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Interview: MOURNING BELOVETH
Titel: Ungeschönte Aufarbeitungen

„Ich habe keine Angst vor dem Tod. Wenn überhaupt in diesem Zusammenhang, dann nur davor, dass meinen Lieben etwas zustoßen könnte.“

Sagt Darren Moore, genau der Mann, welcher bei der wohl erzdüstersten und am licht- und freudlosesten anmutenden Doom Death Metal-Band des gesamten Erdballs seine Stimmbänder gnadenlos schindet.

Also bei den bereits 1992 gegründeten Mourning Beloveth, deren neues und viertes Studioalbum „A Disease For The Ages“ unumwunden als Ursache für eine schwerwiegende psychische Erkrankung beim örtlichen Seelsorger genannt werden könnte.

Die fünf Iren halten damit nicht nur eisern an ihrer bisherigen Linie fest, sondern äußern sich gleichzeitig auch melodramatischer, abgründiger und letztlich psychotischer als je zuvor in ihrer 16-jährigen musikalischen Historie.

Moore, der wie der Rest der Band in einer dorfähnlichen Kleinstadt namens Cill Dara circa 60 Kilometer entfernt von Dublin wohnhaft ist, erfreut sich zum Zeitpunkt des Interviews noch immer am eigenen neuen Werk:

„Das war in dem Maße so noch nicht der Fall: Ich könnte die Platte rauf und runter hören, am besten den ganzen Tag. Die Gründe dafür? Nun, wir sind reifer geworden. Zum einen kommen unsere neuen Kompositionen daher allesamt bestens auf den Punkt, zum anderen ist `A Disease For The Ages` unsere bisher härteste und schwerste Scheibe. Erwähnenswert ist dazu auch noch, dass beispielsweise das 2005er Vorgängeralbum `A Murdeous Circus` sehr viel mehr Gesamtspieldauer hatte und auch dessen Stücke fast schon zu traurig und zu klagend ausfielen“, so der ständig sympathisch grinsende irische Kehlenmasochist.

Wie der gute Mr. Moore dem noch rasch anfügt, sind er und seine Weltuntergangs-Beschwörertruppe auch mit dem Gesamtsound des aktuellen Langspielers überaus zufrieden. „Die neuen Nummern weisen einen genau und dazu sehr hart ins Gesicht schlagenden Klang auf, was wir uns auch ganz genau so vorgestellt hatten. Solcherlei rabiater Sound ist ganz einfach gesagt zweckdienlich.“

Und die lyrischen Inhalte der somit diesmal eben wirklich ultraschwer erschallenden und emotional daher geradezu monströs erscheinenden Begleitmusik zum einstigen Tag des jüngsten Gerichts fokussieren sich genau auf die verkommene Weltsituation. Der Sänger hierzu:

„Auf dieser Ebene reflektieren wir lediglich das gegenwärtige Geschehen. Und wir sind schon seit einiger Zeit extrem angepisst von all dem ganzen schrecklichen Kram, der täglich rund um die Uhr über all die News-Sendungen in die Köpfe der Menschheit transportiert wird. Das ist in höchstem Maße unnatürlich, wie wir finden. Und es wird ja mit anhaltender Tendenz nach oben immer noch exzessiver. Wenn die Mächtigen dieser Welt samt ihren Medienkonzernen so weitermachen, werden sie Geist und Körper der gesamten globalen Menschheit bald nachhaltig geschädigt, wenn nicht gar zerstört haben. Die malträtierten Leute vergessen darüber hinaus ja das wahre Leben und wissen nicht mehr, in welcher Realität sie sich eigentlich befinden. Nicht wenige Menschen kaschieren ihre dadurch resultierenden mentalen Defizite mit allerlei Konsumräuschen etc. Wir hingegen haben uns entschlossen, uns dieser Schweinerei zu stellen, wir verarbeiten das Ganze in unserer Musik.“

Und dass so genannte Weltnachrichten beinahe ausschließlich nur noch Negativismen transportieren, liegt laut Darren aber nicht nur an den Medien selbst.

Der Vokalist bedauert in diesem Zusammenhang:

„Mitschuld tragen auch die Gesellschaften selbst. Denn die Menschen sind ja in erster Linie konsumwütig geworden. Und sie sind dabei größtenteils unfähig geworden, ihr eigentliches Dasein zu meistern beziehungsweise nach ihren ureigenen Bedürfnissen zu gestalten, flüchten sie sich in die bequemere Form der Lebensgestaltung: Durch immer mehr Konsum bauen viele ein pseudo-eigenes und künstliches Lebensbild auf. Und dieses Konsumverhalten schlägt sich eben auch maßgeblich beim Medienkonsum nieder. Weil die überwiegende Masse der heutigen Menschheit also überhaupt nicht mehr zufrieden ist, erträgt sie wohl auch keine `guten` Neuigkeiten beziehungsweise Nachrichten mehr. Es ist ganz einfach angenehmer, wenn man sieht beziehungsweise hört, dass es den anderen noch schlechter ergeht als einem selbst. Die Massenmedien haben dies schnell erkannt und machen sich das Ganze zunutze: Je mehr schlimme und verängstigende Neuigkeiten also, desto mehr einhergehender Konsum, um das zu verdrängen beziehungsweise zu vergessen. Ein unheiliger teuflischer Kreislauf. Noch dazu lassen sich die Leute von den modernen Medien ja auch nur allzu gerne diktieren, wie sie zu denken und zu leben haben. Ein abartiges Desaster für das gesamte Sozialhalten der Spezies Mensch.“

Gleichsam wahr und weise gesprochen, kann man da nur feststellen. Doch Darren, kein Blatt vor seinen irischen Mund nehmend, legt noch einen drauf:

„Vergegenwärtigt man sich dann noch der irrwitzigen Tatsache, dass additional dazu bald nur noch (Zukunfts)Angst in reinster Form durch mannigfaltige Bedrohungsszenarien unters Volk gebracht wird, erscheint diese Gesamtmischung aus perfiden Manipulationsmechanismen wahrhaft verheerend. Daher sollte man sich sein Leben davon auf gar keinen Fall vorschreiben beziehungsweise versauen lassen.“ Ganz richtig. Denn bevor man stirbt, sollte man zuallererst mal gelebt haben.

© Markus Eck, 27.04.2008

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