sprechen, aber ich will jetzt selbst in die Zukunft blicken. Die Zusammenhang mit den Streichern hat nämlich einfach super geklappt und darum wollen wir bei der nächsten CD diese Elemente weiter ausbauen. Mir schwebt da so eine kleines Metal-Musical vor, mal sehen wie es sich realisieren lässt.“

Hört sich doch gut an. Wie sieht Andreas das aktuelle Werk im direkten Vergleich mit dem Debüt? „Es ist nicht so, dass wir uns stilistisch sehr verändert hätten, würde ich mal sagen. Was auffällt ist, dass die neuen Stücke durchdachter und komplexer sind. Außerdem kommen irgendwie die Kontraste zwischen schnellen metallischen Parts und den klassisch-gotischen Parts besser zur Geltung als auf unserem Debütalbum.“

Der Niederösterreicher hat auch eine gesunde Einstellung, was kommerziellen Erfolg anbelangt. „Das kommt darauf an, was man unter Erfolg versteht. Wenn man Erfolg als `wir können von der Musik leben` definiert, dann kann man bei uns definitiv noch nicht von Erfolg sprechen. Für meine Vorstellung von Erfolg, nämlich dass jede Menge Leute reagieren und unsere Musik schätzen, dass Leute zu unseren Konzerten kommen, etc., ist es aber bislang sehr wohl ein großer Erfolg. Die Reaktionen der Kritiker und der Fans waren auch zumeist schon sehr positiv, mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen.“

Wann haben Vanitas das letzte Mal live gespielt? „Das war letzte Woche am ersten Dezember in Salzburg, gemeinsam mit Profound, Olemus, Thirdmoon und Eye Of The Betrayer. War ein ziemlich gutes Konzert für uns. Wir spielen eigentlich dauernd und zwar wo immer es geht. Eine Tour hat sich bisher leider noch nicht ergeben, ist aber auf jeden Fall unser erklärtes Ziel. Wir wollen heuer auch endlich mal in Deutschland spielen, wobei vor allem die großen Festivals reizvoll wären. Unsere nächstes Konzert ist im Rahmen der Präsentation unserer neuen CD, was sicher sehr spannend werden wird, weil wir auch einige alte Nummern spielen werden, die wir schon sehr lange nicht gespielt haben. Dann gibt's Auftritte in allen möglichen österreichischen Städten, ein Konzert in Zürich ist schon fix und es kommen bestimmt noch welche dazu. Wir würden auch sehr gern einiges mehr mit Effekten auf der Bühne machen, was aber meistens am Geld scheitert, sprich Pyro-Effekte usw. Wir probieren aber immer eine ordentliche Show zu liefern, verwenden Fackeln und Kerzen etc. und man merkt uns – glaube ich – auch an, dass wir immer ziemlich motiviert sind.“

Zukunftspläne gibt es reichlich. „Wie schon erwähnt, nach der Veröffentlichung dieser CD werden wir versuchen möglichst oft und möglichst überall live zu spielen. Für die nächste CD planen wir ein Klassikkonzept. Wir haben zwar schon viele gemacht, trotzdem reizt mich der Gedanke und vor allem die Umsetzung der Ideen. Ich denke da beispielsweise an die musikalische Umsetzung von E.T.A. Hoffmanns `Der Sandmann`. Wäre spannend, denke ich.“ Letzte Worte an die Fans? „Danke für die bisherige Unterstützung. Hoffentlich sehen wir uns ja irgendwo mal bei einem unserer Konzerte!“

© Markus Eck, 13.12.2001

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