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Interview: NOVEMBRE
Titel: Persönliches Paralleluniversum

Die Brüder Carmelo und Giuseppe Orlando gründeten ihre erste Band 1990, zusammen mit dem Gitarristen Massimiliano Pagliuso firmieren sie schon seit einigen Jahren unter dem Namen Novembre.

Nach anfänglichen Alben wie „Wish I Could Dream It Again“ und „Arte Novecento“ verfeinerte das italienische Trio seine kreativen Ergüsse kontinuierlich, was schließlich zum 2000er Major-Einstand „Classica“ führte. Dank diesem Werk nahm die schwermetallische Öffentlichkeit erstmals breitere Notiz von der anspruchsvollen Kunst musikalischen Leidensempfindens, wie sie Novembre erzeugen.

Der hingebungsvoll inszenierte, betont atmosphärische und stellenweise ebenso rockige wie progressive Gothic Doom Death Metal der Band entbehrt nicht einer Vielzahl an klassisch geprägten Einflüssen, welche die abartig düstere Gesamtstimmung auf den dramaturgischen Werken der drei Römer um ein vielfaches zu potenzieren imstande sind.

Der letzten Veröffentlichung „Novembrine Waltz“ folgt nun der neue Seelenschlürfer „Dreams D´Azur“, ein erneut von massiv melancholischen Emotionsschüben getragenes Album voller tragisch erscheinender Tiefe. Ganz in der dunklen Tradition von Kapellen wie Katatonia und Opeth.

Ganz neu sind die Songs auf „Dreams D´Azur“ allerdings nicht, wie Carmelo aus dem Lager der Band berichtet.

„Nach der Veröffentlichung unseres Debütalbums `Wish I Could Dream It Again` war dieses innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Viele unserer Fans haben über die Jahre versucht, eine Originalpressung davon zu bekommen, oftmals mit vergleichsweise hohen Summen. Wir entschieden uns daher, die Songs von `Wish I Could Dream It Again` in den Outer Sound Studios erneut aufzunehmen, um unseren Fans die Möglichkeit zu geben, auch unserem frühen musikalischen Schaffen teilhaftig zu werden“, erklärt der Gitarrist und Sänger von Novembre.

Nachfolgend muß er darlegen, was für eine Art Mensch er ist. Denn sein entweder bissig aggressiv oder leidvoll klagender Gesangsstil schreit danach, die Intentionen des Urhebers aufzudecken. Wir erfahren:

„Ziemlich schwierig für mich, diese Frage zu beantworten. Eigentlich bin ich ein sehr schüchterner Charakter, auch wenn ich überwiegend sehr selbstbewußt erscheinen mag. So spreche ich nie über mein Inneres, denn dort bin ich schüchtern. Ich lebe in einem persönlichen Paralleluniversum. Ich bin tief innerlich ziemlich verdreht und ich werde demnächst versuchen, mit Hilfe einer Psychotherapie mehr über mich als Person herauszufinden.“

Dieses sehr nachdenklich stimmende Persönlichkeitsprofil des einfühlsamen Künstlers erklärt so einiges in Bezugnahme auf den musikalischen Output von Novembre, welcher dadurch schier perfekt reflektiert wird.

Diese signifikante Mischung aus Dark-, Black- und Gothic Metal entwickelte sich mit der Zeit wie von selbst in den kreativen Köpfen von Novembre, wie Carmelo anschließend berichtet:

„Unser Stil entstand rein durch das Hören von anderer Musik. Alte At The Gates und alte Paradise Lost, sowie viele andere Künstler und Arten von Sounds waren beteiligt an dem kunstvoll gerahmten Klangbild, welches heute Novembre repräsentiert. Es existierte etwas wirklich dunkles und magisches in der Death Metal-Szene, bevor die ganze Symphonic Black Metal-Scheiße und dieser Nu Metal-Mist es erstickten. Glücklicherweise ist jedoch noch nicht alles verloren, denn wir haben ja noch meiner Ansicht nach wirklich großartige Bands wie Katatonia, Opeth, Anathema, My Dying Bride, Beyond Dawn und Rapture.“

Welche imaginativen Bilder sieht Carmelo als visionsgeplagter Schwerenöter, wenn er seiner eigenen Musik mit geschlossenen Augen lauscht?

„Ich sehe definitiv traumhaft erscheinende Bilder. Bildhafte Eindrücke, welche Albumcover oder auch Erinnerungen an die Vergangenheit sein können. Manchmal höre ich sogar Worte, welche dann in Texte oder evtl. auch Titel für unsere Songs umgearbeitet werden. Auch das ist nicht einfach für mich zu erklären, aber es ist auf jeden Fall immer wieder eine überwältigende Erfahrung für mich, mich unseren Songs hinzugeben.“

Und dies gilt bestimmt nicht nur für ihn, was den großen Erfolg von Novembre erklärt.

In der Thanx-Liste von „Dreams D´Azur“ bedankt er sich u.a. auch bei Geistern. (...) Die Erklärung dafür bleibt Carmelo aber leider schuldig, weil die Erinnerung daran zu schlimm für ihn ist. Akzeptiert, aber um die Erklärung des aktuellen Albumtitels kommt er dennoch nicht herum:

„`Dreams D´Azur` soll `Lichtblaue Träume` bedeuten und setzt sich zusammen aus dem Französischen und dem Englischen. Ich vermischte den Begriff Cote d'Azur (Südfranzösische Küste) mit dem ersten Albumtitel `Wish I Could Dream It Again`. Denn die erste Version des Albums hatte ein zerbrochenes Boot an einer wüstenartigen Küste auf dem Frontcover, welches in der französischen Normandie aufgenommen wurde.“

Es liegt kein wirkliches Konzept hinter „Dreams D´Azur“, aber es existieren Elemente, welche des Öfteren in den einzelnen Songs wiederkehren. „So beispielsweise das Meer. Es bedeutet mir irgendetwas, aber ich weiß nicht genau was. Ich spüre, das Meer hat für mich eine spezielle Bedeutung, aber es ist eine tiefere, welche mir nicht recht bewußt ist. Weil auch die zugrunde liegenden Verbindungen für die Musik auf diesem Album auf meinem tiefsten Inneren und meinen geheimnisvollsten Träumen entstammen, kann ich sie nicht wirklich erklären. So lasse ich die Inspirationen hemmungslos auf mich wirken und nehme sie willig an.“

© Markus Eck, 18.11.2002

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