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Interview: MIDNATTSOL
Titel: Zu Ehren der Naturschönheiten

Dieses deutsch-norwegische Sextett liefert mit seinem aktuellen Debütalbum „Where Twilight Dwells“ ein melodisch verspieltes Nordic Folk Metal-Werk in allerbester skandinavischer Epik-Tradition.

Die Bandgründung ist auf das Jahr 2002 datiert, ihr folgte schon bald ein selbst betiteltes Demo mit zwei Songs namens „Desolate“ und „Dancing In The Midnightsun“. Qualität und Ausstrahlung dieser beiden Kompositionen von Midnattsol (übersetzt: Mitternachtssonne) waren bereits dermaßen hoch, dass erst der Underground, dann ein Label damit begeistert werden konnte.

Mit Recht, denn ihre Sehnsüchte erweckenden Oden an die Pracht der nordischen Natur, geprägt von unschuldig wirkender Melancholie, versetzen Midnattsol trotz mitunter kantiger Klanghärte mit geradezu verträumter Anmut – künstlerisch überaus gehaltvoll und dabei doch verführerisch schön.

Und nicht nur mit den weiten atmosphärischen Ausläufern ihrer vordergründig romantischen Klangvielfalt wissen Midnattsol ihre Hörer zu betören.

Mit Elfenkehle Carmen Elise Espenæs meldet sich zudem die jüngere Schwester von Liv Kristine Espenæs Krull in charismatisch bezaubernd sanfter Gesangsmanier zu Wort.

Die Vita von Midnattsol in Worte hingegen fasst sie mitsamt Gitarrist Christian Hector, mit dem sie die Band zusammen ins Leben rief.

Zum Zeitpunkt des Interviews plagt die hübsche 19-jährige Vokalistin eine Erkältung, aber ansonsten geht es ihr gut, wie sie erzählt.

„Ich liebe die Winterzeit; Ich wache morgens auf und schaue raus auf die weiß bedeckten kleinen Dächer, und es macht mir großen Spaß draußen zu sein, wenn man die frische Luft und die idyllische Landschaft sieht. Außerdem macht es mir immer noch sehr viel Freude mit Midnattsol Musik zu machen, ich freue mich auf jeden Tag mit meinen Bandkollegen, wir sind schon nach den `kurzen` zwei Jahren fast wie eine kleine Familie“, bekennt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Carmen Elise wohnt in der Schillerstadt Marbach, ein kleinen Stadt in der Nähe von Stuttgart.

„Ich bin vor zwei Jahren aus Norwegen hierher gekommen, um hier mit meiner Schwester mehr Zeit verbringen zu können und um an der Universität in Stuttgart studieren zu können. Außer unserer Bassistin Birgit Öllbrunner, die in der Schweiz lebt, wohnen die anderen Bandmitglieder auch hier in Süddeutschland.“

Axeman Christian, der Mann mit dem hypnotischen Blick, schaltet sich nachfolgend zum Themenbereich inspirative Einflüsse ein. „Größtenteils ziehen wir unsere Einflüsse aus jahrelangem Umgang und Hören nordischer Musik. Im Moment sind zumindest meine größten Einflüsse eher Undergroundbands, die in Deutschland eigentlich noch keiner breiten Masse bekannt sind. Hier möchte ich vor allem Moonsorrow hervorheben, eine der exzellentesten und talentiertesten Bands dieses Genres. Daneben beeinflussen uns aber auch bekanntere Acts wie New Model Army, alte Anathema, alte Amorphis-Alben und ganz am Rande auch Kultformationen wie beispielsweise Bathory. Im klassischeren Folk-Bereich möchte ich natürlich nicht Garmana oder eine Loreena McKennitt vergessen aufzuzählen.“

Seine Mitstreiterin ergänzt: „Bei mir sind das auch viele verschiedene. Am besten gefallen mir Anathema, die auch sehr viel Einfluss auf mich ausüben. Ich liebe den stimmungsvollen Gesang ihres Sängers. Sonst höre ich auch Opeth, My Dying Bride, Amorphis und auch Dead Can Dance sehr gerne.“

Carmen Elise erklärt im Anschluss daran gleich den Stil von Midnattsol. „Nordic Folk Metal nennen wir unseren Sound, weil es Metal mit typisch nordischen Folk-Einflüssen ist. Es ist eine Musik mit harten Gitarren und schönen folk-lastigen Melodien, für mich persönlich eine sehr stimmungsvolle, mystische und manchmal auch romantische Musik.“

Die Schönheit und Mystik der Natur beziehungsweise deren vielfältige Stimmungen leiten die Sängerin beim Texten der Songs maßgeblich, und ihre Gedanken dabei spielen sich immer in der Natur von Norwegen ab, so gibt sie zu verstehen.

„Von daher ist die nordische Natur immer explizit oder implizit in den Texten von Midnattsol enthalten. Ich möchte aber damit nicht sagen, dass ich nur über die Natur schreibe – zeitlose Themen oder Stimmungen wie Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit und Traurigkeit sind ebenfalls enthalten. Aber wie gesagt, immer in gewisser Weise mit der Natur verbunden. Die Themen oder die Stimmungen, von denen ich schreibe, sind nicht von einem bestimmten Konzept abhängig, sondern sind daher Gefühle, Gedankenfetzen oder Erfahrungen, die ich hatte oder habe. Von daher sind die Songtexte auch persönlich mit mir verbunden. Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit, die Mystik der Natur, Träume; es ist alles dabei. Außerdem sollte jeder für sich selbst die Texte interpretieren, weil nicht der ursprüngliche Sinn das Wichtigste ist, sondern was die Texte für unsere Hörer persönlich bedeuten. Manchmal wenn ich die Platte höre, lass ich mich fallen, und dann vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich selber singe, und denke mir: Wie schön, ich bin nicht die Einzige die solche Gedanken hat.“, lächelt das reizvolle Gesangstalent.

Für sie ist es beinahe schwierig, ihre Freude und Anspannung bezüglich der anstehenden Live-Gigs in Worte zu fassen: „Ich freue mich schon sehr darauf. Und ich hoffe so sehr, dass eine gute Chemie zwischen den Zuhörern und der Band entstehen wird, und dass wir unserem Publikum eine mystische, abwechslungsreiche und nicht zuletzt gute musikalische Show geben können. Doch ich persönlich bin sehr zufrieden mit dem aktuellen Album und natürlich auch ein wenig stolz darauf, denn es ist so geworden, wie ich es mir immer erhofft hatte. So sehe ich unseren kommenden Konzerten letztendlich mit großer Zuversicht entgegen.“

Christian, selbstkritisch, pflegt sich dagegen im Understatement. „Es ist natürlich immer schwierig sein eigenes Album einzuschätzen, obwohl man die Musik beim Entstehungsprozess immer für sich selbst schreibt und der Konsument erst einmal außen vor bleibt. Zuletzt liegt es dann aber doch immer beim Hörer die Qualität eines Albums zu bewerten und das werden wir spätestens dann erfahren, wenn `Where Twilight Dwells` dann in die Läden kommt.“

Seiner Bandkollegin überlässt der Saitenmann im Weiteren die Darlegung des Bandnamens.

„Das Phänomen der norwegischen Mitternachtssonne ist erstmal eine Schönheit an sich, und die Verbindung des Bandnamens zur Natur war mir und den anderen auch sehr wichtig, da sie uns alle auch sehr beeinflusst. Das besondere an der Mitternachtssonne ist aber, dass sie in der Nacht `wirkt` und einen unwirklichen Schein über die Dunkelheit legt. Ich weiß nicht, ob das bereits bekannt ist, aber es hieß in den alten Geschichten aus Norwegen, dass Trolle und andere mythische Gestalten nur während der Zeit der Mitternachtssonne ihr Unwesen treiben konnten, da sie in der Tagessonne vergehen würden. Von daher bezeichnet die Mitternachtssonne natürlich auch eine mystische Zeit und Stimmung. In diesem Zusammenhang sollte ich erwähnen, dass zu unserer Debüt-CD auch ein Buch über genau dieses Thema via www.edition42.net erscheinen wird. Wann genau kann ich derzeit noch nicht sagen.“

Christian fügt an: „Man muss dieses Phänomen einmal selbst erlebt haben. Auf gewisse Weise ist man danach nicht mehr derselbe.“

Laut Carmen Elise sollte jeder für sich entscheiden, wie der Albumtitel „Where Twilight Dwells“ individuell interpretiert wird. Für sie persönlich gibt es da keine Universal-Antwort:

„Ich kann dazu eigentlich nur sagen, was ich mir dabei gedacht habe: Im Zwielicht ist auch immer ein bisschen Helligkeit, also nicht nur das Dunkle. Im übertragenen Sinne bedeutet dies also für mich, dass, egal wie tief man fällt, es immer etwas Positives im Leben gibt. Es gibt immer einen Lichtblick in all der Düsternis, vor allem in der schönen Natur, und es gibt auch immer eine Lösung. Heutzutage wo überall Egoismus, Kapitalismus und Konzentration auf das Äußerliche herrscht, ist es gut an solche Dinge zu erinnern – obwohl das Leben manchmal tatsächlich verdammt brutal sein kann, was ich auch selbst oft genug erleben musste.“ Ihr hilft es daher sehr, wie sie selbst sagt, in den meisten Fällen – um eine bessere Einstellung zum Leben zu haben – immer wieder an diese Lichtblicke zu denken.

Carmen Elise hofft darum inständig, dass Midnattsol mit „Where Twilight Dwells“ ein Album geglückt ist, das auch nachhaltig etwas bewirken und vielen Menschen etwas ganz Spezielles geben kann. „Musik, mit der sich jemand wohl fühlt und die immer wieder gehört werden kann. Außerdem, wenn ich ganz ehrlich sein soll, hoffe ich auch, dass niemand die Platte kaufen wird nur weil ich die Schwester von Liv Kristine Espenæs Krull bin.“

Abschließend gibt sie noch einige Pläne mit ihrem Ensemble kund: „Ich hoffe, ich werde so lange wie möglich Musik mit Midnattsol machen. Es ist immer wieder fantastisch für mich, eine Idee mit den anderen Bandmitgliedern in Musik umzusetzen. Wenn die Musik von Midnattsol etwas ganz Besonderes im Innern der Hörer bewirken kann, dann ist einer meiner größten Wünsche erfüllt. Wir sind alle sehr gespannt auf die Konzerte, die wir bald spielen werden, und wir freuen uns auch schon riesig auf die Leute da draußen!“

© Markus Eck, 19.12.2004

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