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Interview: HARPYIE
Titel: Bewusst gewagter Ausbruch

„Blindflug“ haben sie zwar ihr neues Debütalbum betitelt, doch diese dem Mittelalter zugeneigten Folk Metal-Newcomer aus Löhne zeigen sich alles andere als blind, wenn es um das Entdecken belebender und frischer Song-Ideen und -Strukturen geht. Auch mittels überraschend innovativer Beigaben erwächst das von knackiger metallischer Härte durchzogene Material auf der aktuellen Liedersammlung immer wieder zu einiger Größe.

Und das aus Nordrhein-Westfalen stammende Septett scheut sich daher auch nicht, selbst Einflüsse aus den Bereichen Modern Metal und Metalcore zu verarbeiten. So entstand eine bunte Mischung, welche dem Hörerkreis viel abverlangt.

„Auf ,Blindflug‘ gibt es neun Lieder und ein Akustik-Intro zu hören, welches auch unter anderem ein Dokument über die Findung unseres eigenen Stils darstellt. Angefangen vom schön bekannten ,Hundertdreyssig‘ bis hin zu Aufbereitungen bekannter Spielweisen, bietet ,Blindflug‘ einen frischen Querschnitt aus unserem Repertoire“, weiß Aello die Windböe, bei Harpyie zuständig für Gesang und Schalmeien, zu erzählen.

So sehen sich Harpyie selbst durchaus als eigenständiges Projekt an, aber die Inspiration durch andere Künstler bleibt eben laut Aello bei der Band nicht aus.

„Alle Mitglieder kommen ursprünglich aus verschiedenen Szenen und so wird man beim Hören des Albums die sehr präsenten Metalcore-Einflüsse klar heraushören. Wir machen Folk Rock beziehungsweise Folk Metal. Und klar liegen da ähnliche Künstler wie Subway To Sally oder In Extremo, aber auch Bands wie Rammstein sehr nahe. Mit der Zeit hat sich aber rausgestellt, dass Harpyie eben Harpyie ist und unserer Meinung nur wenig vergleichbar ist durch den sehr ungewöhnlichen Mix aus Metalcore, Folk Metal, Mittelalter Rock und Pop.“

Wie Meister Aello nachfolgend wissen lässt, lebt seine Band wie von der Namens-Bedeutung her als Mischwesen aus den zwei wichtigen Achsen Rock/Metal-Set und Folklore.

„Wir selbst sehen uns allerdings nicht als Mittelalter-Band, sondern als Rock-Band mit mittelalterlichen Einflüssen. Dies öffnet uns ein wenig das Korsett und ermöglicht uns immer wieder nach mehreren Seiten auszubrechen. Wir legen uns nicht auf besondere Folklore-Stile oder Herkunftsgegenden fest, sondern wir ,wildern‘ gerne mal hier und da und machen das, was uns Spaß macht und was wir als wohlklingend empfinden. Ganz klar im Vordergrund stehen natürlich die Metalcore-lastigen Gitarren, die Marktsäcke, die Geige und der poppige deutschsprachige Gesang. Wir glauben an unsere ,Frische‘ und hoffen, dass diese auch an den Ohren der Hörer nicht vorbeigeht ohne bemerkt zu werden.“

Schließlich entstand diese taufrische Harpyie-Scheibe laut Aussage des Vokalisten auf rein natürlichem Wege.

„Nun, es ist so, dass es uns ja ,erst‘ seit einem Jahr gibt und wir einfach nicht die Zeit hatten, dieses Debüt vorab zu konzeptionieren. Also haben wir einfach Lieder geschrieben die uns selbst am besten gefallen und von denen wir glauben, dass sie auch den Hörern gefallen können. Machen wir uns nichts vor, die wenigsten Musiker machen ihre Musik nur für sich selbst und den eigenen CD Player. [lacht] Klar war es uns wichtig Anklang zu finden und uns an gewisse Regeln zu halten, aber trotzdem wollten wir versuchen, die eigene Stilfindung dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Uns war im Vorfeld wichtig, dass wir das Debütalbum so hochwertig produzieren, wie es in unserer Macht steht. Ob uns das gelungen ist? Wir denken ja. Obwohl wir natürlich im Nachhinein ganz viel gefunden haben, was wir beim Nachfolger besser machen wollen. Also, nach der Platte ist vor der Platte. Und um mal ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern, wir sitzen gerade beim Songwriting für den nächsten Longplayer.“

Wie der Name der siebenköpfigen Newcomer-Gruppe erklärt werden kann, darum geht es nachfolgend.

„Der Bandname soll etwas ,reißerisches‘ haben. Es geht um geflügelte Worte und Mythologie. Eine Harpyie, also ein ,Reißer‘, lateinisch ,harpeia‘, ist ein geflügeltes Mischwesen der griechischen Mythologie. Und so wie wir uns schreiben, ist die Harpyie aber auch der mächtigste Adler auf der Erde, und den gibt es wirklich. Ein ,reißerisches‘ Mischwesen ist also mehr als zutreffend, sowohl in der Musik die wir machen als auch in der Besetzung.“

Der Nordrhein-Westfälische Trupp wird in der aktuellen Label-Info zum Album als „Vögel, die ihr Nest verlassen“ beschrieben. Verleiht die eigene Musik dem Septett tatsächlich Flügel? Aello: „Besser kann man es unserer Meinung nach gar nicht ausdrücken. [grinst] Mal abgesehen davon, dass 50 % der Band schwer ,Energy-abhängig‘ sind, ist Harpyie für uns der wertvollste Workout an sich geworden. Wir lieben unsere Musik und sind alle die besten Freunde. Was kann einem noch mehr Flügel verleihen?“

Die Erwartungen bei den Fans, aber besonders auch seitens der Band an dieses aktuelle Debüt waren und sind hoch, so der Frontmann im Weiteren zum neuen Langspiel-Werk. So ist zu erfahren:

„Aber wir tragen ,Blindflug‘ momentan mit geschwellter Brust vor uns her und sind sehr zufrieden. Na klar, nach der Platte ist wie gesagt vor der Platte und wir haben viel darüber gelernt, was wir bei der nächsten Scheibe für 2013 anders machen wollen. ,Blindflug‘ ist ein eigenständiges Werk, welches für uns zumindest nicht mehr zur Diskussion steht. Es ist da und es ist gut so wie es ist.“

So ist „Blindflug“ auch nicht zuletzt ein spezieller Titel, wie Aello dem Autoren bestätigt, der verdeutlichen soll, dass Harpyie ihre Kunst grundsätzlich aus intuitiven Intentionen heraus kreieren. Der Mann geht dazu tiefer:

„Auf diese erste Platte trifft das in jedem Fall zu. Wir haben intuitiv versucht, uns dieser Musik zu nähern, aber ohne dabei unsere eigenen Stile zu vergessen. Das war uns sehr wichtig. Ziel war es, etwas eigenständiges zu schaffen und nicht zu klingen wie diese Band oder jene Formation. Harpyie ist mittlerweile Harpyie und zumindest wir finden keine Band, mit der wir zumindest musikalisch beziehungsweise spieltechnisch zu vergleichen sind. Vier von uns kommen ursprünglich gar nicht aus der Mittelalter-Szene. Und in der Konstellation der verschiedenen Musikrichtungen, die Einfluss finden, war diese CD tatsächlich ein Blindflug. Wir haben alles auf eine Karte gesetzt und uns dabei gesagt: ,Wir zäumen das Pferd von hinten auf!‘ Wir wollten erst ein fertiges Live-Set und eine CD in den Händen halten, bevor wir auf den Plan treten. Also hat das Ganze schon etwas von einem Blindflug, der aber, Gott sei’s gedankt, nicht zum Sturzflug wurde.“ [lacht]

Der Sänger schreibt, wie er noch weiter zu berichten weiß, die meisten Liedertexte für Harpyie selbst.

„Und ich habe großen Spaß daran, Geschichten zu erzählen oder den Hörer ganz direkt anzusprechen. Auf dieser Scheibe sind nun auch zwei Songs drauf namens ,Die tanzende Schlange‘ und ,Irrlichter‘, welche an Gedichten von Charles Baudelaire angelehnt sind. Ich kenne die Neigung vieler Kollegen zu François Villon und genau dieser wollte ich nicht nachgehen. Ich empfinde Villion als düster und unnahbar. Baudelaire hingegen hat etwas lebensbejahendes und lustiges. Er scheut sich nicht, über Sex zu schreiben und Tabus zu brechen. Und das geschieht bei ihm auf eine witzige Art und Weise. Aber mein Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Schreiben eigener Texte. ,Niemand Meer‘ beschreibt den Zustand einer Depression und ,Blindflug‘ beschreibt metaphorisch das Zusammenfinden der Band und den gemeinsamen Flug.“

Die Spieler der Marktsäcke und Geigerin Mechthild sind tief in der Mittelalter-Szene verwurzelt und sie spielen auch noch auf Märkten oder machen Straßenmusik, wie Aello abschließend zu offenbaren weiß. „Für den Rest der Gruppe beschränkt sich das Mittelalter vornehmlich auf Besuche von Mittelalterlich Phantasie Spectaculum-Märkten und das Einlesen beziehungsweise Studieren von mittelalterlichen Spielweisen oder Literatur. Wir sind aber frohen Mutes, dass sich das zukünftig ändern und intensivieren wird.“

© Markus Eck, 18.05.2012

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