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Interview: SALTATIO MORTIS
Titel: In der Moderne erwacht

Elfter September. Ein tief eingeprägtes Datum, welches die Menschheit seit der Katastrophe des World Trade-Centers für immer im Gedenken bewahren wird. Ein dem entgegen erfreulicher Anlass war der am Donnerstag, den elften September 2003 geplante Studioreport der experimentierfreudigen Mittelalterrocker Saltatio Mortis.

So fanden sich an diesem Tag mit Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein, Lasterbalk dem Lästerlichen, Alea dem Bescheidenen sowie Ungemach dem Missgestimmten einige Bandmitglieder im Karlsruher Twilight Sound-Studio ein, welches der Leitung von Umbra Et Imagos Lutz Demmler untersteht. Lutz sowie sein Bandpartner Mozart hatten aus gegebenem Anlass des fertig gestellten neuen Albums von Saltatio Mortis so einige Vertreter der schreibenden Zunft geladen, um den aktuellen kreativen Ergüssen teilhaftig zu werden.

Da sich die neuen Stücke zu diesem Zeitpunkt überwiegend noch im Rohzustand befanden, wurden nur wenige von CD, viele direkt vom Rechner aus vorgespielt. Laut Falk haben sich Saltatio Mortis „deutlich vom Elektronischen verabschiedet“ und sind nun „viel rockiger geworden.“ So wollte man laut seiner Aussage mit dem Album „Das zweite Gesicht“ in eine mögliche künstlerische Zukunft blicken“, während das neue Werk „Erwachen“ nun eine Entdeckungsreise in tatsächlich gefühlte musikalische Gefilde aufzeigt. Elf neue Kompositionen werden laut Statement der Gruppe auf dem folgenden Album „Erwachen“ enthalten sein.

Dann erklang endlich der erste neue Song „Hör die Trommeln“, eine schnell ins Ohr gehende Komposition, deren stolz rockender Grundtenor mit sehr einprägsamer Melodik und typisch stimmungsvoller Mittelalterinstrumentierung unterlegt ist. Anschließend erreichte der Song „Falsche Freunde“ die neugierigen Ohren der Anwesenden: Beginnt es mit klagend gesungenem Beginn von lamentierendem Credo, weist dieses ebenfalls ziemlich eingängige Stück auch dezent eingebrachte Elektroniksamples auf.

Weiter ging es mit „Lass mich los“: Diese anfänglich recht einfühlsam vorgetragene Komposition weist einen ebenso beschwingt melodischen wie rhythmisch pumpenden Charakter auf, der in die Beine zu gehen scheint. Nicht nur besinnliche Zwischenparts sorgen für hier für mitunter sehr konträre Klangvielfalt.

Die anschließende „Traumreise“ fängt eher scheinbar sperrig und schräg an, entwickelt dann aber doch noch das typische Flair von Saltatio Mortis. Hier dominiert zu Beginn sehr spitzzüngig intonierte Lyrik, welche im Folgenden ein schon leicht psychotisches Lied begleitet. Das nachfolgende „Erwachen“ wird durch atmosphärische Keyboardakustik und subtil beschwörende Vokalisierung eingeleitet, welche dieses Lied ebenso wie diverse Perkussion nicht mehr verlassen. Ein von getragenem Gitarrenspiel, sich schön abwechselndem Zwiegesang und ästhetischer Mittelaltermusik ergänzter Song.

„Am Scheideweg“ wurde der nächste Track betitelt, ein ebenso wie Song Nr. Sieben, „Daedalus“, ein mit toller Rhythmik inszeniertes Stück mit schöner Melodik, prägnanter Hookline und erneut merklich durchdachter Textung. Es folgte das mit schwärmerischen Tonfolgen akzentuierte Bekenntnis „Mein Weg“. Auch die Lieder „Hafen der Stille“ und „Tanz der Tänze“ wiesen die neue stilistische Direktive der Band in Vollkommenheit auf.

Und mit der Hymne „God Gave Rock´n´Roll“ wagten sich Saltatio Mortis gar an eine Coverversion von Kiss, welche durch die mittelalterliche Instrumentierung einen fast schon witzigen Charakter erhielt, was aber beabsichtigt scheint. Dann ging es für mich ans eingeplante Interview. Die ebenso spiel- wie experimentierfreudigen Mittelalterrocker haben sich laut eigenem Bekennen fürs Erste von elektronischem Beiwerk verabschiedet und sind nun wieder rockiger geworden. Hören lassen will das Ensemble dies die Fans auf dem neuen Album „Erwachen“. Mit ihrem vorhergehenden Album „Das zweite Gesicht“ wollten Saltatio Mortis laut eigener Aussage in eine mögliche künstlerische Zukunft blicken, während das neue Werk hingegen anscheinend eine Entdeckungsreise in tatsächlich gefühlte musikalische Gefilde aufzeigt. Lasterbalk der Lästerliche und Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein beantworteten meine Fragen erneut nach bestem Willen und Wissen.

Die Stimmung innerhalb der Band ist derzeit unglaublich gut: „Gerade haben wir unsere `kleine` Herbsttour beendet und sind dabei uns auf die `große` Herbsttour mit Subway To Sally vorzubereiten. Wir sind sehr gespannt darauf und freuen uns auf jeden einzelnen Auftritt. Irgendwie sind wir wohl süchtig nach dem Tourleben. Auf dieser Tour werden wir auch unsere erste Single im Gepäck haben. Sie wird `Falsche Freunde` heißen und gleich drei besondere Highlights enthalten. Neben dem Titelsong wird selbiger noch in zwei Remixen darauf sein. Zum einen ein `Dracul`-Dancefloor-Remix und ein wundervoller Michelangelo-Remix. Für beide stand uns glücklicherweise das musikalische Genie Lutz Demmler zur Verfügung, den man von Umbra et Imago und Dracul her kennt. Der besondere Leckerbissen wird unsere Coverversion von `God Gave Rock´n´Roll To You` sein. Ja, ganz recht, wir haben diese Hymne von Kiss extra als Coverversion eingespielt und wir sind schon ganz gierig darauf, das Stück endlich auch mal live zu spielen.“

Ihr neues Album zeigt ganz deutlich, wie sich Saltatio Mortis im letzten Jahr musikalisch entwickelt haben. „Durch unsere vielen Live-Auftritte konnten wir unseren Stil herausarbeiten und ihn entwickeln. Wir waren und sind von einer unbändigen Spielfreude beseelt, die auf dem neuen Album deutlich zu hören ist. Wir haben dem Rock in uns dieses Mal völlig freien Lauf gelassen.“

Der aktuelle Albumtitel „Erwachen“ ist, wie alle Veröffentlichungstitel von Saltatio Mortis bisher, ein Stück Programm des neuen Albums: „Wir sind sozusagen gerade dabei in der modernen Welt zu erwachen. Uns im Hier und Jetzt auszustrecken und mit neugierigen wachen Augen die Welt zu durchwandern. Es ist aber nicht nur das Erwachen unserer Musik gemeint, sondern auch das Erwachen der Band in Ganzen. Noch nie zuvor konnten wir das derartig auf den Punkt bringen wie es uns mit `Erwachen` gelungen ist.“

Und in jedem neuen Song steckt wieder eine tiefe innere Erkenntnis, wie ich von den beiden Musikern anschließend erfuhr.

„All diese Dinge sind jeweils verschiedene Zustände eines Aspekts des Erwachens. Sei es geistiges, spirituelles oder seelisches Erwachen. Beispielsweise in dem Stück `Falsche Freunde` wird ein ziemlich bitteres Erwachen beschrieben. Und zwar das der Erkenntnis der Niedertracht derer, die man in langem gemütlichem Schlummer falscher Geborgenheit als Freunde erachtete. Ein Erwachen, das wir keinem wünschen, aber selbst erleben durften. Alle neuen Songs sind aus irgendwelchen Erlebnissen heraus entstanden, die wir in der letzten Zeit machen durften und auch mussten.“

Die Liebe der Band zum Mittelalter ist ungebrochen, wie Falk und Lasterbalk im Weiteren verlauten ließen. „Darum haben wir ja auch nach dem `Zweiten Gesicht` erst einmal ein mittelalterliches Album gemacht. Die `Heptessenz` war für uns sehr wichtig, da wir mit diesem Album unser mittelalterliches Gefühl ausleben konnten. Dadurch wurden unter anderem unsere Köpfe frei, um uns erneut der Moderne zu stellen. Darum waren wir auch nicht versucht, lediglich ein mittelalterliches Album mit E-Gitarren aufzunehmen, sondern etwas Neues zu schaffen.“

Saltatio Mortis wollen mit ihrer Musik keinerlei Ideale verkörpern, sondern das zum klingen bringen, was die Musiker in sich spüren. „Musik ist zu Ton gewordenes Gefühl. Wir haben festgestellt, dass wir sehr stark von unseren jeweiligen Gefühlen beeinflusst sind wenn wir an einem Album arbeiten. Unser Innenleben spiegelt sich sozusagen auf dem Silber der CD.“

Meine daran angehängte Frage nach diversen Bands, welche als größte inspirative Einflüsse genannt werden können, ist für meine beiden Interview-Partner laut eigener Aussage unendlich schwer zu beantworten. „Jeder von uns sieben hat seine eigenen Bands, die ihn durch das Hören ihrer Musik zu dem gemacht haben, der er ist. Wenn wir aber miteinander an neuen Songs für Saltatio Mortis arbeiten, kommen all diese Einflüsse zusammen. Manchmal prallen sie aufeinander, manchmal gleiten sie ineinander über, aber immer werden sie durch uns alle zusammengeführt.“

So nennt Falk mir Mike Oldfield, Lasterbalk hingegen listet Queen als Favoritenband auf. „Irgendwie werden bei dieser Frage immer andere Bands erwartet, aber da wir alle schon so lange Musik machen ist es leider so, dass wir zwar unsere Kollegen gern anhören und bemerken was sie tun, es aber für unsere eigene Arbeit unerheblich ist.“

Was zukünftige Bühnenshows von Saltatio Mortis anbelangt, so werden diese deutlich mehr auf den Punkt kommen. „Zudem haben wir jetzt zwei Alben, aus denen wir schöpfen können. Darum wird es deutlich länger werden. Ansonsten sind wir gerade wie wild dabei unsere Bühnenshow für 2004 zu planen. Es wird mit Sicherheit spannend. Wir haben noch nie halbe Sachen gemacht. Wir wollen jetzt erst mal mit dem neuen Werk `Erwachen` unterwegs sein und können es kaum erwarten, unsere Arbeit auf die Bühnen zu bringen. Darum: Kommet zuhauf alle, die ihr schwer beladen seid! Feiert mit uns gewaltige Feste!“

Gegen 20.00 Uhr stand im Weiteren noch ein gemeinsames Abendessen auf dem Programm. Und am späten Abend fanden sich dann alle nochmals zur im selben Gebäude aufgeführten „Veitstanz“-Mittelalternacht in der Kulturruine ein, wobei Falk und Lasterbalk für über Hundert Besucher bis morgens früh um drei Uhr den Sound zauberten.

© Markus Eck, 02.10.2003

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