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Interview: GERNOTSHAGEN
Titel: Den guten alten Werten verbunden

An kriegerischem Pagan Black Metal haben diese Thüringer Überzeugungstäter die allergrößte Freude, welche man sich innerhalb dieses Genres wohl überhaupt nur vorstellen kann. Somit ist die melodisch-hymnische Kampfesmusik dieser sechs ostdeutschen Schlachtenbarden durch und durch mit gigantischer Spiellaune durchzogen.

Das stark naturverbundene Klangwaffen-Sextett aus Schweina fühlt sich dabei der bewegten Geschichte seiner Heimat, den alten Sagen darum sowie all den historischen Kriegen verbunden, welche diesen leidgeprüften Boden bislang so oft erschütterten.

Den großen uralten heidnischen Gottheiten huldigen Gernotshagen mit aller denkbaren Ergebenheit, wovon das neue Studioalbum „Märe aus wäldernen Hallen“ nicht zuletzt seine überragend authentischen Heiden-Atmosphären nährt.

„Markus, was heißt hier ergattern? Wir mussten drei elend lange Jahre unentgeltliche Frondienste auf niedersächsischem Ackerland ableisten um dieses Angebot zu bekommen“, scherzt mich Gitarrensaitengreifer Maik Pomplun zu Gesprächsbeginn an, von mir auf den Plattenvertrag mit dem aktuellen Tonträgerverlag SMP/Trollzorn angesprochen.

Mehr noch: „Doch Spaß beiseite. Wir wurden von SMP beziehungsweise dem Inhaber Kai auf dem Barther Metal Open Air 2006 direkt nach unserem dortigen Gig angesprochen und mit Zuhilfenahme einiger entgegen gestreckter Hörner voll Met von der Idee einer Kooperation überzeugt. Danke an dieser Stelle nochmals an die ganze Troll-Sippe! Unser Auftritt hatte Kai und dessen Vater so positiv überrascht dass sie gleich unseren halben Merchandise-Koffer aufgekauft haben – somit war für uns nicht nur der Met mehr als beeindruckend. Den Vertrag mit Trollzorn würde ich auch nicht Plattenvertrag, sondern eher als Vertriebsvertrag bezeichnen, der auf mündlicher Vertrauensbasis geschlossen wurde und bis dato einwandfrei funktioniert. Trollzorn vertreibt zusammen mit Twilight unsere CDs und nimmt uns damit einen Großteil an Arbeit in Sachen Werbung und Verkauf ab.“

Das neue Album „Märe aus wäldernen Hallen“ besteht laut Maik aus Liedern, die zwischen 2002 und 2005 geschrieben wurden. Der Gitarrist expliziert hierzu: „Schon auf Grund dieser großen Zeitspanne kann man beim genaueren Hinhören einen deutlichen stilistischen Unterschied zwischen den alten (beispielsweise `Skaid`) und neuen (beispielsweise `Widars Klagesturm`) Liedern erkennen. Alle Gruppenmitglieder entwickelten sich während dieser Zeit musikalisch spürbar weiter, was sich in einem kompositorisch deutlich klareren und technisch anspruchsvolleren Liedaufbau widerspiegelt.“

Und diese altertümlich gewandeten Sturmbarden halten wirklich zusammen wie Pech und Schwefel:

„Entstanden sind die Lieder für „Märe aus wäldernen Hallen“ zum Großteil in gemeinsamen Proben, bei denen jedes Bandmitglied von Gernotshagen jeweilig für sich versucht hat, gute musikalische Ideen beizusteuern“, postuliert Maik in bester Erzähllaune, und fügt dazu gleich noch impulsiv an, dass „die neuen Lieder für jedes Bandmitglied musikalisch ein ganzes Stück anspruchsvoller und detailreicher geworden sind. Bei Sänger Daniel zum Beispiel wurde erst durch Zuhilfenahme etlicher Gesangsstunden der häufigere Einsatz an klaren Gesangselementen möglich. Dies war auch notwendig, um das vermehrte Verlangen nach Klargesang innerhalb der Gruppe entsprechend zu stillen.“

Aufgenommen wurde das neue Album im selbst aufgebauten Tonstudio in Steinbach, in dem sich auch der derzeitige Proberaum von Gernotshagen befindet. Maik resümiert erneut: „Unsere ersten eigenen Aufnahmeversuche begannen eigentlich bereits vor ca. drei Jahren, als wir im Keller unseres Drummers Tobias mit zu diesem Zeitpunkt noch etwas dürftigen technischen Mitteln die gerade neu geschriebenen Songs digital festhalten wollten. Wir saßen oft nur zu zweit in einem kleinen Raum und nahmen erst mal das Schlagzeug und einige Keyboardspuren auf. Herauskamen einige gut klingende Aufnahmen, die unseren qualitativen Ansprüchen jedoch noch nicht ganz genügten. [lacht herzlich] Damit stand für uns endgültig der Entschluss fest ein eigenes Studio aufzubauen, indem wir uns ohne lästigen Zeit- und damit Kostendruck voll und ganz auf die kompletten Aufnahmen konzentrieren können. Als vergeudete Zeit würde ich diese Zeitspanne allerdings nicht bezeichnen, immerhin entstand während dieser Kelleraufnahmen unter anderem ein Großteil des Intro- und Titelliedes `Märe aus wäldernen Hallen` unserer aktuellen Scheibe. Im Dezember 2004 hatten Tobias und ich endlich passende Räumlichkeiten gefunden und begannen mit dem Bau unseres eigenen Studios. Die endgültigen Aufnahmen fingen dann ein halbes Jahr später an und dauerten bis September 2006, gefolgt von Abmischen und Mastern. Wir waren in dieser ganzen Zeit nicht täglich mit dem Aufnehmen beschäftigt, sondern nur an Tagen, an denen es mit gemeinsamer Freizeit und Lust möglich war sich dem stundenlangen Gefrickel entschlossen zu stellen. Man kann deshalb mit ruhigem Gewissen sagen, dass die ganzen Aufnahmen unter diesen Voraussetzungen riesigen Spaß gemacht haben und viel musikalische Inspiration erst dadurch kam. Oder waren es doch die zahllosen Kästen Bier?“, beschließt mein Gesprächspartner seine Aussage, verschmitzt grinsend.

Dann gibt der Gitarrist vor mir zu: „Zufriedenheit ist bei Musikern oft nur schwer zu erreichen. Wenn wir restlos zufrieden wären, würde einigen von uns sicherlich die Motivation zum Schreiben von neuen Liedern für das Nachfolgealbum von „Märe aus wäldernen Hallen“ fehlen. In Anbetracht der Tatsache, dass dies unsere erste komplett selbst aufgenommene Platte darstellt, kann man aber von großer Zufriedenheit innerhalb der ganzen Band sprechen.“

Nachfolgend setzen wir zwei uns mit der Frage auseinander, was das offenbar urplötzlich erstarkte Interesse der vielen Hörer an dieser spezifischen Art von Klangkunst verursacht haben könnte. Ich persönlich behaupte ja nach wie vor, dass in einer – mehr und mehr ihren lebenswichtigen Wurzeln, Traditionen, Identifikationsmöglichkeiten und einstigen Idealen beraubten – Wohlstandsgesellschaft gigantischer Bedarf für alles herrscht, was künstlerischen beziehungsweise spirituellen Zugang zu Werten und geistigen Festhaltemöglichkeiten bietet. Wir erfahren zu diesem relevanten Kontext von dem Klampfer:

„Du hast es ja für einen kleinen Teil der Masse schon in deiner Frage beantwortet: Der Grund ist Flucht, die Flucht vor der respekt- und ehrlosen heutigen Zeit. Einer unsäglichen Zeit, in der alte Werte, nach denen unsere Urahnen lebten um zu überleben, immer mehr in Vergessenheit geraten oder verdrängt werden. Man kann diese Zeit nicht wieder zurückholen. Andere Zeiten erfordern andere Verhaltensweisen. Aber dennoch kann man in der heutigen Zeit seine Einstellung und Kultur hervorragend mit den alten Werten verbinden und die alten Richtlinien in einer neuen Ebene aufleben lassen. Das ist meiner Meinung nach der Schlüssel um die Welt wirklich zu verbessern und etwas zum Guten zu verändern. Der derzeitige Pagan Metal-Trend geht sogar noch mal ein Stück nach oben, denke ich. Aber auf dem Höhepunkt werden sich jene, welche diese Sache an sich nicht verstanden haben, wie immer einem neuen Trend-Thema widmen. Nur wenige werden übrig bleiben, die gefunden und verstanden haben was sie suchen. Wobei wir dann wieder bei einer alten eingeschworenen Pagan-Szene sein werden – wie dies vor dem Trend der Fall war. Das nächste große Ziel für uns ist jedenfalls die gemeinsame Tour mit der Gruppe Heidevolk gegen Ende März 2007. Die elftägige Tour mit Heidevolk startet am 21. März und führt uns unter anderem am 30. März in Lichtenfels beim diesjährigen Ragnarök-Festival vorbei. Danach werden wir uns wieder intensiver dem Schreiben von neuen Liedern widmen. Genügend Ideen sind auf jeden Fall schon jetzt vorhanden.“

Ich merke anschließend wieder mal meinen großen Unmut in Sachen Pagan Metal-Konzerte an, welche im Zuge des verkommerzialisierten Trends leider immer mehr zu `pseudo-solidarisierten` Menschenaufläufen verkommen, mit sich bereits nach einem oder zwei Schankbier größtenteils infantil gebärdenden `Szene-Kriegern`, an deren verchromten Versandhaus-Patronengürteln pflichtschuldig Trinkhörner von afrikanischen Kühen baumeln.

Patronengurt und Trinkhorn: Ein einziger Widerspruch in sich. Grausig. Vom größtenteils vollkommen entmenschten Sozialverhalten dieser nicht selten grenzdebilen Klientel gar nicht zu sprechen. Diese harten `Helden`: Einerseits nennen `sie` sich stolz die `Elite`, die `weisen` und ach so naturverbundenen Heiden-Metal-Fans, andererseits werden Park- und Zeltplätze wie beim letzten Ragnarök-Festival 2006 bedenkenlos zugemüllt und (Bier)Flaschen nach primitiver Herzens(un)lust nach allen Seiten zerdeppert. Spielen die Kerle von Gernotshagen also noch immer gerne live? Für diese `Menschen`?

Maik lässt da glücklicher Weise Klartext folgen.

„Das ist eine der interessantesten Fragen die ich in letzter Zeit gehört habe. Eine Frage, die sich eigentlich ein jeder selbst mal stellen sollte, egal ob Musiker oder Hörer! Man sollte hier vorerst aber Leute wie die Betreuer vom Ragnarök-Festival, um dein Beispiel mal fortzuführen, lobend erwähnen. Da wir selbst oft Konzerte veranstalten, wissen wir ganz genau, wie es ist, danach Berge von Müll vor sich her zu kehren und sich dabei immer wieder selbst zu fragen: `Sind das nun die Hinterlassenschaften derer, ich nenne es mal, `neuen Heiden-Szene`? Es ist ein eindeutiger Trend zu erkennen, dass stimmt zweifelsohne – und eine gut durchorganisierte und clevere Vermarktungsindustrie wittert so etwas und wirft Produkte auf den Markt womit sie den Hören vorschreibt: `Das ist es doch was ihr wollt und nur damit gehört ihr dazu`! Es gibt viele, die diesem Trend einfach nur des Trends wegen folgen und die Texte der einzelnen Bands weder verstanden oder gar gelesen haben. Aber von vielen sind immer einige dabei, die es genau verstehen und eine Flucht vor den Verworrenheiten dieser Zeiten suchen beziehungsweise in den Texten und Liedern auch finden. Die Pagan-Szene wird schnell wieder abflauen, soviel ist sicher, schneller noch als sie gekommen ist. Nur die Bands die es davor schon gab, wird es danach und auch immer geben. Man verdient, wenn man ehrlich zu sich selber ist und sich nicht hypen (schlimmes Wort) lässt, immer gerade mal so viel, dass es mit oder ohne Trend genau dafür reichen wird um die Proberaum-Miete zu bezahlen und ein weiteres Album zu finanzieren, mit Begleitartikeln wie beispielsweise T-Hemden. Wir machen das seit fast sieben Jahren so. Es ist immer Schwerstarbeit, da wir bis jetzt alle Labelverträge abgelehnt haben. Ja genau – sieben Jahre, wir machen schon lange solche Musik, aber man ist leider erst `da` wenn man öffentlich bekannt wird. Wir experimentieren schon lange musikalisch gemeinsam. Aber die Texte und Thematiken befassen sich schon immer mit altem Brauchtum und Sagen. Und wenn einige behaupten unser erstes Album `Wintermythen` wäre eine Black Metal-Scheibe, so muss ich entgegensetzen, dass sie sich nicht richtig damit auseinander gesetzt haben. Vom klanglichen Stil her vielleicht, aber mehr auch nicht. Aber ich schweife ab. Zurück zum eigentlichen Thema: Wir spielen gerne auf der Bühne, da wir meistens nur auf ganz kleinen Veranstaltungen spielen, wo das Thema `Zumüllen` noch nie ein wirkliches Problem war. Aber auf großen Veranstaltungen, wo viele Menschen aus so vielen verschiedensten Sparten aufeinander treffen, gleicht es immer einer endlosen Missionierung und der Hoffnung ein wenig Nachdenken und Einsicht zu erzeugen. Die Worte Krieger, Helden oder gar Elite sollten Menschen vorbehalten bleiben die das auch sind und verdient haben.“

Weise gesprochen. Daher bewegte sich der angeregte Dialog in Richtung der neuen Liedertexte und woher das Interesse von Gernotshagen an den lyrischen Themen ihrer Lieder stammt. Laut Aussage von Maik geht es der passionierten ostdeutschen Heidenhorde auch aktuell exakt um das, wobei es sich bei ihnen lyrisch schon immer gedreht hat:

„Um die Liebe zu unserer Heimat, alte Sagen und Werte, Respekt und Anstand sowie darum, den Hörer zum Nachdenken anzuregen. Woher soll das Interesse sonst denn schon kommen? Wir sind Thüringer! Wir befassen uns schon lange mit altem Brauchtum und Mythologie – und das nicht nur auf musikalischer Ebene, sondern auch im `wirklichen` Re-enactment. Wir haben uns dermaßen tiefgehend mit den zugrunde liegenden Thematiken für die neuen Liedertexte beschäftigt, dass wir auf dem Grund stehen und von oben kein Licht mehr zu uns durchdringt! Oberflächlichkeiten gibt es im Pagan-Bereich zur Genüge. Davon halten wir nichts. Wie schon vorher gesagt, wir beschäftigen uns damit nicht nur auf musikalischer Ebene.“

Ich erkundigte mich im Zuge dessen nach einem ideellen „Antriebsmotor“, der die Gruppe antreibt, um genau diese Art von Musik zu kreieren. Die Antwort kommt prompt:

„Der größte Antriebsmotor einer Band sollte eigentlich der Spaß an der Musik sein, aber es spielen jedoch auch andere Faktoren eine große Rolle. Bei uns ist es die Verschiedenheit der einzelnen Leute welche im Endeffekt alle anders über Stil und Wirkung verschiedenster Stücke denken. Ich persönlich habe viel Zeit und Inspiration mit unseren melancholischen Zwischenteilen, Gitarrenstücken und Synchrongitarren-Linien verbracht, bei welchen ich auch versucht habe mit Sänger Daniel und Keyboarder Sebastian den Inhalt und Charakter der Texte musikalisch wiederzugeben. Ein sehr großer Antriebsmotor war allein schon das Verlangen, alles anders zu machen als es uns einige selbsternannte `Musikexperten` vorschreiben wollten. Was letztendlich auch dazu führte, das unser Album `Märe aus wäldernen Hallen` komplett anders in Sound und Stil ist als unser Debütalbum `Wintermythen`. Und letztendlich kann ich behaupten, dass das neue Album genau so geworden ist wie ich mir dieses vorgestellt habe. Ich kann aus gutem Gewissen heraus sagen, dass wir diesem Album mit Absicht und vollster Überzeugung einen relativ ruhigen Touch gegeben haben, welches man deshalb auch nicht mehr wirklich mit der `Wintermythen`-CD vergleichen sollte. Es ist für uns eher ein Spiegelbild unserer Lebensweise und der Verbindung mit Natur und Geschichte. Was ich den Lesern noch auf den Weg mitgeben kann, ist, dass wir schon fleißig an unseren dritten Album arbeiten, welches aber noch einige lange und bierreiche Tage in unseren heiligen musikalischen Hallen bedarf. Dank gebührt dir von unserer Seite für dieses wohl interessanteste Interview, welches mir seit Zeiten in die Hände geflattert ist. Und das Allerwichtigste: Ein riesengroßer Dank geht hier auch an all unsere Anhänger, und all die, welche uns bislang unterstützt haben.“

© Markus Eck, 28.02.2007

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