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Interview: MORGUL
Titel: Obskure Solovorstellung

Anfang der 1990er liefen sich in Norwegen zwei gleich gesinnte Dunkelmänner über den Weg, die ein verbindendes Faible für schwarzes Metall fortan miteinander teilen wollten.

Morgul war geboren. Charmock (v./b./g./synth.) und Drummer Hex veröffentlichten nach einiger Zeit des musikalischen Reifeprozesses 1997 das Debüt „Lost In The Shadows Grey“. Es bot sehr guten melodischen Black Metal, den man aufgrund seines rasenden Tempos und der ständigen atmosphärischen Spannung schlagartig ins Herz schließen konnte.

Ein Jahr später gab es mit dem Album „Parody Of The Mass“ einen saftigen Nachschlag, auf dem die symphonische Komponente gar noch einen Tick gesteigert worden war. Mit der Zeit traten jedoch differierende Ansichten der beiden lichtscheuen Akteure hinsichtlich der zukünftigen musikalischen und konzeptionellen Ausrichtung Morgul's auf.

Multiinstrumentalist Charmock zog die ihm einzig richtig erscheinende Konsequenz daraus und verwirklichte seine Visionen fürderhin als Einzeltäter.

Er änderte sein Pseudonym in Jack D. Ripper und mit ihm auch das Erscheinungsbild seiner Musik.

Letztes Jahr zeigte „The Horror Grandeur“, das dritte Morgul-Album, was für ein enormes Potential der vielseitige Künstler doch auf dem Kasten hat. Und ein bis dato nicht gehörtes Klangerlebnis stellt auch das neue Werk „Sketch Of Supposed Murderer“ dar, welches seinen Urheber als nicht minder ungewöhnlich erscheinen lässt.

„Sketch Of Supposed Murderer“ beinhaltet wie schon der Vorgänger „The Horror Grandeur“ eine vielseitige bizarre Mischung aus traditionellem, mitunter pechschwarzem Metal und orchestralem Bombast. Mittels einer gehörigen Portion an apokalyptischen Industrial-Sounds und den typischen melancholischen Geigen wurden erneut markante Klänge eingebracht.

Hymnenhafte Chöre leisten neben dem diabolischen Gesang ein Übriges, um die beklemmende Vorstellung abzurunden. Boten die ersten beiden Veröffentlichungen von Morgul also rein musikalisch gesehen noch neuzeitlichen und monumentalen Black Metal, so driften die Klänge nun immer mehr in ruhigere Gewässer ab.

Jack D. Ripper ist seit jeher fasziniert von den abscheulich grausamen Taten mordlustiger Psychopathen, wie er im Gespräch bekennt.

„Seit ich Morgul im Alleingang betreibe, habe ich erst gemerkt, wie gut meiner Kreativität ein freies und unabhängiges Arbeiten bekommt. Mußte ich früher noch auf diverse Dinge Rücksicht nehmen, kann ich heute meinen Ideen freien Lauf lassen. Als ich mit Morgul anfing, war das Black Metal-Feeling noch ein anderes als heute. Schon vor einigen Jahren wollte ich den Sound von Morgul verändern.“

Der Meister ergänzt dazu: „Ich war mir noch nicht sicher, in welche Richtung ich gehen sollte. Nachdem ich allein weitermachte, kam ich dann langsam zu dem, was ich heute mache. Mich nerven ehrlich gesagt die meisten Bands dieser Richtung mittlerweile sehr. Die machen ja doch schon seit Jahren dasselbe. Wie ein Teebeutel, der immer wieder ins heiße Wasser gehängt wird. Irgendwann gibt er keinen Geschmack mehr her.“

Ein interessanter und passender Vergleich. Das wollte sich Jack jedoch auf keinen Fall nachsagen lassen. „Durch mein Interesse für alles, was mit Horror zu tun hat, kam ich mit der Zeit auf den Trichter mit der beängstigenden Aura des heutigen Morgul-Sounds. So lang ich denken kann, hat mich das Böse im Menschen fasziniert. Trotz anfänglicher Furcht vor der sich offenbarenden Grausamkeit begann ich die Bücher über meinen Namenspaten und seine `Kollegen` regelrecht zu verschlingen. All die menschlichen Bestien, die als Serienkiller mit ungeheuerlichen Taten in die Annalen der Kriminalgeschichte eingingen, haben es mir angetan. Mir tat sich beim intensiven Studium der Materie ein schier unerschöpflicher Fundus an morbider Inspiration auf. Man möchte es oft kaum glauben, wozu Menschen fähig sein können.“

Jack beschäftigt sich laut eigenem Bekunden seit vielen Jahren mit den Taten und Biografien von widerlichen Serienmördern, welche oftmals durch ihre genial geführten Doppelleben lange nicht gefasst werden konnten.

„Es ist der morbide Horror und die große Angst vor solchen Bestien, die mich kreativ sehr beeinflussen. Für mich stellt das Lesen solcher Bücher die denkbar beste Inspiration dar. Auf `Sketch Of Supposed Murderer` habe ich einen Großteil des Materials dieser Thematik gewidmet“, erzählt er mit ruhiger und besonnener Stimme.

„Ich benötige keinerlei sonstige Denkanstöße. Der Rest kommt direkt aus meinem tiefsten Inneren. Durch das Komponieren der Musik und Verfassen der Texte komme ich auf diese Weise mit allen Seiten meiner Psyche in Berührung. Ich lasse mich von Aggression und Wut, aber auch Trauer und Sanftmut leiten. Es ist immer wieder sehr interessant für mich, in mich hinein zu sehen.“

Das kommt auch im Gesang des Meisters ausreichend zur Geltung, welcher laut seiner Aussage bewusst noch vielfältiger gestaltet wurde. „Ich versuche mit meiner Stimme die verschiedensten Emotionen zu intonieren, um differierende Gefühlsströmungen zu erzeugen. Ich habe hart an meinem Gesang gearbeitet, um mit der gesamten Musik Schritt halten zu können. Und ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden.“

Die Vermutung liegt nahe, das Mr. Ripper in seinen Liedern solche authentischen Greuel verarbeitet, was Songtitel wie „Dead For A While“ oder auch „Truth, Liars and Dead Flesh“ scheinbar bestätigen.

„Nein, das wäre mir dann doch zu billig. Ich schreibe lieber über hypothetischen Horror, der jedoch im realen Leben auch jedem von uns widerfahren könnte. Das macht für mich den großen Reiz an meinen Storys aus. Bin ich einmal in einer Idee, wachsen meiner Phantasie riesige Schwingen, die mich dann in gruselige Träumereien mit sich forttragen.“

„Sketch Of Supposed Murderer“ mit seinen neun Ausflügen in eine Welt voller Greuel ist wahrlich ein sehr schauriger und düsterer musikalischer Trip ins Kabinett des Horrors geworden.

Der Name Morgul, übrigens ein schwarzmagischer Begriff aus Tolkiens „Herr der Ringe“, wird seiner Symbolik erneut vollauf gerecht.

Hoffnung oder ein wenigstens winziger Funken Positivismus flackern während der ganzen Spieldauer nicht auf.

Produziert wurde „Sketch Of Supposed Murderer“ erneut von Producer Terje Refsnes, der auch schon durch seine Arbeit mit Tristania, Sins Of Thy Beloved und Alastis überzeugte.

In den französischen Sound Suite Studios bemühte sich also wieder ein eingespieltes Duo:

„Als ich mich dorthin aufmachte, hatte ich ungefähr 50 % des Songmaterials beisammen. Terje, der mir auch schon bei meinem letzten Album ein wichtiger Mentor und eine große Hilfe war, hing sich auch diesmal richtig rein. Er zeigte mir oftmals intuitiv den richtigen Weg auf, den manche meiner Songs letztendlich zu gehen hatten, um nicht in einer kreativen Sackgasse zu enden. Mit der Zeit entstand im Studio genau die dunkle und beklemmende Atmosphäre, die ich mir gewünscht hatte und wir arbeiteten oftmals bis zu neun Stunden am Stück pro Tag. Gelacht wurde selten; wir waren regelrecht besessen von meinen Songs und wollten ihnen das Maximum an beängstigender Bösartigkeit einbringen. Ich bin mit ihm sehr zufrieden und möchte auch zukünftig wieder mit ihm arbeiten. Terje ist ein sehr kreativer Tüftler und verfügt über die Gabe, einem an sich bereits fertigen Song noch mit einigen eigenen Ideen vorher nicht erahnte Bestandteile beizusteuern. Er gab mir wieder wichtige Impulse, die mich als Künstler ganz schön aus der Reserve lockten. Aber das trieb mich nicht in die Enge, sondern verschaffte mir ständig neue Perspektiven für meine Kompositionen.“

Auf der Bühne wird man Morgul wahrscheinlich niemals zu sehen bekommen. Der Einzelgänger hat seine Songs noch niemals live gespielt und die Zukunft wird daran auch höchstwahrscheinlich nichts ändern:

„Nein, das ist eigentlich nichts für mich. Dazu ist meine Musik zu atmosphärisch. Jedoch soll man niemals nie sagen. Falls die Verkaufszahlen von `Sketch Of Supposed Murderer` astronomische Höhen annehmen werden, könnte man eine aufwendige Show mit Session-Musikern in Betracht ziehen. Der überwiegende Großteil der orchestralen Parts müsste dann aber allerdings mit Playback vom Band in Szene gesetzt werden.“ Und Jack bleibt bei seinem Konzept: „Ich werde den Weg von Morgul konsequent weitergehen und zukünftig noch eingängigere Stücke schreiben.“

© Markus Eck, 28.09.2001

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