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Interview: FLOODLAND
Titel: Die bittersüße Melancholie des Verlorenseins

Diese sehr empfehlenswerte Band dürfte den wenigsten bisher geläufig sein, doch dies soll sich nun schon bald ändern. Floodland wurden im Februar 1995 gegründet. Und wie der Bandname ziemlich schnell den gleichnamigen Sisters Of Mercy-Klassiker in Erinnerung ruft, korreliert auch die Musik der Wiener Leidensgemeinschaft in starkem Maße mit den subtil-psychotischen Kreationen der stilprägenden und legendären schwarzen Schwestern. 



Das zweite Album Floodlands, „Ocean Of The Lost“, ist neben der 1997er Mini-CD „Seasons“ das bisher ausgereifteste Werk des kühlen Quartetts. Dieses Album erschien bereits im Sommer 2001 und zog einige sehr positive Reaktionen nach sich. Leider ging nachfolgend das alte Label der Band – welches Floodland durch ohnehin nicht gerade im Überfluss zur Verfügung stehende Geldmittel wenige bis gar keine Promotion zuteil werden ließ – pleite und die Band versucht nun ihr Glück bei einer neuen Tonträgerfirma. 



„Ocean Of The Lost“ kam bisher lediglich in Österreich und – in sehr begrenzten Umfang – auch in Deutschland auf den Markt, so dass die gesamte Band nun freudig den folgenden Ereignissen entgegenblickt. 



Floodland besteht aus Sänger Christian Meyer, Bassist und Keyboarder Harald Schmid, Schlagzeuger Markus Schmid und Saitendiener Bernhard Wieser. Die Musiker haben es mehr als verdient, einer breiteren Öffentlichkeit näher gebracht zu werden. Gerne erzählen sie aus ihrer Mitte.

Gleich zu Anfang legt Gitarrist Bernhard die derzeitige Stimmung innerhalb der Band dar.

„Nun, die Stimmung ist schlecht wie immer, aber das ist auch die Voraussetzung für gute Songs“, scherzt der Saitenmann.

Er relativiert: „Nein, im Ernst, wir sind jetzt seit mehr als drei Jahren in der derzeitigen Besetzung (die für mich den Urstamm von Floodland darstellt) unterwegs; seit 1995 hatten wir für einige Zeit jeweils einen zweiten Gitarristen, die aber musikalisch nicht so wollten wie wir. Überhaupt sind wir dieser Tage guter Dinge, weil wir uns Ende Februar 2002 nach Tschechien aufmachen werden, um das Pre-recording für unsere nächste CD (Arbeitstitel: `Decay`) aufzunehmen.“

Sein Kollege Christian ergänzt ihn anschließend.

„Derzeit ist es ein wenig hektisch bei uns, aber dieses Gefühl des `Aufbruches` ist an sich etwas schönes. Neue Songs zu schreiben ist so ähnlich wie eine Skulptur aus einem Marmorblock zu meißeln, auch wenn manchmal nur Staub übrig bleibt. Bezüglich der Veränderungen möchte ich auf ein Zitat von Heraklit zurück greifen: Panta rhei... (Alles fließt). Daher gab´s und wird es wohl auch in Zukunft Veränderungen bei Floodland geben, aber das Line-Up – statt der zweiten Gitarre Sequencer und Sampler – scheint sich über die letzten Jahre hin gefestigt zu haben...“ Harald resümiert noch ein wenig. „In unserer Zeit zu fünft hatten wir immer zwei Gitarren im Line-Up. Also war die Musik auch entsprechend rockig. Wir haben nach dem Ausstieg unseres letzten Rhythmusgitarristen eigentlich gar nicht mehr nach Ersatz gesucht, weil wir das Gefühl hatten, zu viert näher an unsere Vorstellungen zu gelangen. Stattdessen haben wir Sequencer, Synthesizer und Sampler für unsere Songs bemüht. Ich denke, dass man diese Entwicklung im direkten Vergleich von `The Now And Here Is Never` aus 1998 und `Ocean Of The Lost` aus dem Vorjahr ganz gut nachvollziehen kann.“

Auch mein Namensvetter Markus schwelgt noch ein wenig in der Vergangenheit. „Kürzlich erst habe ich alte Bandfotos wieder ausgegraben und in der Vergangenheit geschwelgt. Fünf Leute waren wir damals, die klassische Rockbesetzung. Obwohl jeder von uns schon früher in Bands gespielt hat, war es doch irgendwie etwas anders, besonders dieses wöchentliche Zusammentreffen in einem Miet-Proberaum. Teilweise kannten wir uns nicht einmal richtig, und trotzdem haben wir uns alle wohl gefühlt. Dann ging einer der Gitarristen. Der erste Gedanke war, `Wir brauchen einen Ersatz`, obwohl man jemanden nicht so leicht ersetzen kann. Diese Prozedur mussten wir zweimal durchmachen, und beim dritten Mal war die fünfte Person eigentlich eher ein Fremdkörper, der nicht so ganz zu uns passte. Jedenfalls kann ich mir ein anderes Line-Up jetzt gar nicht mehr vorstellen, als zu viert zu sein. Und die Zeit zeigt, dass es so gut ist, wie es jetzt ist.“

Bernhard ist wie der Rest der Band in der weltberühmten Praterstadt zu Hause. „Floodland stammen aus Wien, der Stadt der morbiden Stimmungen. Natürlich gibt es auch bei uns in Österreich jede Menge guter Bands, aber inwieweit sie bei euch bekannt sind, entzieht sich meiner Kenntnis.“ 



Harald sagt, was jeder denkt. „Außerhalb des Freundeskreises nimmt der Bekanntheitsgrad der meisten Bands drastisch ab. Das liegt sicher in erster Linie daran, dass das Publikum sich viel zu wenig für unbekannte Acts interessiert. Das sieht dann an einem Abend mit mehreren Bands so aus: erste Band fertig – 20 Fans raus aus dem Saal, nächste Band auf die Bühne – 20 andere Fans rein, das ergibt ein ständig fast leeres Auditorium. Wie viel Stimmung da aufkommt, kann sich jeder denken. Aber immerhin kann man in letzter Zeit doch ein paar Bestrebungen erkennen, dem österreichischen Underground unter die Arme zu greifen. Neben den kleinen, privaten Radiostationen, die immer schon die Nähe zum Underground gesucht haben (hier mal ein Dankeschön an Radio Orange!), kümmert sich nun auch ein `Major` - Radio fm4, mehr oder weniger regelmäßig um den heimischen Musik-Nachwuchs. Sie arbeiten dort mit Musikdatenbank und Registrierungen für Bands über ihre Homepage, und schöpfen daraus einen Teil ihres Programms. Sehr lobenswert.“

Die Gründung der Gruppe ist schon einige Tage und Nächte her. Dazu Bernhard:

„Floodland gibt es seit Februar 1995; die Gruppe entstand damals aus den Resten der dahingeschiedenen Bands Vicious Circle und Fast. Im Grunde waren es Chris (der Sänger) und meine Wenigkeit, welche die Band gründeten; wir kannten uns von früher und brachten den Rest unserer verflossenen Bands quasi als Einstand mit.“ Harald bringt sich weiterhin ein: „Also, eigentlich hat uns ein glücklicher Zufall zusammen geführt. Markus und ich haben ein kaum gestartetes Projekt gerade einen Monat zuvor zu Grabe getragen, weil unsere Gitarristen keine besonderen Ambitionen gezeigt haben. Also haben wir mit Christian Kontakt aufgenommen, dem ebenfalls nach etwa einjähriger Pause wieder nach Musizieren war. Zeitgleich hat auch Bernhard bei Christian angefragt, ob er denn keine Rhythmusgruppe kenne... Bernhard und ich waren zu verschiedener Zeit Jahre zuvor mal bei Vicious Circle; haben aber voneinander nichts gewusst! Aber von da kam die Verbindung zu Christian.“

Dieser klärt nachfolgend über anfängliche musikalische Ziele bzw. die Beweggründe auf. „Das sind die selben gewesen wie heute; wir wollen düstere Rockmusik machen und die Zuhörer – das Wort Fan hat für mich irgendwie so einen unangenehmen Beigeschmack – mit unseren Texten in eine andere Welt führen ... dort wo die Schatten lauern ... aber nicht im negativen Sinn, mir geht es mehr darum, latent vorhandene Gefühle – deren man sich vielleicht manchmal gar nicht bewusst ist – an die Oberfläche zu geleiten...“ Bernhard sieht es ebenso: „Das Ziel war damals das Gleiche wie heute: Gute Musik zu machen, Songs zu schreiben, die uns und hoffentlich auch andere bewegt.“

Harald auch lobt die Beständigkeit interner Ideale. „Die ersten Schritte in einer Band waren für mich das Loslösen vom einfachen Musik konsumieren hin zum Musik produzieren. Ein erhebendes Gefühl: das erste `richtige` Instrument, der erste Amp, die ersten Proben, in denen erst mal Schluss war mit Zimmerlautstärke. Das waren schon gute Gründe, damit anzufangen. Leider funktioniert das nicht richtig, wenn die Leute in der Band irgendwie planlos sind und man nicht weiß, wohin es gehen soll. Daran sind eigentlich alle früheren Versuche letztendlich gescheitert. Als wir mit Floodland loslegten, war völlig klar, dass wir das selbe tun wollten. Gute Songs, viel Stimmung und Atmosphäre, traurig-schöne Musik zu tiefgründigen, lyrischen Texten.“

Hat die Band in ihren eigenen Augen erreicht, wozu sie angetreten ist? Christian ist jedenfalls frohen Mutes.

„Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Aber an Hand von einigen Reaktionen auf unsere Arbeit würde ich sagen, dass wir auf einem guten Weg sind...“

Bernhard nennt fest umrissene Ziele. „Teilweise haben wir das anfangs Angestrebte vielleicht erreicht. Aber auf kommerziellem Gebiet könnte natürlich noch einiges mehr geschehen. Schließlich träume ich davon, von der Musik leben zu können. Aber unsere letzte CD `Ocean Of The Lost` – die jetzt von unserem neuen Label wieder rausgebracht wird, ist eigentlich ganz gut gelaufen bis jetzt. Und das praktisch ohne Promotion.“ 



Harald sieht es genauso und seine Sichtweise ist ebenfalls sehr vernünftig.

„In musikalischer Hinsicht können wir zufrieden sein. Nicht, dass wir ein Ziel erreicht hätten, darum sollte es nicht gehen. Wir befinden uns auf unserer Reise, bei der wir hoffentlich niemals ankommen werden. Der Weg soll uns in immer neue emotionelle Landschaften führen, die wir durch Wort und Klang mit anderen zu teilen versuchen.“

Eine geradezu vorbildliche gleichermaßen künstlerische wie auch musikalische Direktive.

Daran sollten sich viele andere Bands mal ein Beispiel nehmen. Markus scheint sich auch bereits einige Gedanken in dieser Richtung gemacht zu haben.

„Wenn wir einmal soweit sind, dass wir keinen Weg mehr finden, der nach oben geht – weil wir schon an der Spitze stehen, wäre das, musikalisch gesehen, ein echtes Horrorszenario. Denn wenn es keine Möglichkeit der Weiterentwicklung mehr gibt, wo ist dann der Sinn? Aber, ich spreche da nur für mich. Ich kann mich da selbst beruhigen, denn der Fall wird nie eintreten, dass ich einmal an einem Punkt angekommen bin, an dem ich nichts mehr lernen brauche.“

Der Bandname führt neben der vergleichbaren Musik von Floodland unweigerlich zu einem zwingenden Vergleich mit den genannten dunklen Schwestern der Gnade. Bernhard erklärt in diesem Kontext:

„Nun, erstens klingt Floodland einfach gut. Und zweitens sind wir mit diesem Namen sofort im Gothic-Genre positioniert. Leider ist damit der Nachteil verbunden, dass uns viele Kritiker als Sisters Of Mercy-Klone abstempeln wollen. Aber der kompetente Musikliebhaber wird beim Durchhören schnell merken, dass die Ähnlichkeiten enden wollend sind.“ 



Christian pflichtet Bernhard bei. „Sicher war es ein Ziel, sich mit dem Namen zu positionieren – also die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn man aber in unsere Songs reinhört, schwinden hoffentlich die Gedanken an einen Klon der `großen Schwestern`...“ 



Jetzt kommt auch mal Harald wieder zu Wort. „Der Name passt für mich ausgezeichnet zum Programm. Mein Wunsch ist es, die Fans mit der Musik zu `umspülen`. Und wo kann man sich besser vom Wasser umspielen lassen als im Wechsel der Gezeiten?“

Drummer Markus gefällt der Name der Band auch sehr gut. „Ich hatte damals nicht viel mitzureden; `Ich bin ja nur der Schlagzeuger`... Nein im Ernst, Floodland ist, so wie Bernhard das schon richtig gesagt hat, ein schönes Wort. Obwohl manche Leute die ulkigsten Abwandlungen daraus machen. Ich denke, der Name erfüllt seine Aufgabe noch immer – nämlich den Leuten, die uns noch nie gehört haben, eine Ahnung zu geben, was wir machen. Das muss halt auch sein. Auch wenn wir nicht immer besonders glücklich darüber sind.“

Die Formation steht auch heute noch geschlossen hinter diesem Namen. Christian legt los: „Natürlich! Außerdem sind Erfahrungen die Fehler, die man gemacht hat... Aber jetzt mal im Ernst, Floodland ist mehr als nur ein Namen. Und der Konsument beurteilt ein Produkt ja auch nicht nur nach demselben, sondern nach seinem Nutzen – also in unserem Fall danach, ob ihn die Musik anspricht...“ 



Gitarrist Bernhard denkt in dieser Hinsicht auch recht konsequent. „Selbstverständlich, was sollte uns davon abbringen? Ignorante Kritiker? Die hochnäsige Art von Andrew Eldritch? Verballhornungen?“ Harald hierzu:

„Wie war es in einem der Reviews zu lesen: `...ist einfach ein guter Name für eine gute Band...`. Hat uns zweifach gefreut. Natürlich das Lob, und andererseits die Tatsache, dass hier jemand mit einer objektiveren Betrachtungsweise nicht der vorschnellen, unüberlegten Klassifizierung erlegen ist. Also ich finde Floodland einfach immer noch gut. Und schließlich hat sich der Name sogar schon in ein paar Köpfen bei uns im trägen Wien fest gesetzt. Sollten wir da jetzt was ändern?“

Für Bernhard ist der Name Floodland nicht zuletzt auch ein bedeutungsvolles Synonym. „Für mich steht der Name einerseits für Abgeschiedenheit und Einsamkeit, andererseits für die Höhen und Tiefen des Lebens (wie eben Ebbe und Flut ...).“ Floodland haben sich über die Jahre musikalisch gehörig weiterentwickelt, wie Bernhard zu berichten weiß. „Nun, musikalisch haben wir uns von einer Art Country Gothic zu einem (hoffentlich) zeitgemäßen Neo Gothic Rock – wie wir es nennen – entwickelt. Mit modernen Elementen wie Loops und Samples. Trotzdem bleibt es im Endeffekt immer noch Rockmusik.“ 



Harald bemüht sich hier wie die Anderen um geistige Offenheit: „Jedenfalls versuchen wir uns auch für überraschende Stilmittel offen zu halten. Der Blick über den Tellerrand der Rockmusik lohnt sich allemal und wir borgen uns von anderen Stilen aus, was unsere Musik so braucht. Es hat eine Weile gedauert, um zu begreifen, dass die Grenzen der Genres eigentlich nur zum Durchbrechen gemacht sind. Diese Erkenntnis kann man, glaube ich, schon als Entwicklung betrachten. Heute findet in unserem Arrangement eine breite Palette Platz. Von Hans-Albers-Gesang über Ziehharmonika und Trompete bis zur klassischen Techno-Drum-Machine. Das klingt jetzt vielleicht zum Fürchten, aber in der Musik findet das durchaus seinen Sinn. Dem Song in seiner üblichen Art bleiben wir aber meistens treu. Das hat jedoch nichts mit Traditionalismus zu tun. Die komplizierteren Strukturen, denen man als Zuhörer schwieriger folgen kann, überlassen wir lieber der Prog Rock-Fraktion. Oder auch Bands wie Tool.“

Wenn es um den menschlichen Reifeprozess innerhalb Floodlands geht, ist die Sache nicht ganz so einfach, wie Bernhard berichtet. „Schwere Frage, das. Sicherlich sind wir alle menschlich gereift in den doch mittlerweile sieben Jahren, und wie in einer Beziehung gab und gibt es bei uns zwischenmenschlich auch Höhen und Tiefen. Das Wichtigste ist für mich immer noch, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist. Auch wenn es manchmal schwierig sein kann.“ 



Harald hierzu: „Anerkennung der eigenen Ideen. Das ist etwas, was man sich als kreativ wirkendes Wesen immer wünscht. Vier Musiker haben jedoch auch vier verschiedene Meinungen, Vorlieben, Anschauungen. Wir haben einander früher viel an künstlerischem Potential vernichtet, einfach durch Ablehnung der Inputs. Mittlerweile haben wir das umprojiziert und erkannt, dass gerade diese Verschiedenheit die Triebfeder für unsere Musik darstellt.“

Christian wiederum möchte bodenständig bleiben. „Wir haben uns hoffentlich nicht so entwickelt, wie es manche nach ersten Erfolgen – und seien sie noch so klein – tun. Arroganz und Selbstverherrlichung werden auch hoffentlich nie bei uns Fuß fassen. Denn ohne Zuhörer ist auch die beste Band nichts wert. Und ich glaube, dass der Konsument auch spürt, ob sein Gegenüber nur seinen Job wegen des Geldes macht und sonst eigentlich nicht bereit ist, mehr von sich herzugeben. Daher haben wir auch einen – leider viel zu selten genutzten – Chat-room auf unserer Bandpage www.floodland.org eingerichtet und beantworten auch jedes Mail an uns gerne...“

Drummer Markus ist der Hobby-Psychologe in der Band. „Das mit der menschlichen Entwicklung ist mein Spezialgebiet, sag ich jetzt mal so. Ich leugne nicht, dass ich ein Hitzkopf bin. Und vermischt mit anderen Eigenschaften ergibt das einen gefährlichen Cocktail, der schon des öfteren zu explosionsartigen Situationen innerhalb der Band geführt hat. Einerseits denke ich mir, wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, dann wird das die Band schon aushalten. Andererseits, und diese Seite nimmt in letzter Zeit immer mehr zu, drängen sich Gedanken auf, wo mir klar wird, dass die Anderen es auch schaffen, ihre privaten Probleme zu bewältigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Weg noch nicht so weit beschritten habe wie der Rest der Band. Kommt noch dazu, dass ich auf manche Dinge nicht verzichten will, und das macht alles noch schwerer. Trotzdem bin ich guter Dinge, und hoffe, bald mal sorgenfrei zu sein.“ Ich gönne es dem Schlagzeuger von ganzem Herzen.

Bis zuletzt wurden Floodland ja noch als Gothic Metal verkauft. Der Autor wäre aber eher für „Dunkler und emotionaler gotischer Rock“. Dazu bezieht Bernhard Posten: „Nun, eigentlich machen wir klassischen Gothic Rock, der im Gewand des neuen Jahrtausends daher kommt. Aber auch mit der Bezeichnung Dark Rock kann ich mich anfreunden. `Dunkler und emotionaler gotischer Rock` trifft es aber eigentlich auch sehr gut.“ 



Harald ist ebenfalls in dieser Hinsicht auf der Seite des Verfassers. „Mit dieser Definition komm´ ich klar. Da ich ruhelos zwischen den atmosphärischen Sounds und grob verzerrtem Gitarrenzeug pendle, passt für mich `dunkel/emotional` perfekt, und `Rock` sowieso. mp3.com gab uns als Sparte `Goth` oder `Goth Rock` zur Auswahl. Damit kann man sich schließlich auch zufrieden geben, außerdem wissen die Leute, was gemeint ist.“ 



Wie sind Floodland eigentlich zum neuen Label gekommen beziehungsweise warum hat die Band die alte Plattenfirma verlassen? Bernhard offenbart: 



„Als wir unser Album `Ocean Of The Lost` gerade veröffentlicht hatten, kam in Österreich der Libro-Konkurs, der auch unsere damalige Plattenfirma in den Abstiegsstrudel riss. Glücklicherweise hatten wir eine Ausstiegsklausel im Vertrag, die uns (und unsere Rechte an der CD) sofort und ohne Bedingungen loseisen konnte. Als uns dann das Label Wait And Bleed, das über sehr gute Kontakte zu Napalm Records verfügt, ein Angebot für einen neuen Plattenvertrag gemacht hat, haben wir nach kurzem Überlegen zugegriffen. Und es bis heute nicht bereut.“ 



„Oceans Of The Lost“ wird ja nun noch mal neu aufgelegt. Gibt es Veränderungen auf der CD gegenüber der alten Version? Bernhard: „Ja, diesmal ist ein Sticker auf dem Cover. Ansonsten ist diesmal auch das Booklet richtig gedruckt worden. Musikalisch ist aber alles gleich geblieben. Nach den tollen Kritiken sahen wir auch keinerlei Veranlassung, daran irgendetwas zu ändern.“

Die Band fühlt sich dort besser aufgehoben als in der Vergangenheit beim vorherigen Label, wie Bernhard erzählt. „Zum ersten Mal im Bandleben gibt es mit dem Label-Manager jemanden, der voll hinter uns steht, der ein Fan der Musik und der Band ist und der – auch nicht unwichtig – auch einiges Geld in Promotion und Verkauf stecken will.“ 



Welche Acts sind dort noch unter Vertrag? Bernhard teilt stolz mit: „Da das Label noch relativ neu ist, sind derzeit wir `First & Last & Always`... Aber es wird schon mit einigen anderen Bands aus Österreich und dem benachbarten Ausland verhandelt, so weit ich weiß...“ 



Was bedeutet eigentlich der ,neue‘ Albumtitel „Ocean Of The Lost“? Für Bernhard bedeutet „Ocean Of The Lost“ die dunkle Seite des Lebens. „Ein Meer an Tränen, Trauer, Verlust – genau so wie es in Wirklichkeit jenseits von Bubble-Pop und Robbie Williams ist.“

Hinter den zumeist schäbigen Kulissen solcher – künstlerisch weitgehend belangloser – Pop-Kasper verbirgt sich zumeist Tragisches, das einen charakterstarken und aufrechten Menschen regelrecht anekeln kann, wie immer wieder in der Sensationspresse zu lesen ist. 



Zurück zu Floodland. Christian erläutert weiterhin: „Das gesamte musikalische Schaffen von Floodland dreht sich im Endeffekt um die `Weite der Verlassenheit` und um dieses unbestimmte Gefühl der Verlorenheit...“ 



Die Texte der Band regen zumeist sehr zum Nachdenken an; man kann sich auch regelrecht darin verlieren, wenn man den Klängen Floodlands aufmerksam lauscht. Christian dazu: 



„Ich versuche unsere Texte in zwei Gruppen zu unterteilen: Die erste umfasst Blitzlichter von Ereignissen, die uns im täglichen Leben auffallen, auch wenn sie schon lange in uns schlummern und irgendwann an die Oberfläche gelangen (beispielsweise das Verhältnis zu einer Vaterfigur in `Never` oder das Gefühl ein Ziel zu erreichen, auch wenn es dann das Ende bedeutet, wie in `Coming Home Tonight`). Die zweite dreht sich um Dinge, die uns einfach wichtig sind (etwa Ablehnung von Fremdenhass in `White Skin, Black Soul` oder `Remembering Tomorrow`). Aber das Wichtigste ist für uns, diese Anliegen dem Zuhörer nicht vordergründig zu präsentieren, sondern sie erst nach einer Phase der Beschäftigung damit offenbar werden zu lassen.“

Bernhard ergänzt Christian: „Wie schon auf dem letzten Album geht es um die verschiedenen Facetten unseres Daseins, naturgemäß aber eher um die negativen. Das kommt wahrscheinlich daher, dass sich auf der Welt so viele schreckliche Dinge abspielen, welche die wenigen positiven Themen einfach überdecken...“ Harald hält sich nicht hinter dem Berg mit seiner Anschauung und spricht mir aus der Seele: „Eigentlich gibt es doch keinen Grund, die dunklen Seiten des Lebens nicht auch auszuleben. Wie sollte eine Menschenseele jemals im Gleichgewicht sein, wenn diese Seite bewusst unterdrückt wird? Fröhlichkeit wird erst wertvoll, wenn man die Trauer kennt, und ein Tränenmeer zu durchsegeln bedeutet, sich mit quälenden Gedanken auseinander zu setzen, anstatt sie zu verdrängen. Davon handeln unsere Lieder. Es ist ein Gerücht, wenn behauptet wird, unsere Alben eignen sich als Untermalung. um sich den eigenen Strick zu drehen.“

Sänger Christian ist der hauptsächliche Verfasser aller Lyrics, wie Bernhard berichtet. „Die Texte schreibt grundsätzlich – bis auf wenige Ausnahmen – unser Sänger Chris. Das Songwriting teilen sich bisher großteils Christian und meine Wenigkeit, wobei wir aber darauf Wert legen, dass alle vier ihren Beitrag zum Entstehen der endgültigen Songs leisten. Außerdem kommen mittlerweile auch von Harald und Markus immer mehr Songideen. Im Vergleich zu den Anfangstagen der Band sind die Songs heute meiner Meinung nach wesentlich ausgefeilter, abwechslungsreicher und differenzierter. Aber darüber sollten eigentlich die Fans urteilen, man tut sich mit den eigenen Songs ein bisserl schwer...“ Christian selber dazu: „Ich möchte zum Thema `Ergüsse der Anfänge` noch anmerken, das die Songs immer noch die selben sind wie früher. Nur versuchen wir, sie moderner und unseren hoffentlich gestiegenen technischen Fähigkeiten analog zu präsentieren.“

Auf das Thema Live-Auftritte angesprochen, entfährt dem Sänger von Floodland brennende Leidenschaft. „Wir spielen überall, wo man uns hören will!“ Bernhard resümiert hierzu: 



„Erst Sonntag haben wir in einem Wiener Klub mit zwei Punkbands spielen dürfen/müssen; eigentlich sollten wir die Hamburger `Alice 2` supporten, aber die haben Ihr Kommen kurzfristig gecancelt – leider. Die nächsten Auftritte müssen jetzt bis zum Herbst warten, weil wir uns jetzt den Songs für die nächste CD widmen wollen und damit ohnehin nur mehr bis Mai Zeit haben. Ausnahmen wären natürlich ein Supportgig etwa für The Mission oder ähnliche Kaliber.“ 



Live soll ihre Musik die volle Magie entfalten, wie Bernhard erläutert. „Eigentlich wollen wir nur die Musik wirken lassen – wir finden Feuer-, Blut- und Beuschel-Shows etwas lächerlich. Nur Nebel und ein bisschen blaues Licht sind für uns genug.“ 



Vokalist Christian ist hierbei voll auf seiner Seite. „Hoffentlich spricht unsere Musik die Zuhörer auch an, ohne dass wir sie mit Flammenwänden umhüllen – obwohl wir schon über einen Wasservorhang nachgedacht haben, aber dafür fehlen uns im Augenblick leider noch die Mittel. Unser Ziel ist es, euch für die Dauer eines Konzertes in unsere Welt zu geleiten.“

Das dürfte angehörs des hochkarätig emotional-düsteren Materials von Floodland kein Problem sein. Harald glänzt mit einer sympathischen Aussage. „Ich denke, wir haben über die Jahre einen guten Zugang zur Liveshow gefunden. Und der liegt in ehrlicher, simpler Erscheinung. Wir lassen uns von der Musik führen und die Gefühle an die Oberfläche steigen. Sicherlich unterstützen wir die Stimmung mit ein wenig Nebel und Lichtführung, aber da ist wie so oft weniger einfach mehr. Das ist auch zum Teil nachzuschlagen in der Bildgalerie unserer Homepage.“ 



Mein Namensvetter und Trommelwart Markus ist da eher etwas benachteiligt. „Es ist relativ mühsam, sich im Sitzen eine Show einfallen zu lassen. Klar, ich könnte auch mal aufstehen und so die Trommeln rühren. Aber das ist glaube ich nicht ganz das, was zu unserer Erscheinung passt. Kommt noch erschwerend hinzu, dass ich etwas `verkabelt` bin, da ich ja mit Sequenzer und Sampler interagiere. Da bleibt wenig Spielraum, sich etwas noch nie da Gewesenes einfallen zu lassen.“

Wie sieht die musikalische Zukunft für Floodland aus? Christian überlässt das zum Teil den Fans, wie er wissen lässt. „Wir werden unseren Weg weitergehen, und den Rest beurteilt dann ihr...“ Bernhard scherzt: „Wir planen für 2002 den MTV-Award für das beste Newcomer-Album, dreizehn goldene und mindestens sechs Platin-Platten weltweit. Aber warten wir bis zum nächsten Interview, ob sich diese Pläne erfüllen werden.“

Harald freut sich hingegen schon auf die Aufnahmen zu „Decay“ und möchte auch in die weite Welt hinaus.„Vorerst wäre ich glücklich, mit `Decay` ein stimmiges, gutes Album aufnehmen zu können. Danach sollten wir jede Chance nützen, den österreichischen Boden als Ort unseres Wirkens hinter uns zu lassen. Hier gibt es nichts zu holen. Die Zielgruppe ist klein und zu sehr damit beschäftigt, festzuhalten, dass die Show von den Sisters jedes Mal das Gleiche ist und immer schlechter wird.“ 



Markus möchte: „Lernen, lernen und noch mal lernen. Jetzt steht erst einmal ein neues Album ins Haus. Das sollten wir gut rüberbringen. Denn schließlich wollen wir doch von Album zu Album große Schritte vorwärts machen, damit wir den Anschluss nicht verpassen.“

Die letzten Worte der Musiker gehören den Fans. Bernhard: „Stay dark and take a walk across the floodland with us...“ Harald: „Bleibt Euch treu und lasst Euch von niemand vorschreiben, was Ihr denken sollt. Und tragt Euch in unserem Gästebuch ein (www.floodland.org)!“ 



Christian: „Lebt euer Leben, wie ihr wollt, hört die Musik, die euch gefällt, und kümmert euch nicht um Schubladen, falsche Propheten und eine Medienwelt, die manchmal nicht die eure ist ... und danke an alle, denen unsere Musik gefällt und an die, die es uns ermöglichen – so wie durch dieses Interview – unsere Gedanken zu verbreiten!“ Markus: „Im Grunde hat der Rest der Band schon alles gesagt. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.“

© Markus Eck, 25.01.2002

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