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Interview: SIEGFRIED
Titel: Von zeitlosen Konflikten

Ihr derzeit erscheinendes Debütalbum „Drachenherz“ wird der Innsbrucker Formation Siegfried zukünftig breite Aufmerksamkeit einbringen.

Und ganz gewiss auch einige Achtung zuteil werden lassen. Kraftstrotzender, hymnischer, zeitlos guter und betont traditionell ausgerichteter neuzeitlicher Dark Gothic Heavy Metal von edlem Geblüt und erlesener Reinheit, welcher mittels seiner lyrisch-konzeptionellen Direktive als künstlerisch enorm wertvoll einzustufen ist.

Die sympathische sechsköpfige Musikantenschaft lebt nämlich gedanklich gern im dunklen Mittelalter und hat sich demzufolge die textliche Aufarbeitung der deutschen Nibelungensage auf die künstlerisch recht hoch wehenden Fahnen geschrieben. Die entsprechende musikalische Umsetzung dieser mystischen und weltweit berühmt gewordenen Legende ist der Gruppe mit aussagekräftigen Songs wie beispielsweise „Rheingold“, „Hexenblut“, „Die Rabenschlacht“ oder auch dem episch arrangierten Titelsong gar bravourös gelungen.

Signifikanter Abwechslungsreichtum ist nicht das einzige zurecht verdiente Prädikat von „Drachenherz“. Die geschichtlich interessierte Horde hat sich also einige Mühe mit ihrem neuen Album gegeben. Gitarrist und Keyboarder Ortwin sowie Sänger Bruder Cle alias Hagen stellten sich meinen Fragen bei einem geheimen Treffen während einer schwermetallischen Kampfpause.

Ortwin listet zu Anfang die Geschichte des Trupps auf:

„Anfangs bestand Siegfried eigentlich nur aus zwei Leuten. Aus Bruder Cle, der sich um die gesamte Thematik in Siegfried kümmert und mir, der ich Bruder Cle's lyrische Ergüsse in Musik umsetze. Daran hat sich nicht viel geändert, obwohl mit der Zeit aus dem Zwei-Mann-Projekt eine richtige Band geworden ist. Die meisten Einflüsse auf den Sound kommen dabei sicher von Sandra Schleret. Sie gesellte sich vor circa einem Jahr zu Siegfried und verleiht mit ihrer einzigartigen Stimme den gefühlsbetonten Textzeilen Cle's ein neues und anmutiges Gesicht. Danach folgten noch Drummer Moritz Neuner und Sänger Werner Bialek. Ich bin sehr froh, daß sich beide für Siegfried begeistern können, denn es sind beide sehr erfahrene und versierte Musiker. Glücklicherweise konnten wir für die Aufnahme von `Drachenherz` mit Roland Wurzer auch noch einen professionellen Bassisten für uns gewinnen. Ich hoffe, daß er uns auch bei Live-Konzerten unterstützen wird. Hier gleich auch noch die aktuelle Besetzung: Sandra Schleret und Werner Bialek sind für den Gesang zuständig, Bruder Cle hat das Texten und auch den Gesang übernommen, Daniel 'Ortwin' Bachmaier komponiert unsere Stücke und spielt außerdem noch Gitarre und Keyboard, Roland Wurzer ist der erwähnte Tieftöner und Moritz Neuner ist unser strammer Kesselwart.“

Er fügt hinzu: „Wir stammen aus Innsbruck im österreichischen Tirol. Aus dem Herzen der Alpen sozusagen. Aus dem Raum Innsbruck stammen auch Bands wie Dreams Of Sanity, Darkwell und Korovakill, welche schon einen sehr großen Bekanntheitsgrad in der Szene besitzen.“

Nun schaltet sich der wackere Bruder Cle ins angeregte Gespräch ein. „Darüber hinaus gibt es hier noch massig gute Undergroundbands wie beispielsweise Subacid, Lost Dreams, Divine Temptation und Angry Angels. Siegfried wurde im Jahr 1998 von mir gegründet. Ursprünglich waren noch viele andere Musiker beteiligt gewesen – eine Art Projekt sozusagen –, aber die Zusammenarbeit klappte nicht wirklich gut. Kurz darauf begleitete mich Ortwin auf meinen musikalischen Wegen. Unser anfängliches Ziel war die Vertonung diverser Gedichte und Texte von mir, wobei unser Hauptaugenmerk aber immer auf die Nibelungensage und die zugrunde liegende Mittelalterzeit gerichtet war. Der Übergang vom Projekt in die Band Siegfried begann eigentlich erst mit dem Beitritt Sandras. Ich bin der Meinung, wir haben unser musikalisches Ziel im Großen und Ganzen erreicht, wobei es nun bei Siegfried aber um weit mehr geht als nur die Vertonung der Texte. Die Gesamtheit dieser beiden Aspekte, Text und Musik, steht für uns jetzt im Vordergrund.“

Ortwin steuert noch etwas zum Bandnamen bei. „Siegfried ist zugegeben ein ungewöhnlicher Name für eine Band. Doch steckt in ihm eine gewisse Magie. Er beinhaltet sowohl das Wort `Sieg` als Ausdruck positiver Kraft und der Überwindung von Grenzen als auch `Fried` als Symbol für die Harmonie in der Musik. Diese simultane Dualität ist in Siegfried allgegenwärtig. Weibliche und männliche Stimmen wechseln sich mit harten und melodischen Parts ab.“ Und er stellt auch endlich einmal klar: „Kein Hagen, kein Siegfried, kein Gott und kein Teufel sind nur gut oder schlecht. Sie sind beides! Realität und Mythologie verbinden sich in den Texten genauso selbstverständlich wie Vergangenheit und Gegenwart. Siegfried steht für zeitlose Konflikte, für eine Geschichte voller Leidenschaft, Mut, Hass und Niedertracht.“

Weiterhin rückt der talentierte Gitarrist und Tastenmann nachfolgend den Status von Siegfried zurecht.

„Den anfänglichen Projektstatus haben wir überwunden. Haben bis jetzt hauptsächlich Bruder Cle und ich das musikalische Erscheinungsbild von Siegfried gestaltet, so sind wir nun bestrebt die Einflüsse aller Bandmitglieder mit in die Songs aufzunehmen. Und somit ein gutes Stück näher zusammenzurücken und eine Einheit, nicht nur musikalisch, zu bilden.“

Bruder Cle ergänzt seinen Bandkollegen: „Das Ganze lebt ja eigentlich davon, daß wir in Summe viel stärker sind, als jeder Einzelne für sich. Wenn man sich heute die vielen Ego-Projekte bestimmter Künstler anhört, merkt man schnell, daß sie nur von wenigen guten Ideen getragen werden und schnell an ihre kreativen Grenzen stoßen.“

Man kann ihm zu Letzterem eigentlich nur Recht geben. Die konzeptionelle Ausrichtung von Siegfried ist vielschichtig. Cle hierzu: „Albumtitel und speziell der Song zum Titelstück spielen eigentlich auf drei Ebenen. Zum ersten ist der Text vordergründig eine romantische Liebeserklärung. Zum zweiten steht er symbolhaft für die Trauer und die Kraft Kriemhilds, die sich nach dem Tode Siegfrieds innerlich verzehrt. Ihr Zauber und ihre unsterbliche Liebe sind immer noch am Leben, aber die funkelnde Lebenskraft weicht aus ihr und sie zieht sich für lange Zeit zurück. Zum dritten steht der Song auch symbolhaft für viele Menschen, die sich nicht verstanden fühlen und irgendwie das Gefühl haben, nicht in die heutige Zeit oder Gesellschaft zu passen, Leute die mit ihren Gedanken und Idealen vielfach alleine dastehen.“

Hier hat er gerade ganz nebenbei meine Haltung zur maroden Gesellschaft ausgedrückt. Doch zurück zu Siegfried, die lyrisch enorm was auf der Tasche haben. Bruder Cle berichtet Interessantes:

„Siegfried's Texte haben viele Facetten. Zum einen erzählen wir Teile aus der Nibelungensage und stellen die Geschichten oftmals auch in einen gemeingültigen Kontext. Zum anderen behandeln wir geschichtliche Themen mit kritischem Auge. Viele Texte behandeln auch das schreckliche Wirken der Kirche, so beispielsweise Hexenblut, welches die Visionen eines unter der Folter zusammenbrechenden Mädchens beschreibt. Noch immer erfasst mich unsägliches Mitleid, Grauen und mächtiger Zorn, wenn ich daran denke, dass Hunderttausende einiger verwirrter Federstriche wegen ihr Leben auf schrecklichste Weise aushauchen mußten und ob der Ignoranz der Kirchen von heute, die sich gerade mal zu einem `Ups..., kann sein, daß wir uns da mal geirrt haben.` hinreißen lassen. Auch für dieses Kapitel muß es – gleich wie bei den Greueltaten des Dritten Reiches – eine längst fällige Vergangenheitsbewältigung geben. Denn die Wunden von Verbrechen eines weltweiten religiösen Terror-Regimes, dass sich über fast 1.000 Jahre hingezogen hat, kann die Zeit allein nicht heilen. Schließlich wurden in Mittelamerika alleine ganze Völker im Namen des Kreuzes ausgelöscht.“

Cle ist nachfolgend noch so nett und erklärt mir den – auch hypothetischen – Sinn und Inhalt von jedem der neuen Lieder. Wahrlich Hochinteressantes tut sich auf.

„Zu `Drachenherz` habe ich Dir schon einiges gesagt. `Der König und die Eiche`: Ich war immer schon fasziniert von Sagen und Legenden. In den Mythen spiegeln sich unsere vielen unterbewussten Ängste, Hoffnungen und Wünsche. Die Tiefe dunkler Wälder, die Erhabenheit hoher Berge und die geheimnisvollen Tiefen der Seen haben immer schon der Menschen Fantasie angeregt. `Der König und die Eiche` ist eine Adaption des `Erlkönigs`, dem weltbekannten Gedicht. Wer schon einmal ein Gewitter im Gebirge mitgemacht hat, der weiß welche Gewalten hier entfesselt werden. Mächtige Bäume, die sich in Wind und Regen wiegen, erscheinen dem Betrachter oft als gespenstische Ungeheuer, die mit ihren langen Ästen nach dem Unterschlupf Suchenden greifen. Diese alptraumhaften Szenen verbinden sich mit dem Geheimnis, welchen Schatz der König so hastig zu verbergen sucht. Ist es Gold? Geheimes Wissen? Oder gar der Schlüssel zum ewigen Leben? Die Frage bleibt unbeantwortet, nur zwei stumme Eichen zur Wacht. Doch manchmal ist der Sinn, die Aussage, die Lösung des Rätsel lange nicht so wichtig, wie die Schönheit der Erzählung, oder!? `Flagellum Die` und `Die Rabenschlacht`: Die Wikinger waren ein interessantes Volk. Ihre wagemutigen und blutrünstigen Beutezüge an die Küsten Schottlands, Irlands und Nordenglands im ausgehenden achten Jahrhundert verbreiteten Schrecken in der noch jungen Welt der Christenheit. Auch wenn diese Beutezüge, die lange nicht so zahlreich waren, wie oft behauptet wird, ihre Kultur als Bauern und Handwerker und ihre wichtige Funktion als Vorreiter des modernen Seehandels und der Hanse überschatteten, staunen die Archäologen heute mehr über die Kunstfertigkeit ihrer profanen Produkte als über die ihrer ausgeprägten Waffenschmiedekunst. Ihr Sozialwesen war modern, keinesfalls so patriarchalisch wie das der christlich gefärbten Kulturen und man kannte sogar schon den Opfer-Täterausgleich. Der Tod Widukinds, die Sachsenkriege Karls des Großen und das mit seltener Brutalität missionierte Christentum brachten die alten Götter zum Schweigen und markierten den Rückfall in die christliche Barbarei, den Beginn eines dunklen Zeitalters, aus dem sich Europa nur mit Mühe und unter entsetzlichem Blutzoll befreien konnte. Erst in der Neuzeit, nach beinahe 1.700 Jahren erreichte man langsam wieder den Lebensstandard des antiken Rom zur Zeitenwende. Wo könnten wir heute ohne Christentum schon stehen?“

Cle fügt an: „Genau wie ich haben auch die Wikinger, Kelten und Germanen dazumal nicht verstanden, warum diese neue Sekte der Christen ein römisches Folterwerkzeug anbeteten und alles das verdammten, was der Erde entsprang und uns von der Natur geschenkt wurde. Die Nordmänner töteten aus praktischen Überlegungen heraus, wie der Jäger die Beute. Doch bald waren sie die Beute, denn die Christen waren mächtig. Nach deren Glauben brachte das irdische Leben nur einen ewigen Kreislauf aus Versuchung, Sünde und Buße. Für Gott zu sterben oder viele Heiden zu töten, sicherte ein süßes Leben im Paradies. Die Teilnahme am Kreuzzug brachte die Vergebung der Sünden ein, der Kauf eines Ablasses aus der Beute des Feindes brachte für einen selbst oder für die Verwandten Bonuspunkte im grausamen Strafenkatalog des Fegefeuers. Ein bizarrer Auswuchs des Mittelalters!? Mitnichten, denn auch anno 2001 sprengen sich Selbstmordattentäter in die Luft, damit sie im Paradiese als Märtyrer 70 Jungfrauen begatten können. Zu den Texten selbst: Die beiden Songs sind Schlachtgesänge, wobei sich Aggressor und Opfer abwechseln. Es gibt vordergründig keine guten Heiden und bösen Christen, keine Schwarz-Weiß-Malerei, nur Menschen im Kampf um ihr Leben und ihre Freiheit. Aber es gibt einen Konflikt zwischen zwei Weltanschauungen, wobei bald klar wird, bei welcher meine Sympathien liegen. Das Christentum hat mittlerweile gewonnen und alles Andersdenkende weitgehend eliminiert. Ich hoffe nur, daß die Menschheit eines Tages sich dieser Gedankenwelten entledigt und akzeptiert, daß es tausend Wege zu Weisheit und Glück gibt und nicht nur einen. `Hexenblut`: Egal ob Kreuzzug, Inquisition, Djihad oder Mission: Die unglaubliche Ignoranz und der namenlose, brutale Terror, mit dem die - vor allem monotheistischen - Kirchen der Welt seit Jahrtausenden gegen Andersdenkende vorgehen, ist die Wiege hunderter Kriege, Seuchen und Qualen. Das Kreuz und der Halbmond sind die Schlüssel zu Pandoras Büchse. Nichts ist dümmer, menschenverachtender und gefährlicher als der Gedanke, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Ein einziger Blick zu den Sternen belehrt uns eines besseren.“

Wir erfahren weiter: „Das für mich so abstoßende am Katholizismus ist der grenzenlose Sado- beziehungsweise Masochismus, der sich durch seine Lehren zieht. Das Leben wird nicht bejaht, sondern nur als Jammertal gesehen. Schlimmer noch, sie versuchen es den anderen zur Hölle zu machen, in dem sie die Geschenke der Natur verdammen. Sexualität, Genuß, Selbstbewußtsein, Kreativität, Spaß und Lachen sind in ihren Augen verdammungswürdige Sünden. Für die katholische Kirche steht hinter allem Weltlichen der Satan. Für sie gibt es nur die ewige Wiederholung und Bewahrung des Wissens, es gibt keinen Fortschritt, keine Veränderung. Nur das Folterrad aus Sünde und Buße. Es gibt keine Gerechtigkeit; nur Trauer. Die Diskriminierung, ja der bodenlose Haß auf Frauen, Juden und Moslems führte zu einigen der schlimmsten Tragödien der Geschichte. Mögen die Gespenster und die Tiraden des Hasses, welche die katholische Kirche in die Welt gesetzt hat, mit den Nebeln des Weihrauchs und dem Rauch der Scheiterhaufen für immer von der Erde verschwinden. `Jerusalem`: Religiöser Fanatismus ist seit jeher eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Keiner kann die Zahl der gequälten Seelen abschätzen, die ihr Leben unter schlimmsten Martern aushauchen mussten, nur um einiger auf Pergament gekritzelter Buchstaben willen. Ich bezeichne mich als religiösen Menschen, der Respekt zeigt vor der Schöpfung, vor Natur, Tier und Mensch; einen der an die Liebe und das Gute glaubt. Doch wie gut kann Gutes sein, daß durch das Böse ins Sein gerufen wird? Jeden Tag werden ungezählte Verbrechen im Namen Gottes begangen und nicht erst die Ereignisse des Septembers 2001 führen uns in ihrer Ungeheuerlichkeit den Schrecken des religiösen Fanatismus vor Augen. Auch in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor wurden im Namen Jesu Christi, Allahs, Jehovas, etc. Millionen versklavt, gefoltert, verbrannt, gemordet und dahingemetzelt. Ein Meer von Blut brandet an den Portalen der Kathedralen und Moscheen, an den Pforten zu den heiligen Zentren religiöser und oft genug noch weltlicher Macht. Millionen von Seelen klagen diejenigen an, die uns heute immer noch sagen möchten, was wir zu denken und wie wir zu leben haben.“

Der wissende Bruder berichtet zudem: „Diejenigen, die sich heute noch in ihrer grenzenlosen Verblendung und Selbstgerechtigkeit als die höchste moralische Instanz sehen, die sich heute noch vollkommen erhaben sehen über vergangene Schuld und Versäumnisse und die immer noch ungestraft Millionen auf ihre wirren, von bizarren sadomasochistischen Ritualen begleiteten Pfade leiten dürfen. Oft genug darunter Kinder, Analphabeten und Hilfsbedürftige aller Art, die wegen eines Bissens Brot oder Liebe das Kreuz der Kirche auferlegt bekommen. Ein Kreuz an dem die Welt erstickt. `Siegfried`: Sieg und Frieden sind nur scheinbar zwei Widersprüche in einem Wort. Für mich steht der Sieg für den Fortschritt, die Überwindung von Mühsal, Energie und positive Lebenskraft und Fried für die Harmonie, den Ausgleich, die Schönheit. Beides findet sich in den Texten und der Musik von Siegfried wieder. Textzeilen wie `Der Wille zum Sieg ist ein eherner Schwur` und `Jeden Tag einen Sieg, denn das Leben ist Krieg` verdeutlichen unsere Einstellung über alle Hindernisse hinweg unseren Weg zu gehen. Aus unseren Gedanken und innerster Schöpferkraft meißeln wir in oft mühevoller Arbeit Note für Note und Zeile für Zeile jeden Song aus der Einöde eines leeren Computerbildschirms. Die Tränen und der Schmerz werden immer wieder unterbrochen vom Gefühl des Triumphes, wenn ein Song gelungen und fertiggestellt wurde. Natürlich geht es in dem Song auch um die Sagenfigur Siegfried und seinem Werdegang, doch fast hinter jedem Satz stecken Metaphern für Lebenskraft, Freude am Sein und der Entschlossenheit, Dinge zu beginnen, fortzuführen und zu beenden. Unsere Alternative zu dem von den Katholiken ausgerufene Jammertal, in dem Blut und Tränen fließen! `Rheingold` ist einfach Poesie pur zum Nibelungenstoff. Er behandelt die Trauer Kriemhilds und den schicksalsreichen Moment, wo sie durch den Schmerz geläutert vom Mädchen zur Frau heranreift, was zum ihr zum einen hilft mit der Trauer fertig zu werden, auf der anderen Seite aber auch dazu führt, daß sich ihr Zorn in Rachedurst verwandelt. Die Weichen sind gestellt, als sie zum Turmfenster hinaus auf den Rhein hinunterblickt. So wie der Rhein sich aus einem Tropfen zu einem mächtigen Strom entwickelt, so verwandelt sich die einzige Träne auf ihrem Gesicht in einem See aus Blut, in dem sich das Schicksal der Nibelungen erfüllt. `Walpurgisnacht`: Der Mythos der Walpurgisnacht ist äußerst faszinierend. Als das patriarchalische Christentum jede Gleichberechtigung von Mann und Frau und auch das weibliche Element in der Gesellschaft gnadenlos ausrottete, ging der Menschheit in Europa nicht nur unschätzbares Wissen verloren sondern auch ein Teil der Seele der Gesellschaft. Egal wie man es bezeichnet, Ying-Yang, Mann-Frau, Mond-Sonne, die Dualität, Tag-Nacht, die Dualität aller Dinge ist entscheidend für unser Leben und die Harmonie der Welt.“

Und Cle redet weiter Klartext. „Alles Weibliche und vor allem die weibliche Sexualität wurde im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Alte heidnische Figuren wie Faune, Frau Holle, Demeter oder Bacchus/Dionysos wurden das Vorbild für Teufel und Hexen, weil sie die Fruchtbarkeit und die Mutter Erde, aber auch den für den Menschen notwendigen Freiraum zur sexuellen Entfaltung darstellen. Sexuelle Freiheit widersprach aber den neurotisch-masochistischen, von homoerotischen Tendenzen geprägten Christentum im weiten Maße. Wurden irgendwo noch alte Riten und Sexualmagie praktiziert, dann wurden diese als Hexensabbate diffamiert. Der Song Walpurgisnacht besteht zum einen aus einer kleinen Geschichte. Das Weib wird vom Teufel verführt und lässt sich fallen in Wollust und Leidenschaft. Die Geschichte lässt offen, ob ihr Verlangen so stark war, daß sie ihrem Mann umgebracht hat. Vielleicht blutet auch nur sein gebrochenes Herz und er verliert seinen Glauben ob seiner Ohnmacht gegenüber weiblicher Leidenschaften. Im Hintergrund steht der Widerstreit zwischen der Vernunftwelt, die alles Gefühl unterdrücken möchte, der Widerstreit zwischen Sonne und Mond. Wer eine Seite des dualen Prinzips vernachlässigt muss einen teuren Preis dafür bezahlen. So wie die Welt ihn bezahlt hat, als wir im Mittelalter die weibliche Seele der Gesellschaft unterdrückten. `Schwarzer Engel`: Zu diesem Song kann und will ich persönlich keine Aussagen machen, da er von Sandra geschrieben wurde.“

Selten ehrliche und auch interessante Ausführungen eines musikalischen Überzeugungstäters. Wer hier noch altkluge Gegenworte findet, dem kann wohl nicht mehr geholfen werden. Ortwin nennt anschließend seinen Favoriten auf dem neuen Album. „Mein Favorit ist 'Der König und die Eiche'. Ich finde, dieser Song hat enorm viel Kraft in sich ist sicher auch bei Konzerten ein ganz guter Stimmungsmacher.“

Bruder Cle faßt hierzu nach: „Einige meiner Favoriten wären `Flagellum Die` aus dem gleichen Grund (Kraft, Stimmung), `Jerusalem`, sowie `Hexenblut` und `Drachenherz` wegen der unglaublichen gesanglichen Leistung von Sandra.“ Ortwin ist der Maincomposer bei Siegfried. „Die Musik zu 'Drachenherz' stammt gänzlich aus meiner Feder. Die Texte schrieb Bruder Cle, bis auf eine Ausnahme: 'Schwarzer Engel'. Dieser Text stammt von Sandra Schleret. Vom ersten bis zum letzten Song dauerte es ganze drei Jahre, bis ich alles komponiert und ausgearbeitet hatte. Wobei aber einige längere Pausen drin waren und anfangs natürlich nur hin und wieder mal was gemacht wurde. Die Hauptzeit des Songwritings liegt aber sicher im letzten Jahr 2000.“

Benötigt Ortwin eigentlich irgendwelche spezielle Stimmungen, um Lieder für Siegfried zu komponieren?

„Die Stimmung spielt hierbei, zumindest beim Songwriting, eine eher untergeordnete Rolle. Auch möchte ich dem gängigen Klischee, daß gute Songs nur am Rande von Selbstmordabsichten und in tiefster Depression geschrieben werden, etwas aus dem Wege gehen. Gute Riffs und Songteile können einem immer einfallen, ob nun guter oder schlechter Laune ist. Andererseits ist es aber natürlich auch sehr wichtig, daß man sich mit dem Text und der Musik identifiziert und daß beides zusammen sehr wohl eine gewisse Stimmung beim Zuhörer erzeugen sollte. Beim Komponieren sind meine Gedanken voll und ganz in den Text versunken. Ich lasse die geistigen Bilder die der Text bei mir auslöst auf mich wirken und schreibe darauf aufbauend dann auch die Riffs.“

Bruder Cle kann sich dem nur anschließen. Jedoch muß der Mann feststellen, daß er sich dann besonders gut auf ein Thema konzentrieren kann, wenn ihn etwas auch wirklich tief berührt beziehungsweise fasziniert. „Das kann Musik sein, Geschichten, Filme oder einfach auch alles andere.“

Beim traditionellen zeitübergreifenden Szenevergleich überraschen beide Protagonisten mit unkonventionellen Antworten. Hierzu Ortwin: „Die Möglichkeiten einer Band sind heute sicher mannigfaltiger geworden. Sei es um eine Aufnahme ihrer Songs oder auch die 'Vermarktung' derselben. Konnte man sich früher als kleine Band ohne Label einen Tonträger seiner Songs kaum leisten, so ist es mit ein bißchen Computerverständnis kein Problem mehr seine Aufnahmen daheim zu machen. So gesehen zum Nullpreis und in passabler Qualität. Auch das 'Merchandise' und die Werbung für das Produkt/Demo ist im Internetzeitalter um einiges leichter geworden. Per Email oder mittels eigener Website hat heute eigentlich jede Band die Möglichkeit sich selbst zu promoten und auf sich aufmerksam zu machen. Zahlreiche Webfanzines erleichtern dieses Vorhaben auch sehr.“

Bruder Cle hingegen konstatiert zur Thematik: „Als Mittdreißiger und somit 80er Jahre-Metal-Fan, sehe ich die Sache ähnlich wie Ortwin. Ich bin kein ewig Gestriger ohne jetzt etwas Altes schlecht machen zu wollen. Aber wenn ich mir so anschaue wie viele geile Bands, geile Konzerte etc. es heute gibt und was es damals so gab, dann muß ich schon sagen: Die heutige Szene ist um einiges besser und interessanter. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken und es ist für jeden erschwinglich. Aber: Viele Erscheinungen der letzten Zeit machen es auch immer weniger Bands möglich, wirklich von der Musik zu leben und für sie da zu sein. Und die oft billig zusammengeschusterten Webzines, die nur darauf abzielen, Promos zu hamstern, sind auch keine Hilfe. Aber auch die Szene der 1980er Jahre hatte ihre Probleme, anderer Art natürlich. Also: Nicht jammern, sondern die Vorteile nutzen.“

Kann man so stehen lassen, dieses Statement. Bruder Cle liebt seinen Dienst bei der Band. „Und mir macht auch die Musik unendlich viel Spaß. Vor allem live zu spielen ist immer ein Hit. Und da alle meine Freizeit-Aktivitäten irgendwie mit Musik und Menschen zu tun haben, ist es das, was mir am meisten Spaß daran macht. Irgendwann werde ich in den Stiefeln sterben. Ich bin immer für neue Erfahrungen, Reisen, philosophische Ansichten, etc. zu begeistern. Carpe diem!“

Ortwin zeigt uns zum Schluß noch die musikalische Zukunft der Band auf. „Im Moment sind wir gerade dabei unser Live-Line-Up zusammenzustellen. Das heißt, vielleicht wird Siegfried dann auch live zu sehen sein. Ansonsten wird auch schon wieder an neuen Songs gearbeitet. Musikalisch gesehen kann ich mich jetzt noch nicht festlegen in welche Richtung das neue Material gehen wird, allerdings wird es sicher eine logische Weiterentwicklung von 'Drachenherz' sein.“

Herzblutmensch Cle richtet noch einige letzte Worte an die Fans. „Bitte hört Euch einmal `Drachenherz` an. Vertraut nicht blind auf irgendwelche Reviews. Eure persönliche Meinung ist uns sehr wichtig. Ortwin und ich werden uns immer bemühen, Qualität abzuliefern. Sowohl im Studio als auch live. Und ich bitte daher schon jetzt um Verständnis, wenn wir nicht jedes halbe Jahr eine neue Veröffentlichung haben werden. Auch beim Merchandise, einer eventuellen Vinylausgabe von Drachenherz und sonstigen Dingen werden wir immer versuchen, das Bestmögliche im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten für die Fans zu leisten. Das ist ein Anspruch, den wir an uns selber haben, da wir ja auch selber Fans sind und von daher sehr gut wissen, was wir selber gerne hätten. Mittlerweile sagen wir Danke an jeden, der zumindest mal in `Drachenherz` hineingehört hat.“

© Markus Eck, 24.09.2001

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