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Interview: FJOERGYN
Titel: Kläger gegen Dummheit und Dekadenz

Ihre neue Liederkollektion heben diese ostdeutschen Gesellschaftskritiker und Hartklangpoeten in Form des zweiten Studioalbums „Sade Et Masoch“ auf humanphilosophisch turmhohe Ebenen hinauf. Und qualifizierten sich Fjoergyn mit dem Albumvorgänger „Ernte im Herbst“ noch eindeutig im Pagan Metal-Bereich, so deckt das allerjüngste Schaffenspostulat eher weitläufig avantgardistische Dark Metal-Spektren ab.

Was also zuvor primär als passionierte Hommage an die große Naturromantik gedacht war, das erhebt nun folgerichtig den gedankenlangen ideellen Zeigefinger gegen die irrationale globale Zerstörung des gesamten Menschenlebensraumes. Gruppenleiter, Saitenmann und Zornvokalist Stephan Löscher offenbart sich im erneuten Dialog als in sich gereifter Idealist, als ein Wesen der von großem Selbstwertgefühl geprägten Denkerklasse.

„Sich selbst zu beschreiben ist wohl schwieriger als einen Geschmack wie salzig in Worte zu fassen. Ich möchte mich als aufgeschlossenen und vielseitig interessierten Menschen bezeichnen, der in seinen Gedanken keine Grenzen akzeptiert, da selbige das Vorankommen in jeglicher Hinsicht beschneiden. Dem Menschen stehen alle Möglichkeiten offen, wodurch ich mich zwinge, alles mir zur Verfügung stehende an Eindrücken zu absorbieren. Der Instinkt ist die Grundlage, mein freier Wille die Kraft. Alles bewegt sich. Wenn es mir gefällt drehe ich mich mit. Beständig allein ist der Wandel“, erörtert der Gitarrist und Sänger zu Beginn.

Der von allen Hörern des neuen Werkes festgestellte „stilistische Wechsel“ kam laut Aussage des Frontmanns bei Fjoergyn selbst zuletzt an, da die Band diesen anfangs tatsächlich nicht bemerkt hat. Stephan hierzu, explizierend:

„Während den Arbeiten zu `Sade Et Masoch` sammelten wir thematische Impressionen, die uns wichtig waren, verarbeitet zu werden. Wir wollten ein Bild schaffen, das allein durch seine auditive Wirkung bestehen kann. Fjoergyn kennt hierbei keinen festen Stil als vielmehr einen vorantreibenden Gedanken – der Mensch in seiner Evolution. Soll heißen – wir spielen keinen Stil sondern bedienen uns der Elemente, die sich für uns als sinnvoll für die Gesamtumsetzung ergeben.“

„Sade Et Masoch“ ist, so Stephan, ein Konzeptalbum, das nur in den wenigsten Momenten mit einer in Noten gefassten Schönheit auffahren soll, wie es zuweilen bei „Ernte im Herbst“ der Fall war. Der Mann liefert Fakten:

„Wir beziehen uns auf musikalische Motive, die den menschlichen Charakter verdeutlichen sollen. Daher jene auffallende Härte, die der Albumvorgänger nicht kannte. Der Mensch kennt nur bedingt eine solche Vielschichtigkeit, wie wir sie in der Natur vorfinden, obgleich er eigentlich ein Bestandteil ihrer ist beziehungsweise sein sollte. Dementsprechend ist die musikalische Umsetzung diesmal ausgefallen. Wir wollten unser Konzept in Noten fassen und ich denke, dass uns dies auch geglückt ist. Die aktuelle Scheibe ist auffällig härter geworden. Die verspielten Melodien weichen dem Gesamtcharakter um dann in den Momenten des Höhepunktes kurz aufzuflackern. `Sade Et Masoch` ist dramatischer, ist kälter. Ich denke es ist in seinen monotonsten und tristesten Momenten ein Abbild des Menschen. Wir wollen damit im übertragenen Sinne Dekadenz anklagen und Dummheit vernichten! An erster Stelle steht es für uns daher, unseren Hörern die Augen zu öffnen. Ich möchte, dass wir moderne Menschen uns über unsere Rolle in diesem System bewusst werden, da wir nicht mal ansatzweise der Mittelpunkt von selbigem sind. Da wir mittlerweile zu einer Band angewachsen sind veränderte sich natürlich auch der musikalische Stellenwert. Ich möchte mich seitdem stärker denn je musikalisch verwirklichen. Ich befinde mich auf einer privaten Suche nach meiner Musik und Fjoergyn beziehungsweise seine Mitglieder helfen mir jene zu finden. Fjoergyn selber öffnet mir also die Augen weiter zu suchen und niemals zu stagnieren. Alles bewegt sich und für uns heißt es mitzugehen.“

Mich interessiert im Folgenden, was Stephan sich angesichts derlei tiefgründiger Bekenntnisse privat so durch die Gehörgänge pustet. „Momentan durchquere ich wieder die `Alltime Classics` und erliege meinen ersten Jugendscheiben. Beispielsweise `Phantoms` von Sear Bliss. Eine wirklich traumhafte Scheibe. Oder Ancient Wisdom´s `For Snow Covered The Northland`.“ Nebenbei läuft immer wieder Sigur Ros und Björk.“

Und: „Leider bin ich nicht so hinterher, was Metal-Neuveröffentlichungen angeht. Die Speerspitze jedoch unter allen Bands, die von mir auch mindestens einmal am Tag gehört werden bilden Opeth und Katatonia. Ich bezweifle, dass sich Eindrücke der aufgezählten Bands in meiner Musik finden lassen – was aber auch nicht Sinn und Zweck ist, da sie sich hinsichtlich ihres Stils nach Jahren gefunden haben, hingegen ich noch suche.“

Im Weiteren frage ich ganz gezielt nach, was meinen Gesprächspartner zu derlei nonkonformen Künsten in seinem Innersten eigentlich antreibt. Dieser erklärt unumwunden: „Ich werde menschliche Handlungen nicht beeinflussen können, darin sehe ich auch nicht meine Aufgabe. Viel mehr liegt mir daran, ihre Gedankenfront zu erweitern und sich selber als Teils eines Systems zu verstehen, was keine Krone außer der Natur kennt. Wir haben eine wunderbare Chance erhalten, die es zu nutzen gilt. Wenn sich nur die Hälfte unserer Hörer Gedanken über die Texte macht und sich seiner Bedeutung in diesem Universum bewusst wird, haben wir einen Schritt in die richtige Richtung getan. Ich möchte die Menschen nicht verändern. Niemand würde das zulassen. Ich möchte ihnen den Antrieb geben sich selbst neu zu definieren, da wir in einem Konstrukt der modernen Welt unterzugehen scheinen.“

Und da genau diese moderne Welt für nicht wenige menschliche Bewohner oftmals nur noch mit überwiegend ebenso modernen Rauschmitteln zu ertragen ist, wird sich die von meinem Dialogpartner angesprochene Misere wohl auch nicht so schnell zum Positiven hin wenden. Oder?

„In dem Moment wo man Drogen erlaubt, legitimiert man auf der einen Seite, dem aufgeschlossenen Menschen seinen Horizont durch Bewusstseinsveränderungen zu erweitern. Auf der anderen Seite jedoch bietet man Idioten eine Möglichkeit aus Gift Geld zu machen. Geschichtlich gesehen dienten derartige Rauschmittel zum Erreichen von Trancezuständen, die meist kulturellen beziehungsweise spirituellen Charakters waren, soll heißen, sie waren gesellschaftlich derart integriert, dass man über ihre Bedeutung wusste und selbiger Respekt zollte. Diese Auffassung ist jedoch in unserer Zeit nicht mehr möglich. Der einstige Status ist nicht mehr gegeben. `Moderne Drogen` werden in den seltensten Fällen genommen, um sein Bewusstsein zu öffnen. Man nimmt sie weil es `cool` ist. Danach entdeckt man sie als Wirklichkeitsflucht, wodurch sich ein kausaler Zusammenhang zwischen Depression und Drogenkonsum ermitteln lässt. Wenn dies erreicht ist und tatsächlich eine Sucht – egal ob psychisch oder physisch – eingetreten ist, stehen auf der anderen Seite jene Pole, die damit Geld zu machen versuchen. In diesem Moment bereits gibt es keinen kulturellen Bezug mehr. Die Drogen dienen nun wirtschaftlichen Interessen, wodurch sie in sich gefährlicher werden. Ich persönlich trinke gerne Alkohol, weiß jedoch auch über seine Gefahren, womit ich meiner Ansicht nach der heutigen Jugend einiges voraushabe. Ich benutze ihn nicht um kreativer zu werden, weiß jedoch über seine beruhigende Wirkung. Vom Prinzip gebe ich dir Recht und sage, wer meint sich `Scheiße` in den Körper injizieren zu müssen, der sollte dies tun, da er der Gesellschaft letztlich hilft sich zu säubern. Leider zieht dies einen enormen Rattenschwanz mit sich. Beschaffungskriminalität, unsaubere Drogen, immer mehr neuere Drogen. Nicht zuletzt für jene also, die in einer naiven `Massensuggestion` glauben das Richtige zu tun. Obgleich mir solche Leute egal sind, gilt es dennoch Unschuldige zu schützen.“

Letzteres wäre eigentlich eine der primären globalen Aufgaben des Christentums. Eigentlich. Doch die internationale Institution Kirche ist dafür offenbar viel zu sehr mit ihrem Machterhalt beschäftigt, geschweige denn ihren Schäfchen echtes und relevantes (Natur)Wissen zu vermitteln.

Kluge Köpfe können sich aber ohnehin leicht denken, dass wir allesamt keinen guten Zeiten entgegen treten werden. Stephan bezweifelt allerdings, dass unsere momentane Generation von den Folgen ihrer unüberlegten Taten noch direkt betroffen sein wird:

„Unabhängig davon würde dies dennoch nichts an ihrem Verhalten ändern. Wir leben in einer gleichgültigen Gesellschaft. Dieser `Antimotor` wirkte sich nicht nur im Verhältnis zu anderen Menschen beziehungsweise Spezies aus, sondern eben auch auf die Natur. Wir müssen die Folgen unseres Handelns sichtlich vor Augen haben, andernfalls würden wir sie nicht als solche registrieren. Dementsprechend wird sich unser Handeln verschlimmern. Obgleich man den Klimaschutz hoch und breit thematisiert, wird sich lediglich eine wirtschaftliche Quelle aus uns erschließen, neue Steuern usw. Ich möchte auch bezweifeln dass das ausgeklügelte System der Natur so schnell bricht. Ich vertrete die Meinung, dass sie sich zu helfen weiß und jegliche Veränderung lediglich der Teil einer Entwicklung ist. Die Wirtschaft läuft auch nicht auf einer Geraden. Es gibt Hochs und Tiefs, welche sie aber benötigt. Das ganze uns zur Verfügung stehende System besteht aus einer Aufwärts- und Abwärtsbewegung. Was die Politik momentan daraus schließt, möchte ich, obgleich ich mich nur bedingt damit auskenne, als Panikmache bezeichnen. Die Natur wird einen Weg finden. Interessant wird lediglich, welche Rolle, sofern sie dann noch existiert, wir dabei spielen werden. `Ernte im Herbst` zeigte uns, dass die Natur in der Lage ist uns für unser ignorantes Verhalten zu richten. `Sade Et Masoch` soll hingegen verdeutlichen, dass der Mensch womöglich schneller ist.“

Das wird am Ende die vollzogene Rekord-Globalisierung aufzeigen. Denn diese Entwicklung ist laut Stephan trotz ihrer dramatischen Ausrichtung nicht mehr aufhaltbar:

„Wir fügen uns erneut in mittelalterlichen Ständevorstellungen. Diese Entwicklung ist überall zu sehen, selbst im gegenwärtigen Schulsystem. Die Menschen werden aus der Gemeinschaft in eine `Kapitalisolation` getrieben. Menschen mit denen man sich umgibt, gehören meist demselben Stand an. Dementsprechend findet man eine reiche, eine mittelständige und eine arme Bevölkerungsschicht, die sich gegenseitig meiden, nahezu voneinander isolieren. Man kauft in anderen Geschäften ein, wird andere Plätze bei Konzerten beziehen usw. Dies sollen nur Beispiele sein, jedoch verdeutlichen sie, welche Entwicklung sich meistens vollzieht. Die Gemeinschaft ist seit tausenden Jahren am brechen und es würde schwierig sein, dies jemals zu verändern. Wir haben einen freien Willen, was uns von Tieren unterscheidet. Instinkthandlungen sind auf ein Minimum begrenzt. Dieser freie Wille könnte uns irgendwann aber zum fatalen Verhängnis werden, da wir einander alles neiden.“

Der Fjoergyn-Musikus würde daher versuchen den Menschen ein tolerantes Weltbild zu vermitteln, wenn er auf diesem Planeten etwas zu bestimmen hätte. „Ich kann den Reichen das Geld nicht nehmen. Diese Handlung wäre ebenso willkürlich und aus Neid heraus wie wir es gerade vorfinden und anklagen. Ich würde versuchen die Jugend zu verändern, da diese die Zukunft ausmacht. Es ist schwierig. Leider habe ich mich niemals mit Politik beschäftigt. Womöglich spucke ich jetzt aber auch nur große Töne. Ich bin genauso ein Mensch wie jeder andere auch. Womöglich würde ich genauso ignorant und geldgierig werden wie der Rest. Die größten Ideale können unter der enormen Last der Macht zerbrechen. Womöglich wäre ich am Ende genauso wie allen anderen Politiker auch.“

Das Wichtigste für ihn sind daher seine persönlichen Wegbegleiter. „Wir teilen die gleiche Meinung, erfreuen uns an denselben Dingen. Wenn man in ein mentales Loch fällt, können sie einen befreien. In diesem Sinne würde ich meine Familie und Freunde zu genau diesem Pol zählen. Alles mag brennen, sie jedoch werden bei Dir sein.“

Ein geistig so vielschichtig strukturiertes Wesen wie Stephan hat aus diesem Grund auch nicht wenig Hoffnung für die Zukunft, wie er bekennt: „Ich hoffe in erster Linie sehr, dass ich mir meine Zukunft bestmöglich selber bauen kann. Wir alle sind unseres Glückes Schmied. Ich werde den Menschen nie verändern können und daran habe ich auch kein Interesse. Ich werde in dem Kreis meiner Nahen das Beste versuchen aus dem zu machen, was mir zur Verfügung steht. Die Erde dreht sich und ich bin ein Teil von ihr, nicht von der Gesellschaft. Ich muss nur bedingt mit dem Strom schwimmen, wodurch mir die meisten Türen offen stehen. Ich habe einen freien Willen. Auf diesen sollte ich vertrauen, um mich zu finden, da dies der Inhalt eines jeden Lebens sein sollte.“ Exakt. Diese Aussagen sollten sich so einige Mitläufer und Denunzianten aus der Szene ganz dick hinter ihrer Ohren tätowieren lassen.

Apropos, rege Kontakte innerhalb der deutschen Black Metal-Szene pflegen diese ostdeutschen Denkerseelen eher weniger. Wir erfahren:

„Durch Konzerte durften wir die eine oder andere Band kennen lernen. Zu einigen pflegen wir einen regen Kontakt, die anderen gehen in der Vielzahl leider unter.“

Ich hake in diesem Kontext auch noch nach, was Fjoergyn von der eigentlich wirklich lachhaften Kindergarten-Feier namens „MySpace“ halten.

Die Antwort fällt glücklicherweise ebenso kritisch wie umfassend aus:

„`MySpace` bietet allen Menschen eine Plattform, um sich selber ins Rampenlicht zu rücken. Es ist eine gedachte Kommunikationsebene, die jedoch, falsch benutzt, Qualität vernichtet. Die dahinter verborgene Idee ist im Gesamtaustausch aller Menschen sehr interessant. Leider jedoch bildet sie mittlerweile eine zweite unreale Welt. Die Menschen werden angeregt Gedanken zu publizieren und können sich daher dort wenn auch nur bedingt etablieren. Diese Cyberwelt jedoch ist nicht das reale Leben. Es ist einem Rollenspiel angelehnt, in dem jeder seinen eigenen Charakter formieren kann. Ebenso den musikalischen Background. Zu meiner Jugendzeit hätte ich mich über eine derartige Plattform gefreut. Man hätte seine Musik viel schneller als heute Publik machen können. Was somit für den neuen Musiker positiv ist, wertet es für den anderen ab. Ich glaube, dass es mittlerweile mehr Metal- als Popbands gibt. Deren Qualität sollte jetzt hierbei nicht diskutiert werden, jedoch findet sich nur selten eine wahre Perle unter deren Demoveröffentlichung. Dennoch schreit jeder Nutzer danach, dies haben zu müsse. Es sammelt sich eine Vielzahl von Daten-MP3-Mist auf dem heimischen Computer und dies leider nicht auf deren Qualität begründet. Zu meiner Jugendzeit musste man sich jede Kassette überspielen. Es dauerte Stunden das Cover abzumalen. Jedoch wusste man es dann zu schätzen. Besondere CDs wurden gekauft und kreisten Monate im CD-Spieler. Ich erinnere mich an die erste Menhir-CD namens `Die ewigen Steine` sowie das darauf enthaltene Lied `Winter`. Diese Hymne kreist heute noch und wird niemals langweilig. Alle gekauften CDs haben für mich sowieso eine ganz besondere Bedeutung, da man bereits damals aus einem mit heute nicht vergleichbaren aber dennoch riesigen Sortiment aussuchen musste. Man hatte nicht das Geld um zu sagen `Gut, nehme ich alle drei... `. Musik hatte eine Bedeutung. Heutzutage läuft eine `Playlist` aus 170.000 Songs rund um die Uhr, von denen man die meisten Titel gar nicht kennt. Somit wird Musik zu einer permanenten Rundum-Beschallung und kommt in ihrem Einsatz Straßenlärm gleich. Und das hat sie wirklich nicht verdient. `MySpace` unterstützt nicht den MP3-Haufen auf dem Rechner, was ich hierbei auch nicht unterstellen möchte. Es schuf jedoch ein Portal von Tageskünstlern, die den Kuchen probieren wollen, der, sofern er ihnen nicht schmeckt, mit einem Umbau der Seite ausgetauscht wird. `MySpace` unterstützt die Szene aber dabei, sich selbst zu entwerten, da man in jener anonymen Welt nahezu alles machen und vertreten kann. Einstige Ideale bleiben dabei auf der Strecke.“

Da liegt die nachfolgende Frage nahe, wie Stephan den Begriff Erfolg in Bezugnahme auf Fjoergyn persönlich definiert. „Wenn Menschen durch meine Musik zum Nachdenken angeregt werden, habe ich Erfolg, da mein Wort an Bedeutung gewinnt. Wenn es mir gelingt meine Musik von einem echten Orchester einspielen zu lassen, nenne ich das auch Erfolg, jedoch ist dieser eher persönlich“, gibt er mir dazu lachend zu Protokoll.

Den Bereich Pagan Metal haben Fjoergyn mit ihrem aktuellen Album genauso genommen ja eindeutig verlassen. Obwohl Pagan Metal noch immer so sehr im „Trend“ liegt. Die Band folgt also keiner Mode:

„Wir befinden uns wieder mal in einer Dekade, in der Pagan Metal gelebt wird. Zu Zeiten von Tumulus und der ersten Menhir-CD hätte man sich das nie vorstellen können. Es waren vereinzelte Mannen, die derartige Musik mochten und man sah sich im Ganzen stets als Metaller. Es ist interessant wenn man die Bandgrüße in den ersten CDs Mitte der 90er liest. Da kannte jeder jeden, egal, welchen Stil er gespielt hat. Heutzutage wägt man ab, welche Bands gegrüßt werden und man teilt die Szene mehr und mehr in einzelne Sub-Gruppen auf. Ich glaube, dies lässt sich als Trend beschreiben und wie es nun mal nahezu jedem ergeht, wird auch dieser irgendwann wieder in der Versenkung verschwinden. Eine wahre Metal-Kutte kennt alle Stilrichtungen. Von Napalm Death und Warlock bis hin zu XIV Dark Centuries. Es sollte einfach nur Metal geben, da dies die größte Rebellion ist beziehungsweise war, die uns eint. Metal ist zweifelsohne eine Mode geworden. Dies lässt sich schwer als positiv oder negativ aburteilen. Fest steht: Indem Moment, in dem eine Bewegung zur Mode wird, versuchen sich die Mitbegründer neu innerhalb ihrer Bewegung zu definieren. Ergo die Szene spaltet sich, wie oben bereits erwähnt, auf. Die Gefahr bei Metal ist die Suche nach dem Extrem. Mit jeder weiteren Spaltung der Szene versucht sie in extremeren Gefilden Fuß zu fassen, was womöglich auch den politischen Hintergrund angeht, der nun so offen und breit diskutiert wird. Eine Bewegung kommt mit einer Lebenseinstellung gleich. Meist erfahren dies die `Modefetischisten` sehr schnell, da sie nur bedingt ernst genommen werden. Zumindest war es einmal so. Dank `MySpace` haben wir eine anonyme Option uns selbst als tiefschwarzen `True-Szene-Kenner` zu publizieren, wodurch jeder als aktives Mitglied dieser `Bewegung` wahrgenommen wird. Die gesamten Gründer haben sich schon lange zurückgezogen, womöglich auch dadurch, da sie mit jener jetzigen Bewegung niemals konform gewesen wären.“

Der aktuelle lyrische Kontext sowie die grafische Gestaltung der neuen Album-Veröffentlichung zeugen erneut von expliziter Naturverbundenheit. Aus diesem Grund heraus widmen wir zwei uns den Inhalten der neuesten Liedertexte auf dem aktuellen Album „Sade Et Masoch“. Stephan konkretisiert das Ganze:

„Der Name ist Programm. `Sade Et Masoch` beschäftigt sich ausschließlich mit unserer Spezies und ihrer darin verankerten Natur. Selbige klagen wir offenkundig in jedem einzelnen Song an. Wo im Vorgängeralbum noch das Zusammenspiel zwischen der Natur und dem Menschen thematisiert wurde, steht nun eine anti-glorifizierende Weltauffassung der Menschheitsgeschichte. Man muss nicht lange nach den Wahrheiten für die Texte suchen, da man ihnen, gleich mir als ich sie verfasste, auf offener Straße begegnet. Einige Elemente sind bewusst überspitzt dargestellt, aber dennoch in ihren Grundzügen ehrlich. Der Mensch ist ein Parasit. Er hat seinen Instinkt verloren und lässt sich von Neid und Gier durchs Leben treiben, um am Ende von Gewissensbissen geplagt sein Schaffen neu zu hinterfragen. Danke, das reicht an Input. Die Mehrzahl aller Personen unseres Kontinents hat eine reale Chance sein Leben in die richtige Bahn zu lenken. Wir wurden mit dem freien Willen und unserer Stimme gesegnet, was braucht es mehr um seine Individualität auszudrücken? Der Mensch suhlt sich in Krankheitsbildern, vergiftet seinen Horizont in einer von Medien vergewaltigten Welt und erfreut sich an einem `Heilmittel` gegen seine Ganzjahresdepression namens Langweile. Schau´ uns an, nicht unsere Gedanken repräsentieren das 21. Jahrhundert – sondern die Medien tun es und wir können lediglich dabei zuschauen.“

In der Tat. Ein cleverer Mensch schaut da aus reinem Selbstschutz nicht mal mehr zu. Themenwechsel: Ich kam auf die bisherigen Fjoergyn-Bühnenattacken zu sprechen. Stephan offenbart da gerne diesbezügliche Pläne: „Wir werden diesen Sommer 2007 einige Festivals spielen. Leider erwies sich Fjoergyn als ein sehr schwieriges Bühnenkind, da das Opulente, was es eben auszeichnet, oftmals live unterzugehen scheint. Dennoch ist es überwältigend, wenn sich die Massen von unserer Musik live begeistern lassen.“

Die abwegigste Frage, welche Stephan bisher in einer Befragung zuteil wurde, nennt er hier: „Da wollte jemand von mir wissen, warum ich meiner Band nicht den Namen eines anderen isländischen Gottes gegeben habe, den ich aber noch nie zuvor gehört hatte. Leider fällt mir der Name des Magazins nicht mehr ein. Das mag jetzt noch nicht so abwegig klingen, obgleich ich die Frage schon ziemlich sinnlos fand. Als ich mich im Nachhinein zur Bedeutung des betreffenden Götternamens eingelesen hatte, stellte sich heraus, dass diese `Gottheit` als Schutzpatron für die Skifahrer gilt und mein Interviewer lediglich mit seiner Götterkenntnis auf den Putz hauen wollte.“ Sehr erheiternd.

Die Kompositionen des dritten Albums laufen bereits auf Hochtouren, wie auch noch von dem singenden Gitarristen in Erfahrung zu bringen war. „Es gibt kein wirkliches Ziel, was wir erreichen wollen, viel mehr den inneren Drang das mit `Ernte im Herbst` begonnene Konzept mit dem dritten Album zu schließen. Dank gebührt all unseren Freunden, Fans und Begleitern, die uns über `Ernte im Herbst` und `Sade Et Masoch` begleitet haben. Ebenso dir, Markus, mein guter Freund, der du einer der wenigen bist, der unsere Welt zu bereichern wissen.“ Man tut, was man kann.

© Markus Eck, 20.07.2007

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