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Interview: LYCOSIA
Titel: Darsteller eigener Leidenschaften

Diese vier düster kostümierten, dunkel schillernd musizierenden Fetisch-Erotiker treten mit ihrem dritten Album erneut ins Rampenlicht. Und die neue selbstbetitelte Scheibe der französischen Gruftrocker bietet den Geschmäckern von Freunden elektronisch angehauchter Gothic-Sounds breiten Entfaltungsspielraum.

Denn der mit futuristischen Klangelementen und stimmigen New Wave-Parts angereicherte Glam Goth Rock, dessen laszive Note einen nur schwer kalt lässt, könnte trotz seinen spukhaften Grundstimmungen vielfältiger nicht sein.

Gegen Ende der 1990er gegründet, widmete die theatralische Pariser Gotikertruppe ihr musikalisches Schaffen von Beginn an dem Bestreben, Einflüssen aus allerlei anrüchigen B-Movies und Vorlieben für dunkelglamouröse Rocksounds mit pulsierenden synthetischen Klangspektren zu vereinen.

Ich hingegen vereine mich im Gespräch mit Schlagzeuger Don Ragno sowie Sänger und Gitarrist Christi Scythe für einen anregenden Plausch.

„Für die allermeisten Leute ist Paris natürlich die ewig romantische Stadt der Liebe, doch wir teilen diese Einschätzung überhaupt nicht – Paris ist viel eher die lüsterne Stadt der sexuellen Freiheiten. Ich weiß, wovon ich rede, denn wir hängen sehr oft auf irgendwelchen Fetisch-Partys herum”, lässt mich Drummer Don eingangs wissen.

Sein Bandkollege Christi pflichtet bei: „Es ist halt eines der Klischees, welche unsere Stadt umgeben. Wer jedoch Lust auf die Verwirklichung außergewöhnlicher sexueller Phantasien hat, kann dies nach Herzenslust in vielen entsprechenden Clubs tun. Wenn jemand weiß, was er will, kann er in unserer Heimatstadt somit schnell zum Darsteller seiner eigenen Leidenschaften werden – und somit ein Teil des Mythos der Stadt der Liebe werden.“

Und dort, inmitten all der ständig wechselnden musikalischen Trends, unter dem Banner einer Goth Rock-Band zu musizieren, ist ein steiniger Weg. Don erläutert: „Schon für unsere beiden bisherigen Alben `No Love Lost` und `Unisex` mussten wir einiges an Mühe aufbringen, um sie überhaupt auf Labels veröffentlichen zu können. Viele Leute hier mögen unsere Musik zwar, aber jedoch noch lange nicht so sehr wie in Deutschland oder England – obwohl die Situation für uns aber stetig besser wird. Wir arbeiteten bisher sehr hart an unserer Karriere, nun endlich scheint sich der verdiente Erfolg auch bei uns in Frankreich einzustellen.“

Und laut Aussage von Don bedeutet Rock´n´Roll für ihn und seine Band Lycosia nicht nur Musik.

„Für uns ist es vielmehr ein Lebensweg. Wir lieben Tätowierungen, Piercings und verrückte Klamotten. Unser tägliches Outfit unterscheidet sich nicht großartig von dem, was wir auf der Bühne bei unseren Auftritten tragen – und wer uns einmal live in voller Pracht gesehen hat, erinnert sich nicht nur an die Musik. Sicher, wir legen großen Wert auf gute Staffage, aber wir wollen es mit Klasse machen, wollen attraktiv, dunkel und sexy sein“, bekundet er mit von Stolz geschwellter Brust.

Wie der Stockschwinger anschließend verrät, drehen sich die Songtexte von Lycosia primär um die bisher gemachten sexuellen Erfahrungen der – wie er zugibt – im Grunde doch sehr sentimentalen Truppe.

„Speziell mit meinen Lyrics möchte ich all die auf dieser Ebene erlebten negativen Erlebnisse exorzieren, welche in meinen Erinnerungen herumspuken. Dies dient mir als probates Heilmittel für so einigen Schmerz, den ich mit mir herumtrage.“

Sänger, Gitarrist und Composer Christi steht, seit er denken kann, auf ihn immer wieder inspirierende Acts wie beispielsweise Mötley Crüe, Depeche Mode, The Cult, Christian Death und auch Aphextwin.

„Jede der von mir genannten Bands kann für sich beanspruchen, in ihren besten Zeiten ein hohes Maß an Originalität abgeliefert zu haben. Teilweise war ihre Musik sehr simpel, aber oftmals gerade dadurch sehr einprägsam und effizient. Und exakt in dieser künstlerischen Linie wollen wir uns mit Lycosia einreihen.“

Wie er weiter ausführt, legen er und seine Boys sehr großen Wert auf die Verwendung unterschiedlichster Instrumente, und seien sie auch noch so exotisch. „Betrachte ich diesen Kontext mit weit offenem Geist, so kann ich sagen, dass wir fast alles in unseren Kompositionen auf dem neuen Album verbraten, was Klänge erzeugt.“ Das sind laut seiner Aussage türkisch-mongolische Instrumente gleichfalls wie solche aus dortigen nomadischen Kulturen.

Auf diese interessante Thematik muss Christi unbedingt noch näher eingehen, was die Stücke von Lycosia betrifft.

„Mit dem Song `Shaman Ceremony` vom Album `Unisex` begann ich, diverse musikalische Einflüsse aus eurasischen Kulturen mit meinen ohnehin schon recht vielfältigen Intentionen als Komponist zu vermengen. Ich hielt mich einige Zeit in tieferen Regionen von Russland auf, daher kam ich auch in Berührung mit der dortigen alten Musikkultur. Sehr gut kann man das zum Beispiel mit den aktuellen Songs `Scythia` und `Altaï` nachhören. Hier brachte ich auch sehr originell phrasierten, stellenweise kehlig gepressten Gesang ein.”

Doch die Gothic-Atmosphären sollten nicht zuletzt natürlich nicht zu kurz kommen, so der Vokalist. „Was die anderen Stücke betrifft, wollte ich die dunklen Stimmungen auf die Spitze treiben und simultan ein jeweilig sehr grooviges Feeling darin zum Tragen kommen lassen: Langsamer und tiefer wie in `Rise Up` oder auch eben im Song `Cold Summer`. Wie der Track `Travelling Through Our Love` beweist, kann man uns auch massive Dancefloor-Tauglichkeit nicht absprechen.”

© Markus Eck, 27.09.2004

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