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Interview: SONS OF SEASONS
Titel: Vertonte Jahreszeiten

Oliver Palotai ist schon ein absoluter Individualist, wenn es um das Thema Musik geht. Der Aachener Freigeist liebt Metal, Jazz und Klassik gleichermaßen innig. Bei der amerikanischen Progressive Metal-Erfolgsband Kamelot ist er als Tastenmann darum bestens aufgehoben. So war es wohl wirklich nur eine Frage der Zeit, bis der überaus leidenschaftliche deutsche Musikus entsprechende Bestrebungen zum Tragen kommen ließ, genannte Stilistiken in eigenkreativer Weise zu verquicken.

2007 gründete der enorm fingerfertige Keyboarder und Gitarrist dann schließlich seine eigene Band Sons Of Seasons, welche sich Progressive Symphonic Metal mit düster anmutender Schlagseite auf die anspruchsvollen Fahnen geschrieben hat. Und wie sich das bei solcherlei Klängen auch gehört, offerieren die vier hörbar hochgradig beflissen agierenden Söhne der Jahreszeiten in ihren Kreationen auch mannigfaltig emotional durchtränkte Besinnlichkeits-Passagen von nicht selten schwärmerisch oder gar entrückter Natur.

Glücklicherweise konnte mit dem ebenso fähigen wie bekannten Metalium-Shouter Henning Basse auch ein außergewöhnliches Kehlentalent für das aktuelle Debütalbum „Gods Of Vermin” verpflichtet werden, um die bemerkenswert variantenreichen Kompositionen angemessen niveauvoll zu besingen. Das feinfühlige Quartett konnte zudem noch auf Epica-Vokalistin Simone Simons bauen, welche auf dem aktuellen Langspielspektakel nämlich nicht nur als Gastsängerin fungiert, sondern mittlerweile auch die Lebensgefährtin von Notenjongleur Palotai geworden ist.

Laut Oliver ist ihm, angeregt resümierend zum neuen Album, dabei primär wichtig, all jene kompositorischen Fragmente in eine klingende Gussform gebracht zu haben, die in den letzten Jahren durch seinen musikalischen Kosmos geisterten. Er erzählt mir:

„Als ich die Band ins Leben rief, war mir noch nicht ganz klar, wohin die Reise ging. Im Weiteren bedeutet mir persönlich die Transformation der Stücke durch die anderen Musiker der Band immens viel. Das ist oft der spannendste Teil. Ich schreibe zwar die Songs, aber letztlich wird es zu einem Teil aller. Kunst für sich allein ist sinnlos, Kunst sollte Kommunikation sein. Bei uns spielen natürlich all diejenigen Einflüsse eine Rolle, die mir während meiner `Lehrjahre` wichtig waren. Klassische Komponisten wie Bach oder Chopin, Jazzer wie Charly Parker oder Gonzalo Rubalcaba, und natürlich meine Teenage-Idole aus Rock und Metal. Ansonsten versuche ich mich aber, vor dem Schreiben eines Songs so weit wie möglich zu `leeren`, ein Vakuum zu füllen. Dann gibt es auch Lieder wie `Fall Of Byzanz`, einem Titel über die Eroberung Konstantinopels durch Mehmed den Eroberer im Jahr 1453; da wachte ich eines Morgens auf und hatte die Leitmelodie klar im Kopf.“

Seit nicht geringer Zeit scheint es ja auf dem internationalen Musikmarkt eine regelrechte Flut an eher progressiv werkenden und nicht selten pseudo-anspruchsvollen Metal-Bands zu geben. Vieles davon kommt aus USA. Wirklichen Anspruch und Können im ergiebigen Kombinat bieten davon aber nur wenige Gruppen. Woran könnte das liegen, defizitäre Leidenschaften? Oliver konkretisiert hierzu:

„Vielleicht ist es oftmals eher der krampfhafte Versuch, wenig vorhandene Substanz mit komplexen Strukturen aufzuwerten. Ein schwacher Titel bleibt auch dann noch schwach, wenn er im 7/8-Takt gespielt wird. Problematisch wird es immer dann, wenn Musiker Musik um ihrer selbst willen kreieren. Da kommen wir zum vorher Gesagten zurück. In der klassischen Orchestrierung gibt es die Regel, dass jede Stimme eines Instrumentes in einem Satz für sich gut klingen muss. Das gilt dann auch für einen noch so progressiven Metal-Song: Wenn du dir eine Akustikgitarre schnappen kannst und der Titel immer noch gut klingt, hast du etwas richtig gemacht!“

Welche sind wohl die persönlichen Favoriten meines Gegenübers, wenn es gerade um neuere Progressive Metal-Bands geht? Er gibt offen zu, darüber nicht allzu gut informiert zu sein. Wir erfahren:

„Das liegt primär daran, dass ich persönlich mehr Jazz, Klassik und experimentelle Musik höre. Opeth zum Beispiel finde ich sehr spannend und es freut mich, dass diese Band solche Erfolge feiert. Vor einer Weile spielte ich auf einem Festival, wo auch Cynic auftrat. Tolle Band. Allerdings kamen sie auf CD nicht so gut rüber. Ebenso geht es mir mit Porcupine Tree. Die sind live sehr, sehr gut.“

Darüber hinaus ist der Keyboarder und Gitarrist der Ansicht, dass die Metal-Szene an sich auch im Moment noch eine der am meisten gesunden und vielseitigsten musikalischen Szenen ist:

„Die meisten Leute sind sehr offen für alles Mögliche, abgesehen von ein paar Betonköpfen. Es gibt darin diese einzigartige, auf Generationen übergreifende Leidenschaft. Und ich sehe von der Bühne auch vor allem in letzter Zeit, wie sehr sich das Publikum wieder verjüngt hat. Das ist in vielen anderen Szenen nicht der Fall. Die Klassik zum Beispiel ist starr und eingefahren. Was mir nicht gefällt, sind die Anstrengungen der Labels, Retortenbands zu etablieren und die dabei manchmal unglaublich offenkundig abkupfern. Das sollte man doch lieber `Deutschland sucht den Superstar` überlassen.“

Wir zwei philosophierten anschließend über die Bedeutung des Bandnamens Sons Of Seasons, welcher laut Aussage des Musikers hauptsächlich aus seinem ganz besonderen Bezug zu den Jahreszeiten resultiert.

„Ich schreibe schlicht anders klingende Stücke im Sommer als im Winter, an einem regnerischen Herbsttag oder unter dem Einfluss der Frühlingssonne. Das liegt wohl daran, dass ich in der schwäbischen Pampa aufgewachsen bin. Andererseits bezieht sich der Bandname auf die Vielfalt der musikalischen Einflüsse, die bei Sons Of Seasons mitspielen. Die musikalischen Jahreszeiten sozusagen.“

Aufgenommen wurde „Gods Of Vermin“ in Aachen, Alsfeld, Lüneburg und Stuttgart, so Oliver:

„Alles `Made in Germany` also. Die eigentliche Aufnahmezeit zog sich über ungefähr sechs Monate hin. Es war ein intensiver Lernprozess, für uns alle. Jeder von uns hat an vielen Platten mitgewirkt, aber immer nur als Musiker. Wenn man seinen Teil eingespielt hatte, konnte man wieder heimgehen. Für `Gods Of Vermin` aber musste alles von A bis Z selbst gemacht werden, Produktion, Organisation, finanzielle Planung und so weiter.“

Oliver ist daneben sehr gespannt, ob seine ziemlich mutig umgesetzte musikalische Vision letztlich auch auf geeignete Ohren treffen wird: „Ich merke schon jetzt – und das ist natürlich keine Überraschung –, dass gerade Fans meiner anderen bisherigen Bands Ähnliches erwarten wie das, was sie von dort gewohnt sind. Aber auch bei den Kritikern fällt eine bestimmte Erwartungshaltung auf. Das ist OK, wenn am Ende akzeptiert wird, dass Sons Of Seasons eine andere Richtung einschlägt. Ich habe in dieser, meinen eigenen Band, nicht die Visionen anderer Künstler zu erfüllen. Das ist das Schöne daran. Zudem ist `Gods Of Vermin` trotz der Erfahrung der einzelnen Musiker ein Debüt. Die Reise geht hier erst los!“

Der Künstler Stephan Heilemann aus Stuttgart hat auf beiden Frontcovern des Albums, also Spezial- und Reguläredition, Olivers Ideen zum Titel des Albums jeweilig entsprechend grafisch umgesetzt. Und mein Gesprächspartner findet das Ergebnis gar wunderbar:

„`Gods Of Vermin` bezieht sich auf die Tendenz, die in den meisten Menschen steckt, bewusst oder unbewusst: Über andere zu dominieren. Beispielsweise kompensiert der kleine Angestellte seine Ohnmachtgefühle, indem er über andere Macht zu erlangen versucht, die auf der Leiter noch tiefer stehen. Er ist ein Gott des Nichts, eben ein Gott des Gewürms. Die dunkle Königin auf dem Cover repräsentiert also diesen Teil unseres Charakters, und setzt zum Schachmatt an, während ihr Gegner keine Chance hat, sich zu verteidigen. Auf der Special-Edition der Scheibe ist hingegen die Metamorphose von einem schönen Wesen zu sehen, das von jenem Machtstreben korrumpiert wird.“

Für Oliver sind Frontcover bei Metal-Veröffentlichungen sowieso ein Teil des Gesamtkunstwerkes. „Deshalb habe ich auch Probleme mit Downloads. Ich halte gerne die ganze komplette CD in der Hand und bekomme dadurch ein weiteres Stück des Schaffens der Künstler mit.“

Auf instrumentellem Sektor ist das neue Sons Of Seasons-Album sehr ausgereift. Genau das war auch Ziel des viel beschäftigten Aacheners, wie zu erfahren war. „Die beteiligten Musiker sind sehr fit. Das war mir auch sehr wichtig bei der Auswahl der Bandmitglieder. Sonst ließe sich diese Musik auch gar nicht live umsetzen. Es wäre kein Problem, noch viel kompliziertere Nummern zu spielen, aber das ist nicht Sinn der Sache. Sowieso wird in diesem Genre Geschwindigkeit zu häufig mit gutem Songwriting verwechselt. Der Teufel steckt manchmal in ganz anderen Details.“

Auch in Sachen Songtexte hat Oliver einen starken Bezug zum geschriebenen Wort, er liest und schreibt laut eigenem Bekunden sehr viel.

„Wenn ich bei Bands merke, dass sie Lyrics nur als schmückendes Beiwerk betrachten, sinkt ihr Stellenwert in meinen Augen enorm. Wenn ich selbst komponiere, steht die Musik anfangs für sich selbst. Recht früh aber kommt der Text dazu, und im weiteren Verlauf beeinflussen sich beide Ebenen gegenseitig.“ Typische Sons Of Seasons-Themen entstammen der Literatur, der aktuellen Politik, Geschichte und folkloristischen Themen, so der Tastenmann und Gitarrist. „`Wintersmith` beispielsweise ist die musikalische Umsetzung eines Buches eines meiner Lieblingsautoren, Terry Pratchett, `A Blind Man’s Resolution` reflektiert die Diskussionen zum Thema Überwachungsstaat, `Wheel Of Guilt` handelt von der Weigerung mancher Generationen, Kriegsschuld einzugestehen, `The Piper` ist ein Song über den Rattenfänger von Hameln. Ich bin einfach manchmal nur froh, meine rauchenden Synapsen in Songtexten kühlen zu können.“

Seine neue Band hat sich mittlerweile auch live bewährt und in punkto Organisation ihre Stärken gezeigt, wie mein Gegenüber sich erfreut dazu äußert: „Ich wollte eine Band, bei der sich jeder auf das nächste Zusammentreffen freut, und so ist es mittlerweile auch. Die Jungs sind mit viel Energie und Leidenschaft dabei. Ich habe daher keinerlei Befürchtungen, dass wir zu wenig kreative Ressourcen für die nächsten Jahre haben.“

In diesem thematischen Kontext verbleibend, bezog Oliver anschließend auch gerne Stellung zur Entwicklung der Bandchemie seit der Gründung bis heute. „Es gab ein paar Änderungen in der Besetzung. Das waren wohl die am meisten einschneidenden Veränderungen. Jetzt fühlt sich alles komplett an. Am Anfang war es ein loser Haufen. Jeder kennt ja unzählige Geschichten von geplanten Bandgründungen, aus denen oft nichts wird. Bei uns aber ist der Glaube an die Sache da! Wenn ich dann erfahre, dass sich manchmal Sons Of Seasons-Mitglieder auch ohne Bezug zur Band treffen oder telefonieren, ist das ein gutes Gefühl für mich.“

Was Live-Aktivitäten betrifft, so steht die Situation gegenwärtig zum Besten für ihn und seine Gruppe, erläutert mir Oliver. „Das Booking geht viel einfacher als erwartet. Interesse an der Band ist massig vorhanden. Wir haben eher das Problem, nicht alles spielen zu können, was uns angeboten wird, da die Gagen natürlich noch eher bescheiden sind und wir andere Jobs spielen müssen, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Wir arbeiten an einer großen Tour als Support-Act und vielen Einzelshows, beginnend mit Mai-Konzerten in Deutschland. Ähnlich wie beim Cover-Artwork möchte ich auch bei der Bühnenshow darauf hinaus, die Musik mit der Optik zu verzahnen. Da kann man mit bescheidenen Mitteln schon viel erreichen. Ideen gibt es viele und wir arbeiten an der Umsetzung.“

Überhaupt, die ganze Truppe freut sich schon sehr auf das Feedback von Musikfans, Kritikern und Freunden – und nicht zuletzt eben natürlich darauf, so oft wie möglich Sons Of Seasons live zu präsentieren. „2008 war bereits ein sehr spannendes Jahr, 2009 wird dies garantiert noch übertreffen. Natürlich werden die ersten Jahre nicht leicht, aber wir kennen das Business und dessen Tücken. Und irgendwie ist es auch ein schönes Gefühl, wieder zum Ursprung zurückzugehen.“

Oliver spricht hier abschließend noch einige letzte Worte, die ihm sehr wichtig sind: „Während meiner Zeit in Nürnberg stand an der Wand der U-Bahn-Station, wo ich jeden Morgen wartete, ein Spruch von Walther Rathenau: `Denken heißt vergleichen`. Das hat mir immer geholfen, in der Musik und anderswo die Scheuklappen zu vermeiden und mich nach allen Seiten umzuschauen. Ich glaube, dass Toleranz gegenüber dem Ungewohnten zu den wichtigsten Eigenschaften gehört, die ein Mensch besitzen kann.“

© Markus Eck, 28.03.2009

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