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Interview: ENSLAVED
Titel: Aus tiefster Persönlichkeit

Wie meinem 2002er Interview dazu schon zu entnehmen war, ist diese einschlägig bekannte Norwegerbruderschaft derzeit mit einem neuen Albumwerk am Start.

Und deuteten bereits ihre letzten beiden Langspieler „Mardraum – Beyond The Within“ und „Monumension“ schon eine mehr oder weniger prägnante Stilmodifizierung an, so gehen Enslaved auf ihrem neuen Opus „Below The Lights“ nun gar noch einen entschlossenen Kreativschritt weiter.

Weg vom vordergründig beinharten, technisch hochanspruchsvollen und kriegerisch dominierten Nordextremmetall der alten Kämpfertage, in Richtung deutlich progressiver und auch atmosphärischer gehaltenen Mystikexpressionismus lautet der neu eingeschlagene Entdeckungskurs an Bord der vier Bergener. Ich unterhalte mich erneut mit Gitarrentroll und Keyboardhexer Ivar Bjørnson, um die Geheimnisse von „Below The Lights“ noch tiefer zu ergründen.

„Es existiert eine Vielzahl an Veränderungen auf unserem neuen Album, definitiv. Ich bin sogar der festen Meinung, wir sind in unserem musikalischen Ausdrucksvermögen expressionistischer denn je zuvor in unserer Bandkarriere geworden“, lässt er mich eingangs wissen.

„Der musikalische Arbeitsprozeß bei Enslaved wurde nach Veröffentlichung unseres damaligen Albums „Blodhemn“ sowieso immer turbulenter, was für einige aufregende Resultate sorgte. Besonders unser Leadgitarrist R. Kronheim brachte sich diesmal sehr dominant in das Songwriting ein und lieferte total unerwartete Ideen, welche uns anfangs stellenweise zwar noch etwas suspekt waren, mit der Zeit glücklicherweise aber immer besser gefielen“, freut sich Ivar über den nach wie vor vorhandenen kompositorischen Enthusiasmus innerhalb seiner Donnertruppe.

Und der erzählfreudige Saitenknecht präzisiert das Ganze:

„Doch nicht nur R. Kronheim kam auf einmal mit völlig überraschend neuem Ideenreichtum an, auch wir anderen in der Band veränderten uns schon seit längerem musikalisch im Geiste. Wie auch immer, als wir an die Arbeiten zum aktuellen Album gingen, war uns schon recht schnell klar, daß eine lange und sehr steinige kreative Schaffensstraße vor uns liegen würde. Kronheim distanzierte sich zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit von uns – vordergründig musikalisch, aber leider auch persönlich. Er wünschte sich, daß wir in eine rockigere Ecke einbiegen würden. Daß wir Stoner Rock-Einflüssen anheim fallen würden. Das machte unserem Drummer Dirge Rep und mir wirklich große Sorgen. Auch unser Vokalist und Bassist Grutle war ob dieser befremdlichen Bandsituation beunruhigt. Klar, es ist für jede Band in jedem Genre wichtig, zu experimentieren und neuen Ideen freien Lauf zu lassen, sonst stumpft man künstlerisch mit der Zeit unweigerlich ab. Doch sollte ober besser gesagt darf man sich natürlich nicht zu weit aus dem kompositorischen Fenster lehnen.“

Schon die vollzogene einschneidende stilistische Differenzierung auf dem Album „Monumension“ machte Ivar laut eigener Aussage nicht gerade überglücklich, er fühlte sich innerlich irgendwie unentschlossen:

„Ich fühlte ständig mehr, wie ich zu dieser Zeit innerlich nicht gerade zufrieden mit den Songwriting-Geschicken in der Band war. Wir brauchten eine Auszeit, das war klar. Um uns selber wieder zu finden, als Menschen und als Musiker. Wenn man nämlich ständig nur noch neue Einfälle verarbeitet, ohne sie vorher in das alte Soundbad zu tauchen, verliert man leicht das notwendige Bewußtsein für die vohergegangene Stilistik und driftet zu weit von sich selbst ab.“

Letzteres ist glücklicherweise in meinen Augen beziehungsweise Ohren (noch) nicht geschehen, obwohl dies höchstwahrscheinlich nicht alle der alten Enslaved-Jünger so empfinden.

Denn vergleicht man die ersten Veröffentlichungen der Band mit dem aktuellen Werk, so stellt man fest, daß die 1991 gegründeten Norwegerberserker in den letzten Jahren schon ziemlich vom ursprünglichen Angriffspfad abweichende künstlerische Wege beschritten.

Nur noch selten bricht hier neuzeitlich die nordmännische Kampflüsterheit durch, entfesselt sich genau die oberbrachiale und ekstatische Rhythmusraserei, mit welcher Enslaved damals zu Beginn ihrer Karriere einst berühmt geworden sind.

Aber wie auch immer, schließlich kommen wir auf den aktuellen Albumtitel „Below The Lights“ zu sprechen, welchen Ivar jetzt erklärt:

„Alle unserer neuen Songs auf diesem Album handeln von verschiedenen Unterwelten diverser Natur. Alles hat eine Unterwelt. Der tiefere Sinn dieser Aussage kann in den Unterwelten unserer Persönlichkeiten gesucht oder gesehen werden. Dieses lyrische Gesamtkonzept ist sozusagen ein Tribut von uns an die Dunkelheit, wenn man so will. Manchmal fühle ich mich, als wenn ich auf einem verdammten Witz von einer Welt leben muß. Einer Welt, in welcher wir scheinbar wirklich über alles und jeden ganz genau Bescheid wissen, um aber trotzdem gegenüber manchen Dingen eine beschämende Ignoranz und peinliches Stillschweigen an den Tag zu legen, ohne daß man dafür von der Gesellschaft verurteilt wird. Dieses je nach Bequemlichkeitspriorität von den Menschen angewandte Rollenspiel hat in mancherlei Hinsicht einige Vorteile, bringt aber doch auch eine gewisse emotionale und vor allem starke geistige Vereinsamung mit sich.“

Leider ging diese von Ivar hier beschriebene Entwicklung auch in den Künsten einher, was der Gitarrist noch viel schlimmer findet: „Musik, Malerei, Ballet oder was auch immer. Jede zelebrierte Kunstform kann auch simultan als eine Art Unterwelt der jeweiligen konventionellen Interaktion gesehen werden. Und in der gesamten Kunst der Menschheit ging meiner Meinung nach leider in den letzten Jahren ein gravierender und wirklich beängstigender Verfall einher, der von den allgemein gleichgeschalteten gesellschaftlichen Umgangsfloskeln herrührt. Man hat immer mehr Möglichkeiten, sich etwas mitzuteilen, gleichzeitig haben sich die Leute aber immer weniger zu sagen. Die Welt wird daher einfach immer oberflächlicher. Irgendwie absurd, finde ich. Ich persönlich vermeide daher Oberflächlichkeit jeder Art in aller denkbaren Konsequenz und tauche um so lieber in die Unterwelten der Dinge ab.“

Damit mußte sich der gute Ivar aber noch bis zum Ende unseres Dialoges gedulden. Im Anschluß offenbart er mir die Inspirationen, die er als Musiker und Künstler so benötigt. Wir erfahren:

„Um ehrlich zu sein, bin ich deswegen aber nicht mal ansatzweise ein haßerfüllter und menschenfeindlich gesinnter Geistestyp. Wenn ich anfinge, jeden für seine verdammte Oberflächlichkeit zu verdammen, würde das Leben meiner Ansicht nach seine Qualität für mich verlieren. So ist mir das Treiben meiner Mitmenschen gelinde gesagt egal, wozu ich mich schon vor geraumer Zeit entschlossen habe. Wenn sich die Idioten auf dieser Welt immer mehr vermehren, kann ich es doch auch nicht ändern. Warum sollte ich mich also darum kümmern?“

Die Antwort dazu liefert Ivar schon mit der Frage. Er knüpft an:

„Ich sammle lieber meine mit Menschen gemachten Erfahrungen, speichere sie in mir ab und handle täglich aufs Neue danach. Wenn man die Erfahrung macht, daß jemand von vorne freundlich daherkommt, von hinten jedoch aber sehr schlecht, so gibt es trotzdem keinen Grund, ihn dafür zu hassen. Es sollte einem egal sein, denn man verschwendet oft genug Energie mit solchen negativen Erfahrungen. Ich schätze es vielmehr sehr, wenn ich aufrichtige Leute treffe, die mir das Herz erwärmen. Dagegen verblassen die unehrlichen doch total. Ein Misanthroph akzeptiert die Hoffnungslosigkeit und läßt jeder zwischenmenschlichen Enttäuschung völlig freien Lauf. Ich dagegen suche lieber die Perlen in der Scheiße. Das liefert mir als Künstler die großartigsten Inspirationen.“

Unter letztere werden laut Ivar - ich hatte es auch gar nicht anders erwartet – u.a. mitunter vom Wetter bestimmt. So gibt er kund: „Besonders Wettergeschehnisse beeindrucken mich sehr und liefern mir daher immer wieder kraftvolle Eindrücke. Mit anzusehen, wie die Welt sich unter dem Einfluß von Regenstürmen verändert, ist etwas Großartiges. Diese Anblicke lassen in mir manches Mal eine seltsame und befremdliche Stimmung aufkommen, welche wiederum dann und wann für die obskursten Songideen bei Enslaved sorgt.“

Auch den Frauen ist mein Gesprächspartner nicht abgeneigt, wie ihm weiterhin zu entlocken ist. „Die können noch gewaltigere Regungen in mir verursachen. Manche haben eine signifikante Schönheit an oder in sich, die mich emotional regelrecht überwältigen kann, während ich sie aufmerksam studiere. Die fast schon magische Macht der Frauen, neuen Menschen das Leben zu geben, in Kombination mit ihrer natürlichen Sanftheit und Anmut, gibt eine Vorstellung davon, wie unverständlich, aber auch unterhaltend das Leben doch manchmal sein kann.“

Schmerzempfinden und Verlustleid stellt dann noch den dritten Einflußfaktor bei Ivar dar, wie dieser nachfolgend bekennt:

„Diese beiden Gefühlsregungen beeinflussen mich auch heute noch am allerstärksten, um ganz ehrlich zu sein. Nicht die sentimentalen Ausführungen dieser Gemütsverfassungen, eher die nostalgisch orientierten. Wenn ein sehr nahe stehender Freund oder ein Familienmitglied verstirbt, macht sich in uns Menschen ein unendlich beklemmendes Gefühl breit, welches den ganzen Körper auszufüllen scheint und welches in den meisten Fällen die Seele zu beherrschen droht. Man ist sich in solchen Begebenheit immer wieder schnell bewußt, wie zerbrechlich und verwundbar auf diesem Planeten doch eigentlich alles ist. In den Nachtstunden außerhalb des Hauses zu stehen und in den Himmel hinauf zu schauen, wühlt mich manchmal ganz schön auf. In solchen Stunden ist es mir stellenweise zum Weinen und Lachen gleichzeitig zumute, weil ich dann immer daran denken muß, was von mir, meinen Freunden und meiner Familie wohl in 100, 500 oder auch 1.000 Jahren wohl noch übrig sein wird. Solcherlei Gedankengänge machen mir bewußt, daß ich hier und jetzt lebe und das Beste daraus zu machen habe. Ich meine, wie kann man sich der vollständigen Gegenwart bewußt sein, wenn man nie intensiv darüber nachdenkt, was lange Zeit danach sein wird?“ Ohne Zweifel, ein interessantes Statement.

Doch momentan befindet sich Ivar gedanklich in der Gegenwart, um aus dieser Warte für mich etwas in die jüngere Vergangenheit, besonders die vor dem aktuellen Album, zu blicken:

„Von vielen Black Metal-Musikern bekommen wir mit Enslaved immer noch großen Respekt und breite Anerkennung für unsere Musik entgegengebracht. Obwohl wir noch nie Satanismus in unseren Lyrics verarbeiteten, schätzen sie unsere Lieder wohl für ihre Eigenständigkeit. Bestimmt auch für unseren Durchhaltewillen, welcher über die lange Zeit der Bandexistenz doch immer wieder harten Prüfungen ausgesetzt war. Grutle und ich wateten durch so ziemlich jedwede vorstellbare Scheiße des Musikerdaseins – um jedes Mal wieder daraus hervorzutreten. Das prägte uns sehr und gab uns auch den Mut, vollkommen zu uns selbst und unseren jeweiligen künstlerischen Kreativebenen zu stehen. Wir beide, Grutle und ich, verloren beispielsweise nie unseren ausgeprägten Hang, unsere Liebe zu Musik aus den 70ern, obwohl wir das Leben einer extremen Metal-Band lebten und leben. Er steht nach wie vor auf Led Zeppelin, ich auf Pink Floyd, und beide hegen wir eine tiefgehende Passion für Bands wie Black Sabbath, Rush, Yes, King Crimson usw. Einflüsse dieser Acts hielten dann in einem ganz natürlichen Entwicklungsprozeß über die ganzen Jahre immer mehr Einzug in unsere Musik. Wir verspürten bei Enslaved sowieso noch niemals den Drang, unsere Musik „true“, also frei von Einflüssen zu halten. Wenn nun einige oder mehrere unserer Fans also auf einmal auf dem neuen Album von „fremdartig anmutenden“ Einflüssen überrascht sein sollten, haben sie unsere Lieder all die letzten Jahre sicherlich nicht mit voller Aufmerksamkeit konsumiert.“ Ich gebe ihm recht.

© Markus Eck, 28.03.2003

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