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Interview: EQUILIBRIUM
Titel: Ergiebig entfaltete Emotionen

Das grandiose 2008er Albumspektakel „Sagas“ zeigte diese bayerischen Spitzenmetaller von ihrer bislang bombastischsten Klangseite. Bislang. Denn nun veröffentlicht die Erfolgsgruppe, die anfänglich in Pagan Metal-Kreisen berühmt wurde, die neue Liederkollektion „Rekreatur“.

Überwiegend hochgradig mitreißende Songs wurden neben stimmungsvoll Arrangiertem hierfür kreiert, und in Sachen aufwändige Produktion hängten sich die Beteiligten mehr denn je ins epische Zeug.

Bereit, nun auch endgültig die restliche Metal-Welt zu erobern, präsentieren sich Equilibrium hiermit auf gleichfalls vielfältigstem wie auch professionellstem Niveau – und das selbst nach einem zuvor vollzogenen Sängerwechsel, der die Trennung von Vokalist Helge Stang mit sich brachte. 2001 gegründet, kann die Band nun nach einer knappen Dekade bereits auf eine prächtige Karriere zurückblicken – während nicht wenige Konkurrenten schon nach kurzer Zeit wieder das Handtuch warfen.

Ich hingegen gehe mal wieder in Stellung und bewerfe Gitarrist und Hauptkomponist René Berthiaume zielsicher mit einigen Fragen zum neuen riesenhaften Fantasy Metal-Machtwerk „Rekreatur“.

„Hier läuft derzeit wirklich alles wunderbar! Der Grossteil des Produktionsstresses ist nun erstmal vorbei. Das Album ist im Kasten, der Videoclip zum Track `Der ewige Sieg` ist gedreht und ansonsten sind wir auch wieder fit für die Bühne. Nun warten wir gespannt auf den 18. Juni, den Veröffentlichungstermin unserer neuen Scheibe.“

Sogleich dreht sich der weitere Dialog um den vonstatten gegangenen Sängerwechsel. René berichtet dazu:

„Letztendlich waren es einfach persönliche Gründe, die uns zur Trennung bewegten. Die wollen wir öffentlich auch nicht groß breittreten. Equilibrium gibt es nun ja doch schon seit 2001, da ist viel Zeit vergangen. Zeit in der man viel miteinander erlebt hat, aber in der sich Menschen eben auch verändern. Wir haben festgestellt, dass wir in der alten Besetzung nicht mehr so gut klargekommen sind. Deswegen haben wir uns für eine Trennung entschieden. Im Prinzip ganz klassisch und vergleichbar mit dem, wie es sicher schon fast jeder mal in einer Beziehung erlebt hat. Unseren neuen Sänger Robse kennen wir schon seit vielen Jahren. Vor ungefähr zwei Jahren fing ich an, für ein neues Projekt Musik zu schreiben und schon damals wollte ich Robse [bekannt von Vrankenvorde; A.d.A.] dafür haben. Seit dem hat sich unser Kontakt intensiviert, und als dann Helge nicht mehr bei Equilibrium war, fiel unsere erste Entscheidung gleich direkt auf Robse – wir sind sehr glücklich, dass er zugesagt hat. Wir stehen total auf seine Stimme, sie klingt um einiges dreckiger und härter, insgesamt auch etwas tiefer und mächtiger als es auf unseren vorigen Alben der Fall war. Außerdem haben wir nun in unserer neuen Konstellation die beste Bandharmonie die es jemals bei Equilibrium gab. Wir sind also mehr als glücklich damit!“

Wie sehr Equilibrium eigentlich bislang außerhalb von Deutschland erfolgreich sind, das beschäftigt uns anschließend.

„Gute Frage! Unsere bisherigen Auslands-Konzerte waren meistens jedoch ziemlich überwältigend. Als wir 2008 beispielsweise das erste Mal in Frankreich, Tschechien oder Belgien waren, wussten wir ja noch gar nicht, inwieweit die Leute uns dort schon kannten. Aber den Reaktionen nach zu urteilen muss sich die Musik von Equilibrium auch schon bis dorthin durchgeschlagen haben. 2009 hatten wir dann unseren ersten Auftritt in England auf dem genialen Bloodstock-Festival. Und auch dort begrüßte uns ein Wahnsinnspublikum.“

Apropos, schmissige Live-Auftritte 2010 sind laut René schon fest geplant:

„Wir haben dieses Jahr eine Menge Konzerte auf dem Programm. Wir sind auf vielen Festivals zu sehen, neben großen Ereignissen wie Wacken, Summer-Breeze und Metalcamp sind wir auch auf vielen kleineren Veranstaltungen unterwegs, nicht zuletzt auch auf dem hauseigenen Helion Festival. Außerdem sind wir im September wieder im Rahmen der Heidenfest-Tour unterwegs. Wir blicken nun also dieser Tage genauso gespannt auf die Veröffentlichung von `Rekreatur` wie wir es kaum erwarten können, die neuen Songs live zu spielen!“

René, was genau erwartet die Hörer auf musikalischer Ebene denn auf dem aktuellen Langspieler „Rekreatur“? Das ist für den talentierten Gitarristen gar nicht so einfach zu sagen:

„Ich finde es selbst immer wieder äußerst interessant, wie die Fans unsere Musik auffassen und begreifen, und wie sie die Songs und Alben untereinander vergleichen. Ich finde, dass jedes unserer bisherigen drei Alben einen recht eigenen Charakter hat, wobei natürlich alle das typische Equilibrium-Flair versprühen.“

Und auf „Rekreatur“, so der versierte Saitenspezialist gleich darauf, klingt kein Song wie der andere. Sondern: „Jeder erzählt eine andere Geschichte, sowohl textlich als auch musikalisch. Es ist ja bekannt, dass wir sehr gerne mal über den Tellerrand hinausblicken und auch oft schwermetallfremde Einflüsse haben. Deswegen ist auch `Rekreatur` wieder ein Überraschungspaket geworden. Es gibt Songs mit irischen, asiatischen, südländischen und auch ganz klassischen Elementen. Unsere rockende Ader als auch unser Hang zu düsteren brachialeren Klängen kommt zum Vorschein. Auf `Rekreatur` findet man auf jeden Fall auch sowohl Bezüge zu unseren Alben `Turis Fratyr` und `Sagas`.“

So ist „Rekreatur“ laut Statement des Griffbrettakrobaten kein typisches Konzeptalbum.

„Jeder Song steht für sich und ist in sich abgeschlossen. Unser Ziel war es ein Album zu schaffen, auf dem es keine sich ähnelnden Songs gibt und welches ein möglichst breites Spektrum an Emotionen und Stimmungen erzeugt.“

Das neue Frontcover sieht klasse aus, und laut Aussage von René stammt es von Alev, einer Freundin von ihm aus Venezuela.

„Sie hatte damals auch das ´Unbesiegt´-Design entworfen, welches großen Anklang bei den Fans fand. Wir haben eine künstlerisch sowie menschlich sehr starke Verbindung, deswegen bin ich froh, dass sie auch das Artwork für `Rekreatur` gemacht hat. Das Geschöpf auf dem Bild kann man durchaus ein wenig mit unserer Musik vergleichen: Verschiedene Einflüsse aus den unterschiedlichsten Kulturen finden zusammen und bilden somit etwas Neues. Im Nachhinein hat dies sogar einen wunderschönen philosophischen Aspekt“, entfährt es ihm schmunzelnd.

Wir vertiefen das Gespräch in Richtung Songwriting an sich, und René weiß diesbezüglich zu resümieren: „Viele Leute hatten nach der Trennung von unserem alten Sänger Befürchtungen, dass dies Auswirkungen auf die Musik haben könnte. Aber dem ist natürlich nicht so. Die Musik wird nach wie vor ausschließlich von mir geschrieben. Natürlich gibt es Weiterentwicklungen in der Musik, aber die würden so oder so stattfinden. Schließlich möchten wir ja nicht zweimal das gleiche Album aufnehmen [grinst]. Der Entstehungsprozess von `Rekreatur` verlief im Vergleich zu Sagas um einiges schneller, das hat aber auch einen guten Grund: Bis vor einem Jahr hatten bei uns viele noch mit Ausbildungen, Studium und Ähnlichem zu tun. Dadurch waren wir natürlich etwas eingeschränkt was unseren Einsatz für Equilibrium betraf. Nun hatten wir 2009 nochmal sehr tolle Auftritte im Sommer, beispielsweise wie erwähnt auf dem Summer-Breeze oder erstmals auch in England auf dem Blood Stock Festival.“

Der Musikus spricht weiter: „Wir sind in uns gegangen und haben überlegt, wie wir nun weitermachen wollen. Wollten wir so weitermachen und die Band neben der normalen Arbeit weiterlaufen lassen? Oder wollten wir die Möglichkeiten, die uns von allen Seiten ja nun zur Verfügung standen, nutzen, richtig Gas geben und uns ausschließlich auf die Band zu konzentrieren? Wir entschieden uns für letzteres. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn man noch mehr Zeit und Herzblut in die eigene Musik stecken kann als wie es ohnehin schon geschah. Als wir nachhause kamen, habe ich mich gleich in mein stilles Kämmerlein verzogen und erstmal ein paar Monate drauflos komponiert. Der Witz ist, dass bereits während den `Sagas`-Sessions viel Material entstanden ist, welches ich dann eigentlich verwenden wollte. Doch es kam eine Idee nach der nächsten dazu, sodass ich kaum dazu kam, auf dieses Material zurückzugreifen. Ein paar Teile gibt es aber schon, die ich schon vorher geschrieben hatte. `Aus ferner Zeit` ist zum Grossteil noch vor `Sagas` entstanden, während das Grundgerüst zu `Die Affeninsel` beispielsweise locker zehn Jahre auf dem Buckel hat. Aber im Grossen und Ganzen ist alles im letzten Sommer und Herbst entstanden.“

Wie hoch insgesamt hatte René seine künstlerischen Ziele als Komponist für das aktuelle Werk angesiedelt?

„Ein besonderes Ziel für mich ist es, Musik zu schreiben bei der ich selbst so etwas wie Gänsehaut bekomme. Es reicht mir nicht, wenn mir jemand sagt, `hey, das klingt toll`! Ich muss es selber wirklich spüren. Auf `Rekreatur` gibt es des Öfteren solche Momente, und darauf bin ich sehr stolz. Es fühlt sich nämlich in dem Moment so an, als hätte ich es geschafft, einen ganz inneren persönlichen Teil musikalisch umzusetzen. Natürlich ist die komplette Musik irgendwo persönlich, aber dann gibt es eben auch solche Teile bei denen ich sage, diese würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen. Bisher habe ich es eigentlich nie wirklich geschafft 100%ig zufrieden zu sein, denn sie wachsen ja auch immer von Mal zu Mal. Letzten Endes ist es pures Achterbahnfahren: Im einen Moment ist man total begeistert und im nächsten Moment wieder unzufrieden. Doch ich bin sehr froh darum, denn so ruht man sich nicht aus, sondern versucht für sich, immer besser zu werden. Die orchestralen Arrangements entstehen eigentlich in erster Linie um dem Song zu dienen. Sie stehen somit nicht alleine im Zentrum. Aber natürlich sind sie eines der wichtigsten Bestandteile von Equilibrium. Die Phase, dass ein Song möglichst komplex und umfangreich komponiert sein muss, hab ich schon lange hinter mir. Ein Song sollte bewegen. Wenn er dies mit umfangreichem Orchestersound tut, dann wunderbar, wenn er dies aber besser mit simpleren Strukturen tut, dann auch wunderbar! So gesehen könnte ich mich aber gleich nach diesem Interview wieder an die Instrumente setzen, und weiter schreiben. Das ist eben die Leidenschaft!“

Dass die Stücke samt dem gigantisch umgesetzten Klangbombast nicht selten großes Filmsoundtrack-Flair innehaben, ist sicher kein Zufall, wie ich anmerke. René hierzu:

„Durchaus nicht! Wir stehen nun mal alle auf Breitwand-Sound, und das findet man auch in unserer Musik wieder. Unsere Musik soll Bilder im Kopf entstehen lassen, Geschichten erzählen. Beim Komponieren schweben einem sehr große Bilder in der Fantasie herum, und das was dabei rauskommt, hört man eben auf der CD“, erläutert der Mann grinsend.

Die Texte kommen diesmal komplett von Gitarrist Andreas „Andi“ Völkl.

„Er hat ein großes Interesse für alte Geschichten und Sagen. Natürlich gibt es nach wie vor auch Bezüge zur germanischen und nordischen Mythologie. Außerdem spielen auch persönliche Erfahrungen eine Rolle, die mit in die Texte gewandert sind. Somit haben die Texte sowohl uralte als auch absolut aktuelle Bezüge. Insgesamt bin ich sehr stolz auf seine Texte, da wir dieses Mal viel intensiver an der Verknüpfung von Text und Musik gearbeitet haben, als auf den Alben zuvor. Andi und ich haben ähnliche Vorstellungen, und konnten wunderbar miteinander arbeiten. Und das hat dem Album sehr gut getan.“

Wie sieht eigentlich ein idealer Tag für einen musiksüchtigen Menschen wie René aus, werden sich viele fragen. Und welche Arten von Musik hört er privat gerne? Er konstatiert:

„Ach, das variiert eigentlich ständig, es wäre ja auch langweilig, wenn jeder Tag ideal wäre! Mal sieht ein Tag ideal aus, wenn man von früh bis spät an seinem Instrument sitzt und sich neue Musik ausdenkt. Ein anderer Tag ist dann erfüllt, wenn er aus den Elementen Pizza mit extra viel Käse und Kino besteht. Besonders viele Glücksgefühle beschert gerade einem Musiker vor allem ein Tag mit einem erfolgreich absolvierten Konzert. Grundsätzlich kann ich fast jeder Musikrichtung etwas abgewinnen, das wechselt sich eigentlich immer wieder ab. Das beschränkt sich auch nicht ausschließlich auf verschiedene Metal-Genres. Ich stehe auch total auf orchestrale Soundtracks, Klassik im Allgemeinen oder aber auch Ambient und atmosphärische Musik. Traditionelle Klänge verschiedenster Länder und Kulturen finde ich auch immer wieder sehr spannend!“

© Markus Eck, 25.05.2010

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