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Interview: NAZARETH
Titel: Anhaltende Linientreue

Als Sänger Dan McCafferty mit seinen beiden Kumpanen Darrell Sweet und Pete Agnew 1966 im schottischen Dunfermline die Combo The Shadettes ins Leben rief, hatten die aufmüpfigen Beteiligten zunächst noch ein eher beschauliches musikalisches Dasein als reine Coverband im Sinne.

Doch bald schon hatten sie es ziemlich satt, sich dort regelmäßig in klitzekleinen Bars und Pubs für ein überwiegend angetrunkenes Auditorium aus der Arbeiterschaft regelrecht zu verschwenden. Zwei geschlagene Jahre sollte es dennoch dauern, bis die beharrlichen Kerle schließlich in Nazareth umfirmierten, um endlich auch mal eigene Songs an den Start zu bringen.

Und wie nicht wenige nachfolgende Hard Rock-Klassiker in Albumform bewiesen, war dies schon eine verdammt gute Idee. Über die vielen Jahre bis heute blieben Nazareth sich und ihrem zeitlosen individuellen Stil grundsätzlich selbst treu und strafen bis heute immer wieder erfolgreich diejenigen Musikkritiker Lügen, welche das Hard Rock-Genre längst beerdigt wissen möchten.

Nicht mal viel beachtete Charts-Ausflüge mit Welthits wie beispielsweise „This Flight Tonight“ aus dem Jahr 1973, die zwei Jahre später veröffentlichte Herzschmerzrocker-Single „Love Hurts“ oder der Sehnsuchts-Dauerbrenner „Dream On“ von 1983 hielten diese schottischen Schergen von ihrer lodernden Leidenschaft für primär raue Klänge ab.

Zum Glück, sonst würden alte und neue Anhänger aktuell nicht in den Genuss des neuen Studioalbums „Big Dogz“ kommen.

Letzteres zeigt die schlitzohrige Veteranentruppe um Altmeister McCafferty nämlich in bestechend gut aufeinander eingespielter Form.

Und dies, ohne aber jedoch auch nur ansatzweise als sterile Pflichtübung von alten Routiniers zu langweilen. Ganz im Gegenteil: Das sympathische Vorreiter-Quartett kreuzt damit sogar überraschend erfrischend und überaus ideenreich auf.

„Mir geht’s blendend heute! Ich bin gerade vorhin aufgestanden, habe prächtige Sonne auf dem Kopf und vor allem im Herzen“, verkündet McCafferty gut gelaunt lachend, der sich zum Interviewzeitpunkt gerade mit seiner Familie in Florida im Urlaub befindet.

Diese kurze Auszeit hat zwei triftige Gründe, so der Vokalist:

„Einerseits muss ich mich von den vorangegangenen Arbeiten zum neuen Album erholen und gleichzeitig möchte ich nötige Kräfte tanken für die anstehende umfangreiche Nazareth-Tour, welche die Veröffentlichung des neuen Albums erfolgreich flankieren soll. Ich brauche diese Pause hier wirklich, denn die folgenden Live-Gigs werden viele an der Zahl sein. Ich denke, wir werden in diesem Jahr so an die 200 Konzerte geben.“

Und wenn er auf die Bühne geht, so Dan im Weiteren, will er schließlich in guter Form für die Fans sein.

„Deswegen hole ich hier in Florida gerade auch nicht wenig Schlaf nach. Leichter ist es ganz sicherlich nicht für mich geworden, monatelang Abend für Abend mit den Jungs auf den Brettern zu stehen. [lacht] Guter und ausreichender Schlaf ist dabei zu einem zentralen Thema für mich geworden, was ich stets aufs Neue an mir bemerke. Vor 30 Jahren noch war das ja überhaupt kein Problem, da hat mein Körper mir immer wieder sehr viel verziehen. Aber heutzutage muss ich da verdammt gut aufpassen. Aber ich habe auch sowieso niemals behauptet, dass es leicht wäre, Dan McCafferty bei Nazareth zu sein. Wir alle arbeiten sehr hart an, in und für die Band. Da bleibt eigentlich recht wenig Freizeit und Zeit für Freunde und Familie. Aber ich stehe nach wie vor voll und ganz hinter unseren Songs und hinter der Band. Uns ist es das Ganze vollauf wert, wir wollen es genau so. Mehr noch, für mich ist es zu meinem Leben geworden. Und ich wüsste ohnehin nicht, was ich sonst auf dieser Welt wirklich Sinnvolles anstellen sollte“, verlässt es den aussagefreudigen Mund des Vokalisten, begleitet von einem wahrlich deftigen Grinsen.

Zur klanglichen Erscheinung von „Big Dogz“ befragt, gibt er mir in kauzigem schottischem Akzent merklich entspannt zu Protokoll:

„Wir nahmen es eher leicht, um ehrlich zu sein, wollten uns also auf gar keinen Fall dafür verkrampfen oder irgendetwas erzwingen. So begannen wir das Songwriting für diese Platte ganz einfach damit, genau das zu machen, was uns selbst am besten gefällt.“ So einfach kann es sein.

Er knüpft zu dieser Thematik an:

„Das Meiste für die neuen Lieder kam von Jimmy Murrison und Lee Agnew, welche sehr gut zusammenarbeiteten für ‚Big Dogz’. Sie machten großartige Arbeit und wir als Band rahmten ihre Ideen dann in unser typisches Soundbild. Ich bin sehr glücklich mit den neuen Songs, das steht für mich schon seit Längerem fest. Denn obwohl viel Abwechslungsreichtum in unserem neuen Material enthalten ist, ist jede gespielte Note 100 % Nazareth. Für mich und auch für die anderen in der Band ist dieser Fakt schließlich von allerhöchster Wichtigkeit neben der Qualität der Songs an sich.“

Und das effizient funktionierende Songwriter-Duo Murrison und Agnew verfasste zum absoluten Großteil auch die neuen Songtexte, so mein Gesprächspartner. Schelmisch grinsend verkündet der reife Schotte:

„Mir war und ist das ganz ehrlich gesagt wirklich sehr recht, so brauche ich mich nicht darum zu kümmern. Ich habe die zwei dabei gerne genau das machen lassen, worauf sie die größte Lust hatten. Ich wusste ja schon auch ganz intuitiv, dass sie mir nicht mit Halbgarem oder für mich Unpassendem ankommen würden. Daher wartete ich gelassen ab, was sie mir letztlich präsentieren würden. Wir sind schließlich sehr gut aufeinander eingestimmt, da kann sich einer auf den anderen perfekt verlassen. Die lyrischen Themen bei uns sind ohnehin immer dieselben, also die Sprache des Herzens, und das direkt von der schmutzigen Straße des Lebens. Nichts Aufgeblähtes oder dergleichen, was anderes würde ich ohnehin nicht singen. Die Jungs wissen das ganz genau. Nazareth stehen für ehrliche Musik mit aufrichtigen Texten, und bei uns hat jeder Song eine ganz eigene Geschichte zu erzählen.“

Im Zuge seiner Aussage wird der Sänger erneut erfreulich humorig:

„Der letzte Track auf dem Album beispielsweise nennt sich ‚Sleeptalker’. Und er handelt von der Angewohnheit unseres Gitarristen Jimmy, im Schlaf zu reden. Er erzählt uns immer wieder die tollsten und unterhaltsamsten Storys, was bei uns für einigen Spaß sorgt. Dann kommt mir noch das Lied ‚No Mean Monster’ in den Sinn: Auf unseren Alben hatten wir manchmal etwas brutal anmutende Frontcover, was uns früher von Übereifrigen einige Kritik einbrachte. Doch letztlich waren es doch immer wir muntere und herzliche Typen, welche die Musik dahinter machten.“

Ich erkundige mich daraufhin bei Dan, ob er eine ganz spezielle persönliche Geheimformel in sich trägt, um solange mit so großer Leidenschaft und Hingabe bei der Sache zu bleiben. Immerhin klebt der Mann laut eigener Aussage seit ganzen 42 (!) Jahren am Gesangsmikrofon.

Und er gibt mir laut und merklich unumwunden preis, als ich ihn frage, ob er sich selbst als Rock-Dinosaurier sieht: „Absolut, genau das bin ich! Ich mag es eben noch immer sehr, mit der Band Musik zu machen. Das ist alles. Wir empfinden es alle so in der Gruppe. [lacht] Das Ganze hält uns sozusagen am Leben.“

© Markus Eck, 18.04.2011

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