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Interview: SCAR SYMMETRY
Titel: Überwältigend homogene Vielfalt

Im Jahr 2005 erschien mit „Symmetric In Design“ ein wegweisendes Melodic Progressive Death Metal-Meisterwerk, wie man es in seiner strahlenden Pracht wohl nur sehr selten erlebt. Urheber war eine ambitionierte schwedische Könner-Kapelle, die 2004 von teilweise mehr oder weniger prominenten Figuren dieser Stilistik ins Leben gerufen wurde.

Axeman Jonas Kjellgren, bekannt von Carnal Forge, Centinex und World Below sowie Trommler Henrik Ohlsson, bekannt von Theory In Practice, Mutant und Altered Aeon, waren dabei neben Sänger Christian Älvestam wohl noch die geläufigsten Namen. Älvestam brillierte bereits bei Unmoored, Incapacity und Torchbearer.

Sämtliches Können ließen die Beteiligten einfließen, um einer teilweise atemberaubenden Ausformung ihrer umfangreichen kreativen Visionen anspruchsvollen Ausdruck zu verleihen. Dass die Musik von Scar Symmetry letztlich dermaßen erfrischend und dermaßen gut werden würde, hatte wohl jeder von ihnen gehofft, aber keiner geahnt.

Nun liegt mit „Pitch Black Progress“ eine neue begeisternde Album-Veröffentlichung vor, welche die begnadeten schwedischen Hitlieferanten erneut in absoluter Bestform zeigt.

Was Ausnahme-Drummer Ohlsson auf diesem superben Silberling abliefert, kann sich hören lassen. Selbiges trifft auch auf seine cleveren Statements im Interview zu.

„2005 war ein ereignisreiches Jahr für uns. Ich erinnere mich an die meisten Ereignisse nur zu gerne: Der weltweite Release von Altered Aeon´s Debütalbum „Dispiritism“ vollzog sich im Februar, die Veröffentlichung von unserem Debütalbum mit Scar Symmetry kam im selben Monat heraus. Ich spielte einige Live-Gigs mit beiden Bands. Simultan dazu schwängerte ich meine Freundin zum zweiten Mal, was für mich eine schöne Sache darstellte“, grinst der also offenbar ebenso stoß- wie schlagfreudige Stockschwinger mit eindeutig zweideutigem Grinsen im Gesicht.

„Dass wir den Plattendeal mit Nuclear Blast einfuhren, gehört für mich ebenfalls zu den unvergesslichen Erlebnissen dieses so speziellen Jahres, ebenso wie die Veröffentlichung von „Symmetric In Design“ in den Vereinigten Staaten von Amerika im September. Die sich anschließenden Interviews waren ein riesengroßes Vergnügen für mich.“

Was das aktuelle Jahr 2006 betrifft, so hat der Taktmann ähnliche Erwartungen. Außer:

„Ich möchte meiner Liebsten erstmal kein weiteres Kind mehr machen“, scherzt der Filou und hofft „auf eine Vielzahl an coolen und erfolgreichen Live-Shows mit Scar Symmetry.“

Denn was seiner Meinung nach unbedingt verbessert werden soll, ist die defizitäre Bühnen-Situation von 2005. Henrik hierzu:

„Wir gaben tonnenweise Interviews für alle möglichen Print- und Online-Magazine, spielten aber im Gegenzug dazu nicht genügend Shows. Wir gaben lediglich einige lokale Gigs und einen in Stockholm. Und dies resultierte ganz einfach aus der leidigen Tatsache heraus, dass wir einfach überhaupt keinen Tour-Support erhielten. Nachdem wir just nach Release des Debüts gleich anschließend bei Nuclear Blast unterzeichnet hatten, hatten Metal Blade überhaupt keinen Bock mehr darauf uns zu unterstützen. Und auf Nuclear Blast hatten wir damals zu dem Zeitpunkt ja noch gar nichts veröffentlicht; eine vertrackte Situation. Irgendwie fühlte sich niemand so recht für uns verantwortlich. [Metal Blade veröffentlichten das Debüt lediglich als Lizenzpressung der ursprünglichen, ziemlich kleinen Plattenfirma Cold Records; A.d.A.] Dennoch, Metal Blade machten einen guten Job für uns, solange wir bei ihnen unter Vertrag waren. Sie buchten uns eine ganze Menge Interviews und kümmerten sich bestens um die Organisation derselbigen. Ich kann im Nachhinein schon gut verstehen, dass sie sich nicht mehr großartig um uns kümmerten, als wir bei einer anderen Firma unterschrieben. Nun hoffen wir natürlich darauf, dass sich für uns alles zum Guten wendet. Dennoch bereuen wir nichts, denn „Symmetric In Design“ hat seine Funktion für uns vollauf erfüllt. Das Album öffnete uns schließlich Türen, von denen wir niemals zuvor zu träumen gewagt hätten.“

Laut daran angehängter Aussage von Henrik klappten den schwedischen Helden glatt die Kinnladen runter bis in die Kniekehlen, als sie die ersten Reviews lasen.

„Wir konnten es wirklich kaum fassen, wie die Außenwelt auf die Musik von Scar Symmetry reagierte. Und die spitzenmäßigen Reviews wollten und wollten nicht abreißen. Ich werde niemals vergessen, wie baff und angenehm überrascht wir damals darüber waren. So etwas erlebt man wohl nur einmal im Leben. Eine tolle Erfahrung als Musiker.“

Nach Klärung solcherlei Business-Belange gibt es kein Halten mehr für mich, endlich den Entstehungshintergrund für solch enorm eigenständige und abartig einfallsreiche Sounds zu erforschen.

Der Drummer erläutert mit einem faltigen Stirnrunzeln:

„Eine harte Frage. Mir fällt es eigentlich sehr schwer, über unsere Musik ausreichend objektiv zu urteilen. Wir alle dürfen als Musiker und Künstler wichtige Rollen in Scar Symmetry spielen, jeder kann und soll sich eben voll einbringen. Diese Mixtur aus künstlerischen und charakterlichen Individualitäten sowie die Vermengung unser jeweiligen musikalischen Qualitäten macht letztlich die musikalische Erscheinung von uns aus, denke ich. Wir versuchen nicht, einzigartig zu sein. Wir spielen lediglich das, was für fühlen und was wir meinen, spielen zu müssen. Wenn Leute uns als einzigartig sehen, ist das also für uns schon eine großartige Sache.“

Wenn also demnächst das erwartete Nachfolgewerk erscheint, ist der zweifache Familienvater mit den glücklichen zwei Trommelhändchen trotz aller Vorschußlorbeeren ein wenig nervös, wie er völlig unbekümmert zugibt.

„Man weiß ja niemals 100 % im Voraus, wie andere Menschen auf neue Musik letztlich reagieren werden. Nuclear Blast sind vollauf von dem Album überzeugt, der Labelboss Markus findet es sogar richtig spitze. Dennoch, aufgrund der Vorgeschichte von Scar Symmetry lastet trotzdem ein nicht geringer Druck auf uns. Um ganz ehrlich zu sein: Solch´ großem Druck waren wir zuvor überhaupt noch niemals ausgesetzt. Schließlich wird derzeit eine Höllen-Promotion für uns in Gang gesetzt und es werden unzählige Fans dieser Richtung auf uns aufmerksam gemacht, die sich aufgrund der Werbung natürlich so Einiges von uns erwarten. Dennoch, ich freue mich riesig darauf, die Scheibe auf dem Markt zu sehen. Manchmal kann ich es kaum fassen, mit der Band bereits das zweite Album am Start zu haben, immerhin existieren wir ja erst seit 2004.“

Der äußerst redselige Schlagzeuger bewertet die aktuelle Scheibe „Pitch Black Progress“ insgesamt als ein wenig dunkler und variantenreicher, wie er kundtut:

„Eigentlich gefallen mir alle neuen Stücke, die es auf die Platte geschafft haben, doch meine derzeitigen Favoriten sind `Slaves To The Subliminal` und `Calculate The Apocalypse`. Aber das wechselt ja auch ohnehin ständig bei mir. In einigen Tage würde ich die Frage höchstwahrscheinlich mit differierenden Liedern kontern.“

Wie sich mein Interview-Partner auf den Kompositionsprozess zu „Pitch Black Progress“ rückbesinnt, ging dieser den Jungs auffallend schnell von den Händen:

„Wir waren echt fix. Die ersten Lieder wurden schon im Sommer 2005 geschrieben, als Jonas mit einigen sehr brauchbaren Riffs zu mir kam. Wir fügten diese dann umgehend zu vier oder fünf Liedern zusammen. Wenn ich mich recht erinnere, resultierte dies in den Tracks `Slaves To The Subliminal`, dem Titeltrack `Pitch Black Progress`, `Abstracted` sowie `Retaliator`. Eventuell entstand sogar noch ein Song mehr daraus. Jonas schrieb ungefähr zur gleichen Zeit bei sich zuhause die neuen Songs `Path Of Least Resistance` und `Carved In Stone`. Per hingegen schrieb seine Stücke gar kurze Zeit vor den eigentlichen Studioaufnahmen bei sich daheim, er begann bei Null und hatte nicht allzu lange später, genauer gesagt innerhalb weniger Tage […] eine Handvoll Lieder erstellt. Jonas und Per komponierten `The Kaleidoscopic God` zusammen in Per´s Zuhause an einem einzigen Tag im Sommer 2005. Christian hingegen kreierte die Vokallinien für die Songs von Jonas und Per, welche er mir nachfolgend zusandte. Ich persönlich verfasste dann anschließend die Songtexte dazu. Per wiederum schrieb auch einige Songtexte. Wir sind schon ein überaus arbeitsfreudiger und trotz aller scheinbaren kreativen Verquirltheit sehr effizient zusammenarbeitender Haufen”, platzt es schallend lachend aus dem gewitzten Fellpeiniger heraus.

Doch genauso hatten die Schweden immer agiert, weswegen ihre inhaltsreichen Stücke eben derart komplex und vielfältig ausfallen, so Henrik.

„Bei uns geht das wie gesagt immer ziemlich schnell. Wir fangen bei Nichts an und hieven uns gegenseitig innerhalb weniger Wochen in einen Zustand mit ausreichend Songmaterial.“

Und ebendieses beinhaltet auch auf dem neuen Workout stellenweise wahrlich grandiose Melodiken.

„Die entstammen, was das Musikalische anbelangt, den kreativen Gehirnbereichen von Per und Jonas. Gesanglich zeichnen Per und Christian dafür verantwortlich, die hierfür eben beide außerordentlich talentiert sind.“

Doch auch Jonas bringt immer mal wieder sehr gute Tonfolgen in die Musik von Scar Symmetry ein, so Henrik. Wir schwenken nochmals zu den lyrischen Inhalten der aktuellen Kompositionen über. Und so ist zu erfahren:

„Es existiert eine Art Konzept um den Albumtitel „Pitch Black Progress“. Die Grundidee dazu basiert auf der fiktiven Tatsache, dass eine Handvoll von Welt-Anführern die ganzen medialen Belange auf der Erde übernommen hat und dass diese auch die Ökonomie dieses Planeten anführen. Diese hinterhältigen und geldgierigen Machthaber nutzen stets die allerneueste Technologie, um die Leute bei der Stange zu halten. Sie implantieren den Menschen sogar Microchip-Implantate unter die Haut und ins Fleisch, um deren ständige Kontrolle zu optimieren. Die Erde ist unter der Führung dieser machthungrigen Tyrannen ein regelrechtes Gefängnis geworden. Unser Album reflektiert also in gewisser Art und Weise schon das, was wir alle gegenwärtig in der Realität auf unserer Welt miterleben.“

Manche Lyriken von „Pitch Black Progress“ heben sich davon jedoch deutlich ab und sind kein Teil dieses Text-Konzepts, so Henrik, zusätzlich erläuternd.

„Sie drehen sich um die Belange, welche ich für das erste Album erarbeitete. Also um allerlei Mystizismus, Okkultismus und Theorien um das Ende der Welt sowie außerirdische Lebensformen.“

Inspirieren lassen sich diese Schweden zu den Songtexten gerne von naturwissenschaftlichen Thematiken, wie beispielsweise der Quantenphysik. Henrik:

„Jeder Mensch wird geboren und man erzählt ihm von Anfang an, dass die Welt eine solide Sache sei und dass alles eben so ist, wie es ist, ob nun gut oder schlecht. In Wirklichkeit wurde unser Planet vom Universum mitten in einem damals noch leeren Weltraum gemacht und ist ständigen Veränderungen unterworfen, wenn die auch auf immens lange Sicht zu sehen ist.“

Was also überall in den gängigen Schulbüchern als manifestiert dargestellt wird, so der Schlagzeuger, das hat sich letztlich wiederum doch auch nur durch wissenschaftliche Erwartungen und oftmals abstrakte Gedankenspiele manifestiert.

„Nach Lehransicht der Quantenphysik erschaffen und erleben wir unser Dasein, weil unser Dasein uns geschaffen hat und ständig neu erschafft. In der faszinierenden Welt der Elementarteilchen herrschen jedenfalls Gesetze vor, die für normalsterbliche Menschen nicht vorstellbar sind. Solcherlei Gedankengänge sind oft ein Teil der Scar Symmetry-Lyriken. Dies wird mich beziehungsweise uns immer beeindrucken und auch nachhaltig inspirieren.“

© Markus Eck, 10.03.2006

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