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Interview: RAKOTH
Titel: Stolze Schwarzmetall-Perestroika

Aus Russland stammt diese hochinteressante 1996 gegründete Musikervereinigung an experimentellen Künstlergeistern, welche die Genregrenzen mit aller musikalischen Kraft überschreiten.

Den Bandnamen entlehnte man Nick Perumov's Buch „Chronicle Of Hjorvard”. Rakoth stellt darin einen Halbgott dar, einen Demigott, einen dortigen Meister der Dunkelheit. Ihre musikalische Mischung kann getrost als einmalig tituliert werden: Intelligent ausgearbeitet wirkendes Dark Black Metal-Songwriting mit dezent integrierten Folklore-Anleihen und hochepischen Arrangements, welches durch eine stellenweise mittelalterliche Grundstimmung und beschwingtes Flötenspiel reizvoll konturiert wird.

Rakoth hatten einen schweren Weg zu gehen, der sich jedoch gelohnt hat. Ihr erstes Album „Superstatic Equilibrium” kam lediglich in ihrer Heimat und nur als Tape-Version heraus. Und das zweite, „Planeshift“, erhielt im holländischen Aardshok Magazin 100 von 100 Punkten beziehungsweise sechs von sechs Punkten im norwegischen Scream Magazin.

2001 erschien das Albumdrittwerk „Jabberworks“, welches neu aufgenommene Versionen alter Demotracks enthält.

Bereits im März 2000 auf dem italienischen Label Code666 erstveröffentlicht, hat man sich nun in England bei Elitist Records, einem Sublabel von Earache, der Genreperle „Planeshift“ angenommen und einen Re-release in Lizenz in Angriff genommen.

In der Werbung immer wieder als „Tolkien inspired“ vorgestellt, teilt der - typisch russisch - wortkarge Rakoth-Keyboarder Rustam Shakirzyanov diese Anpreisung allerdings nicht vollends.

„Das ist schon sehr übertrieben dargestellt worden, vermutlich aufgrund unserer von dir schon zuvor genannten mittelalterlichen Atmosphären in manchen Songs. Verbindungen zu Tolkien in unseren Songs bestehen lediglich entfernt im Instrumentalstück `Noldor Exodus` und im Song `Fear`.“

Aber speziell diese beiden Tracks wurden auch unter dem Einfluß eines anderen Buches geschrieben. „Nämlich `Black Book Of Arda`, verfaßt von einem gewissen Niennah. Es stellt für uns das `Silmarillion` aus einem anderen Blickwinkel heraus gesehen dar. So ist die Tolkienverbindung nicht direkt zu sehen.“

Ebenso täuscht sich so mancher, der die drei Russen aufgrund ihres epischen Sounds als begeisterte Mittelalteranhänger einschätzt, was Rustam wie folgt widerlegt: „Die mittelalterlichen Arrangements stellen für uns lediglich ein künstlerisches Gestaltungsmittel unserer Kreativität dar. Es sind auch nicht alle unserer Lieder an dieser Epoche orientiert, lediglich einzelne Songs, in denen es angebracht war, dieses `Medieval- and fantasy-feeling` musikalisch auszudrücken.“

Rakoth sind also weder begeisterte Mittelalterfans noch möchten sie einmal in dieses ebenso finstere wie reizvolle Zeitalter eintauchen, wie Rustam lachend preisgibt.

„Nein, Danke! Kein heißes Wasser, keine Elektrizität, keine schnellen Transportmittel, keine CD-Player, kein Videoprogramm, kein Internet. Nur Schmutz, Ratten, Insekten etc. Wie kann man auf so was nur so scharf sein?“

Reine Ansichtssache. Der stark keyboardgestützte Fantasy Black Metal des russischen Trios fällt fast irgendwo zwischen die stilistischen Stühle: Für Die-Hard-Black Metal-Maniacs sind Rakoth zu soft, für Progressive- und Fantasy Metal-Fans musizieren sie vermutlich zu hart. Rustam sieht diese Tatsache eher gelassen:

„Vermutlich hast du damit Recht, aber das interessiert uns nicht im Geringsten. Wir machen Musik in erster Linie für uns, nicht aber um irgendwelche stilorientierten Fans zufrieden zu stellen.“

Das klingt nach ausgeprägtem Selbstbewußtsein. Und demnach existieren für Rustam auch keine absoluten und zu vergötternden Musikidole, wie sie zuhauf in gerade dieser musikalischen Branche so oft zitiert werden.

„Nein, absolut nicht, ich habe keine Idole. Obwohl ich früher schon so einige Bands gerne gehört habe, darunter The 3rd And The Mortal, Anathema, Satyricon, Pan.Thy.Monium und Dead Can Dance, soweit ich mich erinnern kann. Einfluß auf mein Songwriting bei Rakoth haben sie jedoch nie ausgeübt. Einige höre ich noch heute ganz gerne, aber nur wenn ich mal Zeit habe.“

So etwas in der Richtung war auch irgendwie anzunehmen. Denn die erfreulich opulent arrangierten Kompositionen des Russentrios klingen außergewöhnlich eigenständig, höchstwahrscheinlich aufgrund des von Rustam genannten schwermetallischen Desinteresses innerhalb der Band.

Rakoth sind schon eine Truppe mit ausgeprägtem Schöpferstolz, dessen simultan einhergehende Lässigkeit sich auch in des Tastenmanns Antwort auf meine Frage hinsichtlich der Bedeutung des Albumtitels „Planeshift“ niederschlägt.

„Der kann gerne in vielerlei Hinsicht interpretiert werden. Jeder Hörer sollte sich deswegen beim dem Hören unserer Songs sein eigenes Bild davon machen.“

Tja, auch der Titel des Albumnachfolgers „Jabberworks“ wird von Rustam nur lachend als „Geheimnis“ offenbart. Das wird es dann wohl auch bleiben.

Hoffentlich aber bleibt die Live-Performance von Rakoth kein Geheimnis. Auch wenn es im Moment noch danach aussieht: „Großes Interesse hat keiner von uns daran, es ist im Moment zumindest nichts in dieser Richtung geplant. Es sei denn, unser Label offeriert uns eine akzeptable Tour.“

Abschließend verrät mir das stolze Keyboardtalent noch Zukunftspläne: „Derzeit haben wir nur ein einziges Ziel, nämlich die Veröffentlichung unseres kürzlich aufgenommenen neuen Albums `Tiny Deaths`.“ Nach dessen Titelbedeutung frage ich den Keyboarder aber erst gar nicht mehr, denn die Musik darauf wird bestimmt wieder alles erklären.

© Markus Eck, 18.06.2002

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