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Interview: KATAKLYSM
Titel: 100 %

Als im Herbst des Jahres 1991 einige kanadische Jungspunde ihre todesmetallischen Interessen zusammenwarfen und eine eigene Band gründeten, war das musikalische Ziel der härtesüchtigen Youngster umgehend eindeutig definiert: „Northern Hyperblast“-Death Metal sollte es sein. Ultrahart, ultratechnisch und ultrakompromisslos.

Das erste 1992er Demo-Tape „Death Gate Cycle Of Reincarnation” offenbarte dann auch mächtig rumpelndes Brutal-Gemetzel von abartig rohen Gnaden. Hier schickte sich ganz eindeutig ein zu allem entschlossenes Todeskommando an, mit einem völlig ureigenen und individuellen Stil auf sich aufmerksam zu machen.

Vor allem mit ihrer damalig vollkommen unmenschlich anmutenden Spielnote an durchweg oberhektisch kollabierenden Schlagzeug-Orgien beeindruckten und irritierten die postpubertären Ahornsirup-Freaks die anvisierte Hörerklientel gleichermaßen.

Sehr beeindruckt von den bizarren Blast-Darbietungen zeigte sich auch ein im schwäbischen Donzdorf ansässiger Fan, der die kanadische Knüppelgarde flugs für sein noch junges Nuklear-Plattenlabel einsackte.

Der (stilistische) Rest der turbulenten Bandhistorie ist wohlbekannte Geschichte, ebenso wie nicht wenige Besetzungswechsel am Gesangsmikro und der Schießbude.

Da die enorm spiel- und tourfreudigen Jungs um Sänger Maurizio Iacono die Songs für das neue Studioalbum „In The Arms Of Devastation“ im Vorab-Mix von Gitarrist Jean-Francois Dagenais der Presse vorstellen wollten, wurde auch ich nach Chicago, Illinois, eingeladen. Dagenais produzierte und mixte die letzten fünf Alben der Band. Den Endmix überließen Kataklysm diesmal jedoch einer sehr bekannten Kompetenz, doch dazu später mehr.

Maurizio, der vor einiger Zeit der Liebe wegen dorthin übersiedelte und sich dort mittlerweile mit bildhübscher Frau und Kind gut eingelebt hat, fungierte als kompetenter Organisator.

Meine Flugroute führte mich am Donnerstag, den 29. September 2005 von München aus über den Atlantik direkt nach Philadelphia. Endlich dort angelangt, wurde ich wohl aufgrund meines Outfits besonders penibel kontrolliert und verhörtechnisch von mehreren schwer bewaffneten und nicht minder schwergewichtigen Sicherheitsbeamten in die Mangel genommen, was nicht wenige meiner belastbaren Nervenstränge letztlich das Dasein kostete. Nächstes Mal hülle ich mich in Spießerklamotten und markiere den souveränen und vertrauenswürdigen Business-Schleimer, soviel steht fest.

Von dort aus ging es schließlich abends in die Heimat des weltberühmten Gamaschen-Gangsters Al Capone zum riesigen Flughafen Ohare Airport. Die Reisezeit betrug mit den obligatorischen Verzögerungen insgesamt beinahe elf Stunden. Dort gabelten mich Maurizio und Jean-Francois Dagenais nach einigen Telefonaten am vereinbarten Treffpunkt vor dem Flughafen mit dem Auto auf, um mich ins einige Meilen entfernte William Tell-Hotel zu karren, wo bereits je ein Rock Hard- Schreiberling und einer vom Hammer Magazin freudig ihre US-Biere zischten.

Nach einer durch die Zeitverschiebung von sieben Stunden in Sachen Schlaf recht defizitären Nacht brachte uns Maurizio am darauf folgenden Tag ins eigentliche Hotel namens City Suites in West Belmont, welches schon ein gutes Stück weiter vom Flughafen entfernt liegt.

Dort eingecheckt, wurde anschließend mit den Schreiber-Kollegen zusammen die Stadt unsicher gemacht und der dortige gut sortierte Metal-Shop namens Metal Haven durchstöbert.

Die ersten vertilgten Hamburger erwiesen sich nachfolgend noch als Verlockung, was im Laufe der folgenden Tage mit jeder Stunde schwand. Angesichts der dortigen atemberaubenden Architektur hielt sich mein Verlangen nach Fett und wertlosen Kohlenhydraten aber glücklicher Weise sowieso in Grenzen.

An diesem Freitagabend kutschierte uns Maurizio dann in den etablierten Liar´s Club, wo die Kataklysm-Listening-Session geplant war. Auch Bassist Stephane Barbe und Trommler Max Duhamel waren nun vom heimatlichen Quebec in einer vierzehnstündigen Autofahrt angereist.

Im Club, der bis Mitternacht für „Geschlossene Gesellschaft“ reserviert war, waren diverse Pizzas und Chicken-Wings aufgebahrt, die leckeren Barbeque-Saucen drohten den Verstand zu rauben. Anwesend waren allerlei geladene Gäste, darunter weitere Schreiber von einschlägigen Musikmagazinen, wie beispielsweise dem kanadischen Brave Words & Bloody Knuckles.

Und wer in unserem – dem Diktat der neuzeitlichen Sparsamkeit unterworfenen – Deutschland gerne mal Jack Daniels/Cola-Mischungen konsumiert, der hätte an den unerwartet starken Chicagoer-Mixturen mit Sicherheit seine helle Freude.

Als sich die Gesamtstimmung schon beträchtlich nach oben hin entwickelte, positionierte sich Maurizio endlich unter lautstarkem Gejohle mit einem Mikro und sagte in rühriger Manier die Stücke des kommenden Albums an:

„Like Angels Weeping (The Dark)“, „Let Them Burn”, „Crippled & Broken”, „To Reign Again”, „It Turns To Rust” (mit Morgan Lander von Kittie als nicht wieder zu erkennende Gastsängerin), „Open Scars”, „Temptation´s Nest”, „In Words Of Desperation” und schließlich „The Road To Devastation”.

Wie sich während des unterhaltsamen Hörens rasch herausstellte, zeugen die neuen Kompositionen von einer abermals gereiften Band. Der „neue“ Stil kann als technisch gut überlegtes und betont musikalisches Gehämmer-Todesblei mit markanten Doom-Passagen kategorisiert werden.

Laut auffällig selbstbewusst abgegebenem Statement von Maurizio also „eine sehr gut hörbare Mischung aus Kataklysm, Bolt Thrower und Black Sabbath, welche nicht wenige unserer Fans überraschen wird, aber auch nicht wenige neue Hörer auf unsere Seite ziehen wird.“

Und der Sänger und Familienvater verspricht sich eine Menge vom neuen Werk.

„Ich bin davon überzeugt, dass das neue Album bei richtiger Promotion ein voller Erfolg auf der ganzen Linie wird. Wir haben unser ganzes Herzblut und all unser Können in diese Scheibe gesteckt, und wir stehen 100%ig hinter jedem einzelnen Song. Auch wenn einige Songs für unsere Art von Musik anfangs noch ungewöhnlich erscheinen mögen, das Album reflektiert trotzdem unsere aktuellen Ambitionen in Vollendung.“

Ungewöhnlich ist vor allem die diesmal auffallend durchdachte Vortragsweise von Maurizio ausgefallen, der ständig zwischen archetypischen Todes-Growls und hysterischen Urschreien hin und her pendelt. Einige der Stücke hören sich an wie eine Dampfwalze auf Vollgas, wenn die Band aus einem tonnenschweren Doom-Part wieder rhythmisch in die Gänge kommt. Das diesmal – trotz gewohnt ausgedehnter Variabilität – sehr gut nachvollziehbare Drumming von Max Duhamel ist stellenweise sprunghaft wie ein junges Zicklein, hierauf wurde hörbar großer Wert gelegt.

Der Endmix von „In The Arms Of Devastation“ wird von Tue Madsen besorgt werden, welchen man als Klangmeister von Bands wie The Haunted oder Mnemic her kennt. Interessant ist auch die Tatsache, dass das Album-Frontcover aus einem von der Band ausgerufenen Designer-Wettbewerb hervorgeht, den ein in Los Angeles lebender Kalifornier für sich entschied.

Nach Beendigung der Listening-Session wurde getrunken und gefeiert.

Dabei lernte ich an der Theke ein einheimisches blondes Busenwunder samt ihren beiden gigantischen Verführer-Melonen näher und näher und schließlich ganz nah kennen.

Von ihrer freundlichen, unvoreingenommen und ganz und gar natürlichen Wesensart kann sich ein Großteil der über-emanzipierten und oftmals manisch introvertierten deutschen Frauen eine meterdicke Scheibe abschneiden.

Da auch der Rest der dortigen Menschen in Sachen Freundlichkeit, Offenheit und Dienstleistungs-Gebaren eine wahre Wucht war, kann der Autor dieser Zeilen nur in den allerhöchsten Tönen von solcherlei Lebensart und -Freude schwärmen.

Der nachfolgende, erneut erfreulich warm temperierte und abermalig wolkenlose Samstag brachte im renommierten prächtigen Chicagoer Metro-Theater das „Windy City Invitational“-Festival mit sich. Gruppen unterschiedlichster Coleur wie beispielsweise Hurtlocker, Novembers Doom, Atrocity, Leaves´ Eyes, God Dethroned und Macabre gaben sich hier ein Stelldichein.

Leider lief die Promotion für diese Veranstaltung wohl ausschließlich über das Internet, denn die Besucherzahlen blieben weit unter den Erwartungen der Beteiligten. Ein überraschend hoher Eintrittspreis dürfte ebenfalls nicht wenig dafür verantwortlich gewesen sein.

Als Kataklysm schließlich gegen 22:00 dortiger Ortszeit die Bühne enterten, gesellten sich circa 50 bis 70 anwesende Maniacs vor der Bühne zusammen und feuerten ihre Helden an. Besonders auffallend waren dabei einige schwer tätowierte und ergötzlich leicht bekleidete Vertreter des weiblichen Geschlechts. Wie mir dabei unverblümt versichert wurde, ist dies in den dortigen Kreisen beileibe nichts Ungewöhnliches, gehört also zur Rock’n’Roll-Lebensphilosophie. Recht so.

Der Live-Sound war an diesem Abend angenehm druckvoll und nicht zu laut, Kataklysm zockten einige neue Tracks, die sehr gut aufgenommen wurden. Anschließend gaben sich die drei Schlitzohren und beliebten Lokalmatadoren von Macabre die Ehre, die zuvor ständig im Publikum unterwegs waren.

Am nächsten Tag, Sonntag, stand für mich und Bruder Cle vom Rock Hard eine ausgedehnte Sightseeing-Tour im Herzen Chicagos auf dem Plan, welche uns bei sonnigem Kaiserwetter unter anderem auf ein gepflegtes Bierchen in den 97. Stock des berühmten Hancock Towers führte.

Die berauschende Aus- und Weitsicht nahm uns beide vollkommen von sich ein. Zuvor getätigte Stippvisiten im dortigen großartigen John G. Shedd-Auquarium inklusive Delphinarium sowie im angrenzenden großflächigen und mannigfaltig durchstrukturierten (Naturkunde)Museum gehören ebenfalls zu unvergesslichen Erinnerungen.

Abends gesellten wir drei deutschen Schreiberlinge uns ins schmucke Vorstadt-Häuschen von Maurizio, wo dieser mit der Band für uns ein leckeres Barbeque auf dem Rasen seines gepflegten Gartens geplant hatte. Erneut ein echtes Highlight. Liebevoll vorbereitet waren verschiedene Barbeque-Saucen und Beilagen sowie Salate.

Sehr gut gekühltes und absolut delikat mundendes, stilechtes Dosenbier ergänzte die von Chefkoch Maurizio servierten Hamburger und Chicken-Wings in Perfektion. Um entsprechend begleitende Schwermetall-Beschallung aus der im schmucken Garten-Pavillon aufgestellten Stereoanlage wurde sich hingebungsvoll gekümmert, so einige Heavy-, Power- und Death Metal-Klassiker ertönten und wurden angeregt von den Anwesenden diskutiert.

Death Metal ist für das Kataklysm-Frontmonster eben letztendlich ein „Way Of Life“, den man eben in sich trägt oder nicht. Maurizio offenbart offenherzig:

„Wer mit Death Metal als Musiker primär Geld verdienen will oder berühmt werden will, der braucht eigentlich gar nicht erst damit anzufangen. Das ist der oberste Rat, den ich jedem geben kann, der eine Death Metal-Truppe gründen will oder bei einer anheuert. Wenn ich daran denke, was wir in der Vergangenheit alles für Mühen, Zeit, Geld und Nerven in Kataklysm investiert haben … dagegen sieht das Resultat doch eher mager aus. Klar, wir veröffentlichen demnächst eine Killer-Platte bei einem sehr großen Platten-Label und wir bekommen überschwängliche Kritiken, aber reich werden wir wohl niemals mit unserem Sound. Da will ich niemandem etwas vormachen. Aber darum geht es uns ja auch nicht. Wir lieben Death Metal, seit wir das erste Mal damit in Berührung kamen. Und wir wollen diesem - jedes Jahr noch unüberschaubareren - Metier mit unseren Songs frische Impulse geben. Das ist unser Ziel. Wir wollen Death Metal am Leben erhalten, und, wenn es uns gelingt, ihn auch auf das nächste Level hieven. Dafür nehmen wir immer wieder gerne großen Risiken auf uns, experimentieren herum und entwickeln uns musikalisch weiter.“

So spricht ein wahrer Idealist. Also, Hamburger zu machen, dass hat der so überaus stimmstarke Kataklysm-Frontmann aber ebenfalls verdammt gut drauf, das muss man ihm wirklich lassen.

Da somit also nicht nur mit vollends gewecktem Appetit ausgiebig gespeist wurde, sondern auch die reichliche Aufnahme von kühlem Hopfensaft zwingend notwendig war und im Zuge dessen ordentlich gesoffen wurde, stieg der Stimmungspegel entsprechend rasch und hoch.

Mit zwar sportlich verbissener Manier, aber gleichfalls spürbar überschattender Herzlichkeit kollektiv ausgetragene Rülps-Wettbewerbe von stellenweise unmenschlicher beziehungsweise urtierischer Anmut waren die unabdingbare Folgeerscheinung. Unbekümmerte Ausgelassenheit pur sozusagen, heiterer Frohsinn hoch zehn.

Dass ich mich, durch solcherlei Treiben umgehend auf den Plan gerufen, als einer der absoluten Favoriten durchs Ziel brunftete, soll hier nicht verschwiegen werden. Leider begann es irgendwann kurz vor Mitternacht zu regnen, was dem Abend einen ruckartigen Abbruch bescherte. Dennoch, die von Maurizio trotzdem noch zum Besten gegebenen Interna in Sachen Kataklysm waren gleichermaßen spannend wie höchst unterhaltsam.

Unserem massiven Drängen, solcherlei skurrile Erlebnisse doch endlich als Death Metal-Band-Buchbiografie zu veröffentlichen, gab der Sänger vor einigen Wochen dann doch noch nach, wie kürzlich auf der Website der Truppe zu lesen war. Da darf man wirklich gespannt sein, mehr wird hier nicht verraten.

Am darauf folgenden Montagmittag hieß es für mich dann Abschied nehmen, was mir wirklich nicht leicht fiel. Denn allzu sehr hatte mich doch das ungezwungene Chicagoer Lebensgefühl mit seinem ausgesprochenen Positivismus von sich eingenommen.

© Markus Eck, 12.10.2005

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