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Interview: MANDRAKE
Titel: Hin zur Eigenständigkeit

Das neue Albumerlebnis „Innocence Weakness“ kündet vom gleichfalls durchdacht beflissenen wie vollauf beseelten Trachten nach musikalischer Selbstverwirklichung.

Geboten wird 2010 hochemotionaler Dark Metal mit allen gewünschten (Gothic)Ecken und (Epik)Kanten. In aller stimmlichen Markanz verziert werden die neuen Tränenkompositionen dazu von einer ziemlich raffiniert zusammengestellten Vokalmixtur aus brachialmaskulinen Grolltiraden und angenehm feminin angelegten Flehgesängen. Für letztere stülpt wieder Birgit Lau ihr Innerstes nach draußen.

Erfreulich ergiebig hinzu kommt hierbei natürlich auch, dass die norddeutschen Mandrake die kaltdüsteren Genrekarten nicht erst seit gestern mitmischen: Gegründet nämlich bereits zu Ende der 90er Jahre, kann der beständige Ostfriesentrupp nun von künstlerisch einmal mehr gereifter Warte aus aktuell auf bereits fünf Langspielveröffentlichungen zurückblicken. Und genau dort oben konsultierte ich Gitarrist und Bandgründer Lutz de Putter zum Interviewgespräch.

„Mit dem Ergebnis der letzten Albumproduktion `Mary Celeste` war ich mehr als zufrieden. Wir haben relativ viele gute und sehr gute Kritiken bekommen. Das war wirklich ein gutes Gefühl. Für das Bandklima waren die Aufnahmen damals auch sehr wichtig, da wir uns eigentlich eher selten alle auf einmal sehen. Das war wirklich klasse. Die Reaktionen haben uns wirklich sehr gefreut. Ansonsten sind wir nach wie vor räumlich weit (mittlerweile sogar noch weiter) von einander entfernt, was die Kommunikation teilweise sehr erschwert. Ansonsten steht aber derzeit alles zum Besten bei uns“, freut sich der Saitenmann über die derzeitigen Geschicke seiner Mannschaft.

Und in Form von Holger Bloempott sitzt ein „neuer alter“ Mann hinterm Schlagzeug, so Lutz: „Holger war der erste Schlagzeuger von Mandrake und ist für die Proben und Aufnahmen zum neuen Werk hinzugekommen. Unser alter Drummer Jörg hat sich diesmal ausschließlich um die Produktion in seinem Soundlodge Studio gekümmert. Holger hatte Zeit und Lust, mich in meiner neuen Heimat Nienburg zu besuchen und mit mir an neuen Stücken zu arbeiten. Das verlief relativ unkompliziert, da er ja bereits wusste wie ich arbeite.“

Wie der Bandleader mir anschließend freudig zu berichten weiß, mussten sich Mandrake als Ostfriesen glücklicherweise noch kein „Belächeln“ von Seiten der Metal-Presse gefallen lassen. „Nein, bis jetzt noch nicht. Ich sehe da auch keinen Grund. Wir Ostfriesen sind nun wirklich nicht so auf den Kopf gefallen wie alle denken. Wir haben mittlerweile auch Kanalisation und Telefon“, platzt es schallend lachend aus dem pfiffigen Griffbrettschrubber heraus.

Neben seinen umfangreichen Jobpflichten als Lehrer und sonstigem Stress findet auch Lutz laut eigener Aussage leider nur vergleichsweise wenig Zeit, um sich wie gewünscht seiner Band hingeben zu können. Er erzählt:

„Das alltägliche Leben und meine Arbeit verlangen soviel Zeit, Kraft und Nerven, dass für Mandrake echt kaum noch Zeit bleibt. Ich kann mich wirklich nur um den nötigen Kram, sprich Myspace, Kontakt zur Plattenfirma, Rechnungen usw. kümmern. Das ist sehr schade. Und Songs schreibe ich auch nicht gerade zwischen Tür und Angel. Dafür brauche ich totale Ruhe und vollen Frieden. Ich hätte mir bislang für Mandrake viel mehr gewünscht zu machen. Beispielsweise Konzerte zu organisieren, Kontakte zu anderen Bands zu pflegen und sich irgendwie abseits von Veröffentlichungen als Gruppe einen Namen erarbeiten. Dafür hat die Zeit bislang nie gereicht. Wer weiß schon, wo wir heute stehen könnten, wenn ich mehr hätte tun können. Schade.“

So macht Gitarren-Gevatter Lutz noch immer das Meiste für Mandrake ganz alleine. Er runzelt die Stirn – zeigt aber gleichfalls liebenswerte Bescheidenheit:

„Es hat sich halt so entwickelt. Und jeder von uns weiß eben auch, dass ich es schon tun werde – und dann mache ich stets das, was ich zeitlich kann. Das Booking fällt dabei leider unter den Tisch. Dabei würde ich mir wirklich nichts mehr wünschen als eine kleine Tour als Vorband zu erhaschen. Wenn es die Zeit zulässt. Als Pauker bin ich da immer auf die Ferien angewiesen. Also wäre eine etwas längere Planung immer gut. Live spielen macht uns auf jeden Fall schon jede Menge Spaß. Leider kommen wir aber eben viel zu selten dazu. Von daher gibt es hier keine Romane in Sachen Bühnenberichte zu erwarten.“

Denn es fehlen den norddeutschen Düsterheimern laut Lutz auch schlicht gesagt die Kontakte zu den Veranstaltern und Clubs. „Zeitlich können wir uns da wie gesagt selber nicht drum kümmern. Hinzu kommt ein gewisser Grad an mangelnder Spontaneität. Termine müssten bei uns sehr genau geplant werden, da wir neben Mandrake alle sehr beschäftigt sind. Einige von uns sind auch noch in anderen Projekten sehr aktiv. Und mittlerweile ist bei vielen von uns das Uni-Leben auch vorbei und `the Job is calling you every single day!` Keine Ahnung, wie andere Bands das unter einem Hut bekommen. Na, vielleicht haben die eine gesündere Einstellung. Oder viel Zeit und Lust.“

Wir zwei gehen nun direkt zu den neuen Liedern ins Detail. Und wie von ihm in Erfahrung zu bringen ist, wollte Lutz für die neue Scheibe gerne zu den Wurzeln von Mandrake zurück.

„Auch wollte ich endlich mal meiner eigentlichen Liebe, dem Doom Metal, etwas mehr Platz einräumen. Das hat ganz gut funktioniert, denke ich. Mein zweiter Wunsch war die Integration von Shoegaze-Elementen, wie es Slowdive zelebriert haben und es Sigur Ros tun. Doch das klappt irgendwie nie [grinst in aller Breite]. Vielleicht ist das einfach nicht mein Stil. Zumindest aus spielerischer Sicht. Ich höre diese Musik echt gerne. Besonders Slowdive sind beziehungsweise waren meiner Ansicht nach echt klasse.“

Nachfolgend befasst sich der angenehm angeregte Dialog mit dem Gerne Dark Metal an sich beziehungsweise, was dieses hoffnungslos überlaufene Metier in der Gegenwart überhaupt noch Gehaltvolles auszuwerfen imstande ist. Lutz:

„Ganz gute Frage. Ich erkenne hier auch eine starke Stagnation. Ich meine, höre dir die ganzen neuen Veröffentlichungen doch mal an! Wann empfinden wir wirklich neue Strömungen wie es beispielsweise bei Paradise Lost’s `Gothic`, Type O Negative’s `Bloody Kisses`, Tiamat’s `Wildhoney`, My Dying Bride’s `The Angel And The Dark River` oder Theatre Of Tragedy’s gleichnamigem Album der Fall gewesen ist? Ich denke hier aber auch an Decoryah aus Finnland: Die hatten zwar eine unglaublich schlechte Produktion auf `Wisdom Floats`, aber das war Emotion pur. Heute ist alles nur noch bombastisch und toll arrangiert, aber zumeist ohne Gefühl. Mir fällt da wirklich keine Veröffentlichung ein, wo ich sagen würde: Wow! Auch Katatonia beispielsweise stagnieren meiner Meinung: `Dance Of December Souls` ist nach wie vor ein tolles Album. Erst recht wenn man an das damalige Alter von Renske und Co. denkt. Und auch `Brave Murder Day` war einzigartig. Genauso wie `Discouraged Ones` für sich steht. Nach dem Überalbum `Last Fair Deal Gone Down` ging es bei Katatonia für mich gefühlsmäßig jedoch bergab. Leider. Und schade, dass Deinonychus beziehungsweise Marco Kehren mittlerweile auch das Handtuch geworfen haben.“

Ziemlich schwierig ist es für den Gitarristen in diesem Kontext, seine eigene Band Mandrake inmitten des Ganzen einzuordnen.

„Ich habe `Gothic` und `Wildhoney` nicht veröffentlicht. Ich habe natürlich auch dieses Genre nicht erfunden. Dennoch denke ich, einen gewissen Grad an Eigenständigkeit mit Mandrake innezuhaben. Wir achten nicht so sehr auf die genaue, orchestrale, tausend Mal gehörte Akkordabfolge. Bei uns darf auch mal etwas neben der Ideallinie geträllert werden. Und das finde ich gut so.“

Die neue Platte ist wie erwähnt also insgesamt mehr „back to the roots“ und klingt somit mehr nach „Calm The Seas“, dem zweiten Mandrake-Album.

„Wir haben bewusst mehr männliche Growls und doomigere Parts mit einfließen lassen. Wir hatten es satt, immer als `zu poppig` kritisiert zu werden. Und Shoegaze ging halt wie gesagt irgendwie nicht [lacht].“

Die aktuellen Kompositionen stammen von Lutz. Er erinnert sich:

„Wir haben nach dem ersten Album `Forever` aus dem Jahre 1998 unseren Proberaum aufgegeben und seitdem nie wieder einen gehabt. Seitdem schreibe ich die Songs bei mir zu Hause. Ich habe hier einen kleinen Pod-Pocket sowie einen PC und so nehme ich dann immer wieder ein paar Gitarrenspuren in unterirdischer Qualität auf [grinst]. Meistens habe ich dann die Songs zusammen mit Jörg Uken im Studio ausgearbeitet. Mittlerweile kann ich aber den Proberaum von einem Bekannten bei Bedarf nutzen.“

Künstlerische Ziele relativieren sich nach einiger Zeit, Interessen ändern sich – Lutz resümiert hierzu: „Es gab eine Zeit, da war Mandrake für mich das absolut Wichtigste. Heute bin ich in der Tretmühle des Alltags angekommen. Job und Familie werden immer wichtiger und nehmen mehr Zeit in Anspruch. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Dennoch bin ich Musiker und ich liebe es Songs zu schreiben – und ich liebe die Entstehung der einzelnen Rohdiamanten im Studio. Eine Tour im Ford Fiesta (tatsächlich passiert bei My Dying Bride und At The Gates, siehe At the Gates DVD) durch Europa würde ich allerdings nicht mehr mitmachen“, verlässt es den Mund des Gitarristen unter lautem Gelächter.

Die lyrischen Themen von Mandrake waren bisher vom Meer und Wasser als mächtiges Naturelement bestimmt, so Lutz.

Es folgt ebenso Interessantes wie zum Sinnieren Anregendes:

„Das Thema haben wir ausgereizt. Das neue Album wird in vielen Songs das Thema `Einsamkeit` behandeln. Dabei geht es nicht nur um die physische Einsamkeit, sondern vor allem um die Einsamkeit in der Psyche und im sozialen Umgang miteinander. Immer mehr Menschen leben zwar ein Leben in Gesellschaft anderer, sind aber im Prinzip einsam. Fehlende Verantwortung füreinander, Zukunftsängste, fehlende Perspektiven und stärkeres Konkurrenzdenken sowie die vernachlässigte Verantwortung für sozial schwächer Gestellte sind meine Gedanken von moderner Einsamkeit. Ich hoffe, dass in dieser Richtung endlich ein Umdenken stattfindet und die unendliche Gier des Einzelnen eingedämmt wird. Anscheinend brauchen wir dazu Regeln, denn die freien liberalen Kräfte haben dieses Problem nicht lösen können. Man verstehe mich nicht falsch, ich möchte hier kein politisches Statement abgeben. Wichtig sind mir aber eben die Empfindungen der Menschen.“

Ins aktuelle Jahr blickt der Saitenmann voller Hoffnung. „Ich wünsche mir, dass Mandrake endlich mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich hoffe, die Gothic-Fans stempeln uns nicht mehr als eine x-beliebige Formation ab. Ich wünsche mir auch gute Kritiken für `Innocence Weakness` und eine kleine Tour als Vorband einer bekannteren Gruppe. Markus, ich danke dir für das Interview. Wirklich tolle Fragen.“ Und ich habe für die erneut sehr kontrastreiche Musik zu danken.

© Markus Eck, 24.04.2010

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