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Interview: KROMLEK
Titel: Kosmische Philosophien

Als sie 2004 in Schweinfurt enthusiastisch damit begannen, sich in den damals aufkeimenden deutschen Pagan Metal-Untergrund zu verzahnen, war die stilistische Zielrichtung klar: Stabilen und rostfreien Heidenstahl zu schmieden, und dies von zackiger Hand und mit spritzigem Gemüt.

Resultat waren dauerhaft unterhaltsame Lieder, welche den damaligen Zeitgeist des Genres erfolgreich touchierten.

Mit der Zeit aber wollten die Unterfranken um ihren charismatischen Vokalisten Mr. Alphavarg der kreativen Enge des Metiers mehr und mehr entkommen

Resultat ist das neue Album „Finis Terrae“, welches das Schaffen von Kromlek auf teils völlig neuartige und damit bemerkenswert mutige Weise offenbart.

„Das Konzept und der musikalische Stil haben sich mehr oder weniger parallel und unabhängig voneinander entwickelt. Was den experimentellen Sound anbelangt, so hat sich noch während der Veröffentlichung des vorhergehenden Albums ‚Strange Rumours... Distant Tremors’ 2007 ein musikalischer Wandel abgezeichnet, indem mit neuen Keyboardsounds experimentiert wurde und sich das Riffing von der ‚pagantypischen’ Art der ersten beiden Kromlek-Outputs in eine individuellere Note hin verlagert hat. Inhaltlich habe ich schon sehr lange ein gewisses Konzept im Kopf gehabt, allerdings musste im Laufe der Zeit die richtige ‚Sprache’ kultiviert werden, um das Ganze zu vermitteln“, lässt Mr. Alphavarg eingangs wissen.

Die aktuelle primäre Message von Kromlek bringt der Meister nachfolgend mit deutlicher Entschlossenheit auf den Punkt.

„‚Life will prevail... man will not.’ Das ist die zentrale Kernaussage von ‚Finis Terrae’. Etwas ausgeführt bedeutet dies, dass, egal was der Mensch tut und wie sehr er sich im destruktiven Sinne anstrengt, er wird diesen Planeten nicht klein kriegen. Vergiftet sie, verbrennt oder erstickt sie, verstrahlt sie, jagt sie in die Luft oder überflutet sie ... die Erde wird nicht vor der Menschheit in die Knie gehen. Und wenn es Milliarden von Jahren dauert, bis nach einem nuklearen Winter wieder die erste Zelle entsteht, dann dauert es eben so lange. Na und? Der Planet hat Zeit, wobei ‚Zeit’ ebenfalls eine menschliche Erfindung und somit bedeutungslos ist. Nichts, das stirbt, stirbt wirklich und keine Energie geht verloren im Kosmos, sie ändert nur die Form. Wir Menschen haben leider die dumme Angewohnheit, uns selbst und unseren Einfluss auf die Ökologie dieses Planeten viel zu wichtig zu nehmen.“

Im Anschluss geht der angeregte Dialog dazu über, wie die überwiegend doch sehr engstirnigen Pagan Metal-Fans nach Ansicht des Frontmannes auf die neue Kromlek-Stilistik reagieren werden. Es folgt absolute Gelassenheit.

„Who cares? Was die Aufgeschlossenheit und Toleranz dieses Genres anbelangt, so habe ich bereits 2008 eine erschütternde Erfahrung machen müssen, als ich mich mit einem Verhalten konfrontiert sah, das ich höchstens von radikalen Gruppierungen einer anderen Metal-Gattung erwartet hätte. Aber seitdem habe ich mein Bild von dieser ‚Szene’ stark reformiert. Aus jenem Klientel, welches Du gerade aufgeführt hast, haben wir just die Tage einen unglaublich amüsanten Präzedenzfall mitbekommen, in Form eines grandiosen Verrisses. Das war ein typisches Beispiel für einen hocheloquenten, 19-jährigen, ultraheidnischen Szenepapst, der uns über das exzessive Schaumschlagen mit seinem mythologischen Halbwissen hinweg doch glatt noch einen von zehn Punkten ‚verliehen’ hat. Das ‚Review’ ist in der Tat lesenswert, wir haben alle sehr gelacht! Am amüsantesten fand ich persönlich einen Vergleich mit Lady Gaga, denn ich muss gestehen, dass mir ihre Musik deutlich besser gefällt als das Meiste, was gegenwärtig im Metal auf den Markt geschmissen wird ... und sie komponiert wenigstens selbst!“ [lacht]

Und wie verbringt eine so weltoffene Figur wie Mr. Alphavarg eigentlich hauptsächlich seine Freizeit? Philosophieren? Psychologie ergründen? Naturerlebnissen nachjagen? Den Geheimnissen des Universums auf die Spur kommen?

„Alles richtig. Wobei ich keinen Naturerlebnissen ‚nachjage’, sondern mir dafür sehr viel Zeit nehme, beispielsweise beim Wandern, einer ausgeprägten Leidenschaft von mir. Außerdem praktiziere ich regelmäßig Yoga, denn wie heißt es so schön: ‚Mens sana in corpore sano.’ Darüber hinaus bin ich ein Dokumentations-Junkie, was mir schon bei so manchem Songtext für die Band gute Dienste geleistet hat. Und woran meine Partnerin aufgrund ihres naturwissenschaftlichen Hintergrundes einen großen Anteil hat: Ich diskutiere nämlich wahnsinnig gerne über unterschiedliche Perspektiven, beispielsweise Tod und Wiedergeburt, Glaubenssysteme etc. Ich finde das alles in allem sehr spannend und dann und wann sogar fruchtbar. Ich genieße es nämlich geradezu, neue Dinge zu lernen und Input zu sammeln und darin ergänzen wir zwei uns perfekt.“

Ich erkundige mich danach, ob sich die Beteiligten im Kromlek-Lager sich nun wieder „zusammengerauft“ haben, also, ob das Line-Up nun wieder stabil steht. Mein Gegenüber holt weit aus.

„Jawohl, stabil und bereit, noch mehr engstirnigen Szene-Inquisitoren auf die Füße zu treten. 2008 war eine harte Zeit und wir mussten feststellen, dass sich zwischen mir und den Anderen ein Graben entwickelt hat, der scheinbar unüberwindbar geworden ist. Und so habe ich letztlich versucht, meine Interessen mit Gewalt durchzusetzen und teils gegen den Willen der Anderen. Dass ich heute gar nicht mehr so weit von dem Schritt entfernt bin, den ich damals übers Knie gebrochen sofort und unverzüglich erreichen wollte, hätte ich selbst nicht gedacht. Aber wie so oft war es einfach eine Frage der Geduld und des Dialogs. Leider gab es unsere erste tatsächliche, band-interne Aussprache erst, als es bereits zu spät war und so blieb mir nur die Konsequenz zu gehen. Als wir Anfang 2009 ganz behutsam wieder Kontakt zueinander aufnahmen, weil wir erkannt hatten, dass Kromlek nur mit uns allen das sein kann, was sich jeder Einzelne von uns darunter vorstellt, war die Zusammenarbeit auch eine ganz andere als noch vor meinem Ausstieg. Ich denke, dieses Ereignis war für uns alle sehr prägend und die Band ist daran sehr gereift. Diese einschneidende Erfahrung hat mich auch in meinem Albumkonzept stark inspiriert. Daher manifestiert sie sich bereits im Albumtitel, der ja mehr als eine Bedeutung hat. Um noch einmal auf die Stabilität zurück zu kommen, so muss ich an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich herausstellen, wie stolz ich auf unseren Drummer SgrA bin. Sein Hinzukommen ist eine der größten Bereicherungen unserer siebenjährigen Biographie und er bringt – neben seinem begnadeten Schlagzeugkönnen – auch allerhand neuen und spannenden Input in die Stücke.“

Wir sprechen im Anschluss über heutige gesellschaftliche Missstände, welche Mr. Alphavarg persönlich der größte Dorn im Auge sind. Er legt impulsiv los: „Oh weh, ein ‚politisches’ Thema! Seit meinem durch die Band öffentlich gemachten Engagement für Tibet muss ich aufpassen, was ich sage, sonst gibt es wieder einen Aufschrei des Protests von Seiten der Szenepolizei! [lacht] Okay, da wir uns als unpolitische beziehungsweise nicht politisch motivierte Band definieren, muss diese Antwort natürlich auch diesem Tenor gerecht werden. Ich tue mir immer recht schwer, eine deutliche Grenze zu ziehen zwischen system- und sozialkritischen Themen und tatsächlicher Politik, da ich denke, dass die Felder ineinander übergreifen und ich mich aber auch nicht limitieren lasse in meiner Textkonzeption. Missstände, welche ich im aktuellen Album verarbeite, sind beispielsweise die ökonomische Krise, welche durch menschliche Fressviren in Form von gewissen- und seelenlosen Hedgefond-Managern und Rating Agenturen verursacht wurde. Ein großer Dorn in meinem Auge ist auch der Populismus und Reaktionismus, mit dem heutzutage Systemfehler nicht an der Wurzel, sondern an ihren faulen Früchten ‚behandelt’ werden. Aber ich werde dieser Themen müßig und bin auch der Meinung, dass dies im Detail mehr den politisch interessierten privaten Mr. Alphavarg beschäftigen sollte, anstatt hier in Form dieses Interviews und auf dem Rücken der Band den Rahmen zu sprengen.“

Unser weiterer Gesprächsinhalt wird von der Thematik beziehungsweise Fragestellung eingenommen, ob unsere Welt beziehungsweise ob die Gesellschaften dieser Welt nach Ansicht des Vokalisten die viel zitierte „Kurve“ noch kriegen werden. Oder ob sie sich wirklich in den nächsten 50 Jahren auf vielerlei Ebenen selbst zerstören werden. Der Sänger reagiert mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Zweiteres. Ich bin nicht nur Kulturpessimist, sondern auch Anhänger buddhistischer und hinduistischer Lehren. Insofern steht für mich eindeutig fest, dass wir uns im Kali Yuga, dem letzten der vier Zeitalter befinden. Natürlich wird die Welt nicht zu einem festen Datum plötzlich untergehen, vielmehr handelt es sich um einen Jahrhunderte lang dauernden, schleichenden Prozess der geistigen, spirituellen und metaphysischen Verrohung bis hin zum ‚Untergang’ in Form einer kosmischen Katharsis, nämlich besagtem Kali Yuga. Was nun in 50 Jahren passieren wird, ist natürlich spekulativ, aber ich rechne mit den ersten großen Ressourcenkriegen. Jede Hochkultur hatte ihren Zenit und ist irgendwann aus diesem oder jenem Grund untergegangen. Und das, was wir heute vorfinden, ist nun wirklich alles andere als ‚hochkulturell’.“

Und worauf freut sich der Frontmann, nach der Fertigstellung und Veröffentlichung des neuen Langspielers, nun am meisten in 2011?

„Auf weitere, höchst amüsante Aufschreie selbsternannter Szenepuristen! [lacht] Also hauptsächlich freuen wir uns, dass diese Ära nach vier langen Jahren der Entstehung abgeschlossen ist und wir kreativ durchstarten können. Außerdem haben wir im April unsere erste Europatour mit dem Titel Black Trolls Over Europe II, welche vom 15. bis 25. April dauert, auf der wir ‚Finis Terræ’ präsentieren.“

Ich rege den Kerl dazu an, die doch sehr speziellen Songs des neuen Albums dann mit der Band auf der Bühne in speziellen Kostümen darzubieten. „Das wäre natürlich super! Für unerwartete Bühnen-Erscheinungen bin ich ja inzwischen bekannt, insofern wird es sicher das eine oder andere Outfit geben, allerdings haben wir die Einzelheiten band-intern noch nicht geklärt.“

Und welcher ist sein persönlicher Lieblingssong auf der neuen Veröffentlichung? „Ich habe zwei, den Opener ‚Nekropolis‘ Fall’ und das Albumfinale ‚Finis Terrae’. Ersteren, weil ich die Komposition sehr stark finde und die unorthodoxen Parts wie NhéVanN’s E-Sitar-Einlage liebe. Außerdem finde ich die Einheit von Musik und Text wirklich gelungen, und zwar die deutschen wie auch die arabischen Passagen. Was den letzten Song anbelangt, so ist er rundum gelungen, die Komposition ist absolut nach meinem Geschmack, hart, melodisch und experimentell. Außerdem konnte ich mich text- und sprachenthematisch komplett austoben, neben besagter Kernaussage ‚Life will prevail... man will not’ in 30 Sprachen, dazu Auszüge aus der Śrīmad Bhāgavatam – in welcher die Symptome des Kali Yuga beschrieben werden – auf Sanskrit, den Text ‚Móti Ragnarøkum’ auf altnordisch und die Offenbarung des Johannes auf Latein. Das Ganze eingepflegt in einen 15-minütigen Epos, der unglaublich packende Melodien beinhaltet.“

Ihre künstlerischen Ziele hatten Kromlek für das aktuelle Werk ohnehin sehr hoch gesteckt, wie gleich auch noch in Erfahrung zu bringen ist. „Extrem hoch, deshalb hat es auch vier Jahre gedauert, bis wir ‚Finis Terrae’ endlich vollenden konnten. Nichts blieb dem Zufall überlassen und ich habe bis zum Schluss am Konzept gefeilt, Songs eingesungen, den Text umgeschrieben, neu eingesungen etc. Ich bin überzeugt, dass man zu jeder Zeit auf dem Album heraushört, was ich meine.“

Im Prinzip wurden die neuen Kromlek-Lieder anfangs ganz klassisch komponiert, so Mr. Alphavarg abschließend: „NhéVanN komponiert auf der E-Gitarre seine Riffs, HrísDólgr komponiert seine Melodiebögen auf dem Keyboard. Er liefert dann und wann auch Riffs, welche er ebenfalls auf der E-Gitarre komponiert. Wie bereits erwähnt hat unser Drummer SgrA einige neue Impulse geliefert. Ansonsten werden Songs von unserer ‚Musikerfraktion’ bei den Proben weiterentwickelt. Ich als Texter und Konzept-Entwicker bin da natürlich etwas außen vor, weil ich mein eigenes kreatives Feld habe, auf dem ich mich betätige und auslebe. Aber ab und zu bringe auch ich Ideen ein, wie beispielsweise das Militärmarsch-artige Riffing beim Titeltrack ‚Finis Terrae’.“

© Markus Eck, 26.03.2011

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