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Interview: GRAVEYARD
Titel: Erfahrungssache

Mit ihrem vierten Album „Innocence & Decadence“ dringen die Schweden noch tiefer in den bluesig verräucherten Kosmos des Psychedelic Rock der späten 1960er Jahre ein.

Die Band um Sänger und Gitarrist Joakim ,Jocke‘ Nilsson gibt sich so inniglich und selbstentrückt hin wie nur wenige es hierin tun. Die beeindruckend beseelte, aber jederzeit vollkommen gewollt und authentisch klingende Zusammensetzung ihres Vintage-Gesamtsounds deckt erneut eine Vielzahl an Stilen dezent harter Musik ab.

Wunderbar verspielte Folk- und homogen verbaute Jazz-Einflüsse sorgen in den elf neuen Graveyard-Kompositionen für allerhand positive Spannungsgefühle. Wohlige Aha-Momente sind inklusive.

Es bleibt ein Geheimnis, was die vier stoischen Nostalgiker mit den Produzenten Janne Hansson und Johan Lindström in den Atlantis Studios in Stockholm so alles eingenommen haben.

Aufgenommen hingegen wurde das Ganze jedenfalls mit sehr viel Liebe zum Detail.

Bassist Truls Mörck macht dem vorauseilenden Ruf seiner Formation, außerordentlich wortkarg zu sein, auch aktuell alle Ehre.

„Ich bin sehr zufrieden mit dem neuen Album. Glücklich macht es mich, dass wir wieder mit neuem Material touren können.“



Für die frischen Songs von „Innocence & Decadence“ lässt er sich das Prädikat „Typisch Graveyard“ gerne gefallen.

„Wie alle unsere bisherigen Scheiben unterscheidet sich auch die neue Veröffentlichung von ihrem Vorgänger, ohne allerdings qualitativ etc. schlechter geworden zu sein. Wer das 2012 erschienene ,Lights Out‘ mit unserer Neuen direkt vergleicht, wird das sicherlich bestätigen können. Daneben bin ich der Ansicht, dass unser Jocke als Vokalist einfach immer besser wird.“

Lässig, aber gezielt geht Sympathikus Truls nach entsprechender Bitte dazu in die Tiefe. „Meines Erachtens nach ist das neue Zeug für unsere Verhältnisse sogar ziemlich hart geworden. Gewichtigen Anteil am entsprechenden Gitarrensound hat auch unser vollzogener Wechsel zu Marshall Combo-Verstärkern. So rau und bluesig das Ganze aber ebenfalls ist und so intensiv es einem oftmals auch vorkommt, so ausgereift sind die Nummern auf der anderen Seite.“



Textlich, so der Tieftöner, geben sich Graveyard auf „Innocence & Decadence“ ein wenig introspektiver als früher.

„Das liegt daran, dass es primär um Beziehungskisten und allerlei sonstige persönliche Belange geht. Politische Inhalte sind darüber hinaus trotzdem noch ein paar in die Lyrics eingebracht worden.“

Ein Plattentitel wie „Innocence & Decadence“ erweckt sowieso blitzschnell spekulative Erwägungen hinsichtlich seiner Bedeutung. Gevatter Truls zieht die Augenbrauen höher:

„Thematischer Hintergrund ist der gemeinsame Rückblick auf all die Jahre die wir als Band bis heute zusammen verbracht haben. Einschließlich Hochphasen, Niederlagen und so ziemlich allem dazwischen. Und wir sehen mit erfahrungsreichem Blick aus der Gegenwart immer noch eine mögliche Zukunft in dem, was wir als Musikgruppe zusammen tun.“

Denn das Quartett steht - zumindest sieht der Bassist dies für sich so, wie er erwähnt haben möchte -, immer schon dafür, den Geist der Gemeinsamkeit aufrechtzuerhalten. „Bei uns geschieht einfach alles aus diesem Aspekt heraus. So verhielt es sich daher auch für das neue Album. Wir brauchen und wollen keinen Bandleader. Dieser Umstand macht einen Großteil des künstlerischen Credos in Graveyard aus.“


Im Studio ging es klassisch zur Sache: Die Songs wurden mehr oder weniger live dort eingespielt und für die Ewigkeit konserviert.

„Das finale Ergebnis erinnert mich ein wenig an eine Fotosammlung von etwas, was sich dort im wahrsten Sinne des Wortes abgespielt hat. Ich schätze, das wir so dem favorisierten Ideal des Live-Feelings auf derlei Alben am besten entsprechen konnten.“

Den Blütezeiten von Acts wie beispielsweise Led Zeppelin wird erstaunlich individuell gehuldigt.

Teils erinnern einen die Tracks aber auch deutlich an drogengeschwängerte Astralreisen der Amerikaner von Monster Magnet.

Dass die späten 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts so prägnant und organisch auf dem Werk durchklingen, hat laut Truls auch seinen Grund.

„Wir konzentrierten uns während der Entstehung gänzlich darauf, begaben uns sozusagen ins eigene Universum. So konnten wir uns prima auf uns selbst einlassen, und auch ältere Ideen in neue Formen bringen. Und wir nahmen sogar extra eine komplette Auszeit vom Tourleben, fast ein Jahr lang.“

Hinsichtlich musikalischer Einflüsse hält sich der Mann eher bedeckt. „Ein ziemlich schwieriges Thema. Für mich ist das sowieso immer äußerst schwer zu sagen. Die allermeisten unserer maßgeblichen Einflüsse beziehen wir ohnehin nicht aus dem Hören von anderer Musik. Das Meiste kommt direkt aus uns selbst und von Leuten, die uns umgeben. Vom großen Bereich persönlicher und mit anderen Menschen geteilter Erfahrungen eben, welche einem, wie auch immer, nachhaltig im Bewusstsein verbleiben.“

© Markus Eck, 10.09.2015

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