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Interview: LACRIMAS PROFUNDERE
Titel: Gotische Melancholie

Mit Sicherheit „One Of Germany´s Finest“ sind Lacrimas Profundere. Gegründet 1993, in einem Jahr, in dem es eine Art Aufbruchsstimmung dafür gab, depressiven Doom Metal mit Gothic-Elementen in ein noch Bahn brechendes und Stil bildendes Kombinat zu bringen. Schon 1994 wurde das erste Demo fabriziert, welches viele Hörer begeistern konnte. Das Debüt und der Nachfolger erschienen bei verschiedenen Labels, bis das mittlerweile auf acht Bandmitglieder angewachsene gotisch-metallisch agierende Orchester nach ausdauernder Präsenz in der Szene Ende 1998 bei Napalm Records landete.

Durch die große Anzahl von Musikern innerhalb des Ensembles erzielen Lacrimas Profundere mit ihrer Musik das einzigartige Feeling von verletzlicher Schwermut, welche sich im stellenweise verwendeten Klargesang ein Refugium schafft.

Ansonsten überwiegt schwarzmetallisch anmutender Growl, welcher in den besten Momenten fast schon Angst macht. Eine exzellente Verquickung dieser stimmlichen Gegensätzlichkeiten also, die den mit allerlei Instrumenten wie Geigen, Violinen, Flöten und sogar einer Harfe veredelten Stücken von Lacrimas Profundere einen geheimnisvollen Geist einhaucht.

Das aktuelle Album, „Memorandum“, der Erstschlag der Band auf Napalm Records, bietet eine dermaßen große Bandbreite an tiefsinnigen, oftmals todtraurigen Eindrücken, so daß man stellenweise wie paralysiert den superb produzierten Stücken lauscht und sich selbst dabei ertappt, lange nicht mehr dermaßen ergriffen gewesen zu sein.

Auf seine Art wunderschöner lieblicher weiblicher Gesang brilliert auf diesem wohl einzigartig in seinen Bann ziehenden Gothic Metal-Album, dessen Ebenen in Ruhe erforscht werden wollen, um ihnen so recht auf die Spur zu kommen.

Musik also für die sensibilisierten Sinne der hörigen Fan-Gemeinde dieses in seinen Stilmitteln so krassen Genres.

Erfahren wir nun von Lead-Gitarrist Oliver Schmid, welche Sehnsüchte, Wünsche, Ansichten und Abneigungen Lacrimas Profundere so haben.

Ihr habt in Form von „Memorandum“ ein regelrechtes Glanzstück an atmosphärischem Gothic Metal eingespielt. Dies war harte Arbeit, oder? Und wie lange habt ihr denn an so einer den Rahmen des kompositorisch Möglichen fast schon sprengenden Platte gearbeitet?

„Erst mal vielen Dank; es freut uns, dass dir `Memorandum` gefällt. Der Songwriting-Prozeß zog sich über zweieinhalb Jahre und im Studio haben wir nochmals gute zwei Monate benötigt. Du hast absolut recht, es war harte Arbeit; zumal ich mir für die Studiozeit Urlaub nehmen musste und somit der Jahresurlaub weg war.“

Da die Arbeit an einem Lacrimas Profundere-Song aber erst dann abgeschlossen ist, wenn alle mit dem Endresultat zufrieden sind, so mein Gesprächspartner, verschlingt dies natürlich eine Menge Zeit. Oliver konstatiert lässig: „Wir haben durch diese Arbeitsweise bereits mindestens Material für zwei Longplay-CDs verworfen, aber was soll´s?“

Sind Rivalitäten unterhalb der acht Bandmitglieder vorhanden, was das Einbringen der eigenen Kreativität anbelangt?

„Wir sind im bis auf unseren Drummer noch in dem Line-Up, welches `Memorandum` eingespielt hat. Da er geheiratet hat, und seine Frau vor kurzem entbunden hat, konnte er nicht mehr die Zeit investieren, die nötig war, und hat die Band verlassen. Wir haben den Schritt natürlich akzeptiert und er schaut hin und wieder mal bei unseren Proben vorbei. Seit kurzem ist unsere Band wieder vollständig, da wir Willi, der früher bei Darkseed lärmte, als neuen Schlagwerker verpflichten konnten. Er ist ein sehr guter Drummer und eine Bereicherung für die Band. Was das Songwriting anbelangt, so herrscht bei uns keine Rivalität oder so, da ich mich seit Gründung der Band für das Komponieren der Stücke verantwortlich zeichne. Das Grundgerüst wird dann von den anderen in der Band vervollständigt und es hat sich noch keiner über diese Arbeitsweise beschwert. Wie bereits erwähnt, ist ein Song erst dann komplett, wenn sämtliche Musiker mit dem Ergebnis zufrieden sind, wodurch wir eventuellen Unstimmigkeiten aus dem Weg gehen.“

Welche Pläne haben Lacrimas Profundere für die Zukunft? Auswimpen wie Paradise Lost? Oder lieber auf dem stilistisch bereits eingeschlagenen Pfad weiterwandern?

„Auch wenn etliche alte Fans mit der neuen Scheibe von Paradise Lost nicht mehr zufrieden sind, mir gefällt der letzte Release der Engländer. Wobei wir natürlich einen derartigen Stilwechsel nicht vollziehen werden. Die Musik von Lacrimas Profundere ist mit uns gewachsen, reifer und geschlossener in ihrem Aufbau geworden. Wir haben versucht, unsere Emotionen in der Musik reflektieren zu lassen und dabei das langsame Element des Doom Metal und den romantisierend-poetischen Part des Gothic Metal miteinander zu verschmelzen. Wir haben also einen weiteren Schritt in Richtung eigener Stil gemacht und wir werden sicherlich keinen Millimeter vom eingeschlagenen Weg abweichen. Wobei eine gewisse Weiterentwicklung nicht ausbleibt, da sich ständig zu wiederholen für uns keine Herausforderung darstellt.“

Wie ist die Band mit der gegenwärtigen Entwicklung der von ihr bespielten Szene zufrieden? Fürchten Lacrimas Profundere Konkurrenz? Obwohl sie sich in diesem Punkt, wie ich meine, keine Sorgen zu machen brauchen. Der Lead-Gitarrist berichtet:

„Die Entwicklung der Szene finde ich persönlich nicht gut, da es zu viele Bands gibt, die sich zu sehr ähneln und mit den selben Stilmitteln arbeiten. Konkurrenz fürchten wir gar nicht, da ich hoffe, mit `Memorandum` doch eine eigene Nische gefunden zu haben. Es wird zwar auf Violine und weibliche Gesänge zurückgegriffen, wir sehen aber unsere Musik nicht als eigentlichen Gothic Metal, da diese Elemente nicht die Grundlage unserer Lieder darstellen, sondern nur zur Atmosphäre des jeweiligen Parts beitragen. Es gibt meiner Meinung nach nicht gerade viele Bands, die die verschiedenen Stilmittel so einsetzen wie wir.“

Es ist sicher nicht leicht für Lacrimas Profundere, alles unter einen Hut zu bringen.

Verbringt ihr eure Freizeit miteinander beziehungsweise arbeitet ihr in regulären Berufen und könnt bereits von der Leidenschaft zur Musik leben?

„Leider ist es uns noch nicht möglich, von der Musik zu leben, dafür sind wir nicht Trend genug. Der eine Teil geht also einer geregelten Arbeit nach, die anderen studieren. Die Band ist ein sehr wichtiger Bestandteil unseres Lebens geworden und ein Leben ohne Musik wäre schwer vorstellbar. Freizeit bleibt da natürlich nicht mehr sehr viel.“

Welche Wünsche habt ihr für das kommende neue Jahrtausend?

„Auf dem Dynamo oder in Wacken zu spielen, das wäre schon super, da Open Air‘s in der Vergangenheit nicht auf unserem Plan standen. Außerdem schreiben wir bereits an Songs für den Nachfolger. Ich stecke mir immer sehr hohe Ziele, da das erreichen dieser den Motor für neue Ziele darstellt. Jede Band erhofft sich natürlich die Anerkennung für ihre mühevolle Arbeit und das sich Erfolg einstellt, wobei ich glaube, mit Napalm Records auf dem richtigen Weg zu sein. Leider sind zu viele nicht bereit, sich gebührend mit der Musik auseinander zu setzen.“

Spielen Lacrimas Profundere gerne live und welches Publikum war bisher das beste? „Wir spielen sehr gerne live, weil man die Reaktionen auf sein Songmaterial nur bei Konzerten direkt mitbekommt. Einen bestimmten Gig oder ein bestimmtes Publikum herauszugreifen wäre falsch, da eigentlich jedes Konzert in gewisser Weise etwas Besonderes ist und wir `gut oder schlecht` an uns selbst messen und nicht am Publikum.“

© Markus Eck, 20.12.1999

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