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Interview: U.D.O.
Titel: Unerschütterlich

Auf dem neuen Album „Steelhammer“ zeigt Titankehle Udo Dirkschneider auf, dass seine alles zersägende Stimme noch immer zum Charismatischsten und Markantesten zählt, was das weltweite Schmermetall-Genre überhaupt zu bieten hat. Mehr noch, dieser 14. Studio-Langschlag des ehemaligen Accept-Schreihalses und seiner erneuerten Band bietet daneben auch das kompositorisch stärkste, melodischste und insgesamt frischeste U.D.O.-Material seit langem.

Kein Wunder, mit den beiden Neuzugängen an der Gitarrenfront, dem russischen Gitarristen Andrey Smirnov und dem Finnen Kasperi Heikkinen, kam frisches Blut in die anhaltend prallen kreativen Venen der noch immer umfassend benötigten Heavy Metal-Formation. Udo selbst, seit etwa viereinhalb Jahren tatsächlich auf der Baleareninsel Ibiza residierend, blüht auf „Steelhammer“ regelrecht auf.

Sein Alter hört man dem mittlerweile 61-jährigen Dauermetaller und Wahnsinnssänger auf der aktuellen Scheibe ganz und gar nicht an.

Zweifellos ein Umstand, der weltweit unzählige, ebenfalls „in die Jahre“ gekommene Heavy Metal-Enthusiasten doch enorm bestätigen dürfte.

Über die Zustimmung und das Lob des Autoren zum neuen schweren „Steelhammer“ freut sich der große Meister der Stimmband-Gilde eingangs mit liebenswerter Bescheidenheit.

„Was soll ich sagen? Ich hatte ja zunächst mal in kaltes Wasser zu springen, denn unser Gitarrist Stefan Kaufmann quittierte seinen Dienst bei uns 2012 ja aus gesundheitlichen Gründen. Stefan hatte sich in gewisser Weise neu zu sortieren. Im Zuge dessen konnten wir auch nicht wie zuvor auf seine Mitarbeit im Kompositionsprozess für die neue Platte bauen. Das war ein Schlag für mich. Denn ich komponierte mit ihm seit den Zeiten von ,Faceless World‘, also seit 1990 für U.D.O.“



Und da Tieftöner Fitty Wienhold, so erzählt der gebürtige Solinger weiter, ebenfalls bereits schon einiges brauchbares Material an den Start brachte, war man froh, diesmal auf ihn zählen zu können. Udo, nun schon seit neun Jahren erleichterter Nichtraucher, hierzu: „Fitty war für mich erste Wahl, was die neuen Songs anging. Ich war sehr neugierig, was aus seiner Feder kommen würde, aber es hat zum Glück hervorragend geklappt. Ebenfalls erwies es sich als guter Schachzug, ,Steelhammer‘ auch im eigenen Studio von Fitty zu produzieren. Dort ist auch der größte Teil meines Gesangs entstanden.“



Denn der getreue Bassist Wienhold, der so wie die Teutonen-Legende Dirkschneider ebenfalls seit Jahren auf Ibiza wohnhaft ist, holte für seinen Teil aus den neuen Songs alles raus, was machbar war. Der Vokalist erinnert sich:

„Ursprünglich hatte ich tatsächlich Michael Wagener als Produzent im Kopf. Doch aufgrund von Verpflichtungen für Lordi hatte er leider keine Zeit. Als Michael, der mich bestens kennt, mir riet, es kurzerhand doch einfach selbst zu machen, beziehungsweise mir einen guten Soundmann zu suchen. Schlagartig kam mir dabei Fitty in den Sinn. Ich hatte mit ihm alles zusammen komponiert, er wusste, was genau ich für die Platte wollte. Also kam Fittys U.F.I.-Studio hier in Ibiza zum Einsatz. In Martin Pfeiffer fanden wir schließlich auch noch einen fähigen Mann, der in seinem Wilhelmshavener RedHead Audio Production-Studio noch kompetent Hand anlegte. Das war das Team, das ,Steelhammer‘ klanglich zustande gebracht hat.“


Wenn es nach Udos und Fittys Plänen läuft, so der Vokalist, wird das nächste U.D.O.-Studioalbum sogar komplett in den eigenen Räumlichkeiten verewigt.

„Wir haben das Studio kürzlich umfangreich umgebaut und die Möglichkeiten sind dadurch angewachsen. Das Ganze ist jetzt wirklich sehr professionell.“

Interessant erscheint in dem Zusammenhang, dass Udo sämtliche Gesangsmelodien zur neuen U.D.O.-Platte beigesteuert hat.

„Ich komponiere viel mit der Stimme. Ich bin sogar mit Leichtigkeit in der Lage, ein Solo oder eine Rhythmusgitarre imitierend vorzusingen. Ich selbst spiele ja auch ein wenig Keyboard, womit ich ebenfalls im Kompositionsprozess tätig bin. Letztlich kann ich alles mit meiner Stimme darlegen, was mir in den Sinn kommt. Meine Kollegen in der Band wissen dabei auch stets, was genau gemeint ist. Wenn mir beispielsweise eine gute Melodie einfällt, nehme ich sie einfach auf mein Handy auf. Das kann mittels einer ,Lala‘-Abfolge oder auch mit einem Summen etc. sein, je nachdem, wie ich gerade an dem jeweiligen Tag so drauf bin.“

Zwischenzeitlich fand man dann auch zu den beiden Neuen an den Klampfen.

„Mit Andrey Smirnov planten wir eigentlich zunächst mal nur eine Audition. Doch er überzeugte uns, quartierte sich für fünf Wochen in Deutschland ein und spielte gleich seine kompletten Parts für das neue Album ein. Für unseren ehemaligen Gitarristen Igor Gianola war das leider aus zeitlichen Gründen nicht mehr machbar.“



Besagter Igor hat mit dem ehemaligen Accept-Schlagzeuger und Produzenten Stefan zuvor viel über Computer zusammengearbeitet, wie vom Meister in Erfahrung zu bringen ist.

„Die zwei sendeten sich das Rohmaterial der Songs ständig hin und her. Das wollte ich diesmal aber absolut nicht haben. ,Steelhammer‘ sollte nämlich auf die eher klassische Weise entstehen. In enger Gitarren-Zusammenarbeit sozusagen, wo man direkt miteinander von Kopf zu Kopf über die Ausarbeitung der neuen Ideen reden kann. Ich war das ja seit jeher so gewohnt. Mit richtigen Boxen im Raum, mit einem echten Schlagzeug etc. Ich arbeite im Studio eben lieber mit Menschen als mit Computern. Computer sind zweifelsfrei sehr praktisch und sie erleichtern bei den Aufnahmen so einiges. Aber letztlich bevorzuge ich es, mit meinen Musikern eng beieinander zusammenzuarbeiten.“

Inhaltliche Themen für neue U.D.O.-Songs gibt es für ihn immer wieder genügend, wie der Mann mit dem ausgeprägten Spanien-Faible im Weiteren wissen lässt. „Ich habe ständig irgendwelche Ideen und Stories im Kopf, die ich mir mittels Notizen notiere; das erinnert oft an eine Art Aufsatz. Das kann beim Fernsehgucken oder beim Autofahren passieren, oder sogar auch Tour, ich mache mir meine kleinen Notizen dazu.“



Auf der Mittelmeerinsel, die seit vielen Monaten sein Zuhause ist, hat der oft so titulierte „German Tank“ dafür auch genügend Zeit, möchte man meinen.

„Ich verließ Deutschland, als mich meine Frau verließ, die meinte, sich neu verlieben zu müssen. Ich wollte zu dem Zeitpunkt einfach nur weg. Ich war ja bereits seit meinem 16. Lebensjahr fast ohne Unterbrechung jährlich als Urlauber dort. Ibiza war sozusagen nichts neues für mich. Daher fiel mir die Entscheidung zu meinem neuen Wohnsitz nicht allzu schwer. Zudem befindet sich ja Fitty wie erwähnt ebenfalls seit längerer Zeit hier, genauer gesagt seit 18 Jahren. Ich habe hier viele Bekannte und Freunde, auch, was die Musikszene anbelangt. Es war also nicht schwer für mich, dort hinzuziehen. Das Klima hier bekommt mir natürlich besser als das einer Großstadt mit der ganzen Industrie.“


So befinden sich auf dem neuen Album sogar gleich drei Songs, in denen er sich das Thema Trennung von der Seele geschrieben hat, wie der Mann Einblick gewährt: „Das sind vor allem ,When Love Becomes A Lie‘ und ,Never Cross My Way‘. ,Heavy Rain‘ geht aber schon auch in diese Richtung. In den drei Liedern habe ich viel Privates verarbeitet. Und, ja, mit Sicherheit wirkt das bei mir wie eine Eigentherapie. Ich nutze meine Texte wie ein Ablassventil, um solche Sachen loszulassen.


Von der Damenwelt an sich hat der lebenserfahrene Dirkschneider deshalb aber die Schnauze noch nicht voll, wie er unumwunden bekennt. „Ich bin mittlerweile sogar wieder neu liiert. Details dazu möchte ich jedoch nicht nennen. Sagen wir es mal so: Ich bin wieder in ,lockeren‘ Händen“, gibt der gelernte Werkzeugmacher herzlich lachend und ein wenig verschmitzt zu Protokoll, „man sollte anstatt zurück sowieso viel lieber vorwärts gucken und seine Möglichkeiten leben.“

© Markus Eck, 27.06.2013

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