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Interview: OBSCURANT
Titel: Abscheu gegen Indoktrination

Dieser finnische Fünfer macht seinem Heimatland wahrlich alle erdenkliche Todesmetallerehre. Obscurant entstanden im zweiten Halbjahr 2000, zunächst noch als beseeltes Einmannprojekt. Gegründet von Initiator Luukkainen während dessen heimatlichem Militärdienst, war dem damaligen Soldaten schon bald klar, daß die durch ihn entstandenen herrlichen Kompositionen nach einer richtigen Band gar noch lauter schrien als sein gestrenger Ausbilder.

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Aufgenommen während der Monate März und April 2002, offenbart sich nun die Veröffentlichung des Debütalbums von Obscurant als Glücksmoment für das in die Pflicht genommene Metier.

Mit „Lifeform: Dead“ hat diese überraschend gute Klassecombo eine vollkommen erhaben anmutende Midtempo Death Metal-Kreatur erschaffen, deren Soundgewand vor melancholischen Aggressionsschüben aus allen wertvollen Nahtsäumen zu platzen scheint.

Mitunter majestätisch depressiv erklingend, ist dieses Album spürbar von einer ebenso unheimlichen wie faszinierenden Aura des Bösen erfüllt.

Jedoch gut gesetzter und gleißend leuchtender Glanzpunkte immer wieder aufflammender Passion für erfüllende mentale Zurückgezogenheit nicht entbehrend, kann man sich dem intensiven charismatischen Nachtcharme von „Lifeform: Dead“ schier nicht entziehen.

Ebenfalls nicht entziehen kann sich Anklagesänger und Gitarrenknecht Luukkainen meinen fragenden Nachstellungen.

„Die hauptsächliche Konzeption unseres Debütalbums besteht aus einer Mixtur, welche Todessehnsüchte, Selbstmord und Depressionen beinhaltet. Diese Geisteszustände sind meiner Meinung nach ziemlich inspirierend, da sie manchmal dominierende Abschnitte im Leben der Menschen darstellen. Daher empfinde ich es auch als ziemlich leicht, darüber Songs zu schreiben“, entgegnet mir der Lead-Gitarrist aus Jyväskylä, welches sich ziemlich im Zentrum von Finnland befindet.

So versuche ich nachfolgend auch gleich die zentrale Bedeutung des aktuellen Albumtitels „Lifeform: Dead“ herauszubekommen. Und ich erfahre aus erster Hand: „Bekannter Weise wird der Lebensform einer Person nach ihrem Selbstmord die Definition `Tod` erteilt. Der Titel unseres Debüts steht so auch auf entsprechend ausgestellten Formularen und Dokumenten und so ist er ebenso neutral wie zynisch aufzufassen beziehungsweise zu verstehen.“

Im Weiteren von mir auf die bezwingende Brillanz seines gesamten Songmaterials angesprochen, konstatiert mein Gegenüber, eigentlich nichts Brillantes darin zu wissen. Ansichtssache, wie ich meine. Luukkainen offenbart in diesem Kontext:

„Ich bin bei Obscurant sowohl für die Musik als auch die Songtexte verantwortlich. Ich schreibe die Stücke bei mir zu Hause und bringe das so entstandene Material zu den Bandproben mit. Simpel, aber enorm wirkungsvoll, wie sich bei uns erwiesen hat.“

Wirkungsvoll sind sie, die zehn Düsterohrwürmer auf „Lifeform: Dead“. Inspiriert wird die Kreativität des spürbar leidend singenden Axemans und Maincomposers laut eigener Aussage hauptsächlich durch Depressionen.

„Auch durch Todessehnsucht. Manches Mal entstehen meine Lieder jedoch ohne jede Inspiration. Meine Traurigkeit gibt dann den Kompositionstakt vor.“

Der Stil von Obscurant ist laut Aussage von Luukkainen sowieso das Resultat eines völlig natürlich vollzogenen Entwicklungsprozesses.

„Wenn ich auf meiner Gitarre spiele und mir dabei einige Tonfolgen entgleiten, weiß ich stets sofort, ob es ein Riff für meine Band ist oder nicht. Unser Stil basiert daher auf einer individuellen Entwicklungsreihenfolge, welche wiederum aus ausgewählten Riffs und deren einzelnen Atmosphären besteht. Wenn meine Musik also, wie du sagst, deine Seele berührt, dann schätze ich mal, habe ich das alles schon ganz richtig gemacht.“

Das kann der Finne, welcher Hypocrisy als seine großen Idole anführt, laut sagen.

Dann interessiert mich doch sehr, ob meine zur Sprache gebrachte Einschätzung über einen typisch finnisch anmutenden Gesamtsound des Meisters Ansicht nach Entsprechung finden würde.

„Keine Ahnung“, gibt Luukkainen etwas niederstaplerisch zu Protokoll, „ob unser Death Metal typisch finnisch ist oder nicht. Falls aber doch, passen wir ziemlich gut in diese Kategorie, denn wir klingen schon ziemlich melodisch und melancholisch.“

Unbedingt muß mir mein Interviewpartner auch die Bedeutung des Bandnamens erklären. So ist dem talentierten Komponisten zu entlocken:

„Obscurant steht im eigentlich Sinne für die gegensätzliche Einstellung gegenüber jedweder Indoktrination oder auch die vollkommen ablehnende Haltung gegenüber neuzeitlichem Fortschritt. Paßt einfach perfekt zu uns, denn unser Sound fußt auf einiger Simplizität und vielen musikalischen Basiselementen. Und wenn es zur ideologischen Frage in Obscurant kommt: Wir stehen der Erziehung der Menschheit zu einer gigantischen Schafherde nicht gerade sehr unterstützend gegenüber.“

Das macht mich neugierig, also wird nachgehakt. „Spezifische Ideologien vertreten wir aber nicht. Die Band reflektiert nur einen Teil der individuellen Persönlichkeiten aller fünf Mitglieder, und dieser besagte Teil bezieht hier jeweilig seine größte Substanz aus unserer generellen Abneigung gegen das menschliche Leben und die darin enthaltenen Schwächen. Unser Ziel ist es, mit Obscurant eine depressive Atmosphäre für die Hörer zu kreieren, mit welcher sie sich mental identifizieren können und innerhalb welcher sie sich als Charaktäre entwickeln können.“

Eine ebenso ehrliche wie nachdenklich stimmende Aussage, welcher Luukkainen abschließend sein von mir angefragtes Persönlichkeitsprofil nachschiebt. „Ich bin wirklich sehr zynisch, total antireligiös und außerdem ein notorischer Alkoholiker. Eigentlich empfinde ich es als verdammt hart, mich selbst jemandem zu beschreiben. Vielleicht sollte das aber sowieso irgendjemand anders für mich übernehmen.“

© Markus Eck, 03.10.2002

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