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Interview: HÄMATOM
Titel: Absolute Kompromisslosigkeit

Schon seit Jahren knallen sie ihren Modern Thrash Metal mit kantigen NDH-Bezügen unter die Härtesüchtigen. Und nun hauen Hämatom eine erste offizielle Live-DVD-Veröffentlichung raus.

Die martialischen Krachsalven des dritten Albums „Wenn man vom Teufel spricht“ sind also kaum verhallt, da gibt es nun auch noch was Heftiges auf die Pupillen geklatscht. „Schutt und Asche“ ist das Ganze gewollt programmatisch betitelt, und so warten die Fans bereits sehnsüchtig auf das inhaltsreiche Teil. Geboten werden ganze 20 Hämatom-Songs mit 90 Minuten purer Live-Energie.

Als willkommenen Anlass dafür nahm die anhaltend beliebte Maskenmänner-Band ihre 200. gespielte Show, welche die vier fränkischen Rabauken im März vor ausverkaufter Hütte in Trockau zum Besten gaben.

Ganze acht Jahre gibt es den krassen Haufen nun schon als Lärmformation.

„Nein, wir sind alle ein wenig schockiert, wie schnell die Jahre ins Land ziehen und wie steinig, aber auch erlebnisreich der Weg nach oben ist. Wir haben wahnsinnig viel erlebt und es kündigen sich wieder neue interessante Ereignisse an. Die nächsten acht Jahre sind wohl sicher“, entgegnet Schlagzeuger Süd auf die Frage, ob sich die Beteiligten die lange Lebensdauer ihrer Gruppe damals bei Bandgründung überhaupt so erwartet hätten.

Krachen lassen wollen es die vier findigen Franken mit ihrem Sound auf jeden Fall bis es nicht mehr geht, so der Drummer.

„Da sind wir natürlich mit den Masken eindeutig im Vorteil, also auch rocken im Rentenalter wird dann nicht peinlich wirken. [lacht] Ganz ehrlich, wir setzen uns da keinerlei Zeitlimits. Solange es Spaß macht, ist nicht an Aufhören zu denken und jedes neue Album und jede neue Show sind auch immer wieder Herausforderungen, denen wir uns gerne stellen.“

„Schutt und Asche“, der neue Titel, er war laut Aussage des Stockschwingers schon immer ein Teil des Hämotom-Live-Ausrufes „Legt den Laden in Schutt und Asche“. Mehr:

„Als wir dann angefangen haben Songs für das neue Album zu schreiben, entstand auch eben der Song ,Schutt und Asche‘. Und dann war es naheliegend, ein Live-Album beziehungsweise die neue DVD so zu betiteln und diesen Song schon bereits als Vorab-Song dem Live-Package beizulegen. ,Schutt und Asche‘ drückt die Kompromisslosigkeit der Band Hämatom aus, wenn sie auf der Bühne steht!“

Direkt nach besagter 200. Hämatom-Show waren er und seine Kerle alle ganz schön ausgeknockt, wie Süd sich erinnert. „Wir haben ja viele Show-Specials eingebaut, Gäste eingeladen und Songs live gespielt, die wir Jahre nicht performt hatten. Dazu gab es am Vortag noch eine ganztägige Generalprobe. Das geriet für uns also zu einem ziemlichen Marathon, so dass wir nach Show-Ende erst mal alle ziemlich platt waren. Wir feiern jetzt erholt den Release der DVD und blicken stolz auf dieses Konzert mit Bild und Ton zurück.“

Nachfolgend befasst sich der Dialog mit der engen Zusammenarbeit der Band mit Produzent Äquator und Pol, dem Mann fürs Visuelle bei Hämotom. Süd expliziert hierzu:

„Hämatom besteht aus vier Musikern auf der Bühne und den beiden genannten Männern im Hintergrund. Wir sind eine demokratische Gemeinschaft. Jeder hat gleiche Rechte. Das Ganze hat zur Folge, dass jede Idee genauestens analysiert wird. Es gibt immer Mitglieder, die etwas auszusetzen haben. Das macht das ganze anstrengend. Manchmal hat man mit sechs Köpfen auch sechs Meinungen. Da ist dann schwer etwas zu bewegen. Der Vorteil ist natürlich, dass jede Idee einer Art Qualitätsprüfung unterliegt, und so nicht jeder Mist gleich in die Öffentlichkeit gefeuert wird. Der Arbeitsprozess ist folglich auch oft sehr unterschiedlich. Beim Songwriting zum Beispiel hat jeder aus der Band mal eine Idee, manchmal sogar fertige Songs. Wenn es gut läuft – sehr selten – wird dann so ein fertiger Song von allen akzeptiert. Aber oft wird die Song-Idee in ihre Bestandteile komplett zerpflückt und neu zusammengebaut. Das dauert, kostet Energie, ist dann am Ende aber geil!“

Enthalten auf der DVD ist auch eine einstündige Dokumentation, die sich speziell dem Schaffensprozess des aktuellen Albums „Wenn man vom Teufel spricht“ widmet.

„Auf diesem fast einstündigen Streifen zeigen wir uns das erste Mal unmaskiert. Wir haben vom ersten Treffen der Ideenfindung für das Album an mitgefilmt und das konsequent bis zum Release des Albums durchgezogen und dann die Doku zusammengeschnitten. Der Zuschauer erhält dadurch nicht nur einen super Überblick über den Entstehungsprozess eines Tonträgers, sondern er hat auch Einblick in den Metal-Kosmos von Hämatom. Man erfährt etwas über die Charaktere der Musiker, den Spaß beim Album-produzieren, aber auch über das zermürbende, anscheinend ewige Herumdoktern an den Aufnahmen, bis endlich der Silberling in ein Presswerk gesendet werden kann. Ich finde die Dokumentation sehr informativ und unterhaltsam.“

Zur enthaltenen Studioaufnahme des brandneuen, bislang unveröffentlichten Songs „Schutt und Asche“ stellt sich bestimmt vielen die Frage: Legt das Lied neue Facetten der Musik frei? Oder ist der Song eben ganz einfach nur „Hämatom as usual“? Süd antwortet:

„Leider ist es noch zu früh, um von dem einen neuen Song auf ein ganzes Album zu schließen. Wobei wir schon neue Erkenntnisse durch die Produktion erhalten haben. So haben wir etwas dominanter mit zusätzlichen Synth-Sounds gearbeitet und auch bei der Produktion etwas herum probiert, so dass der Sound brachialer rüberkommt ohne ,anstrengend‘ zu sein. Wir sind gerade sehr begeistert und haben nun wahnsinnig viel Lust ein ganzes Album fertig zu stellen, was aber auf jeden Fall noch bis 2013 dauert.“

Dann hat der Kesselwart noch einen Blick für mich in die Zukunft der Band zu machen. Was also erwartet die Hörer auf musikalischer Ebene auf dem nächsten Hämatom-Album?

„Hämatom bleibt Hämatom. Der Grundsound ist meiner Meinung nach durch die markante Stimme von Nord vorgegeben. Derzeit ist es unser Ziel, das aktuelle Album weiterzuführen, ohne dabei den Härtegrad zu mäßigen. Mit dem Album ,Wenn man vom Teufel spricht‘ haben wir für uns selbst einen Stil zwischen hartem Metal-Sound und eingängigen Melodien, abgerundet durch die direkten Hämatom-Lyriks, gefunden. Und die CD-Umsätze belegen, dass das nicht nur wir so sehen. Wir sind also im Vergleich zu Vorgänger-Alben weniger auf der Suche, dennoch experimentieren wir natürlich weiter. Derzeit sind wir noch am Anfang des Schaffensprozesses, d.h. wir sammeln noch Ideen und haben erst vereinzelt bei einigen Tracks mit dem Feinschliff begonnen. Also in ein paar Monaten kann ich zu dieser Frage bestimmt schon mehr sagen.“

Auf „Schutt und Asche“ sind laut weiterer Information von Süd die Videoclips zu den Tracks „Neandertal“, „Totgesagt, doch neugeboren – Teil 2“, „Sturm“, „Eva“ und „Schau, Sie spielen Krieg“ enthalten.

„Das sind einfach alle Musikvideos, die nicht live entstanden sind, da gab es also nicht viel auszuwählen. Wir haben nur das Video zu ,Leck mich‘ weggelassen, da wir keine FSK 18 riskieren wollten“, verkündet der sehr auskunftsfreudige Drummer, dabei auch nicht gerade wenig grinsend.

Nennenswert ist, so Süd, neben dem 90-minütigen Konzert, der fast einstündigen Doku und den Musikvideos, dass es sich hierbei um ein Fan-Paket handelt, das neben der DVD eben auch eine Live-CD beinhaltet. „Wer also eine längere Autofahrt vor sich hat und aus verkehrssicherheits-technischen Gründen lieber den DVD-Player auslassen möchte, der kann die CD einlegen und so das Hämatom-Live-Konzert genießen. Auf dieser CD ist neben dem Bonus-Studio-Track ,Schutt und Asche‘ auch der ältere Song ,Homosapiens‘ enthalten, der nicht auf der DVD Platz fand.“

Da ein Teil der Band in Video-Produktionsfirmen tätig ist, ist den Hämatomern die Qualität von Musikvideos natürlich sehr wichtig, wie von dem Schlagmann zu erfahren ist.

„Und auch bei der Idee versuchen wir natürlich Klischees zu vermeiden. Also eine Performance-Ebene mit bangenden Langhaar-Metallern wäre uns jetzt zu wenig. Wobei im absurden Kontext so etwas natürlich auch schon wieder geil sein kann. Beim ,Neandertal‘-Video hatten wir ja viel mit Affenkostümen zu tun und es war ein sehr langer Drehtag, das hat dann schon den einen oder anderen Lachkrampf verursacht, als man irgendwann nicht mehr wusste, wer jetzt Affe oder Mensch ist. Das ist also meiner Meinung nach schon ein originelles Video.“

Und die Hämatom-Mannschaft blickt gemäß weiterem Statement ziemlich gerne bei Rammstein zu:

„Die machen unserer Auffassung nach immer ganz große Videos. Das Video zu ,Mein Land‘ finde ich gigantisch. Und ich finde es auch cool, dass sie sich so etwas trauen, wie im ersten Teil des Videos und dabei mit Badehosen zum Metal-Sound tanzen. Auch wahnsinnig gut ist deren Video zu ,Keine Lust‘. Und sie sind sich auch für nichts zu schade und lassen sich am Ende des Videos zu ,Mein Teil‘ von einer Oma als Hunde Gassi führen. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Band, die in meinen Augen immer alles richtig macht.“

Wie erachten es Hämatom, dass MTV zum Bezahlsender geworden ist und somit massive Marktanteile verloren hat?

„Ehrlich gesagt schaue ich kein MTV oder VIVA mehr, da ich immer nur irgendwelche Sitcoms oder ähnlichen Quatsch dort sehe, der nichts mit Musik zu tun hat. Ich finde hierzu gerade imusic1 eine coole Alternative oder eben das Internet mit Youtube oder ähnlichem.“

„Hämatom wollen auch weiterhin anecken und polarisieren“, so lautet ein Motto des fränkischen Krachtrupps. Worum geht es den Beteiligten in der Band dabei eigentlich im Genauen?

„Warum wir beim ,Anecken und Polarisieren‘ gelandet sind ist schwer zu sagen. Wir haben am Anfang mit Texten herumexperimentiert und sind dann immer wieder bei Gesellschaftskritik gelandet. Obwohl wir lustige Zeitgenossen sind, liegt es uns nicht, Comedy-Metal zu machen. Wir schlagen die Zeitung auf und sind angekotzt von den Missständen in der Welt, die uns auf jeder Seite ins Gesicht schmettern. Die wollen wir anprangern. Hämatom ist unsere Art der Verarbeitung vom täglichen Wahnsinn in der Welt. Es ist unser Ventil, die Wut raus zulassen. Und ich denke es ist inzwischen auch für viele Leute vor der Bühne die Möglichkeit, um ihren Druck abzulassen. Einmal im Jahr feiern wir mit unserem Fans, dem Freak-Team, eine große Party und da erhalten wir immer viel Feedback zu genau diesem Thema: Stay kränk!“

© Markus Eck, 13.09.2012

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