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Interview: EQUILIBRIUM
Titel: Grenzenlos unvorhersehbar

Stellt der 2014er Albumvorgänger „Erdentempel“ eine ansteckend schwungvolle und melodisch strahlend aufbrausende Epic Fantasy Metal-Platte dar, so tendieren die Münchner mit „Armageddon“ nun eher in düstere und gesetztere Gefilde.

Damit beweisen die erfolgreich Wandelbaren um Sänger Robert ‚Robse’ Dahn einmal mehr ihre anhaltende Unberechenbarkeit.

Und damit sich dieser fünfte Equilibrium-Langspieler dennoch wieder passend in die musikalische Historie der 2001 gegründeten Band fügt, hat Gitarrist und Maincomposer René Berthiaume viel Arbeit und Hingabe aufgewendet.

Nach der Veröffentlichung von „Erdentempel“ war er mit Equilibrium sehr viel unterwegs, wie René wissen lässt. „Unter anderem auch zum ersten mal auf 70.000 Tons Of Metal, was eine Wahnsinnserfahrung für uns war! Zudem waren wir das erste Mal mit der Band in Norwegen.“


In der zweiten Jahreshälfte von 2015 ging es für ihn dann aber an intensives Songwriting für „Armageddon“.

„Ich mag es gerne, ein Album von vorne bis hinten in einem Zug zu schreiben, denn so ist es irgendwie eine tiefere und nachhaltigere Erfahrung. Außerdem fühlt sich dann alles mehr wie aus einem Guss an. Trotzdem haben wir zwischendurch immer wieder noch vereinzelte Shows gespielt. Das wäre früher bei mir nicht möglich gewesen, da gab es stets eine strikte Zeittrennung zwischen Album- und Livephase. Doch mittlerweile bin ich da viel gelassener. Und außerdem sind Liveshows ja auch immer eine tolle Inspiration für die eigene Musik.“


Momentan läuft es in der Formation wirklich prima, was die zwischenmenschliche Chemie: angeht, so René mit freudiger Miene. „Jeder versteht sich mit jedem und alles ist wieder sehr familiär. Unseren letzten Besetzungswechsel hatten wir am Bass. Diesmal hatten wir allerdings etwas logischer gehandelt. Anstatt wieder in großer Runde nach einem geeigneten Musiker zu suchen, den wir am Ende vielleicht noch gar nicht so gut kennen, haben wir kurzerhand unseren Tourmanager Makki eingestellt. Er ist schon seit Jahren immer auf Tour mit dabei und kennt die ganzen Abläufe. Ausserdem hat er superviel Erfahrung am Bass, da er unzählige Konzerte mit Suidakra gespielt hatte. Und zu guter Letzt wußten wir bei ihm von vornherein, dass es bei ihm auch menschlich passt. Also: Problem gelöst!“

Bei Equilibrium gibt es ja für ihn persönlich immer diese zwei Welten, wie er sagt:

„Album und Live. Wenn es an ein neues Album geht, ziehe ich mich erstmal komplett zurück und arbeite an der Musik. In der Zeit tausche ich mich auch kaum aus, weil das für mich ein relativ intimer Prozess ist. Lediglich meine Freundin, die auch seit der 2013 erschienenen EP ‚Waldschrein‘ für unsere ganzen Artworks verantwortlich ist, hat auch schon zu Beginn Einblick in neues Material. Wenn die Songs dann zu 90 % fertig sind, zeige ich sie allen anderen Bandmitgliedern, damit sie dann auch ihren Senf dazu geben. Die haben dann oftmals auch noch weitere gute Ideen, um die Lieder noch zu verbessern. Insofern ist die Arbeit am Album immer relativ entspannt. Allerdings hatten wir diese Arbeitsweise bei Equilibrium schon immer so.“

Wie laut René zu erwarten war, ist das neue Album insgesamt auf jeden Fall eine Ecke dunkler geworden. „Ich denke, das spannende bei Equilibrium ist, dass man generell nie so richtig weiß, was einen als nächstes erwartet. Wir lieben es ja auch, mit genreuntypischen Klängen zu experimentieren und diese in unsere Songs einzubauen. So war das auch diesmal wieder der Fall. Insgesamt geht der Sound etwas mehr ‚In-Your-Face‘ und ist eine Spur moderner geworden. Nichtsdestotrotz sind aber nach wie vor unsere Markenzeichen mit dabei: Bombast, Folk-Einflüsse, überwiegend deutsche Texte und eine Handvoll Humor.“

Ist die stilistische Mixtur dieser neuen Platte letztlich ein umfassendes künstlerisches Spiegelbild des Hauptkomponisten Berthiaume?

„Ganz umfassend wahrscheinlich nicht, dafür gibt es viel zu viel unterschiedliche Musik die mir gefällt. Aber diesmal habe ich schon wieder viele meiner Lieblingssounds eingebaut. Es gibt da auch keinerlei Grenzen für mich. Das geht von irischen Flöten bis hin zu 8-Bit Computersounds. Die Herausforderung dabei liegt meiner Meinung nach dann vor allem darin, die Einflüsse so zu verarbeiten dass es am Ende dann trotzdem ein in sich rundes und stimmiges Album wird.“

Auf erwähnenswerte Besonderheiten in den neuen Songs angesprochen, erzählt der vielfach fähige Musikus:

„Der Song ‚Born To Be Epic‘ hat eine witzige Entstehungsgeschichte: Der Titel steht eigentlich schon länger mit Equilibrium im Zusammenhang, da es nämlich ein Shirt davon gibt. Wir haben es quasi diesmal umgedreht, und ein Song zum Shirt geschrieben! [lacht] Ich bin ja auch ein kleiner Soundtüftler. Eines Tages habe ich einfach mal mit neuen Sounds experimentiert, da ich immer auch wieder versuche, neue Elemente in die Musik von Equilibrium einfließen zu lassen. Am Ende des Tages war ich dann trotzdem ziemlich deprimiert, weil mir nichts davon gefallen hatte. Ich zeigte meiner Freundin einige Parts die ich geschrieben hatte, und darunter war auch der Refrainteil von ‚Born To Be Epic‘. Sie war so begeistert und meinte, ich solle unbedingt einen Song daraus machen. Etwas ungewiss schrieb ich dann an der Nummer weiter, und auf einmal erkannte ich, was sie meinte. Und nun ist es einer unserer absoluten Lieblingssongs geworden.“

Meistens ist es so, wie der Gitarrist ergänzend offenbart, dass er ein Lied zu mindestens 90 % fertig schreibt, bevor er ein neues anfängt.

„Das liegt vor allem daran, dass die Songs zum Teil sehr unterschiedlich sind und ich da ungern hin und her schwenke. Denn der jeweilige Song an dem ich gerade arbeite schwirrt mir dann auch sonst die ganze Zeit im Kopf herum. Beim Einschlafen, beim Einkaufen, unter der Dusche! [lacht] Das kann dann zwei bis drei Tage dauern oder auch zwei bis drei Wochen, bis die Nummer fertig ist. Ich beschäftige mich dann auch in der Zeit immer mit Dingen, die die jeweiligen Songs betreffen. Bei ‚Eternal Destination‘ waren es zum Beispiel durch Menschen verursachte Umweltkatastrophen. Bei ‚Zum Horizont‘ war es Balkanmusik und bei ‚Helden’ beschäftigte ich mich intensiv mit 8-Bit Synthesizern. Diese Arbeitsweise macht mir unglaublich viel Spaß, da ich zum einen eine Menge dazu lerne, und zum anderen bekommen die Songs dadurch eine ziemliche Authentizität, was mir enorm wichtig ist.“

Er selbst sieht die allergrößte Stärke der neuen Kompositionen darin, dass diese kompromisslos sind und direkt auf den Punkt kommen. „Und das sowohl musikalisch als auch textlich. Uns war aber auch wichtig, dass die Leute sofort begreifen, um was es geht. Deswegen haben wir die Texte auch relativ schlicht und leichter verständlich geschrieben. Die Inhalte waren uns dann einfach zu wichtig, als dass wir sie hinter komplizierten Satzkonstruktionen verstecken. Deswegen gibt es diesmal auch einige englische Texte. Wir haben viele Fans im Ausland, und so können auch diese sofort verstehen, was einige Songs aussagen.“



Seit dem Vorgängeralbum „Erdentempel“ schreibt der multipel kreative Saitenschrubber auch die Lyriken für Equilibrium.

„Das hat vor allem den Vorteil, dass nun Musik und Text wirklich wie aus einem Guss wirken. Früher war es manchmal so, dass ich ein Stück Musik schrieb, und dann jemand anderes aus der Band einen Text darauf verfasst hat, der quasi einen ganz anderen Inhalt vermittelte als jenen, den ich beim Schreiben der Musik im Kopf hatte. So kommen allerdings dann auch ganz interessante Ergebnisse zustande. Doch jetzt, wo alles aus einer Hand kommt, fühle ich mich doch wohler damit.“

Bei der Auswahl der Songideen für die neue Liedersammlung wurde relativ schnell und sehr intuitiv vorgegangen, wie René sich erinnert.

„Wir wussten, dass es vermehrt dunklere Texte geben würde, deswegen stand der Albumtitel auch recht schnell fest. Allerdings wollten wir kein Konzeptalbum schreiben und haben somit auch Luft gelassen für zusätzliche Themen. Viele der Grundideen hatten sich auch schon im Vorfeld angesammelt. Die besten beziehungsweise passendsten habe ich dann ausgewählt.“

Das gesamte Songwriting beziehungsweise Ausarbeiten des Materials ging auf jeden Fall schneller als früher, resümiert der bärtige Axeman. „Das liegt aber vermutlich auch daran, dass ich von Album zu Album immer mehr dazu lerne, und weiß, wie ich schneller an ein gewünschtes Ergebnis komme. Aber gerade wenn es darum geht, neue Sounds oder ungewohnte Ideen zu verarbeiten, dann brauche ich schon recht lange. Aber ich nehme mir da auch bewusst die Zeit, weil gerade auch dieses Herumtüfteln unglaublich viel Spaß macht. Wenn man die Zeit zusammenzählt, hat es wahrscheinlich in etwa sechs Monate netto gedauert.“


Die Tiefen beim Songwriting hielten sich diesmal laut René erfreulicher Weise in Grenzen.

„Das war gewiss auch dadurch bedingt, dass ich bereits im Vorfeld eine lange Liste an Ideen für das Album hatte, so dass ich diesmal relative wenige Tage hatte, an denen ich nichts zustande brachte“, platzt es unter einem schallenden Lachen aus dem Bayern heraus.

„Armageddon“ ist ein sehr geläufiger Begriff, der gezielt aus Titel auserwählt wurde.

„Jeder weiß, dass er irgendwie mit Weltuntergang zu tun hat, ohne jetzt vielleicht die genaue Herkunft des Wortes zu kennen. Das war uns aber auch wichtig bei diesem Album und den Songs: Jeder soll relativ schnell erkennen, was die Stücke aussagen, ohne vorab groß übersetzen und googeln zu müssen. Das war eben auch mit ein Grund weshalb wir diesmal einige Texte in Englisch geschrieben haben. Es bleibt zwar immer noch genügend Freiraum für eigene Interpretationen, aber die Kernaussagen kommen wohl ziemlich klar rüber.“

Equilibrium nutzen den Titel „Armageddon“ allerdings nicht im biblischen Sinne, wie René dazu klarstellt. „Sondern im Modernen und auch sehr gegenwartsbezogen. Die Menschheit ist auf dem besten Wege, durch ihre Art und Weise der Ausbeutung unseres Planeten, der Tiere, sowie auch sich selbst, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Die Natur sucht sich schon ihr Gleichgewicht, und das ohne Rücksicht auf Verluste. Letzten Endes liegt die Entscheidung beim Menschen, ob er wieder mehr auf die Bedürfnisse der Umwelt eingeht, oder nicht. Allerdings ist das Album keineswegs nur pessimistisch zu verstehen. Wer Equilibrium kennt, weiß, dass wir immer gerne versuchen, ein Gefühl von Hoffnung zu vermitteln. So ist es auch hierbei. Selbst wenn die Welt mitsamt der Menschheit untergeht, bedeutet dies wieder einen Neuanfang. Allerdings wäre es natürlich wünschenswert, dass wir die Chance unserer Existenz schätzen und nutzen und es gar nicht erst soweit kommen lassen.“

Wenn man sich die News-Sendungen tagtäglich so ansieht, dann ist die Menschheit tatsächlich teils schon in einer Art verheerendem Armageddon … wie sieht der Griffbrettvirtuose die aktuelle Situation?

„Das Problem ist ja auch, dass man nicht wirklich weiß, welchen Quellen man noch glauben schenken kann, da sich diese zum Teil so sehr selbst widersprechen. Dem Internet sei dank findet aber immerhin ein reger Austausch an Information statt. Natürlich ist vieles davon auch falsch, aber immerhin findet dieser Austausch statt. Zudem gibt es auch viele Aufklärungsbewegungen, denen es vor zehn bis 20 Jahren wohl viel schwerer gefallen wäre, Gehör zu bekommen. Von dem her ist die Welt ein ganzes Stück näher zusammengerückt. Trotzdem existiert so viel Habgier, Hass Egoismus und Fanatismus. Vielleicht muss erst ein großer Schlag von Außen kommen, damit die Bevölkerung an einem Strang zieht. Statistisch gesehen wäre es ja wieder mal Zeit für einen Kometeneinschlag“, verlässt es seinen Mund mit einem Grinsen.


Für René zählt es übrigens zu den natürlichsten Dingen auf der Welt, Musik zu machen. Und da er schon als kleines Kind in dieser Richtung sehr aktiv war, hat sich seine Sichtweise auch bis heute niemals geändert, wie er Einblick gewährt.

„Für mich ist Musik vor allem dann etwas ganze Besonderes, wenn sie im Kopf Bilder und Welten erzeugt. Diese Fähigkeit von Musik fand ich schon immer faszinierend, deswegen wollte ich das unbedingt auch machen. Und das ist auch heute noch einer der Hauptgründe warum ich das mache. Natürlich gibt es dann die ganzen positiven Nebeneffekte: Man kann auf tollen Bühnen spielen, lernt viele Länder kennen etc. Aber während dem Schreiben von Musik zählt für mich dann erstmal nur die Welt, in der ich mich dabei befinde, so seltsam das auch klingt.“

Natürlich hoffen Equilibrium, so der Gitarrist abschließend, dass die neue Scheibe bei den Leuten gut ankommt und ihnen so viel Freude bereitet, wie die Band sie beim Produzieren hatte.

„Ansonsten sind wir im Herbst zusammen mit Heidevolk, Finsterforst und Nothgard auf Europatour und freuen uns natürlich wenn viele Leute vorbeikommen!“

© Markus Eck, 23.07.2016

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