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Interview: EQUILIBRIUM
Titel: Erhaben mitreißende Rauheit

Eine der wohl allergrößten deutschen Überraschungen auf dem Melodic Black Metal-Sektor dürfte das sensationelle 2003er CD-Demo dieser mittlerweile immens beliebten Hoffnungsträger gewesen sein. Von Hauptinitiator und Gitarrist René Berthiaume während des Sommers 2001 im bayerischen Maisach ins Leben gerufen, starteten Equilibrium wie viele dieses Metiers zunächst als Coverband.

Auf dem anfänglichen Programm standen Songs von Dimmu Borgir, Hypocrisy und Cryptic Wintermoon. Doch schon bald sollte mittels unbändiger Beherztheit ein maskulin klingender und enorm eigenständiger epischer Mix aus den wikingischen Sturm-Sounds von Finntroll, Moonsorrow und Ensiferum entstehen, der es in sich hat. Die hörenswerte Heroenhorde, welche ihre ebenso mitreißenden wie majestätischen Hörnerhelm-Hymnen selbst als Epic Viking Metal tituliert, schmiedet ihre harsche Extremkunst zudem aus diversen Dark, Heathen und Black Metal-Elementen zusammen.

Demnächst veröffentlicht die vom Sixpack zum Quintett geschrumpfte Truppe um den ausdrucksstarken blonden Frontschreier Helge Stang das Debütalbum „Turis Fratyr“ – erneut dargeboten mit kraftvoll getexteter deutscher Lyrik, die ihre Einflüsse aus faszinierenden altgermanischen Sagenwelten und Mythologien bezieht.

„Im Studio sind wir mit den Aufnahmen für das neue Album bisher soweit gut vorangekommen. Gitarren, Bass und das Schlagzeug sind größtenteils im Kasten, es fehlen vor allem noch die meisten Gesangs- und Keyboardparts. Zudem werden wir auch noch die einen oder anderen akustischen Instrumente aufnehmen“, berichtet mir ein etwas gestresster René eingangs.

Er geht in die Tiefe: „Wir werden auch noch vier bis fünf Songs aus unseren früheren Tagen, die auch auf dem `Demo 2003` enthalten waren, neu produzieren und mit auf `Turis Fratyr` knallen. Wir wollten die Vorzüge eines Plattendeals auch dazu nutzen, diese Stücke einem etwas breiteren Publikum zu präsentieren. Mit den zusätzlichen neuen Songs haben wir zudem unser musikalisches Spektrum noch ordentlich erweitert. Teilweise sind wir um einiges schneller als auch härter geworden. Unser Sänger Helge hat auch im wahrsten Sinne des Wortes ordentlich an seinen Stimmbändern gefeilt, so dass er noch rauer klingt. Insgesamt haben wir versucht, unseren eigenen Stil noch etwas mehr herauszuarbeiten. Es wird schnell auf den Punkt kommende Mosh-Attacken geben, als auch epische, melancholische, fröhliche und bombastische Momente. Außerdem werden wieder ein paar reine Instrumentalstücke vertreten sein. Leider war zum Presstermin des letzten Legacy-Samplers noch kein Stück von `Turis Fratyr` verfügbar, somit musste ein Stück vom Demo herhalten, welches sich soundtechnisch als auch musikalisch von unserem aktuellen Schaffen doch sehr unterscheidet. Wer Interesse hat, kann sich allerdings bald ein paar neue Samples von unserer Homepage ziehen. Für das Covermotiv konnten wir dieses Mal eine Freundin engagieren, die für uns die Pinsel schwingt. Am Booklet selbst wird wieder Helge Hand anlegen.“

Was die Produktion betrifft, werden die Gitarren und die Drums laut René diesmal ordentlich krachen. „Ein Punkt, der uns sehr am Herzen lag, zumal wir ja auch selbst für die Produktion verantwortlich sind. Da wir von unserem Label Black Attakk genug Zeit bekommen haben, konnten wir uns auch darauf konzentrieren, einen ordentlichen Sound zu kreieren. Dennoch bleibt letzten Endes immer zu wenig Zeit übrig, aber irgendwann muss das Brot ja auch mal in den Ofen. So gesehen sind wir aber ziemlich zufrieden, denn wir konnten in allen Bereichen einen großen Fortschritt für uns feststellen.“

Ganz wichtig war es René laut eigenem Bekunden, dass Equilibrium ihre musikalischen Ideen so gut als möglich verwirklichen konnten. „Ziel beim Schreiben der neuen Songs für `Turis Fratyr` war unter anderem, unseren Stil mit einigen neuen Facetten anzureichern. Beim Hörer selbst wollen wir im Prinzip nur zwei Dinge bewegen: Die Fantasie und die Nackenmuskulatur.“

Wie Helge sich dann zum Thema Bedeutung des aktuellen Albumtitels einschaltet, setzt sich dieser aus einem ganzen Haufen an Worten zusammen.

„Natürlich hat er somit eine Menge Bedeutungen, die hier aber den Rahmen sprengen würden. Wer will, der kann ja mal ein Lexikon zur Hand nehmen und ein bisserl Rätsel raten. Eines sei aber gesagt: Die Titelfindung hat etwa so lange gedauert wie die restliche Produktion.“

Laut René erzählt jeder Song von „Turis Fratyr“ für sich eine eigene Geschichte.

„Allerdings würde ich nicht gänzlich abstreiten, dass es in ferner Zukunft von Equilibrium irgendwann mal ein Konzeptalbum geben könnte.“

Songtexte entstehen bei dem Haufen zumeist spontan. „Die wenigsten der Stücke sind über einen längeren Zeitraum entstanden. Nötige Inspiration bietet mir dabei ein guter Film oder ein gutes Buch, ein – äußerst rarer – Tag im Freien oder ein Märchen. Manchmal reicht mir auch schon ein einziges Bild“, gibt Helge ergänzend zu Protokoll, und fügt seiner Aussage noch an: „Im Grunde bleibt das textliche Konzept das gleiche; es wird wieder frei erfundene Geschichten geben, aber auch solche, die einen Bezug zur altnordischen Mythologie haben.“

Der Bandname Equilibrium ist seinerzeit relativ spontan entstanden, so erinnert sich René. „Jeder von uns hat eine etwas andere Interpretation dessen, was er für ihn bedeutet. Da wir zu Beginn erstmal gar nicht wussten, in welche musikalischen Gefilde wir uns begeben würden, war es uns vor allem wichtig, dass wir uns mit unserem Namen nicht von vornherein stilistisch festlegen, sondern einen großen inhaltlichen Freiraum haben. Für mich bedeutet er eine grundsätzliche Ausgeglichenheit, sei es zwischen Gut und Böse, Vergangenheit und Zukunft als auch das Gleichgewicht innerhalb aller Elemente und der Natur.“

So sieht sich die Maisacher Meute schlichtweg als eine Metal-Band, die das spielt, wonach ihr der Sinn steht, ohne darauf zu achten, ob die Grenzen eines Genres überschritten werden.

Zum anschließenden Thema, dass man international wohl gerade in diesem Genre einen ungleich schwereren Stand hat, wenn man nicht aus Skandinavien kommt, schaltet sich Vokalist Helge ein – und stellt fest: „Ja und nein. Einerseits bekommen viele Nordlichter immer wieder sehr schnell einen `Finnen-Stempel` aufgedrückt, der sicherlich vieles einfacher macht. Andererseits erfahren wir hierzulande eine so tolle Unterstützung von immens vielen Headbangern, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, dies könne besser sein.“

Wir kommen auf die Einstellung der Mitglieder von Equilibrium zur Black Metal-Szene zu sprechen. Helge hierzu: „Leider laufen auch in der Metalszene viele Spacken rum, die einen beispielsweise auf dem Wacken Open Air nach dem Pinkeln mit `Black Metal ist kein Spaß – ich schlag dir jetzt auf die Fresse!` begrüßen. Zum Glück ein Einzelfall auf Wacken, aber man sieht: Idioten lauern überall, selbst im Metal-Mekka. Die Musik ist mir persönlich sehr wichtig. Zumal auf Black Metal-Konzerten oft gar sonderbare, aber durchaus geile Dinge passieren – womit ich aber hier nicht irgendwelche Schweineköpfe meine.“

Hiermit spielt er aller Wahrscheinlichkeit auf den berühmt-berüchtigten Mayhem-Gig an, bei dem ein Fan von einem ins Publikum geschleuderten Schafskopf getroffen und ziemlich verletzt wurde.

Und wie es bei vielen Metal-Acts so üblich zu sein scheint, vollzog sich auch die Gründung von Equilibrium relativ spontan. René blickt zurück: „Anlass zur eigentlichen Gründung gab ein Fest im Sommer 2001, dem noch irgendwie der Höhepunkt zu fehlen schien. So fühlten wir uns quasi dazu verpflichtet, uns zusammen zu trommeln und innerhalb kürzester Zeit verschiedene Metal-Perlen aus dem Hause legendärer Kapellen einzustudieren, um sie dann zu später Stunde in angemessenem Lärmpegel dem dort nach Metal dürstenden Volke um den Latz zu knallen. Überrascht von dem überwältigenden Spaß, den wir alle gemeinsam an diesem Abend hatten, entschieden wir uns dafür, das Ganze in Zukunft noch öfter zu zelebrieren.“

Wie der auskunftsfreudige Saitenzupfer dann anhängt, stammen einige der ersten eigenen Songs seiner Truppe, welche zum Teil sogar noch vor der Bandgründung geschrieben wurden, aus einer Zeit, in der sie noch nicht einmal den Unterschied zwischen Death- und Black Metal kannten – kaum zu glauben.

„`Unter der Eiche`, `Der Sturm` oder auch `Nordheim` sind solche Kandidaten, die übrigens auch alle einen Platz auf unserem kommenden Debütalbum `Turis Fratyr` finden werden, natürlich in einem unserer Entwicklung angepassten Soundgewand. Zu bestimmten Anlässen singt Helge live sogar noch die Urfassung von manchen Texten. Diese wurden frei heraus aus dem Bauch geschrieben, ohne ein bestimmtes Konzept oder eine musikalische Richtung vor Augen zu haben. Da uns und den Leuten gefiel, was wir da fabrizierten, haben wir ohne groß nachzudenken einfach weiter komponiert. Wir wurden mittlerweile schon mit den unterschiedlichsten Bands verglichen, allerdings beschränkt sich unsere musikalische Inspiration nicht ausschließlich auf Metal. Vielmehr lassen wir in unsere Musik eigentlich alles einfließen, worauf wir gerade Bock haben. So beschäftige ich mich neben der Band beispielsweise intensiv mit verschiedenster Filmmusik, deren Einfluss auf manche Parts unserer Songs sicherlich nicht von der Hand zu weisen ist.“

Das war bereits auf besagtem Demo deutlich zu vernehmen. Bassistin Sandra Völkl freut sich noch immer: „Die meisten Magazine haben unser `Demo 2003` durchweg positiv bewertet. Es hätte nicht besser laufen können, denn wir haben innerhalb eines Jahres unzählige CDs größtenteils übers Internet verkauft. Viele Online-Radios haben sich auch angeboten, unsere Musik zu spielen, was erheblich dazu beigetragen hat, unsere Mucke in Umlauf zu bringen.“

Laut Hauptkomponist René ziehen die Mitglieder der bayerischen Bande gleich stark an unterschiedlichen Strängen. „Im Laufe der Zeit hat jeder von uns so seine eigenen Funktionen in der Band erhalten, ohne die es auch nicht funktionieren würde. Künstlerisch gesehen kann man z.B. sagen, dass Helge für die Texte und das optische Erscheinungsbild wie Homepage, Logo, etc. verantwortlich ist, während ich hingegen die Musik schreibe. Allerdings ist es nicht so, dass bei uns eine Diktatur herrscht, sondern jeder, der Vorschläge und Ideen hat, sie auch problemlos einbringen kann“.

Live-Experimente mit Corpsepaint und Kettenhemden waren laut Helge schnell überstanden. „Eigentlich ziehen wir unsere Gigs wie eine klassische Metal-Show auf, falls es überhaupt so was gibt. Aber mittlerweile schauen wir auf der Bühne glaube ich nicht viel anders aus, als wenn wir selbst zum Moshen ausgehen.“ René bringt sich schnell noch zu diesem Thema ein: „Allerdings sind mittlerweile doch schon einige Traditionen in unseren Konzerten entstanden. Diese sollte allerdings jeder für sich selbst entdecken“, grinst er verschmitzt.

Nachfolgend drehte sich die Gesprächsrunde um die grandiose Schönheit der Natur, aber auch um ihre Faszination während der Dunkelheit. Laut Helge ist die Natur ein Geschenk: „Die Natur aber ist nicht dunkel. Dunkel ist die Nacht, während der man daheim sitzt und wartet, dass alles wieder besser wird. Leider ohne Fluchtweg. Da brauche ich des Tages keinen Schatten mehr und lege mich stattdessen lieber mit einem Bier an den See.“

René wünscht sich abschließend noch – lachend – ein Line-Up, das zur Abwechslung mal länger als ein Jahr hält. „Sobald das neue Album draußen ist, wird erstmal Urlaub am Meer gemacht, um sich dann mit neuen Kräften den anstehenden Aufgaben und Konzerten zu stellen.“

© Markus Eck, 30.07.2004

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