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Interview: MEGAHERZ
Titel: Mit Positivismus durchs Chaos

Mit dem Titel ihres neuen Albums können die hartnäckigen Münchner Industrial Rocker nicht nur in Sachen befremdlicher Zeitgeist punktgenau ins Zentrum der gesellschaftlich großflächigen Zielscheibe treffen.

Denn auch für die überwiegend verdüsternd daherkommenden Kompositionen auf „Zombieland“ knieten sich Megaherz bemerkenswert tief in die eigene Schöpfungskraft hinein. Dies bringt nun sehr viel homogeneres Songmaterial mit sich.

Mit dem passend benannten Nachfolger zur 2012er „Götterdämmerung“ offenbaren sich Vokalist Alexander ,Lex‘ Wohnhaas, die beiden Gitarristen Christian ,X-ti‘ Bystron und Christoph Klinke, Tieftöner Werner ,Wenz‘ Weninger sowie Drummer Jürgen ,Bam‘ Wiehler als stilistisch vollauf linientreue Genreprotagonisten.

Gleichzeitig stellt der fest verschweißte Männerverbund auch die Fähigkeit zum musikalischen Wandel überzeugend dar.

Frontmann Lex bekennt cool, dem neuesten Langdreher seiner Band umso nervöser und positiv aufgeregter entgegenzusehen, je näher dessen Release rückt.

„Aber das muss ja auch so sein, denn sonst wäre einem die eigene Arbeit auch nicht wichtig.“


Was das Genre Neue Deutsche Härte angeht, so dürfen sich die Megaherzen darin getrost zu den Vorreitern zählen. Was geht in Lex vor, wenn er von den damaligen Anfängen in 1993 bis heute zur Formation resümiert?

„Ich glaube schon, dass Megaherz immer die unkonventionellste Band in diesem Genre war und auch geblieben ist. Klar, Megaherz hat mit Rammstein, Oomph! und einigen anderen Bands das Genre geprägt und wir gehören wirklich zu den Pionieren der ersten Stunde. Aber im Prinzip gibt es kein Megaherz-Album, das wie das andere klingt. Wir haben immer versucht, an uns und unserer Musik zu arbeiten. Haben auch immer wieder mit anderen Stilmitteln experimentiert. Manchmal etwas mehr Elektro, dann wieder mehr Gitarren und Metal. Bei der ,Götterdämmerung‘ haben wir uns auch vermehrt melodiöseren Lines geöffnet. Und diesmal bei ,Zombieland‘ haben wir, so glaube ich, die perfekte Mischung gefunden. Außerdem konnte ich hier zum ersten Mal die komplette Bandbreite meiner Stimme ausnutzen. Auch das ist ein Stilmittel, das wir neu eingesetzt haben. Die Songs sind nicht mehr, wie leider so oft im NDH, nur tiefer Sprechgesang und Shoutrefrains, sondern es gibt tolle Melodien, große Hymnen, die einem im Schädel hängen bleiben. Und das Ganze ist untermauert von satten Gitarren.“

Die szeneübergreifend etablierten bayerischen NDH-Vorreiter liefern mit der aktuellen Liederkollektion sozusagen den rastergenauen Soundtrack zur Gegenwart. Lex erläutert:

„An dem Begriff ,Zombie‘ und an den dementsprechenden Bildern kommt man ja heute gar nicht mehr vorbei. Und ich muss dazu auch sagen, dass es bei uns in der Band einige Fans dieses Genres gibt, mich natürlich eingeschlossen. Ich glaube, Christian kennt alle Folgen von ,Walking Dead‘ auswendig. Mein Zombie-Lieblingsfilm der letzten Jahre ist ,Warm Bodies‘. Toller Film und urkomisch, kann ich jedem empfehlen. Aber eigentlich hat mich die Musik des Songs erst zu dem Thema inspiriert. Die Atmosphäre ist unglaublich düster und das Riff hat so etwas Krankes, Kaputtes, dass sich relativ schnell für mich im Kopf die Zeile ,Willkommen im Zombieland‘ geformt hat. Das aus dem Songtitel dann auch der Albumtitel wurde, hat nur damit etwas zu tun, das wir erstens Zombiefilme mögen und zweitens auch fürs Artwork sofort Bilder im Kopf hatten, die wir unbedingt umsetzen wollten. Aber ,Zombieland‘ ist kein Konzeptalbum. Also erwartet bitte keine zwölf Songs über Zombies.“

Der neue Plattentitel passt in der Tat geradezu perfekt als Oberbegriff für den neuen Zeitgeist.

Wie sehr und wie bereitwillig fügt sich jemand wie ein erwachsener Lex da überhaupt noch ein?

„Also, Zombies sind vielleicht gerade hip, aber sie als den Oberbegriff eines neuen Zeitgeists zu feiern, das käme mir nicht in den Sinn. Falls du damit anspielst, wir würden damit auf ein gerade funktionierendes Konzept aufspringen, kann ich auch dazu nur sagen, dass mag jetzt vielleicht so aussehen, weil es grad so passt, aber so läuft das nicht beim Song- und Texteschreiben. Jedenfalls nicht bei mir. Ich brauche auch einen Inhalt, eine Message, die mir wichtig ist. Nur einfach einen Song über Zombies zu schreiben, weil es gerade im Fernsehen eine hohe Aufmerksamkeit hat, das käme mir gar nicht in den Sinn. Und da würde bei mir auch nur ein ganz mieser Text dabei rauskommen.“

Die gesellschaftliche Welt wird offenbar de facto immer noch spaßsüchtiger, flacher beziehungsweise oberflächlicher, entseelter, egomanischer, konsumgeiler und letztlich eigentlich dümmer etc. gemacht.

Die medialen Manipulatoren sind listig, schonungslos und verhängnisvoll erfolgreich. Fatal. Bei Meister Lex haben sie allerdings keine Chance mit ihrem diabolischen Programm, oder?

„Du sagst es. Wir steuern direkt auf ein moralisches, seelisches, wirtschaftliches und politisches Armageddon zu. Alle Weltverschwörungsfanatiker werden daran ihre helle Freude haben. Ebola, Kriege, wohin man sieht, Flüchtlingswellen, Klimaerwärmung. Es wird langsam ungemütlich auf unserem Planeten. Wir leben hier in Europa noch in einer kuscheligen, behüteten Wohlfühloase, aber das Chaos und das Elend klopfen schon an unsere Pforten. Ein guter Freund, seines Zeichens Vermögensberater, meinte schon vor Jahren zu mir: ,Leg‘ ein bisschen Gold zur Seite - da musste ich lachen, als ich auf meinen Kontostand geschaut habe - und kauf‘ dir eine Knarre und viel Munition. Ja, ich kenne solche Leute, auch wenn ich kein großes Vermögen besitze, und sie können durchaus sympathisch sein. Und das ist jemand, der anderen ins Gesicht lügt, wie gut unsere Wirtschaft läuft und dass Aktien momentan die allerbeste Wertanlage sind. Ein wenig paranoid kann man da schon werden. Und selbst wenn sie tatsächlich den Euro irgendwie noch retten werden, verwetten sie dafür unsere Altersvorsorge auf den Märkten. Wer weiß, wann das Licht ausgeht und ob es das Ende ist oder ein Neubeginn, damit dann alles wieder von vorne losgeht. Aber trotz aller Schwarzmalerei kann es mir den Spaß am Reimen und Leben nicht verderben. Denn mein Humor ist das letzte, das stirbt.“

In den feisten westlichen Industrienationen hockt bald jeder zweite verzweifelt beim Psychiater, während der (wirtschaftlich ärmere) Rest der Welt sich mehr oder weniger dauerhaft bekriegt. Wie könnte man diese unselige Entwicklung seiner Ansicht nach denn überhaupt noch aufhalten?

„Das ist wie die berühmte Frage nach dem Sinn des Lebens bei Monthy Python. Wenn jemand eine genaue Antwort darauf weiß, dann soll man mir Bescheid sagen. Diese Welt ist ungerecht, weil wir Menschen ungerecht sind. Und die Bequemlichkeit ist die mieseste Schwäche von uns allen. Es gibt ein berühmtes Theaterstück von Thornten Wilder, das heißt ,Wir sind noch einmal davongekommen‘. Herrlich sarkastisch. In drei Akten wird dort beschrieben, wie die Menschen vor jeder Katastrophe erst mal alles klein reden und verharmlosen. Wie sie im Augenblick der größten Not resignieren und alles über sich ergehen lassen. Und danach, wenn sie es überlebt haben, ganz schnell wieder alles vergessen und von vorne die gleichen Fehler begehen. Vielleicht müssen erst die Affen diesen Planeten erobern. Schlechter als wir können‘s die auch nicht machen.“

Es geht also global insgesamt wohl tatsächlich schnurstracks in Richtung „Zombieland“.

Dabei zieht das Tempo der Denaturierung, Pervertierung und geistiger Entmündigung gerade die letzten zehn Jahre verdammt stramm an, so haben viele Menschen den Eindruck.

Was denkt Lex hinsichtlich eines solchen Endspurts der Vollverblödung und wie sehr beschäftigt den Sänger das persönlich überhaupt?

„Na ja, sieh‘ es doch mal so: Bildung ist verdammt gefährlich. Menschen, die denken, machen Blödsinn, stellen Dinge, die momentan so gut für ein paar Wenige laufen, in Frage. Da ist es durchaus praktisch, die große Masse in Watte zu packen und mit dummem Junk-Food-Fernsehen ruhig zu stellen. Dazu noch jede Menge Videogames, die einen in der Virtual-Reality gefangen halten, und schon regt man sich gar nicht mehr so auf, dass man sich für einen beschissenen Stundenlohn den Arsch für andere aufreißt, welche viel, viel, viel mehr haben. Dermaßen beeinflusst, betrachten viele ihre Sorgen sinnbildlich gesehen höchstens noch mit einem Fernglas. Denn so weit ist unsere Gesellschaft inzwischen auseinander gedriftet.“

Die neuen Megaherz-Songs wirken jeder für sich sehr weit ausgereift. Wie der Vokalist berichtet, wollten die Beteiligten auf dieser Scheibe alles ein wenig anders machen.

„In unserem Genre macht sich eine furchtbar langweilige Gleichmacherei breit. Man kopiert anstatt innovativ nach vorne zu gehen. Gerade die jungen Bands enttäuschen mich da. Man hört dort viel zu sehr die Idole heraus, anstatt rotzfrech das Establishment anzugreifen und Althergebrachtes mit dem Vorschlaghammer einzureißen. Alles ist nur noch ein Geschäft. Schnapp‘ dir die Melodie von der Band, den Rhythmus von einer anderen, mach‘ auf den Sänger von Band XY und fertig ist der Gothic-Hit! Wir haben mit Sicherheit nicht das Rad neu entdeckt, aber die Songs sind so abwechslungsreich und tief wie auf noch keinem Album zuvor. Und bei Megaherz kann man sich wenigstens immer sicher sein, dass man uns aus dem Einheitsbrei heraus hört. Ob man es dann scheiße findet oder genial ist dann einfach nur noch Geschmacksache.“

Die neuen Kompositionen eint eine gewisse visionäre Aura. Sowie eine bittersüße, melodramatische Attitüde. Befragt, ob das jeweils so beabsichtigt war, kontert Lex mit einem süffisanten Grinsen auf der Miene:

„Worauf du einen lassen kannst! Insgesamt ist ,Zombieland‘ ein euphorisches, ja, optimistisches Album. Denn, auch wenn Songs wie der Titeltrack, ,Schwarzer Engel‘ oder ,Fanatisch‘ eher wieder die düstere Seite von uns beschreiben, ist doch die Großzahl der Songs optimistisch nach vorne gerichtet. Denn tief in meinem Inneren kann ich nicht den Glauben aufgeben, dass hinter all dem Wahnsinn, den wir uns selber antun, ein tieferer Sinn steckt, an dessen Ende etwas Gutes herauskommt. Ich stehe eben nun mal voll auf Happy-Ends.“

Im Schnitt dauerte es, so der lässig sprechende Fronter, auch diesmal immer ganz unterschiedlich lange, bis er einen der neuen Liedertexte für „Zombieland“ komplett mit Feinschliff fertig hatte. So gibt es gar Texte, wie er freudig erzählt, die geradezu in seinem Kopf explodieren.

„Wie beispielsweise für den Song ,Himmelsstürmer‘. Als ich die Musik dazu bekommen und den Refrain des Liedes gehört habe, haben sich sofort entsprechende Bilder vor meinem geistigen Auge ergeben. Bildhafte Visionen, die man im Sinn hat, wenn es darum geht, abzuheben, loszustürmen oder dem Himmel direkt nach oben entgegen zu fliegen. Ich glaube, ich habe die erste Fassung des Textes in einer Nacht geschrieben. Andere Texte wiederum wie zum Beispiel für ,Gegen den Wind‘ haben über ein halbes Jahr gebraucht. Über sechs Monate, in denen ich immer wieder an den Zeilen gefeilt habe, jedes Wort abgewägt, verworfen und neu definiert habe. Der Song ist sehr einfach, direkt und klar. Das sind meistens die schwierigsten Texte.“

Was ihm in den verzwicktesten Passagen beim Lyrisieren am besten geholfen hat, fällt dem Mann schwer zu definieren. Dennoch lässt Lex tiefer blicken. „Einzelne Momente kann ich da direkt gar nicht benennen. Es ist wichtig einen Zugang zu einem Thema zu finden und dann die richtigen Worte dafür. Bei ,Schwarzer Engel‘ war es beispielsweise so, dass ich einen Song zum Thema Crystal Meth und die verheerende Wirkung auf deren Konsumenten beschreiben wollte. Ich habe deswegen mehrere Berichte gesehen und war schockiert, was diese Droge aus den Menschen macht. Ich hatte schon zig Versionen, Zeilen und Bilder niedergeschrieben. Aber mir fehlte dieses eine Bild, mit dem ich alles beschreiben und auf dem ich den Text aufbauen kann. Dann habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, irgendeinen Gothic-Text gelesen, der mal wieder mit allen möglichen Plattitüden überladen war und der mich eher gelangweilt hat. Aber irgendwo kam der Begriff ,Schwarzer Engel‘ darin vor. Und plötzlich war mir für den Text, an dem ich bereits schon Wochen gearbeitet habe, alles klar. Der Schwarze Engel ist der Tod, der mich verführt und Flügel verleitet. Er nimmt mich mit ins Reich des Vergessens, auf dass ich mich selbst vergesse und ihm unweigerlich bis zum bitteren Ende folge. Der Song ist unheimlich düster und ich weiß nicht, ob ich ihn anhören kann, wenn ich mal mies drauf bin.“

Nachfolgend knöpft sich der Interviewdialog die Songtitel von „Zombieland“ gemeinsam der Reihe nach vor, um deren Bedeutung und Hintergrund inhaltlich auszuleuchten. „Bei ,Frei‘ hat mich die Ambivalenz der zwei Themen in der Strophe und dem Refrain fasziniert. Das Wort ,Frei‘ kam mir dabei sehr schnell beim ersten Mitsummen zum Refrain. Aus diesem Wort eine Geschichte zu machen, die zu der Musik passt, war eine viel schwierigere Aufgabe. Ich kann nur so viel dazu sagen: Die Strophe hat eine sehr depressive, melancholische Aura, während der Refrain wie eine Befreiung wirkt. So entstand die Idee der Befreiung aus einer ungesunden Beziehung. Sich Luft machen, Freiraum schaffen, auch wenn es schmerzt. Der Schritt der Befreiung ist wie ein Rausch.“

Bei „Roter Mond“ hingegen kamen dem Sänger sofort Assoziationen zu The Cure, wie er sich erinnert.

„Das ist dabei musikalisch vielleicht nicht gleich klar. Aber in meinem Kopf spukte sofort Robert Smith zwischen Spinnweben herum. Herausgekommen ist dabei das manische Fieber einer schlaflosen Nacht, in der jedes Geräusch und jeder Schatten Zweifel am eigenen Verstand aufkommen lassen. Düster, erotisch, vielleicht auch schwachsinnig. Aber müssen Träume immer einen Sinn ergeben?“

„Lieblingsfeind“, so der fast immer viel sinnierende Glatzkopf, bietet vielleicht das klassischste Megaherz-Thema auf dem neuen Album. „Was sich liebt, das neckt sich. Und hier neckt es sich sehr brutal.“

Über das Thema zu „Zombieland“ wurde zuvor schon geredet. „Kurz gesagt, geht es mir darin primär um den Werteverfall, die verlorene Hoffnung einer ganzen Generation, die entweder zu effektiven, unglaublich durchorganisierten Arbeitsbienen heranreift oder arbeitslos und asozial wird. Wo sind die Zeiten, wo Studenten noch Partys gefeiert und über jeden Scheiß diskutiert haben? Die Fantasie und die Kreativität sterben aus. Übrig bleiben menschenlose Hüllen. Zombies.“

Apropos, wie vernünftig, bewusst und maßvoll konsumiert einer wie Lex in all dem irrsinnigen Überangebot? Er schnauft massiv, stöhnt noch, um dann vom Stapel zu lassen: „Oh je, erwarte jetzt bitte niemand einen pädagogisch wertvollen Ratgeber von mir. Ich zahle beispielsweise noch gerne meine GEZ, weil ich noch einer der wenigen bin, die gerne öffentlich-rechtliches Fernsehen sehen. Außerdem gehöre ich der aussterbenden Gattung von Bücherlesern an. Na gut, einen Kindle besitze ich auch schon. Ich strenge einfach noch meinen Denkapparat an und weigere mich, mir das Denken vorleben zu lassen. Neben Musik und dem Verfassen von Songtexten bin ich aktuell auch an meinem zweiten Roman dran. Damit bleiben meine Fantasie und meine Spinnereien im Kopf wenigstens im Dauertraining.“ [grinst]

„Gegen den Wind“ stellt für ihn einen sehr persönlichen und zugleich alles übergreifenden Song dar. „Ich habe in meinem Leben immer gegen Widerstände ankämpfen müssen und habe mich nie davor gescheut, unangenehme Wege zu gehen. Gleichzeitig habe ich mich bemüht, Bilder zu finden, mit denen wirklich jeder seine eigene Geschichte und somit Zugang zu diesem Thema finden kann. Gegen den Wind und alte Dämonen, gegen den Strom und wenn es auch schmerzt. Genauso gut kann man schreiben: Für all die Liebe und Emotionen, für all das Feuer, das endlos brennt.“

„Hurrah wir leben noch“ - wie wird es laut Lex für uns alle auf der Welt in den nächsten zehn Jahren auf gesellschaftlicher Ebene wohl weitergehen? Er zieht die Augenbrauen hoch: „Ich habe ja vorhin so superintellektuell Thornten Wilders ,Wir sind noch einmal davongekommen‘ zitiert. Und hier ist nun die musikalische Version davon. Super heuchlerisch, zynisch und trotzdem naiv positiv, weil wir am Ende tatsächlich alles überleben. Die Frage ist nur: Wie?“

„Für immer“ - denkt man tiefer über Ewigkeit nach, wird es schnell sehr schwierig für den menschlichen Geist.

Für den Vokalisten ist das Stück der emotionalste Song auf dem Album, wie er informiert.

„Es geht darin um Abschied, aber darüber hinaus um die Erinnerung an jemanden, der einem sehr viel bedeutet. Die schönsten Zeiten, die wir erleben, möchten wir einfrieren und für immer behalten. Doch nichts bleibt für immer, außer die Erinnerung daran, und die macht ein Gefühl und einen Menschen erst unsterblich. Man nenne mich sentimental, aber ich muss mir immer noch ein paar Tränen verkneifen, wenn ich den Song höre. Und das war jetzt absolut nicht zynisch sondern zutiefst ehrlich gemeint.“

Tatsächlich steht er hauptsächlich auf der Bühne unter Strom, wie er kundtut, auf den gleichnamigen neuen Song angesprochen. „Doch ich denke, das geht jedem Menschen anders. Auch hier hat mich die Musik zu dem Titel inspiriert. Das ausbrechende, brutale Riff ist ja beinahe wie ein Stromschlag. Der Text an für sich ist sowohl positiv als auch reißerisch und abgründig. Wir brauchen diesen Adrenalinkick, um vorwärts zu stürmen, über uns hinauszuwachsen, große Dinge zu vollbringen. Doch die Gefahr auszubrennen oder übers Ziel hinauszuschießen schwebt immer mit. Unter Strom, bis jemand den Stecker zieht. Hurra, da kann auch schon mal was ausgeblendet werden! Nämlich alles um uns herum. Aber scheißegal, Leute, feiert dieses Riff und ich hoffe, der Funke springt auch auf euch über!“

Schließlich wieder bei „Schwarzer Engel“ angelangt, verfinstert sich das Antlitz des Megaherz-Sprachrohrs noch einmal massiv. „Ich denke, das Thema Drogenmissbrauch hat mit Crystal Meth eine neue Qualität erreicht, die völlig weg von der Spaßgesellschaft oder einem Selbstfindungstrip geht. Dies ist definitiv ein Ritt mit dem Tod, der unweigerlich ins eigene Grab führt. Für mich wirklich der düsterste Song überhaupt auf dem neuen Album.“

„Götter sein“ ist die direkte Antwort auf „Zombieland“, konstatiert Lex, seine frenetische Ader nicht unterschlagend. „Geh raus und bestimme dein Schicksal selbst. Setz dir ein Denkmal. Tue etwas Verrücktes, etwas Einmaliges. Schaffe etwas, worauf du stolz bist, und auch du kannst ein Gott sein, dein eigener Held. Dazu braucht man kein Computerspiel oder ein virtuelles Alter Ego.“

Bewegt man sich einmal völlig weg von erfundenen Göttern und Götzen: Können Menschen in gewissem Sinne auf dieser Erde eigentlich in Wirklichkeit selbst Götter sein? Und: Wird sich das je durchsetzen können?

Daran glaubt das philosophisch schlagende Megaherz in Lex tief und fest, wie der rau singende Lyriker noch verheißungsvoll verkündet. „In uns allen steckt das Göttliche. Im Guten wie im Schlechten. Das Schlimmste, das wir uns antun können, ist, unsere Talente verkümmern zu lassen und uns selbst in das düstere Gefängnis der Einfallslosigkeit zu sperren.“

© Markus Eck, 22.09.2014

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