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Interview: INNER SHRINE
Titel: Zeitlosigkeit als Leitmotiv

Nicht nur eines der wohl träumerischsten, sondern auch eines der wahrscheinlich emotional tiefsinnigsten und sowohl qualitativ hochwertigsten Gothic Metal-Artefakte seit sehr langer Zeit liegt mit dem dritten Albumstreich dieser beiden Florenzer Esoterikmystiker vor. Und „Samaya“ ist ein immens beseeltes Meisterwerk düsterer Noten- und Musizierkunst geworden, ohne jeden Zweifel.

Erfüllt ist der neue Tonträger von gänzlich einnehmenden Melancholiemelodiken, die Seltenheitswert haben. Zum stilistisch überraschend beruhigten Duo geschrumpft, entwickelten Bassist und Sänger Leonardo Moretti sowie sein Kompagnon, Sänger, Gitarrist und Keyboarder Luca Liotti ihre sehnsüchtig geschmachteten Visionslieder in eine nun beinahe benebelnd schöne Spielrichtung – aufwühlend gefühlvolle Kompositionen von klanglich schier schwebender Erscheinung.

Was also damals mit dem 1997er Debüt „Nocturnal Rhymes Entangled In Silence“ begann und über den drei Jahre später erschienenen Nachfolger „Fallen Beauty“ fortgeführt wurde, das darf sich jetzt in restlos bezirzender Tragikanmut und grenzenlos weitläufiger Dunkelromantik zwischen sämtliche Sinne der Hörer erstrecken.

Leonardo Moretti kommentiert zu Beginn die vierjährige Veröffentlichungspause von Inner Shrine:

„Wir stecken nicht so tief im Musikgeschäft drin, wie man vielleicht vermuten möchte. Denn unsere Musik machen wir eigentlich nur für uns und unsere treuen Fans, mehr streben wir nicht an. Die künstlerischen Zugeständnisse an den internationalen Markt wären uns auch ehrlich gesagt viel zu groß. Wir finden es daher immer wieder sehr schade, dass Bands, die nicht genügend Alben verkaufen, von ihren Labels gekickt werden. Glücklicherweise denkt der Inhaber unseres Labels in dieser Hinsicht genauso wie wir.“

Warum das neue atmosphärische Werk der beiden Italiener sich von den anderen beiden Inner Shrine-Scheiben dermaßen unterscheidet, kann mir der auch in diesem Interview überaus gut aufgelegte Leonardo nur schwerlich darlegen.

„In unsere Lieder legen wir seit jeher sehr viele Leidenschaften. Leidenschaften, welche aber je nach Lebensabschnitt eines Künstlers immer wieder differieren können. So lässt sich die diesmalige Grundstimmung auf `Samaya` einerseits vielleicht erklären. Aber eines unserer obersten Ziele als Musiker war es auch schon immer, völlig eigenständige und individuelle Songs zu machen. Die Fachpresse belegte unseren Sound in der Vergangenheit jedoch immer wieder mit gängigen und abgekupferten Stilistik-Klassifizierungen wie Gothic, Black oder auch Classical Metal, was unseren vielfältigen Stücken aber überhaupt nicht gerecht wurde. Das hat uns wohl so geärgert, dass wir unsere Musik unbewusst wieder veränderten“, scherzt er mit merklich ernstem Unterton in der Stimme.

Mannigfaltig beeinflussen ließen sich die zwei Musikanten diesmal durch zahllose geschichtliche Zeugen ihrer berühmten Heimatstadt, wie ich erfahren soll: Alte Bücher, noch ältere Legenden und Überlieferungen sowie den großartigen Prachtgebäuden von Florenz.

Doch auch alte Meister der Klassik penetrierten die zwei schöpferischen Geister von Inner Shrine.

Leonardo erinnert sich an dieser Stelle merklich in aller schwärmerischen Wehmütigkeit:

„Die Autoren dieser wertvollen Bücher, all die Denker, die Philosophen sowie die großen Baumeister ihrer jeweiligen Zeit: Ein jeder von ihnen schuf seine Kunst mit dem Wunsch, sie möge die Zeit nach ihm möglichst lange überdauern. Je besser ein Gedichtband, je brillanter eine architektonische Leistung und je genialer und zeitloser ein Lied, desto mehr Hingabe und Idealismus müssen wohl darin von ihren Schöpfern eingeflossen sein, welche Dauerhaftes kreieren wollten. Wir atmeten diesen Spirit der alten Meister während des Kompositionsprozesses für `Samaya` und versuchten, ihre Intentionen so gut als möglich wiederzugeben.“

Und was die fast ausschließlich in lateinischer Sprache verfassten Lyrics anbelangt, dazu informiert der Florenzer:

„Weil dieses Album sich doch sehr von unseren vorhergehenden unterscheidet und sich noch dazu mehr denn je dem Altertum unserer Heimat widmet, entschieden wir uns dazu, lateinische Songtexte zu verwenden. Schließlich ist Latein nicht nur unserer Auffassung nach eine der allerschönsten Sprachen überhaupt auf dieser Welt, um tiefgründige Musik mit entsprechendem Gesang zu unterlegen. Und da wir erneut eine Vielzahl an klassisch instrumentierten Stellen auf dem aktuellen Albumwerk haben, passen diese lateinischen Zeilen umso besser zu unseren neuen Kompositionen.“

Was die von ihm genannten Zitierungen alter Klassikmeister auf „Samaya“ angeht, so kommen all diese prachtvoll aufgeführten Arrangements auch nicht von ungefähr.

Luca und Leonardo hegen nämlich beide eine tiefe Verehrung für ihre berühmten Landsmänner Giuseppe Verdi und Antonio Vivaldi.

„Aber auch für die Musik von Ludwig van Beethoven und Sergej Rachmaninov können wir uns begeistern, so ist auf `Samaya` eine Coverversion von Rachmaninovs Stück ´Elegiacus in Re min´ vertreten.“

Um solcherlei opulenten Klangreigen so authentisch als möglich zu erzeugen, wurde laut Leonardo für die verschiedenen Gastmusiker eine ganze Menge Geld ausgegeben.

„Einige davon spielen und singen in hierzulande namhaften Orchestern und Opernhäusern. Sie waren daher sehr teuer und auch nicht leicht zu bekommen, da ihr Terminplan aufgrund ihres hohen Könnens stets voll ist.“

Also noch ein weiterer Grund, warum die Fans so lange auf das neue Album von Inner Shrine zu warten hatten. Aber ein sehr lohnenswerter, wie auf „Samaya“ zu hören ist.

© Markus Eck, 08.06.2004

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