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Interview: KREATOR
Titel: Schreit die Angst an!

Der veritabel proklamierende Albumtitel „Gods Of Violence“ könnte die neuen Songmonster nicht besser umschreiben.

Tatsächlich sprengen sich die Essener Knallbolzen mit den gefährlich zündstarken Kompositionen ihres 14. Albums wieder auf allerhöchstem Niveau in die Ohren der Fans. Faszinierend ist es daneben auch zu erleben, wie die 1984 gegründete Thrash Metal-Institution auch gegenwärtig mit einem unbändigen, präzisen Biss wütet.

Kenner wissen genau: Trotz aller erreichten Professionalität und angestiegener Routine verloren Bandboss Miland ‚Mille‘ Petrozza und seine entschlossene Killerkapelle bis heute keinen Funken an Leidenschaft, Enthusiasmus und Einsatzfreude für ihre infernalisch wilde Kunst.

Wie Frontmann Mille gut gelaunt ins Gespräch einsteigt, ging es ihm auch bei „Gods Of Violence“ vorab primär darum, nicht einfach nur ein weiteres Werk an den Start zu bringen, weil die Leute sehnlichst darauf warten.

Sondern dem Sänger, Gitarristen und Texter kommt es vielmehr darauf an, anhaltend inspiriert zu sein, sich selbst auch immer wieder in Frage zu stellen, so sagt er.

„Hauptsächlich eben darum, etwas Gutes zu machen. Es gibt nichts Schlimmeres als gefällige Musik, in allen Sparten. Ich bin der Typ, der sich und andere gerne dazu anspornt, immer noch einen Schritt weiter zu gehen, der immer das Bestmögliche erreichen will. Eine gute Idee verdient es, so weit nach vorne wie nur möglich gebracht zu werden. Auf dieses Motto lässt sich ohnehin mein komplettes Schaffen herunter rechnen. Ich glaube, das wird immer eine Herausforderung für mich bleiben und letztlich auch das Einzige, was zählt und für mich als Musiker infrage kommt.“


Wer dem außergewöhnlich beständigen Quartett erneut das kalkulierte Hantieren mit genreüblichen Klischees vor den Kopf wirft, dem entgegnet der gehaltvoll schreiende, ewige Idealist:

„Oberflächlich betrachtet wird man da immer etwas finden. Ich möchte mich davon auch nicht komplett freisprechen. Doch man muss sich mit der Materie auseinandersetzen. Klischees können doch etwas Gutes sein, wenn sie denn richtig eingesetzt beziehungsweise verarbeitet werden. Und das ist wieder so ein Punkt, der das trifft, worum es mir bei Kreator geht. Wir verschließen uns den Gegebenheiten des von uns bespielten Genres ja extra nicht. Ich bin der Ansicht, dass dies auch nicht vom jeweiligen Alter abhängig gemacht werden sollte, meine, dass man für etwas ‚zu alt‘ sein könnte. Ich glaube, es kann nichts Langweiligeres geben, als es sich irgendwann bequem zu machen. Würde ich Musik machen, die meinem Alter entspricht, wäre für mich die Langeweile schon vorprogrammiert“, stößt der 1967 in Essen Geborene mit trocken-zynischem Stimmfall aus.

Er legt noch grundsätzlich drauf: „Egal, ob es unsere erste Veröffentlichung betrifft oder die neue Scheibe: Meine generelle Attitüde in Sachen Musik hat sich nie geändert. Man darf eine gewisse Art von unverdorbener und gesunder Naivität nie verlieren, wenn man authentisch und bleiben möchte. Auf den Punkt gebracht: Ich brauche meinen eigenen, inneren 17-jährigen bei Kreator, immer wieder.“ 



„Gods Of Violence“ - widmet man seine Aufmerksamkeit in heutigen Tagen dem unsagbar perfiden, knallharten und tiefen Gehirnfick der Massenmedien, könnte man meinen, man lebt mitten in der katastrophalsten Apokalypse.

Mille zur solchermaßen generierten Angstspirale:

„‚Gods Of Violence‘ war der erste Song, den wir für das Album schrieben. Die ursprüngliche Idee war, genau auf das angesprochene Thema einzugehen. Viele Leute sagen ja, dass die Zeiten so schlimm geworden sind. Das stimmt auch. Es gab jedoch noch kein Zeitalter in der Geschichte der Menschheit, das frei von Kriegen, Mord und Totschlag war. Das war in der Antike genau wie in der Gegenwart. Und das wird auch weiterhin so sein. Es ist einfach Teil der menschlichen Natur, Teil der Instinkte. Tiere haben auch den sogenannten ‚Killerinstinkt‘.“ 



Der neue Albumtitel meint nun aber nicht, dass man vor den Hoheiten der Gewalt und des Chaos kapitulieren sollte, lässt der Ober-Kreator verlauten.

„Klar leben wir in der Ära des Terrors, klar leben wir in der Zeit der Horrornachrichten. Aber davon lasse ich mir doch weder meine Freude am Leben noch den einzelnen Tag versauen. Und genau das wird auf ‚Gods Of Violence‘ auch mit aller Kraft zelebriert. Obwohl die Themen und die Texte natürlich sehr düster gehalten sind, versuche ich, eine positive Message damit zu übermitteln.“



In diesen Kontext geraten, informiert Mille zum Song „Satan Is Real“.

„Ich bin kein großer Freund der Erklärung von Texten. Natürlich glaube ich nicht, dass der Beelzebub real ist, das wäre ja Quatsch. Es geht in dem Lied um Ikonen. Um Götzenanbetung. Es geht darum, dass Leute sich unterwerfen und Götzen anbeten. Auch im Jahr 2017. Und dass dies zu monumentalem Übel und Leid führt.“



Er selbst ist sehr froh, sich mit seiner Band noch immer so derart austoben zu dürfen, wie der Nachdenkliche offenbart. „Wer wie ich ein Kind der 1980er Jahre ist, der wird mich verstehen, wenn ich sage: Wir glaubten damals, dass die nächsten Generationen immer friedlicher und toleranter werden würden. Religionen, insbesondere deren dogmatische Verbindungen, schienen eher zahmer zu werden beziehungsweise ihre Macht über die Menschheit zu verlieren. Ich rede dabei aber nicht vom Glauben an sich. Das sollte man nicht verwechseln. Allein schon das bedeutungsvolle Jahr 2000 war ja in den 80ern für uns so weit entfernt, wir glaubten dabei an ein völlig neues, völlig verändertes Zeitalter. Doch es kam so anders. Wenn ich mir nun 2016 vor Augen führe, geht es auf der Welt irgendwie doch fatal zurück. Ich frage mich, ob es eine lineare Entwicklung in der menschlichen Psyche gibt, ob sich die Weltgeschicke deswegen auf gewisse Weise im Kreis drehen.“


Richtig gesagt, vor allem die zyklische Erscheinung der ganz großen, hausgemachten Katastrophen macht einen noch viel nachdenklicher als das eigentliche Versagen der weltweiten Gesellschaften.

Mille meint, um dem ganzen irren und grausamen Treiben ein Ende zu bereiten, müsste das monetäre System auf dem Globus endlich komplett abgeschafft werden.

„Ich bin wirklich weit davon entfernt, ein Kommunist oder Sozialist zu sein. Ich kann mich selbst nicht in solche Schubladen pressen. Das ist mir zu einfach. Das derzeitige System muss grundsätzlich überdacht werden. Immer, wenn es so läuft, wie es derzeit abgeht, wird ein großer Teil der Menschheit genau so manipuliert, dass es einem gewissen, relativ kleinen Kreis an Leuten dienlich ist. Großkonzerne wie die Waffenindustrie beispielsweise haben natürlich ein Interesse daran, dass Kriege geführt werden.“



Es hat eindeutig System, dass die Menschen mit clever durchdachtem Konzept in Furcht versetzt werden, dass sie so sehr vom eigentlichen Leben abgehalten werden, da geht Mille konform.

Und dass man oft schon gar nicht mehr frei atmen kann ob der ganzen Schreckensmeldungen und Horrorvisionen darüber, was noch alles passieren könnte.

„Wir werden ja ganz gezielt und genau geplant in fatale Abhängigkeiten geführt, das war nie anders. Wenn man nur mal das Internet nimmt, ohne das heute niemand mehr auskommt. Wir alle sind von den dortigen Informationen abhängig. Ich rege mich dabei auf keinen Fall auf. Aber ich möchte - ohne erhobenen Zeigefinger - dringend dazu raten, davon auch mal Abstand zu nehmen und sich auch hin und wieder zu entspannen. Da hat sich grundsätzlich in den Köpfen der Menschen etwas verändert in den letzten Jahren. Und das ist der Grund, warum es jetzt wieder in ein neues Zeitalter geht, in dem wieder Furcht und Schrecken verbreitet werden, womit wiederum Macht und Dominanz ausgeübt werden kann. Es ist leider immer wieder exakt die gleiche Machart und Masche, nur eben unter anderen Vorzeichen.“

© Markus Eck, 12.01.2017

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