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Interview: INNER SHRINE
Titel: Melancholische Poesie

Das aus dem wunderschönen italienischen Florenz stammende Trio Inner Shrine hat jetzt mit seinem zweiten Streich, dem Album „Fallen Beauty“ ein weiteres Mal ein beeindruckendes Manifest seiner melancholischen Poesie für die Außenwelt zugänglich gemacht. Die eher ruhigere Musik der Florenzer, die man als Gothic Slow Motion Metal durchgehen lassen könnte, geht durch Mark und Bein.

Und diese Lieder schaffen es mit spielerischer Leichtigkeit, einer meistens verborgenen Welt der sinnlichen Verträumtheit erfüllendes Leben einzuhauchen. Mit Cecilia Boninsegni, einer reinrassigen Opernsängerin und Anna Vignozzi, einer nicht minder mystischen Nobelstimme im kreativen Handgepäck, kann die Gruppe zusätzliche anspruchsvolle Kompositionstiefe auf der Habenseite verbuchen.

Und so hat das für die Album-Aufnahmen zum Quintett gewachsene Ensemble mit seinem aktuellen Produkt ein unter die Haut gehendes Panorama an unerfüllten Sehnsüchten kreiert, welches einen nicht mehr losläßt.

Gerade durch den klug gewählten Einsatz der beiden tremolierenden weiblichen Goldkehlen und die prachtvollen Akustik-Intermezzi erfährt die trauernde Hommage an die Melodramatik der Sinne eine restlos für sich einnehmende Prägnanz.

Mit einfach hinreißenden Melodien wird des Öfteren dem Augenblick Dauer verliehen.

Die Musik der Italiener erinnert mit Ästhetik schmerzlich an den ewigen Kreislauf zwischen Entstehen und Vergehen, zwischen Geburt und Tod. Dennoch stellt sie keinesfalls, wie man vermuten möchte, eine symbolüberfrachtete Parabel auf das Ende der Menschheit dar. Ein aufschlußreicher Dialog mit Bassist und Sänger Leonardo Moretti konnte die Ursachen solcherlei offenbar todtraurigen und leidvollen Musizierens näher erläutern.

Der im Gespräch mit seinem unerwartet fröhlichen Naturell überraschende Florenzer erklärt mir die hinter seiner Band stehenden Absichten mit charmanter Erzählweise:

„Inner Shrine sind nun an einem Punkt angelangt, an dem wir wie nie zuvor miteinander harmonieren. Auf der ersten Scheibe `Nocturnal Rhymes Entangled In Silence` waren wir noch zu siebt und oft herrschte großes Chaos, was die Direktive unseres Sounds anging. Du kannst es dir ja vorstellen: Sieben Gehirne und jedes wollte sich dabei selbst verwirklichen. Nun sind wir als Konsequenz darauf nur noch zu dritt und haben zwei Sängerinnen, mit denen wir sehr gut klar kommen und die unsere Vorgaben mit Freude ausführen, was die freundschaftliche Chemie in der Band, die wir benötigen, um so zu klingen, sehr weit nach vorne gebracht hat.“

Wie steht es denn mit der Medienresonanz zum aktuellen Release? Die Anstrengung der Band und das wirklich gelungene Endresultat sollten eigentlich ausreichend mit Bewunderung honoriert werden, möchte man vermuten. Moretti fährt fort: „Ich habe bis jetzt an die 30 Interviews gegeben, und das bisherige Feedback war überwiegend schon sehr positiv für uns. Aber was mich manchmal wirklich genervt hat, waren die immer gleich formulierten Fragen der Journalisten. Nur die wenigsten schienen unsere Musik wirklich zu verstehen oder sogar zu bewundern. Aber trotzdem bin ich schon mit dem bisherigen Interesse an `Fallen Beauty` im Großen und Ganzen zufrieden.“

Genau das erfahre ich nicht zum ersten Mal von einem Musiker. So, also dann frage ich ihn doch gleich mal nach der Darbietung der todtraurigen Lieder auf der Bühne beziehungsweise ob Leonardo und seine Mitstreiter die Intensität ihres Outputs auch im Konzert so perfekt zustande bringen. Er blüht regelrecht auf bei diesem Stichwort:

„Unsere Konzerte sind jedes für sich ein Ereignis der besonderen Art. Wir kaufen vor jedem Gig tonnenweise Kerzen und zünden diese dann an, was unserem Set dann eine sakrale Aura und mystische Atmosphäre verleiht. Die Besucher bekommen so ein Erlebnis geboten, das sie so schnell nicht mehr vergessen und das sie dann hoffentlich noch ein paar Tage danach beschäftigt. Leider liegt unsere letzte größere Tour schon länger zurück, da die Vorbereitungen und die Aufnahmen zu `Fallen Beauty` einige Zeit in Anspruch nahmen. Aber wir freuen uns schon riesig auf die anstehenden Live-Zeremonien. Ich persönlich bin ohnehin der Meinung, daß unsere Musik am besten auf der Bühne in Verbindung mit der beschriebenen Atmosphäre ihre Wirkung entfalten kann.“

Hoffentlich klappt´s mit diesem Wunsch! Ich wäre der erste, der das sehen will.

Mir ist die immer wiederkehrende wunderschöne Akustikgitarre beim verzückten Hören aufgefallen, die durch ihre besinnliche Art des Klanges vollkommen für sich einnehmen kann.

So möchte ich wissen, wie man solch´ klangvolles Spiel auf diesem Instrument hinbekommt. Die Antwort kommt prompt:

„Die Akustik-Passagen sind an der landestypischen Spielweise unsere Heimat angelehnt. Sie sollen unsere Verbundenheit und Loyalität zu unserem Vaterland ausdrücken. Wir sind stolz auf unsere Kultur und unsere Antike. Deswegen haben wir auch gerade besagter Akustikgitarre so einen breiten Raum in den Liedern gewährt. Sie reflektiert zudem die klassische italienische Spielweise dieses uns so nahestehenden Instrumentes.“ Da kann ich nur bejahend zustimmen. Inner Shrine verstehen es wie nur wenige aus ihrem Metier, diese Art der Darbietung so kunstvoll klingend erschallen zu lassen.

© Markus Eck, 19.01.2000

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