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Interview: HYPOCRISY
Titel: Beständigkeit in der Veränderung

Mit „Catch 22“ veröffentlicht diese schwedische Todesbrigade ihr bereits achtes Album. Schon länger quälte die Fachwelt die brennende Frage nach dem Inhalt eines neuen donnernden Artefaktes der drei schweineharten Schwedenteufel aus der Abyss-Studioschmiede, dessen dort unglaublich betriebsamer Inhaber Bandboss Peter ja bekanntlich ist.

Er startete, was die wenigsten wissen dürften, schon 1984 mit einer Melodic Metal-Band namens Conquest, die sogar bis 1988 Bestand hatte. Doch dann brach sich der immense Härtedurst Peters krachend Bahn. Er verlegte deswegen damals sogar seinen Ortsitz in die USA, um nachfolgend eine Weile in der Thrash Metal-Formation Meltdown mitzumischen. Diese sollte alsbald aber dann schon wieder recht schnell auseinanderbrechen. Doch das hatte auch sein Gutes: Dort, in den Staaten und in der zu damaliger Zeit grassierenden Death Metal-Welle, entfachte unter solchen Impressionen nämlich ein todesmetallisches Feuer Tägtgrens Sinne.

Ein unstillbares Brennen, das seine funkensprühende Kreativität bis heute am Lodern erhält und ihn wohl als ewiges Licht leiten wird. Es ging weiter und für Peter wieder nach Hause. Hypocrisy werden heute in Schwermetallerkreisen heute als legendäre Größe gehandelt. Den einprägsamen Namen des dann 1991 gegründeten Trios, welches damals noch als Quintett – nämlich zusätzlich mit Sänger Masse Broberg und Jonas Österberg als zweitem Gitarristen - lärmte, vergißt man nie wieder. Er wird von den zahlreichen Anhängern dieser wirklich überragenden Könner mit aller Ehrfurcht ausgesprochen.

Der dynamisch musizierende Dreier, seit vielen Jahren nun schon beständig bestehend aus Gitarrist und Sänger Peter Tägtgren, Tieftöner Mikael Hedlund und Trommelkraft Lars Szöke, erschließt auf „Catch 22“ für Hypocrisy stilistisch bisher unerschlossene kreative Pfade.

Diese weichen neuzeitlich doch ein wenig vom bisherig gewohnt-geliebten massiv-opulenten Bombast in den mitunter bestialisch erklingenden Kompositionen der Band ab.

Warum, das erzählt mir ein gut gelaunter Peter im Hauptquartier der veröffentlichenden Donzdorfer Plattenfirma Nuclear Blast.

„Catch 22 kann man in der Art sehen, als man oft versucht, zwei verschiedene Dinge zur gleichen Zeit zu machen. Will man beide Aufgaben jeweilig perfekt erledigen, steht man fast immer vor einem Problem. Denn in der Regel kann man aufgrund der leider unteilbaren Zeit jeder Angelegenheit nur 50 % ihrer Zeit zuteil werden lassen“, erklärt er gleich den doch im direkten Vergleich mit den Albumvorgängern etwas unkonventionell anmutenden Titel seiner neuen Veröffentlichung.

Und der Mainman gibt auch gleich noch ein gutes sowie aktuelles Beispiel aus seinem eigenen Leben dafür ab.

„Als ich vor Beginn der Arbeiten am neuen Album mein Studio fürs Erste zumachte, um mich voll auf `Catch 22` konzentrieren zu können, konnte ich trotzdem einfach nicht abschalten. Was ich auch machte, ständig hatte ich vergessene Kleinigkeiten aus dem Abyss oder nahende Studiotermine anderer Bands im Kopf. Ich mußte ständig wieder hin, um meinen inneren Frieden in dieser Sache zu haben. War ich aber dann endlich wieder dort, dachte ich unentwegt an die dringlichen Kompositionsprozesse sowie Rehearsals mit Hypocrisy, was mich dann auch nicht zur Ruhe kommen ließ. Es machte mich halb wahnsinnig. Das meine ich mit `Catch 22`: Man kann eben einfach niemals zwei Dinge mit gleicher Aufmerksamkeit tun, ohne daß nicht eines unter dem anderen zu leiden hat.“

Peter muß es wirklich wissen, denn der Mann produziert pro Jahr eine nicht unwesentliche Anzahl an Bands in seinen mittlerweile weltberühmten schwedischen Hallen.

Das geht mitunter so weit, daß man sich bisweilen ernsthaft fragt, ob so ein Mensch überhaupt noch Privatleben hat. Nicht zuletzt, weil er doch mit seinem doch recht kommerziellen Pop-Projekt Pain auch noch ständig zu tun hat. Und dann noch Hypocrisy nebst ausgedehnten Touren durch die ganze Welt mit diesen. Doch nicht nur der Albumtitel des neuen Werkes erstaunt, auch der musikalische Inhalt differiert ein wenig von bisher gewohnten dunkelschönen Klangkaskaden.

„Das war eigentlich nicht direkt beabsichtigt. Wir wollten wie immer erneut eine sehr intensive Platte machen. Was wir auch erreicht haben. Und wir wollten abermals eine sehr dreckige, aber auch druckvolle Produktion. Auch das ist uns gelungen. Aber es manifestierte sich dieses Mal schon recht früh in uns allen dreien das Bedürfnis nach neuen Songstrukturen. Irgendwie wollten wir diesmal einfach etwas anderes auf Tonkonserve bannen; etwas ganz Neues und Frisches, etwas Unverbrauchtes.“

Dies kann man leicht nachvollziehen. Hypocrisy gießen jetzt ja schon seit mehr als zehn Jahren ihr hochdramatisches und tonnenschweres Todesblei in wirklich bizarre Kunstformen, welche knallharte Songskulpturen hervorbringen. Mit den Jahren verstand die Band es in Perfektion, mittels vieler monumental-bombastischer Tastenkreationen und toller einprägsamer Melodien ihren Death Metal-Sound zu einem ganz besonderen zu machen.

Letzteres erwies sich als goldrichtige Direktive, kam überall sehr gut an und bescherte dem Trio um Tägtgren weltweit eine Unmenge an neuen Fans, welche ihre Helden auch dementsprechend enthusiastisch abfeierten. So spiegelten speziell die beiden letzten Alben, das 1999er selbstbetitelte Werk und dessen ebenso überaus erfolgreicher Follow-Up „Into The Abyss“ eine geradezu atemberaubende musikalische Größe wider. Gigantismus, der sich hauptsächlich aus den genannten Bombast-Elementen vorzüglich nährte.

Speziell „Into The Abyss“ sah eine Band auf dem vermeintlichen Zenit ihres Schaffens.

Konnte man eigentlich nicht mehr besser machen. Das sieht auch Peter so.

„Ja, ich fühlte mich zwar sehr gut mit der Musik der letzten beiden Alben, aber ich wollte mich – vielleicht auch gerade deswegen – dennoch mit Hypocrisy musikalisch verändern. Wollte wieder die Aufgabe haben, etwas Neues zu kreieren. Wer mich kennt, der weiß, daß das ja eigentlich sowieso schon typisch für mich ist. Ich brauche eben ständig den Druck, an einer neuen Sache zu arbeiten, so wie es auch bei Pain bislang immer der Fall war. Und je unerschlossener das neue musikalische Territorium ist und je größer daraus resultierend der Druck wird, umso kreativer kann ich sein und stellenweise über mich selbst hinauswachsen. Mit der Zeit wird man wahrscheinlich ohnehin süchtig danach.“

Was nun aber für uns nicht heißen muß, daß Hypocrisy nun nie wieder so wie früher klingen werden. Peter relativiert: „Natürlich nicht, denn der neue Sound muß ja deswegen nicht für immer so bleiben. `Catch 22` reflektiert lediglich unser Feeling während der letzten Songwriting-Periode. Wir haben ja auch unser altes Klangbild deswegen nicht völlig überpinselt. Im Grunde klingen wir immer noch typisch nach uns selbst, was man doch auch sofort aus dem neuen Album heraushören kann. Bei uns kann sich etwas, das eben noch als neues Stilfragment entdeckt wurde, schon sehr bald wieder in totaler Weise ändern. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß so etwas bei Hypocrisy stattfindet.“

Mr. Tägtgren wird diese Beständigkeit der Veränderung auch weiterhin beibehalten. „So sind wir auf jeden Fall vor Eintönigkeit gefeit. Und müssen uns wie so viele andere Bands auch niemals hinsetzen und überlegen, was wir bei der nächsten Platte anders machen sollen, um den Fans die geforderte Weiterentwicklung zu demonstrieren.“

Das hyperaktive Multitalent hat hier mit unbekümmerter Selbstverständlichkeit einen überaus wichtigen Punkt angeschnitten, der schon über so manche Bandkarriere entschied. Während sich andere Gruppen des Metiers also in mehr oder weniger verkrampfter Manier weiterentwickeln wollen, geschieht das bei Hypocrisy ganz von selbst. Und dies sichert den drei Schweden und ihren Ergüssen somit eine bezwingende und außergewöhnliche Originalität, die zeitlos gute Songs hervorbringen kann.

Mit Hypocrisy stehen uns demnach in Zukunft noch ganz andere Überraschungen bevor, denn Peter, der mittlerweile 31-jährige Starproduzent hat zwischenzeitlich sein Herz für New Age-Metal-Acts entdeckt.

„Es gibt eigentlich sowieso nur alle zehn Jahre eine Band, die mich mit ihrer Musik wirklich in den Arsch zu treten vermag und wirklich inspiriert. Ende der Siebziger Jahre waren das Kiss, Ende der 1980er Deicide und Ende des letzten Jahrtausends Rammstein. Und doch: Als ich dann aber vor einiger Zeit das erste Mal Slipknot hörte, war ich völlig von den Socken.“

© Markus Eck, 24.02.2002

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