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Interview: SATURNUS
Titel: Schwebende Monumente

Das aus Dänemark stammende Sextett Saturnus kann durch seine scheinbar schwerelos im Raum schwebenden sphärisch-klanglichen Monumente auf voller Linie überzeugen.

Die eindringlich klingenden Schöpfungen der Slow Motion Gothic Rocker aus Kopenhagen hören sich wie eine stilvolle Mischung aus Paradise Lost zu „Draconian Times“-Zeiten vermengt mit einer feinen Prise Sisters Of Mercy an, was eine durchaus eigenständige und reizvolle Mixtur ergibt. Wenn man die Songs des aktuellen Albums „Martyre“ anhört, findet man sich nicht selten mit offenen Augen träumend wieder. Das einnehmende Werk ist bereits das dritte der gefühlsbetonten Dänen mit dem Hang zu einer eher unterschwellig schleichenden Theatralik in ihren Stücken.

Produziert wurde das in seiner unnachahmlichen Dominanz der vermittelten Gefühlsströmungen herrschende akustische Psychogramm seiner Urheber von keinem geringerem als Altmeister Flemming Rasmussen, der sich durch das Veredeln der Meilensteine von Größen wie beispielsweise Metallica, Artillery und sogar Morbid Angel unsterblich gemacht hat. Auch „Martyre“ kann durch den Einsatz der Mischpult-Legende in seiner ganzen Pracht weit durch die Nacht scheinen.

Mainman Kim Larsen, Gitarrist, Komponist und Texter in einem, genoß das entspannende Gespräch ebenso wie der Autor.

„Wir haben diesmal wirklich alles auf eine Karte gesetzt und uns wie selten reingehängt“, gibt mir der smarte und talentierte Däne zu verstehen.

„Euphonious Records haben eine Menge Geld in uns investiert und so glauben wir diesmal eigentlich schon an etwas angemesseneren Erfolg als bei den Album-Vorgängern. `Martyre` nahm glatt zwei Jahre in Anspruch mit allem drum und dran und so konnten wir es kaum erwarten, daß das Teil endlich auf den Markt kommt. Jetzt sind wir natürlich gespannt auf die Reaktionen von allen Seiten außerhalb Dänemarks, obwohl wir hier bei uns außerordentlich positives Feedback erhielten.“

Ich musste unbedingt etwas über das wunderschöne Frontcover-Artwork des Albums in Erfahrung bringen. Kim: „Das Gemälde hängt im Original im weltberühmten Louvre in Frankreich, stammt von dem Maler Paul Delaroche und heißt `La jeune Martyre`. Wir mögen es ebenso, weil es den Spirit von Saturnus in einzigartiger Weise reflektiert. Es ist heutzutage wichtiger denn je, in der Veröffentlichungsschwemme der Neuzeit mit einem den Blick des Betrachters einfangenden Motiv zu arbeiten, damit er auch der Musik die ihr zustehende Aufmerksamkeit schenkt.“

Die Songs sind in ihrer eher zurückhaltenden Linientreue wie Fenster zu imaginären Zufluchtsorten der gejagten und gepeinigten Seele. Mehr noch, das Hören der neuen Album-Scheibe entspricht einem scheinbar endlosen Trip in die denkbar tiefsten Abgründe des Unterbewußtseins und ermöglicht genußvollste Rezipienz in ihrer angenehmsten und schmeichelndsten Form. Besinnlich und enorm emotional gehen Saturnus hierbei zu Werke und es tut so gut, eine Band mit einem wirklich eigenständigen Sound zu hören, die ohne in irgendeine Richtung zu schielen ihrem ureigenen Stil fröhnt. Es ist also herausragend zu würdigen, wie Saturnus mit ihren wehmütigen Seelenschlürfern eine sich während des Abspielens der Scheibe turmhoch und erdrückend aufbauende paralysierende Atmosphäre erzeugen können.

Doch wie fühlt und empfindet man eigentlich als Künstler selbst, um überhaupt solche speziellen Musikstücke schreiben zu können? Wir erfahren: „Meistens fühle ich mich eher schon mit beiden Beinen im Leben, aber dann und wann muß ich mich auch in mein innerstes zurückziehen können, wenn ich mich mal wieder verloren habe, um dann erneut zu mir selbst zu finden. In diesen Momenten schreibe ich dann die Songs für Saturnus. Als ein guter Freund von mir Selbstmord beging, schrieb ich den Song `Lost In Memorium` und konnte mir ein großes Stück Trauerarbeit damit abnehmen. Auch mit meinem Soloprojekt :Of The Wand And The Moon:, in dem ich dunklen Ambient Folk kreiere, kann ich mich in dieser Hinsicht ganz gut meiner Gedanken entledigen.“

Bei sechs Mitgliedern in der Band gehen sicher nicht immer alle Wünsche und Vorstellungen hinsichtlich des Vorgehens in der Instrumentalisierung oder der Spielweise konform. „Sicher kommt es des Öfteren vor, daß wir uns hinsichtlich der Gestaltung der Songs überwerfen, aber in der Regel sind wir eine harmonische Gemeinschaft, die an einem Strang zieht. Sonst würde es auf die Dauer gar nicht mit uns allen funktionieren. Wir wollen an dieser Besetzung aber auf jeden Fall festhalten, da wir dadurch die größtmögliche Tiefe in unserem Sound erzielen können.“

Das würde ich auch wärmstens empfehlen, denn ich habe selten eine so eindringliche klingende und phantastische Mischung der verwendeten Stilmittel zu Gehör bekommen. Um noch mal auf den Paradise Lost Einschlag einzugehen:

„Ja, ich widerspreche dir da überhaupt nicht. Ich liebe die Band über alles und habe ihren glorreichen Werdegang von Anfang an mit größtem Interesse verfolgt. Auch stimme ich mit dir vollkommen überein, daß ´Draconian Times´ den Zenit in ihrem Schaffen darstellte. Auch die nachfolgenden Alben der britischen Pioniere auf dem Gothic Sektor wurden in der Presse mit größter Anerkennung bedacht. Doch vermißte ich dort diese zuvor einzigartige Mischung aus hartem Metal und wie Quellwasser fließenden melodischen Arrangements. Wenn man bedenkt, wie das erste, Maßstäbe setzende Werk klang, und einen direkten Vergleich zum aktuellen Album zieht, haben die Burschen eine wundersame Metamorphose durchgemacht. Ich respektiere Paradise Lost jedoch nach wie vor und bin stolz, mit Saturnus etwas von dem verschwundenen Spirit dieser monumentalen Band weiter zu bewahren. Sie haben ohne Zweifel grandiose Musikgeschichte geschrieben.“

Wenn man den herzzerreißend klingenden Songs von Saturnus seine größte Aufmerksamkeit schenkt und sein vollstes Gehör schenkt, zeichnen die Lieder der träumerischen Dänen ein zerbrechliches Porträt ihrer Erzeuger auf. Kim offenbart:

„Ich bin keineswegs ein depressiver Zeitgenosse, wie man aufgrund der von uns gespielten Musik vielleicht annehmen möchte. Ich denke wie die anderen Bandmembers in positiver Weise und bin froh, mein Leben im Griff zu haben. Gerade als Musiker darfst du dich nicht von deinen eigenen Stücken in die Tiefe ziehen lassen, sonst leidet die Kreativität doch in enormen Maße. Wir lieben es, diese traurigen Songs zu spielen und verarbeiten damit schmerzliche Erlebnisse des Alltags. Es ist, als würde man sich bei einem guten Freund ausweinen.“

Wie lange hat man denn mit Flemming an der Scheibe herumgenestelt? Der Gitarrist, Komponist und Lyriker erzählt hierzu: „Wir waren ganze 25 Tage in den Sweet Silence Studios und nahmen täglich bis zu 12 Stunden auf. Flemming ist Perfektionist in Reinform und hat uns manchmal hart rangenommen, aber wir sind ihm unendlich dankbar für seine Hartnäckigkeit. So haben wir das denkbar beste Resultat erreicht, das möglich ist.“ Das ganze Album ist eine regelrecht bewegende Hommage an die eher selten auftretenden Momente der Besinnlichkeit und des in sich Gehens. War das eigentlich so beabsichtigt?

„Ja, es kann und soll dem Konsumenten helfen, mittels der enthaltenen Musik und der Lyrics endlich wieder einmal abzuschalten und sich von den oftmals banalen Eindrücken des meist so grauen Alltags bewußt abzuschotten und dadurch auf das wirklich Wesentliche in seinen Gedanken einzugehen, daß man traurigerweise meist nicht so richtig wahrnimmt.“ Dieser Einladung kommt man angesichts der überwältigenden Größe von „Martyre“ nur zu gerne nach.

© Markus Eck, 17.12.1999

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