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Interview: ENSLAVED
Titel: Aus der Unterwelt gesehen

Dieses berühmte Norwegerquartett war seit jeher eine interessante Dunkelhorde von geschichtsbewußten Nordmythologen.

1991 von Bassist und Sänger Grutle Kjellson gegründet, starteten Enslaved damals schon gleich mit dem nicht allzu lange Zeit später aus verschneitem Nachttann geschleuderten Minialbum „Hordane´s Land“ voll durch.

Dessen zweiteiliger Übersong „Slaget I Skogen Bortenfor“ offenbarte neben zweifellos gigantischem Talent auch das forsche Urheberverlangen nach grausamer Härte, tragischster Epik und besessenster Raserei – nach bestialischstem Viking Metal, wie ihn Enslaved sich eben vorstellten.

Über die nachfolgend veröffentlichten Hammeralben „Vikingligr Veldi“, „Frost“, „Eld“, „Blodhemn“, „Mardraum – Beyond The Within“ und „Monumension“ offenbarten sich Enslaved als ebenso beständige wie musikalisch wandelbare Odinskrieger.

Letzteres traf vor allem auf das 2001er Opus „Monumension“ zu. Kürzlich beendete die Band die Aufnahmen zum neuen Werk „Below The Lights“, Saitenberserker und Tastenspieler Ivar Bjørnson brachte mir die Direktive der neuen Songs schon mal etwas näher.

„Auf dem neuen Album werden definitiv wieder einige Änderungen zu hören sein, vorder- und hintergründiger Natur. Die signifikanteste Veränderung auf `Below The Lights` basiert sicherlich auf gesteigerter Gesamtheit des Songwritings, größerer kreativer Entschlossenheit und einem viel massiveren musikalischen Ausdrucksvermögen“, beginnt Ivar zu erzählen.

Und er läßt meine Augenbrauen mittels solcherlei Offenbarungen blitzartig nach weit oben drängen.

Das soll der Gute doch sogleich noch ein wenig tiefgehender erklären: „Schon mit `Mardraum – Beyond The Within` überraschten wir uns selbst sehr. Denn auf `Blodhemn` trieben wir die Begriffe Aggression und Wut auf ein maximales Level, was uns als Künstler irgendwie in ein kreatives Vakuum getrieben zu haben schien. Danach strebten wir deshalb nach gesteigerter Melodik. Aber vor allem hatten wir eine erhöhte `Experi-Mentalität` und Progressivität im Sinn. So entschieden wir uns ganz einfach, dem stattzugeben und das zu komponieren, wonach uns gerade der Sinn stand. Dies fand dann den Weg auf `Mardraum – Beyond The Within`, ein im Nachhinein gesehen sehr experimentelles Werk.“

Doch die darauf eingeschlagene Richtung gefiel den Beteiligten sehr gut, wie in Erfahrung zu bringen ist.

„So beschlossen wir, unseren `neuen` Sound noch weiter auszubauen, was dann auf `Monumension` erstmals so richtig zum Tragen kam. Zurück zur alten Enslaved-Ausrichtung wollten und konnten wir nicht mehr, alle in der Band blickten mit großem Enthusiasmus vorwärts. Die Songs des aktuellen Albums `Below The Lights` haben wir `The Crossing`, `Havenless`, `A Darker Place`, `Queen Of Night`, `A Dead Stare`, `As Fire Swept Clean The Earth` und `Ridicule Swarm` betitelt. Als die neuen Stücke in meinem Kopf Gestalt annahmen, starteten wir gleich mit der Vorproduktion und Aufnahme in unserem eigenen Rehearsal-Studio. Und ziemlich schnell war allen klar, daß hier erneut etwas ganz Besonderes am Entstehen war.“

Nachfolgend packt Ivar dann auch endlich aus: „Der größte Unterschied zur Vorgängerscheibe ist der, daß die aktuellen Tracks zwar wieder um einiges dunkler beziehungsweise `schwärzer` und aggressiver geworden sind als das mitunter doch sehr psychedelisch ausgerichtete Material des Albumvorgängers. Doch wir involvierten auch gleichzeitig wunderschöne Harmonien, welche von Grutles Gesang noch verstärkt werden – er hat die Variabilität und die Aspekte seiner Stimme erneut ausgeweitet.“

Der Saitenschrubber spricht diesbezüglich weiter: „Die Produzenten und Toningenieure bestätigten uns, daß unsere Musik dieses Mal um einiges in sich geschlossener und kompakter klingt. Es fiel mir während der vergangenen Aufnahmen auch viel leichter, die neuen Rhythmusgitarrenriffs umzusetzen. Natürlich wird es wie nach `Monumension` auch zu erwarten eine noch tiefer strukturierte Verwendung von analogen Synths und Effekten zu vernehmen geben. Auch unsere Leads wirken verändert und wurden mehr in die Musik verwoben.“

Mit dem Klang des aktuellen Werkes, so sagt er, ist Ivar tausendmal zufriedener als er es noch mit der letzten Albumscheiblette war.

Lyrisch bewegen sich Enslaved seiner nachfolgenden Aussage nach auf „Below The Lights“ ebenfalls in dunkleren und neuerdings persönlicheren Ebenen; drücken sich stellenweise auch schon mal betont kryptisch aus.

Ivar: „Alle Stücke behandeln verschiedenen Unterwelten. Alles hat seine eigene Unterwelt. Der textliche Inhalt unserer aktuellen Songs kann als jeweilige Spiegelbilddarstellung der Unterwelt unserer Persönlichkeiten gesehen werden. Das Dunkelreich, in welches die Toten gehen – wo immer es auch sein mag und wenn es überhaupt existiert, ist beispielsweise die Unterwelt des Lebens.“

Mythologie und Magie stellen somit laut Ivar die Unterwelt des täglichen Lebens für ihn dar, er bekennt:

„Meine Träume und Wünsche sind ebenfalls eine Art Unterwelt für meine Realität. Ich finde es richtig faszinierend, daran zu denken, wie sehr wir alle unser Leben in ein `normales` und ein zweites aufteilen, welches in unserer persönlichen Unterwelt stattfindet. Das soll auch der aktuelle Albumtitel verdeutlichen: Lichter stellen die Welt der Oberfläche dar, unter welcher eine verborgene Unterwelt liegt. Ich glaube, wie wir alle im Innersten wirklich denken und fühlen, liegt weit hinter unseren täglichen Gedankengängen, welche sich überwiegend um Job, Essen und zwischenmenschliche Beziehungen drehen.“

© Markus Eck, 15.12.2002

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