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Interview: SALTATIO MORTIS
Titel: Ergiebiger Purismus

Weit über die anfänglich von ihnen noch primär bespielte Mittelalterszene hinaus haben sie sich über die letzten Jahre ohnehin bestens etablieren können.

Denn nicht nur künstlerisch erfreulich stabile Alben, sondern auch zahllose gelungene Live-Auftritte mit bekanntlich immer allerbestem Kontakt von der Bühne zum Publikum konnten Beliebtheit und Popularität dieser so inniglich rockenden Spielmänner kontinuierlich steigern. Brachte die kreative Vergangenheit dieser beständigen Erfolgsmodelle hin und wieder experimentelle Erweiterungen in den Laune machenden Liedern mit sich, so scheint die beschwingte Gruppe um ihren Frontmann namens Alea der Bescheidene nun final ihren eigenen Sound gefunden zu haben.

Denn die von den Fans so heiß ersehnte Veröffentlichung, das kommende Studioalbum „Sturm aufs Paradies“, zeigt den bunten Haufen als Vollblutrocker auf. Mit betont puristischen Kompositionen, angesiedelt zwischen hartem Rock und Metal, befreit von allem Überflüssigen. So zeigen Saltatio Mortis also jetzt enorm gefestigt auf, das sie nach wie vor stets offen mit der eigenen Stilistik umzugehen imstande sind.

Aus gegebenem Anlass lud die Band einige Schreiber in die renommierten Karlsdorfer Hofa Studios nähe Karlsruhe ein, was auch für den Autoren dieser Zeilen am 20. Mai ein längeres Dahinzockeln auf allerlei Schienensträngen mit sich brachte.

Sänger Alea pickte mich erbaulicher Weise an diesem sonnigen Freitag nach meinem gefunkten Bescheid an der dortigen recht einsamen Karlsdorfer Haltestelle zügig mit seinem Auto auf und es ging schnurstracks Richtung Studio. Seine enorm gute Laune sollte sich bis zum Abschied an diesem Tage halten.

Dort trotz seiner auffallend rasanten Fahrweise erfolgreich angelangt, enterten wir die Hallen des ebenso weiträumigen wie etablierten Aufnahme- und Produktionstempels, in welchem auch schon Melodic Metal-Formationen wie beispielsweise Helloween und Pink Cream 69 klanglich aufbereitet wurden. Da aber laut Aussage von Meister Alea auch schon Genrekollegen wie beispielsweise Schandmaul gut mit den Hofa-Diensten gefahren sind, haben Saltatio Mortis im Kollektiv von Anfang an ein sehr gutes Gefühl dabei gehabt, ihre neuen Lieder in die dortige Obhut zu geben.

Nach einem herzlich überreichten Empfangskaffee und einem mir flugs gereichten belegten Brötchen trudelten auch die restlichen Teile der Bandbesetzung ein und Saltatio Mortis mitsamt Entourage bewegten sich in den Raum, welcher für die Listening Session angedacht war.

Vorgespielt wurde den Anwesenden nachfolgend eine Reihe von neuen Tracks, welche laut Band auf dem Album selbst allerdings aber in geänderter Reihenfolge vertreten sein werden. Nach einer kurzen und dezent vorgetragenen einleitenden Ansprache von Schlagzeuger und Haupttexter Lasterbalk der Lästerliche zum ersten zu vernehmenden Song „Habgier und Tod“ erschallt dieser in moderater, aber kerniger Lautstärke.

Sofort fällt dabei außerordentlich prägnant auf, wie sehr die Formation dafür den Fokus auf unverblümte rockige Attitüde gelegt hat. Vom Fleck weg erschließt sich die Nummer als sehr eingängig und kantig, aber dennoch verdammt eingängig und ohrenfreundlich. Die Sackpfeifen bringen sich bemerkenswert agil ein und die Stimme von Alea wird von ihm wie ein vollständig tragendes Instrument löblich effizient genutzt. Und selbst, als der Mittelteil des Stückes eine besinnliche Facette offenbart, erscheinen Musik und Text dabei als sehr homogene Einheit. Auch die weiteren offenbarten Kompositionen waren insgesamt gezielt rockig sowie simpel gestrickt und somit hochgradig wirkungsvoll in ihrer Rezeption. Textlich hat sich Wortschmied Lasterbalk eine Unmenge an tiefgründigen Gedanken gemacht, wie er die Gäste noch interessanter Weise wissen ließ.

Ob es ein Omen für nachfolgendes Großes von ihnen war, dass sie ihre heutzutage vollauf etablierte Spielmannstruppe während des Übergangs in ein neues Jahrtausend gegründet haben, darüber kann gerne lang und breit spekuliert werden. Sehr erfreuliches Faktum ist jedoch, dass Saltatio Mortis ihre lebensfreudige Mittelalter Rock-Klangkunst seit Dezember 1999 unter dem programmatischen Schaffensmotto „Wer tanzt, stirbt nicht“ mit anhaltend hoher Motivation sehr ambitioniert zu kreieren verstehen.

So konnten sich die im überdachenden Zeichen des historischen Totentanzes musizierenden Mannen, welche aus den Regionen von Mannheim, Karlsruhe und Kaiserslautern stammen, über die Zeit ihres Bestehens bis heute eine ebenso große wie loyale Anhängerschar aufbauen. Ja, es gefällt den Hörern der Szene sogar mit jedem Jahr immer besser, was hier mittels Dudelsack, Schalmei, Maultrommeln, Drehleier, Davul, Harfe, Trumscheit, Bouzouki, Strom- und Akustikgitarre, Pauken, Schlagzeug und allerlei sonstiger Perkussion zu pulsierendem musikalischen Leben erweckt wird.

Zu alten Zeiten schwebte den damaligen Menschen in ihrer antiken Weltsicht bekanntlich die vorherrschende symbolschwangere Imagination vor, dass Gevatter Tod ein überaus gewitzter Spielmann sei, welcher die Seelen trickreich mit verführerisch lieblichen Melodien ins dunkle Jenseits zu locken verstand. Und so sahen Saltatio Mortis eben ihre künstlerische Aufgabe darin, noch besser zu musizieren als der allmächtige Sensenmann selbst. Letzteres erstreckte sich bislang auf diversen Veröffentlichungen, auf welchen der spielfreudige Haufen auch neueren Klangelementen wie beispielsweise elektronischem Beiwerk nicht abgeneigt war. Doch ihre experimentelle Phase haben die Beteiligten spätestens seit dem pfundigen 2005er Langspieldreher „Des Königs Henker“ abgeschlossen, welcher aufgrund betont kernig gerockter Kompositionen den ausklingenden Sommer des betreffenden Jahres für die Fans noch heißer werden ließ.

Man kennt das auf den Bühnen außerordentlich mitteilungs- und kontaktfreudige Ensemble mittlerweile sogar weit über den einschlägigen Zirkel der Mittelaltermärkte und artverwandter Veranstaltungen hinaus. Immer wieder zum Schmunzeln führen dabei die Künstlernamen dieser schlitzohrigen Todeskontrahenten, wie beispielsweise Alea der Bescheidene, Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein oder Lasterbalk der Lästerliche. Ihren scheinbar unverwüstlichen gigantischen Idealismus verloren die Verbleibenden selbst nicht, als beispielsweise der baumfarbenprächtige Oktober 2006 das Ausscheiden von Dominor der Filigrane, Ungemach der Missgestimmte sowie Die Fackel mit sich brachte. Saltatio Mortis machten natürlich weiter. Immer.

Seit April 2011 unterstützt der neu hinzu gestoßene Sackpfeifenmusikus Luzi das L die Truppe bei ihren Akustik- und Rockshows, welcher zuvor bis Ende 2010 noch Mitglied bei Schelmish war. Was 2001 also mit dem keck betitelten Debütalbum „Tavernakel“ hoffnungsvoll begann, das mündet nun in das neue und achte Albumspektakel „Sturm aufs Paradies“, auf welchem die Band wieder mal so knackig rockig vorgeht, dass es dabei einfach unmöglich scheint, auch nur eine Sekunde still sitzen zu bleiben.

Gründungsmitglied, Frontfigur und Springinsfeld Alea der Bescheidene, welcher bei der beachteten Populärgruppe für Lead-Gesang, Dudelsack, Schalmei, Maultrommel, Didgeridoo, Irish Bouzouki und Gitarre verantwortlich zeichnet, nahm sich gerne in ausführlicher Weise die Zeit zu einem gleichfalls herzlichen als auch informativen Dialog.

„Richtig, das neue Album ‚Sturm aufs Paradies’ ist auf instrumentellem Sektor gezielt gewollt sehr puristisch und kompositorisch völlig bewusst sehr ‚klein’ gehalten. Auslösender Beweggrund war für uns im Zuge des Entstehungsprozesses zu diesem Werk, dass jedes Instrument dafür umso mehr Präsenz, umso mehr klangliche Fülle und somit möglichst effizienten Entfaltungsspielraum bekommt. Kurz auf den Punkt gebracht: Wir wollten rocken! Die elektronischen Elemente sind bei Saltatio Mortis ja schon seit längerer Zeit nicht mehr vorhanden, was wir bislang nie bereut haben. Im Gegenteil, so war es uns möglich, den Sound der Band immer griffiger, immer schlüssiger und immer nachvollziehbarer werden zu lassen. ‚Sturm aufs Paradies’ ist ja mittlerweile das vierte Album, welches den auf diese Weise gereiften rockigen Stil von uns repräsentiert. Unsere Fans können sich auf jeden Fall darauf einstellen, dass wir in dieser Art auch weitermachen werden. In den letzten Jahren, genauer gesagt seit den Arbeiten an ‚Des Königs Henker’, haben wir als Band einen kreativen Weg begonnen, den wir nun mittels ‚Sturm aufs Paradies’ zu einem Ziel gebracht haben. Dieses Album ist einfach gesagt total auf den Punkt gebracht, und das in allen nur denkbaren Betrachtungskriterien gesehen. Man könnte es auch so formulieren, dass wir uns sämtliche bislang von uns versuchten experimentellen ‚Auswüchse’ dafür gespart haben. Und genau dies fiel niemandem in der Band ernsthaft schwer, denn wir haben ja lediglich nur kompromisslos umgesetzt, was wir auf den Live-Touren der letzten Jahre erfahren haben. Nämlich, dass die puristischen und simpel gestrickten Stücke vor der Bühne am besten funktionieren.“

So kann hierzu eindeutig von produktiver Offenheit gesprochen werden. Und dabei hat sich die Formation nach einer bewegten und inhaltsreichen Dekade des Musizierens, Komponierens und Konzertierens praktisch selbst gefunden, um es in einer des Öfteren von Künstlern zitierten Redensart zu formulieren. Alea konstatiert sogleich dazu:

„Man kann nicht gerade behaupten, dass Saltatio Mortis in den letzten zehn Jahren von einer unturbulenten Vergangenheit geprägt wurde. Wir waren, sind und werden ja niemals eine auch nur ansatzweise ‚gecastete’ Band sein, sondern wir sind im Kern ein paar Jungs, die sich einst auf dem Mittelaltermarkt kennen gelernt haben und die dann nachfolgend damit angefangen haben, selbst entsprechende Musik zu machen. In den damaligen Anfängen hatten wir hin und wieder nicht mal genug Spritgeld übrig, um von Konzerten wieder nach Hause zu fahren. Ich erinnere mich noch genau: Wir traten damals Tag und Nacht auf, um das Ganze überhaupt einigermaßen finanzieren zu können. Und genau da, wo wir jetzt als Künstler und Musiker sind, das ist für uns der Punkt, wo wir uns schließlich nach Jahren der Entbehrungen und nach Jahren des Selbstfindungsprozesses endlich so richtig angekommen fühlen. Und das hört man den neuen Kompositionen auf ‚Sturm aufs Paradies’ auch voll und ganz an, wie wir überzeugt sind.“

Merklich angeregt bilanziert der charismatische Frontmann und Freigeist, der auch emsig auf Hobbybasis asiatischen Kampfsport betreibt, im Weiteren den voran gegangenen Kompositionsprozess zum aktuellen Album:

„Insgesamt betrachtet vollzog sich das Arbeiten an den neuen Nummern auf genau dieselbe Art und Weise, wie es sich für die vorherigen drei Saltatio Mortis-Alben zutrug: Den Anfang machen bei uns stets die Liedertexte, welche im Vorfeld mittels jeweiliger erster fragmentarischer Ansätze von unseren beiden Lyrikern Lasterbalk und Irmenfried von Hasen-Mümmelstein niedergeschrieben werden. Lasterbalk verfeinert das wortreich Begonnene dann in der Regel sehr gekonnt, auf welches wir anderen, also Bruder Frank, Samoel und ich uns schließlich im Weiteren beim Komponieren der Lieder an sich beziehen. So setze ich mich beispielsweise mit meiner Akustikgitarre ganz entspannt nieder und improvisiere auf den Saiten mit den Texten im Hinterkopf vor mich hin, und das Brauchbare wird auch gleich von mir notiert beziehungsweise für die gemeinsame Weiterarbeit konserviert. Wir arbeiten ja eigens zu diesem Zweck auf einem gemeinsamen Web-Server, auf dem die beteiligten Komponisten die jeweilig aktualisierten Resultate jederzeit für sich abrufen können, um sie individuell zu bearbeiten oder um auch ganz neue eigene Ideen dazu zu bringen. So kam diesmal auch unser 2009 dazugekommene Schlagwerker Jean Méchant, genannt der Tambour, welcher die mittelalterliche Perkussion bei uns macht, mit einer eigenen kompositorischen Idee zu einem Text an, worüber wir uns natürlich sehr gefreut haben. So entstehen bei Saltatio Mortis nach wie vor die Grundstrukturen zu den Liedern, wir haben das bewusst nicht großartig geändert, weil es sich intern von jeher als ergiebig bewährt hat. Zwar bestand das hauptsächliche kompositorische Gestirn aus Frank, Lasterbalk, Samoel und mir schon für unsere letzte Platte, der 2009er Albumveröffentlichung ‚Wer Wind saet’, doch konnten wir unsere schöpferische Kooperation mitsamt erwähntem Jean und seinen frischen Ideen definitiv optimieren, das steht fest. Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Themenbereich auch unser ‚Neuer’, Luzi das L, welcher ebenfalls einige wirklich sehr gute Vorschläge für die Kompositionen zum neuen Album an uns andere herantrug.“

Wie Meister Alea seinen gut gelaunt verkündeten Ausführungen dann noch anzufügen weiß, verlief der gesamte Songwriting-Prozess für „Sturm aufs Paradies“ ohnehin für alle Beteiligten angenehm flüssig, ja, geradezu reibungslos sogar. Wir erfahren mehr von dem auskunftsfreudigen Vokalisten:

„Zwar hatten wir erneut eigentlich jede wirklich freie Minute genutzt, um Ideen entstehen und unter Arbeit heranreifen zu lassen beziehungsweise diese zu dokumentieren, was sich schon so einige Monate hinzog. Doch das eigentliche schlussendliche Finalisieren des Songwritings ging dann in wenigen Wochen über die Bühne. Wir schlossen uns hierzu nämlich irgendwann, als wir genug ergiebige Ideen und Song-Bruchstücke zusammengetragen hatten, in ausgesuchten Ferienhäusern zusammen ein und gaben uns dann ganz den sich im Entstehen befindlichen Liedern hin. Dort saßen und standen wir währenddessen den ganzen Tag zusammen und machten gelinde gesagt nichts anderes, als zu spielen, darüber zu diskutieren, weiterzuspielen etc. Aber selbst dort entstanden im Zuge des angeregten Miteinanders noch weitere Texte. Lasterbalk kam zum Beispiel mit dem Text zum Lied ‚Hochzeitstanz’ an, welchen er dort in seinem Zimmer verfasste. Als wir anderen, genauer gesagt Jean und ich, mit diesem konfrontiert waren, machte sich schlagartig große Begeisterung dafür breit und wir gingen sofort daran, diese Worte entsprechend zu vertonen. Mit dem musikalischen Resultat, was wir beide dazu erarbeiteten, gingen wir dann flugs zu Frank und Samoel, die sich wiederum ihrerseits dem Lied annahmen und ihre Beiträge einfließen ließen. Es war ganz erstaunlich, wie reibungslos das Ganze ablief. Selbst im kritischen Rückblick erscheint es mir noch immer hervorragend. Diese Art komprimierter Zusammenarbeit für eine intensive Zeit unter einem gemeinsamen Dach hat sich bei uns als absolut effizient erwiesen, weswegen wir gerne daran festhalten werden. Der Song ‚Hochzeitstanz’ ist ohnehin einer unserer absoluten Favoriten auf ‚Sturm aufs Paradies’.

Als es schließlich für unsere wackeren und fleißigen Spielmannshelden für die Aufnahmen und die Produktion ihres neuen Liedguts in die Hallen der Karlshofer Hofa-Studios nähe Karlsruhe ging, hatten sie allen Grund, guter Dinge zu sein, so Alea. Er expliziert, schwärmend resümierend:

„Wir waren diesmal sogar so vielfältig und gut bepackt mit Kompositionsmaterial, dass wir unter der dortigen kompetenten Produzentenberatung noch entspannt aus allem auswählen konnten beziehungsweise die Songs an nicht wenigen Stellen noch bewusst reduziert haben. Nicht wenigen Hörern wird gerade Letzteres auffallen, denn so einige Refrains in den Tracks wiederholen sich nur sooft beziehungsweise sowenig, wie wir es für wirklich nötig befunden haben. Intention war es, die Stücke so knackig, so schlüssig und letztlich so wirkungsvoll wir nur irgend möglich werden zu lassen, es sollte wie schon erwähnt verdammt rocken! [wird lauter] Ein Song beispielsweise auch, nämlich ‚Spiel mit dem Feuer’, fällt mir ein: Da hatten wir ja eigentlich eine tolle Gitarrenmelodie dazu, von der wir anfangs wirklich sehr angetan waren - welche aber letztlich zu einer Dudelsackmelodie geworden ist. Gut so, denn dadurch ist das Stück final noch treibender und auch noch einnehmender geworden. Meiner Ansicht nach ist es sowieso immer sehr wichtig, die zu einem Album bereits gemachte Vorproduktion sinnbildlich an den Haken zu hängen. Damit meine ich genauer gesagt, dass man sich als Musiker zu Beginn im Studio sagen sollte: ‚So, das ist also nun der Stand der Dinge, dann warte ich mal neugierig auf einen neuen Startschuss dazu. Wir als Band haben es ehrlich gesagt immer wieder sehr gerne, wenn uns unser Stammproduzent Thomas Heimann-Trosien, genannt Trosi, jeweilig zu einem Lied aufs Neue wohlwollend kritisch fragt, ob wir über diese oder jene Songstelle nochmals nachdenken möchten, um es zu optimieren. Genau so schaffen wir unseres Erachtens nach nämlich Voraussetzungen für wirklich frisch anmutende, schön dynamische und letztlich auch bestens funktionierende Songs. Wir haben also eigentlich grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, uns von einer bereits als intern etabliert erschienenen Idee beziehungsweise Struktur etc. eines Songs auch mal schnell zu verabschieden, wenn uns ein neuer Geistesblitz gestreift hat. Wir sehen uns im Dienste unserer Lieder und nicht umgekehrt. Trosi ist glücklicherweise sehr erfahren, er hat neben unseren Liedern in den Hofa-Studios bereits auch noch Werke von In Extremo und Schandmaul klanglich betreut und versiert aufbereitet.“

Dennoch, wie dem erfreulich redereichen Saltatio Mortis-Barden noch zu entlocken war, gab es natürlich gewisse Momente im Studio, wo es den Kerlen zunächst schon noch ein wenig schwer fiel, ihre ihnen bereits sehr ans Herz gewachsenen Song-Kinder zu modifizieren. Alea konkretisiert dazu:

„Dies trug sich insbesondere bei diversen Stromgitarren-Riffs und einigen Refrains zu. [grinst] Wir arbeiten ja vorab mit den Liedern, bis wir uns ins Studio begeben, doch so einige Monate. Doch unser Reglerdreher Trosi hatte einfach mal wieder den genau richtigen Riecher, um sämtliche Stücke so sehr zu schlanken, dass sie von allem Überflüssigen wirkungsvoll befreit wurden. Ich persönlich empfinde nun nach all der vielen und tiefgründigen Arbeit an den Tracks von ‚Sturm aufs Paradies’ Refrains als griffiger und packender, wenn sie sinnbildlich formuliert genau ‚einmal zwischen die Augen schlagen’. Ich denke, wir haben einen sehr guten Weg für das aktuelle Album gewählt, unsere Songs zu gestalten. Mehr noch, ich sage, man muss sich nicht ständig wiederholen in einem Lied, um den angestrebten Zweck im Hörer damit zu erreichen. Die neuen Nummern wurden auf angenehme hörerfreundliche Längen getrimmt; Längen, die sich zumeist im relativ kurzen Dreiminutenformat bewegen.“

Autor und Interviewpartner waren sich zu diesem Kontext dahingehend einig, dass der Begriff „Kurzweiligkeit“ auch beileibe kein negatives Kriterium für eine Kompositionen darstellt.

„Der Trosi hat uns einmal mit einer sehr schlauen Aussage verblüfft, als er beim Produzieren zu uns meinte: ‚Was man musikalisch in vier Minuten in einem Song nicht erzählen kann, das schafft man auch nicht in acht Minuten.’ Wir waren sehr beeindruckt davon und haben uns das sehr zu Herzen genommen.“

Und die aktuelle Gegebenheit bewusst und gezielt eher kürzer gehaltener Songlängen brachte den Umstand mit sich, dass Saltatio Mortis für die reguläre Edition von „Sturm aufs Paradies“ ganze 13 Kompositionen darauf gepackt haben.

„Die limitierte Edition wird einen Bonus-Track enthalten. Überraschung: Es wird übrigens sogar aller Voraussicht nach noch zwei weitere Limited Edition-Ausgaben der neuen Platte geben, über die ich aber hier noch nichts Konkretes verraten möchte. Definitives wird sich erst noch zeigen müssen. Wir haben jedenfalls viele Ideen dazu ausgebrütet, von teils ziemlich ausufernder Natur, die wir sehr gerne umgesetzt sehen möchten. Ob sich das alles letztlich aber genau so realisieren lässt, wie wir es gerne hätten, steht im Moment noch nicht fest. Es spielen ja ziemlich viele Faktoren eine gewichtige Rolle, wenn es um Solcherlei geht, gerade wie beispielsweise Machbarkeit, Finanzierung etc. Wenn sich zu diesen geplanten Limited Edition-Veröffentlichungen aber alles nach unseren Vorstellungen machen lässt, dann steht unseren Fans wirklich etwas sehr Großartiges ins Haus, an dem sie riesige Freude haben werden. Wir hoffen es auf alle Fälle sehr.“

Hört man die neuen Kompositionen ihres aktuellen Albums „Sturm aufs Paradies“, erschließt sich primär eine beinahe schon ungeheure Reife. Eine über die vielen Jahren in aller Ruhe gewachsene und somit stabile Reife, welche es den ebenso populären wie auch beliebten und sehr erfolgreichen Mittelalter Rock-Musikanten Saltatio Mortis ermöglichte, besagte Lieder ebenso homogen, flüssig und griffig zu gestalten. Und letztere Einschätzung kann auch problemlos zu den neuen Lyriken gefällt werden, welche zwar scheinbar direkt aus dem Leben entnommen worden sind, aber dennoch nachhaltig zum Nachdenken, Sinnieren und Philosophieren anregen können. So trägt der Männerbund erdiges Liedgut vor, satt melodisch rockend und dabei auch eine gehörige Portion Gefühl aufzeigend.

Experimentelle Anwandlungen, wie man sie als eingeweihter Hörer aus der Vergangenheit der Gruppe kennt, schienen den Beteiligten für solcherlei Anmut eher störend. Daher entschieden sich die beständigen Karlsruher Spielleute erfreulicher Weise dafür, kompositorisch gezielt auf den Punkt zu kommen.

Resultierend in einer gleichfalls kernigen als auch hymnischen Ausnahmescheibe voller Stromgitarren- und Dudelsackfreude, welche eigentlich wie das viel zitierte frische Blut für die gesamte Szene dieses Metiers wirkt. Konnten sie also noch vor wenigen Monaten mit ihrer Live-DVD „Wild und Frei“ auf Platz 21 der Media Control Albumcharts klettern, so melden sich die emsigen Freigeister Saltatio Mortis nun stärker denn je zurück auf der Bildfläche des Genres.

„Der erste Song auf der neuen Platte wurde ‚Habgier und Tod’ von uns getauft, und unser Schlagzeug spielender Haupttexter Lasterbalk der Lästerliche wurde dazu durch eine Geschichte von Oscar Wilde inspiriert. In dieser gibt es eine Passage, worin der personifizierte Tod in das Land der Habgier einmarschiert und zum Abschied verkündet: ‚Ich gehe wieder, ohne mein Werk verrichtet zu haben, wenn du mir die drei Saatkörner schenkst, die du in der Hand hältst.’ Und dabei tritt das bekannte Problem auf, dass ‚man nicht aus seiner Haut’ kann. Soll heißen: Die Habgier gibt nichts her und der Tod wird sein Werk tun. Sinnbildlich erschließt sich daraus, dass wenn man einen der beiden möglichen Wege beschreitet, wird man entweder die Habgier sein oder den Tod bringen. Diese Hypothese ist ganz klar eines der sozusagen härtesten Bildnisse für eine verhärtete Front, für eine verhärtete Art, zu sein. In die moderne Welt übersetzt, bedeutet das: Wenn man zu einer Bank geht, um dort einen Kredit in Anspruch zu nehmen, dann kann man sich ganz sicher sein, dass die Bank den größten Nutzen und den größten Gewinn davon machen wird. Und nicht der Kunde der Bank. Und wenn einem der Bankberater dabei etwas anderes erzählt, dann muss man das ganz klar hinterfragen“, weiß Frontfigur und Vokalist Alea der Bescheidene weiter zu erzählen und stellt mit seinen Worten einen direkten und sehr interessanten Bezug zu aktuellen Geschehnissen auf dieser Welt her.

Denn die so genannte globale „Finanzkrise“, sie ist das vorläufige unselige Endprodukt blanker Habgier, welches einen nicht unerheblichen Teil der geplagten Steuerzahler dieser Welt aufs Neue unermesslich hart heran nimmt. Zitiert man diesbezüglich den aktuellen Albumtitel „Sturm aufs Paradies“, bekommt dieser dabei eine beängstigende Nebenbedeutung. Alea bezieht Stellung:

„Die Menschen haben leider aber ganz einfach verlernt, in der Gesellschaft für das zu stehen was man denkt, für ihre Meinungen einzustehen. „Die eigentliche und oberbegriffliche Frage, die sich mir persönlich hierbei hauptsächlich stellt, lautet: ‚Wohin wird der Weg letztlich führen, den die Welt eingeschlagen hat?’ Dies ist aber sehr schwierig zu beantworten. Und alles, was man sich dazu ausmalen kann, endet ehrlich gesagt in sehr unschönen Szenarien. Das primäre Problem ist, dass unsere weltweite Wirtschaft ja eigentlich darauf ausgelegt ist, dass sozusagen alle paar Jahre wieder ein großer Krieg passiert. Ein Krieg also, welcher die Wirtschaft zusammenbrechen lässt, damit sie hernach wieder aufgebaut werden kann. Die heutige Marktwirtschaft ist demnach also als System zu benennen, dass darauf ausgelegt ist, dass es immer mal wieder ‚kracht’. Das an sich ist eigentlich ohnehin schon schlimm genug. Denn keiner aus den Reihen der Normalbürger dieses Planeten will das. Ich denke, wenn man immer weiter nach oben strebt, wenn man immer mehr an Hab und Gut haben will, wenn es also nie genug ist, dann wird irgendwann jedes noch so schlimme Mittel zu diesem Ziele recht. Unsere Gegenwart ist davon nicht weit weg beziehungsweise sehr nahe dran.“ Besser konnten die Karlsruher Spielleute diesen Zustand wohl auch nicht in Worte fassen wie mit dem Titel des schmissigen Openers auf „Sturm aufs Paradies“, „Habgier und Tod“.

Kriege sind auf diesem wunderbaren Globus ebenso unnötig wie unermesslich schlimm, also sollen es viel lieber Saltatio Mortis „krachen“ lassen. Alea stimmt diesem Vorschlag merklich begeistert zu:

„Genau das ist letztlich auch der Grund, warum wir uns für den Gruppennamen entschieden und warum wir ihn noch immer so sehr lieben und schätzen. Denn die mittelalterlichen Totentänze der damaligen Menschen basierten ja primär auf speziellen Liedern, welche in den härtesten und übelsten historischen Zeiten gespielt wurden, in Zeiten der mittelalterlichen Pest eben beispielsweise. Unsere Pest heutzutage sind aber eben nicht die Pocken oder der ‚schwarze Tod’, sondern viele haus- beziehungsweise selbst gemachte Pestherde und -Arten. Wenn ich da nur an die international agierende Banken- und Broker-Lobby denke, welche sich mehr und mehr ereifert, sich gegenseitig so viel und so hoch wie möglich gegenseitig übers Ohr zu hauen! Sehr oft erscheint es mir persönlich in den letzten Jahren ohnehin so, als wenn der Planet Erde begonnen hat, sich massiv gegen den Virus Menschheit zu wehren.“

Bühnenmeister Alea regte nach diesem weisen Statement an, den interessierten Lesern noch ein wenig zum zweiten Lied auf dem neuen Album, zu „Hochzeitstanz“, zu erzählen. Der Sportliche, welcher selbst kürzlich freudig in den Stand der Ehe trat, spricht seine folgenden Worte sehr besonnen:

„Diese Komposition ist für mich eindeutig und unzweifelhaft einer der mächtigsten Songs, welcher je von Saltatio Mortis gemacht worden ist. Der Text dazu ist ziemlich … na, sagen wir mal, ‚verdreht’. Die eigentliche Idee kam unserem Lasterbalk beim Falco-Klassiker ‚Jeannie’. Und auch hier existiert ein unleugbarer Bezug zu unserer derzeitigen Realität, so wirken die Worte in dem Stück alles andere als weit hergeholt. Denn beinahe wöchentlich verschwindet wieder und wieder irgendwo ein Mensch mehr oder weniger spurlos, passiert etwas damit verbundenes Schlimmes, wie die Medien über sämtliche Kanäle berichten. Oder die ganzen entsetzlichen Entführungen und Vergewaltigungen: Das ist ein Thema, welches mich persönlich sehr beschäftigt. Um ganz ehrlich zu sein: Ich empfinde eine Vergewaltigung sogar noch schlimmer als einen Mord. Denn: In unserem gesamten abendländischen Denken lebt die Seele bekanntlich länger als der Körper. Und wenn ich darüber nachdenken muss, wie jemand, also als Täter im rechtlichen Sinne, seine Entscheidung so falsch legt; also dass das, was da von einer Person getan wird, so verblendet ausgelegt und gerechtfertigt wird, dass es in dem Moment völlig normal erscheint, dann wird mir speiübel. Mir kommt dies richtig gespenstisch vor.“

Und ebenso gespenstisch war es für Alea, wie er bekundet, sich auf diesen speziellen Text als Sänger einzulassen. Eigentlich vorab positiv wirkend, überdacht der Songtitel doch sehr Beängstigendes. Der Sänger resümiert dazu, nicht eine gewisse Betroffenheit unterschlagend:

„Heftig waren die Gefühle in mir, als ich ganz automatisch begann, den betreffenden Text mit Bildern in Verbindung zu bringen. Natürlich bemühe ich mich immer, das jeweilige ‚Gefühl’ eines Saltatio Mortis-Lieder so gut als möglich herüber zu bringen. Man ist ja meiner Ansicht nach als Vokalist und Frontmann immer auch eine Art ‚Schaupieler’, welcher die emotionale Stimmung einer Komposition nach außen präsentiert. Und wenn ich jemanden spielen soll beziehungsweise jemanden in einem Lied verkörpern soll, der so etwas Schreckliches tut und dies dabei für sich selbst als völlig normal ansieht beziehungsweise erachtet, dann muss ich das in einem Gemütszustand beziehungsweise mit einer inneren Haltung tun, die mit derjenigen beispielsweise beim Kochen vergleichbar ist. Denn, um es nochmals klar zu verdeutlichen, um Missverständnisse zu vermeiden: Wer als Mensch solche abscheulichen Verbrechen begeht, tut dies augenscheinlich ganz bestimmt nicht in dem Bewusstsein, etwas Schlimmes zu tun. Sondern die Person ist währenddessen alles andere als fähig, sich der Abartigkeit solcherlei Tuns bewusst zu sein und sich das Schlimme dabei einzugestehen. Bis zum Textauszug ‚Ich trank das Rot von deinen Lippen, stahl deiner Augen Glanz, ich hielt dich fest in den Armen bei unserem Hochzeitstanz’ scheint das Ganze noch ‚zu passen’. Doch spätestens bei ‚Ich sog den Schweiß aus deinem Schoße, den Tau von deiner Haut, und legte dich zur Ruhe dort unterm Heidenkraut’ wird bewusst, dass bei ‚diesem’ Hochzeitstanz getötet wird. Das Einlassen auf diesen Liedtext war zugegebenermaßen schon eine immens krasse Erfahrung für mich, und ist es noch immer.“

Der nachfolgende Dialog befasste sich damit, wie eine Spielleute-Formation wie Saltatio Mortis denn eigentlich zu so einem expliziten Songtext kommt. Eindeutig sind die tagtäglichen Horrormeldungen der sensationsgeilen Boulevardpresse auch an einer Formation wie dieser nicht spurlos vorüber gezogen. Alea holt hörbar sehr tief Luft, dann konstatiert der singende Karlsruher Hobbyphilosoph mit riesengroßer Entschlossenheit:

„Wir sind Spielleute. Und Spielleute haben schon immer Themen beim Namen genannt beziehungsweise bespielt und besungen, über welche andere Leute hinweggesehen haben beziehungsweise Themen, die von anderen Menschen als Tabu angesehen worden sind. Aber es war und ist richtig und verdammt noch mal wichtig, dazu und darüber zu sprechen und zu singen. Und auch klar zu machen, was bei Tabuthemen eigentlich genau passiert. Sollen andere denken, was sie wollen, aber mir persönlich ist das sehr wichtig. Mir liegt das sehr am Herzen. Denn ich bin ganz einfach kein Mensch, welcher der Meinung ist, dass es richtig ist, wie Schuldige in der deutschen Justiz so oft als Opfer dargestellt werden. Ich versuche ja, so wie viele heutige Menschen das auch tun, mich so gut es geht davor zurückzuziehen, mich diesen ganzen irren und abartigen News-Meldungen zu entziehen. Doch das ist beinahe unmöglich geworden. Gerade für Denker wie mich. Irgendwie ist es für die mächtigen Medien so unglaublich einfach geworden, diese Welt und ihre Inhalte nach Belieben zu ‚verdrehen’. Es ist ja immer ein wenig schwierig, so etwas direkt zu sagen. Aber ich bin Hundertprozentig der Meinung, dass ein Täter nicht das Opfer ist. In in den letzten zwei Jahren hat sich sehr viel verändert in meiner persönlichen Denke, in meinem persönlichen Tun. Und ich habe als Kampfsportler der asiatischen Kampfkünste und damit verbundener Philosophien gelernt, zu allem, was ich denke und tue, einen entsprechenden Bezug herzustellen. Wenn man das so leidenschaftlich und ernsthaft ausübt wie ich, kommt man da ganz automatisch immer tiefer hinein. Mir tut das gut und ich mag das sehr.“

Textlich ist der aktuelle „Sturm aufs Paradies“ also erfüllt mit Authentizität und geprägt von dem Bestreben nach Echtheit. Alea, noch sichtlich aufgebracht vom Inhalt seiner letzten Ausführungen, nutzt die Gunst des Gesprächskontextes und leitet sogleich über zum Selbstverständnis seiner Truppe.

„Es gibt mittlerweile sehr viele Gruppen, die ähnliche Musik spielen wie wir. Und es soll natürlich auch jeder seine faire Chance erhalten. Selbst dann, wenn anfänglich noch einige künstlerisch holprige Schritte getan werden. Das ist ganz normal hierbei und das war bei Saltatio Mortis ja auch nicht anders. Darüber muss man nicht diskutieren. Die Spreu vom Weizen trennt sich meiner Auffassung nach ohnehin stets einige Jahre später, nachdem eine Band gegründet worden ist. Erst dann entscheidet es sich in der Regel, ob eine Band es schafft, zusammenzubleiben und den einst begonnenen kreativen Weg nachfolgend weiterhin in Geschlossenheit zu beschreiten. Ich vergleich das ganz gerne annähernd mit einer oft zitierten typischen zwischenmenschlichen Beziehung: Probieren tun es ja sehr viele, aber schaffen tun es im Gegensatz dazu nur sehr wenige. Und die, die es letztlich schaffen, erreichen wahrlich Großartiges.“

© Markus Eck, 28.05.2011

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