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Interview: ELIS
Titel: Zwischen Hoffnung und Resignation

Als ehemalige Mitglieder des Liechtensteiner/Schweizer Gothic Darkwave-Acts Erben der Schöpfung sich unter dem Bandnamen Elis zu diesem edlen Ensemble zusammentaten, wurde mutig ein völliger musikalischer Neuanfang gewagt.

Theatralisch akzentuierten Gothic Metal nach klassisch melancholischen Strickmustern bescherte dann nachfolgend das 2003er Debütalbum „God’s Silence, Devil’s Temptation“, welches das stil- und taktvolle Quintett um Frontfrau und Sängerin Sabine Dünser auf das hohe Sprungbrett in die breite Öffentlichkeit führte. Dort stehen sie nun wieder und setzen zu weiteren kunstvollen Sprungkapriolen an.

Anlass ist das neue Werk „Dark Clouds In A Perfect Sky“, erneut in fragile Songstatuen gegossenes Gotikmetall aus feinsten kompositorischen Legierungsbestandteilen. Sabine Dünser singt sich selbst auch auf dieser neu zusammengestellten Sammlung an zutiefst gefühlsbetonten Sehnsuchtsliedern wieder in wohlig wonnige Gefühlswogen, welche über ebenso barsch gespielten wie clever arrangierten Gitarrenarbeiten ihre weiten Wellen schlagen dürfen. In diesem Meer aus intensiven Empfindungen versank ich mit der Sängerin erneut für ein anregendes Zwiegespräch.

Nach zahlreichen Konzerten im Sommer 2003 und nach dem Release ihres Debüts im August des Jahres widmeten sich Elis ganz dem Songwriting für das neue Album, da die Studiotermine vorab bereits feststanden.

„Ab November befanden wir uns dann im Studio, wo wir in mehreren Abschnitten die zwölf Songs von `Dark Clouds In A Perfect Sky` einspielten. Nachdem Schlagzeug und Teile des Gesangs aufgenommen waren, begaben wir uns zusammen mit Eisheilig und The Vision Bleak im Februar 2004 auf eine zehntägige Tour durch Deutschland. Das war eine ganz spezielle Erfahrung und hat uns riesigen Spaß gemacht. Danach ging es für unsere beiden Gitarristen direkt ins Studio, um ihre Parts einzuspielen. Eine letzte Studiophase folgte im April; dort wurden die letzten Gesangsparts eingesungen. Dem folgte eine längere Phase des Abmischens und der Soundauswahl“, wie Sabine eröffnet.

Zwischenzeitlich spielte das Quintett mehrere Konzerte, unter anderem beim Wave Gotik-Treffen, bei einem Festival in Rumänien und beim bekannten M'era Luna-Event. „Nun steht der Termin für die Veröffentlichung der neuen CD `Dark Clouds In A Perfect Sky` und damit beginnt für uns wieder eine intensive Zeit mit Interviews und natürlich vielen Proben der neuen Songs für die Tour mit Leaves' Eyes, Atrocity und Battlelore im Herbst 2004.“ Zudem wird dann Anfang September ein Video für den Song „Der letzte Tag“ gedreht werden, wie weiter zu erfahren war.

Aus dem Lager von Erben der Schöpfung hört man offenbar nicht immer nur Gutes über Elis. Ich horche dazu nach. Sabine bezieht Stellung. „Nach der Trennung von unserem Keyboarder machte dieser unter dem Namen Erben der Schöpfung, wir unter dem Namen Elis weiter. Da eine neue Namensgebung natürlich immer mit Schwierigkeiten verbunden ist, dachte er wohl, dass wir nur wenige Chancen hätten, erfolgreich weiter zu machen. Doch da das ganze Management weiterhin mit uns zusammen arbeitete und uns während dieser schwierigen Phase mit vollen Kräften unterstützte, gelang es uns trotz Namensänderung ein neues Label zu finden und eine neue CD zu veröffentlichen, wogegen Erben der Schöpfung in der neuen Besetzung noch nichts veröffentlichen konnten. Das macht ihn wahrscheinlich neidisch und da kommt es dann schon mal vor, dass man nicht nur Gutes erzählt.“

Was das Debütalbum „God’s Silence, Devil’s Temptation“ betrifft, sind Elis noch immer sehr zufrieden und konnten ihre abgesteckten Erwartungen erfüllen. „Damit ist auch ein guter Grundstein für unsere weitere Arbeit getan. Die Reviews warten größtenteils positiv, was uns natürlich sehr gefreut hat.“

Die musikalische Karriere verlief bis jetzt nach Vorstellung der Band, ist sich Sabine sicher. „Ja, das kann man auf jeden Fall so sagen. Nach der Umbenennung war nämlich überhaupt noch nicht klar, wie es weitergehen würde und ob wir es schaffen würden die ehemaligen Erben der Schöpfung-Fans auch von uns zu überzeugen. Klar waren alle Mitglieder von Elis vormals alle Mitglieder von Erben der Schöpfung, aber vom Stil her hatte sich ja doch einiges geändert, in dem wir uns viel mehr in die metallische Richtung bewegt hatten.“

Elis spielten bisher diverse Konzerte in der Schweiz, in Österreich, in Holland, in Belgien und in Rumänien. Hauptsächlich aber war diese feine Formation bisher in Deutschland zu sehen. Sabine erinnert sich:

„Mit dabei waren 2003 auch einige Festivals wie das SummerBreeze, die Metal Dayz in der Schweiz, das Summer Darkness in Holland, das Wave Gotik-Treffen und das M'era Luna in diesem Jahr. Gerade das M'era Luna, auf dem wir kürzlich noch gespielt haben, war unbeschreiblich schön für mich. Lustigerweise spielten wir bis heute noch kein einziges vollständiges Konzert in Liechtenstein.“ Doch das wird sich laut Aussage der Vokalistin ändern, wenn die Gothic Metaller am 21. August 2004 am dortigen Wave Jam-Open Air auftreten werden.

„Darauf freuen wir uns schon sehr, weil da auch mal unsere Freunde und Leute aus der näheren Umgebung kommen können.“

Geht es um die bisher fanatischsten Fans, hellt sich die Miene der Sängerin auf. „Wirklich toll waren die Leute in Rumänien, die sich unheimlich über unseren Auftritt gefreut haben. Aber auch in Belgien war die Resonanz sehr groß. Da gab es sogar ein Ehepaar, das ihre Tochter Elis getauft hat. Mittlerweile haben wir aber auch in Deutschland eine treue Fangemeinschaft, die man immer wieder auf Konzerten trifft.“

Inwieweit sind die Musiker von Elis mittlerweile zwischenmenschlich und auch künstlerisch zusammengewachsen, stellte sich die nächste Frage, deren Beantwortung meiner Gesprächspartnerin ganz besonders am Herzen liegt.

„Natürlich spricht man immer wieder über neue Ziele. Und besonders die Schwierigkeiten, die wir leider immer wieder hatten und haben. Aber Letztere ließen uns schon näher zusammenwachsen. Sonst gäbe es uns wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Auch künstlerisch sind wir nun an einem Punkt, wo die einzelnen Beiträge einfach zusammen passen, ohne dass wir etwas absprechen müssen. Das ist schön und macht auch das Arbeiten einfacher. Wenn ich zum Beispiel einen fertigen Song bekomme, kann ich meine Gesangslinien und die Texte dazu vollkommen frei schreiben. Schlussendlich entspricht das Resultat fast immer nicht nur meinen Vorstellungen sondern auch der Vorstellung von dem, der den Song geschrieben hat. Das geschieht aber, ohne dass wir uns vorher darüber unterhalten hätten. Das ist dann schon einzigartig, wenn am Schluss der Satz kommt: `Genau so habe ich mir das vorgestellt.`“

Gelobt wurde am Debütalbum „God’s Silence, Devil’s Temptation“ ganz besonders die verstärkte und anspruchsvollere Gitarrenarbeit, die dazu gewonnene Härte, das anspruchsvollere Songwriting und der abwechslungsreichere Gesang, wie zu erfahren ist.

„Bemängelt wurde, dass wir mit unserer Platte nichts Neues geschaffen hätten und ein Teil der ehemaligen Erben der Schöpfung-Fans war von der neuen Gangart enttäuscht und hätte sich lieber etwas Elektronischeres gewünscht. Insgesamt war es aber oft so, dass das, was von den einen bemängelt wurde, für andere gerade ein lobenswerter Punkt war.“

Negative Kritik lässt sie nicht kalt, wie Sabine weiter darauf eingeht, vor allem, weil ihrer Meinung nach gerade die Stimme einer Sängerin wie die ihre etwas sehr persönliches ist.

„Manchmal ist es für mich schon schwierig, mich darauf zu besinnen, dass Kritik an meiner Stimme und unserer Musik keine Kritik an mir als Person ist. Man kann aber schon zwischen fundierter, konstruktiver, subjektiver und destruktiver Kritik unterscheiden. Wenn mir jemand ganz genau sagen kann was ihn an unserer Musik stört, dann kann mich das weiterbringen. Wenn jemand aber `Frauen im Metal sind Scheiße` oder `Die kann ja überhaupt nicht singen` schreibt, muss man das einfach ignorieren. Das hat dann auch nichts mit einer Kritik zu tun. Wer so etwas schreibt, disqualifiziert sich meiner Meinung nach als Journalist.“

Was angesteuerte Endresultate anbelangt, welche beim Schreiben der neuen Songs für „Dark Clouds In A Perfect Sky“ verfolgt wurden, so gab es für Sabine und ihre Band ein großes Ziel:

„Wir wollten uns bezüglich unseres Debüts noch einmal steigern. Ich denke, dass ist uns auch gelungen. Die Songs sind kompositorisch anspruchsvoller, die Gitarrenparts und -soli ausgefeilter, das Schlagzeug schon rein vom Sound her ein deutlicher Schritt in die Metal-Richtung und der Gesang ist noch einmal abwechslungsreicher und vielfältiger. So ist schon eine Weiterentwicklung bzw. Steigerung zu spüren, was jedoch nur ein logischer Schritt vom Erstling `Twilight`, der noch unter dem Namen Erben der Schöpfung erschien, über `God’s Silence, Devil’s Temptation` zum jetzigen Album hin war. Die Elektronik verlieh unseren älteren Songs eine gewisse Kälte, welche wir nun vermeiden wollten. Deshalb setzten wir jetzt vermehrt reale Instrumente ein.“

Sabine hat schon immer sehr gerne gesungen, wie sie in ihre Vergangenheit zurück blickt, ob in der Familie, beim Wandern oder später in der Schule. „Zuerst konzentrierten sich meine musikalischen Ambitionen aber auf das Flöte spielen; später habe ich mich dann ganz dem Klavierspielen gewidmet. Mit etwa zwölf Jahren trat ich einem Chor bei. Der Chorleiter legte großen Wert auf Stimmbildung, wovon ich viel profitieren konnte. Auch in den zwei weiteren Chören, bei denen ich mitsang, kam der Stimmbildung und der Gesangstechnik eine große Bedeutung zu. Mit circa 20 Jahren nahm ich dann zum ersten Mal klassische Gesangsstunden.“

Im Zusammenhang mit ihrer Mitwirkung beim Musical „Hair“, welches von der Liechtenstein Musical Company aufgeführt wurde und an dem Sabine eine kleine Solorolle zuteil wurde, einem intensiven Praktikum an der Primarschule und einigen privaten Spannungen, hatte sie jedoch immer größere Probleme mit dem Singen.

„Ständig war meine Stimme heiser und oftmals blieb sie ganz weg. Mit viel Druck sang ich aber trotzdem immer weiter, bis schließlich Stimmbandknötchen diagnostiziert wurden. Nach einem halben Jahr Zwangsgesangspause, einer Operation, nach der ich eine Woche gar nicht mehr sprechen durfte und einer intensiven Stimmtherapie, war meine Stimme wieder einsatzbereit. Seit dem hatte ich nie mehr Probleme, da ich mich nun nicht mehr auf zu viele technische Details versteife sondern aus dem Bauch heraus singe. Seit drei Jahren nehme ich nun Gesangsstunden im Jazz-, Pop- und Rock-Gesang, wobei ich vor allem Jazz singe. Ein guter Kontrast zu dem, was ich bei Elis mache“, befindet sie.

Der Titel „Dark Clouds In A Perfect Sky“ bedeutet ihrer Aussage nach, dass alles zwei Seiten hat und dass es auch an einem scheinbar perfekten Himmel Wolken gibt. Somit: „Es gibt nicht Positives ohne eine negatives Gegengewicht und das ist das, was das Leben interessant macht.“

Um Inspirationen für all die Texte der neuen Songs zu erhalten, ließ sich Sabine im Allgemeinen wieder beim Hören des jeweiligen Songs inspirieren.

„Oftmals sind es Stimmungen oder persönliche Erfahrungen, die ich in meinen Texten verarbeite. Wie ein roter Faden zieht sich der Kontrast, der bereits im Titel zu finden ist, durch das Ganze Album hindurch. Der Kampf zwischen Gut und Böse, das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation stellt eigentlich das Hauptthema dieses Albums dar.“

Das aktuelle Cover-Artwork hat die Künstlerin Katja Piolka kreiert. „Sie hatte schon die Fotos für unser letztes Album gemacht und uns diesmal angeboten die Fotos sowie das Frontcover zu machen. Da wir von ihrer Arbeit sehr begeistert sind und auch einen guten persönlichen Kontakt zu ihr haben, haben wir ihr Angebot angenommen. Das Resultat hat uns gezeigt, dass diese Entscheidung richtig war.“

Bis jetzt ist betreffend kommender Live-Shows noch nichts geplant, doch das soll sich laut Sabine baldmöglichst ändern. Ich schlug die Zusammenarbeit mit einem Orchester vor. „Wir werden uns sicher etwas überlegen, was auch unseren finanziellen Möglichkeiten entspricht. Ein Orchester wird deshalb leider nicht in Frage kommen. Das finde ich sehr schade, denn einer meiner großen Träume ist, dass wir eines Tages unsere Songs mit Orchester aufführen können.“

Einschneidende musikalische Weiterentwicklungen müssen die Fans von Elis nun nicht mehr fürchten, Sabine legt hierzu dar: „Ich denke, dass wir nun bezüglich musikalischer Härte an einem Punkt angelangt sind, wo keine großen Steigerungen mehr möglich sind, da sonst das Ganze nicht mehr mit meiner Stimme zusammenpassen würde. Deshalb wird es musikalisch wohl in etwa ähnlich weitergehen, wobei wir aber immer wieder neue Elemente einbauen werden, damit die Musik spannend bleibt.“

© Markus Eck, 11.08.2004

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