Top
Interview: EISHEILIG
Titel: Liebe und Tod

Das verflixte dritte Album: Die vier Bochumer Eisheiligen liefern es in Form des neuen Werkes „Elysium“. Der mordsdüstere Gothic Rock mit starker lyrischer Rammstein-Schlagseite offenbart neben tendenziellen Metal-Anleihen auch eine gehörige Portion künstlerischer Eigenwilligkeit.

Und nicht nur der originellen Musik, auch den erneut ausschließlich in deutscher Sprache dargebotenen Texten wurde ein Höchstmaß an Sorgfalt und Hingabe gewidmet. Sänger und Hauptkomponist Dennis Mikus sprach direkt aus den Abgründen seines wehmütigen Herzens mit mir.

„Unsere neuen Songs sind hart, haben sehr stille Momente und sind deutschsprachig. Insofern erinnert es vielleicht auch an Rammstein, wenn man das so sehen will. Ich persönlich mag Rammstein, finde Eisheilig aber andersartig. Unsere Musik ist nicht auf Marschrhythmus ausgelegt, sondern klingt mehr nach Rockband. Ich finde unsere Kreationen organischer, teilweise roher und aggressiver als dies bei einem Großteil vergleichbarer Bands der Fall ist“, eröffnet der Frontmann unseren erneuten Disput.

Textlich werden auf „Elysium“ auch aktuelle Themen abgehandelt. Mein Gesprächspartner erläutert:

„In `König der Planeten` geht es beispielsweise um die Flutkatastrophe 2004 in Asien. Der Song `Sturm` befasst sich hingegen mit der Suche nach Zusammenhalt und stellt den Ausbruch aus unserer Antikultur des `höher, schneller, weiter-Denkens` und der politischen Resignation aus meiner Sicht dar. Ansonsten gibt es natürlich auch Texte, die auch auf den ersten beiden Eisheilig-Alben hätten vertreten sein können. Liebe und Tod sind eben einfach Themen, die mir nicht aus dem Kopf gehen wollen.“

Im ersten Jahr nach Veröffentlichung des Debütalbums ging es den Bochumern laut Dennis primär darum, erst einmal einfach nur Musik zu machen. „Dabei agierten wir ohne den Gedanken, mit Kalkül unbedingt passende Songs für Eisheilig schreiben zu müssen. Dabei heraus gekommen sind auch diverse englischsprachige Songs, die teilweise absolut gar nichts mehr mit Eisheilig zu tun hatten. Stilistisch waren wir irgendwo zwischen Pink Floyd und The 69 Eyes angekommen. Es dauerte seine Zeit, bis sich sozusagen wie von selbst der Kreis zu Eisheilig wieder geschlossen hat. Das hat mir als Komponist sehr deutlich gemacht, wo ich im Kern hin will. Manchmal ist man einfach müde und sieht sich in dem was man tut nicht mehr vollständig wieder. Trotzdem, ohne den Druck einer Plattenfirma wieder da angelangt zu sein wo man vorher schon mal war macht mich froh. Es hat mir gezeigt, dass es richtig war. `Elysium` ist komplett aus einem Guss und spiegelt die Entwicklung der Band sehr deutlich wider.“

Inspirationen gibt es für ihn jeden Tag aufs Neue, wie mir der Vokalist bekundet.

„Jede Lebenssituation, jede Begegnung und auch der normale Alltag können zum Anlass werden, einen Song daraus zu machen. Wenn man wie wir hier im Ruhrgebiet zuhause ist, begegnen einem sehr oft Menschen, die fast schon verängstigt und verstört wirken. Man nehme nur mal diese ganzen miesen TV-Shows, in denen vollkommen mittellose und verwahrloste Leute vom Ordnungsamt auseinander genommen werden. Drehort ist typischerweise Bochum, Dortmund oder Gelsenkirchen. Die Dichte an Menschen ist hier einfach unglaublich hoch, was wohl zur Folge hat, dass viele untergehen und auf der Strecke bleiben. Heute, als ich zur Arbeit gefahren bin, sah ich eine alte Oma in einem heruntergekommenen Haus sitzend, von Ihrem Fenster aus lethargisch auf die Strasse starren. Als ich abends nach Hause fuhr, saß Sie immer noch da. Da frag´ ich mich doch: `Was ist hier eigentlich los? Was zur Hölle passiert eigentlich mit uns?` Solange ich also noch nicht an so einem Fenster sitze, schreibe ich Songs wie `Sturm` oder `Märchenreich`.“

Seine Texte sind Abstraktionen von ganz normalen weltlichen Eindrücken, berichtet der Kehlenkünstler nachfolgend. „Abstrakt deshalb, weil es für meinen Geschmack zu viel Gewöhnliches auf dieser Welt gibt. Ich baue in den Texten gerne Bilder für etwas auf, weil es mir die Möglichkeit gibt, gewisse Dinge in der Interpretation offen zu lassen. Vielleicht ist es vergleichbar mit Szenen, die man träumt. Traumbilder sind oft viel kräftiger und aussagestärker als es das alltägliche Leben meist hergibt. Deswegen wachen wir manchmal auf und sind noch für einige Sekunden von einem bestimmten Traum umgeben. Dennoch gibt es, wie erwähnt, diesmal auch Texte die eindeutigere Aussagen haben. Es geht mir persönlich primär eigentlich immer darum, eine Stimmung, in der ich mich befinde, aufs Papier zu bringen. Egal ob textlich oder musikalisch. OK, manchmal bleiben Songs liegen, weil mir kein Text dazu einfällt oder umgekehrt. In dem Moment wo beides zueinander passt und sich ergänzt ist es vollwertig.“

Als Band zusammenzuarbeiten und Musik machen zu können, das bedeutet Dennis laut eigener Aussage sehr viel.

„Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich ohne diese Art von Ausdruck irgendwie nicht leben könnte. Das gilt wohl für alle in der Band. Wir machen Eisheilig seit 1999 mit Ausnahme einer Trennung in der gleichen Besetzung. Das ist heute, wenn ich mich so umschaue, eher selten geworden, oder? Also bedeutet es uns einiges! Darüber hinaus haben wir vor kurzem einen neuen Plattenvertrag bei E-Wave/Drakkar unterschrieben und fühlen uns mit dem was wir tun dort sehr gut aufgehoben. Es wurde für uns einfach Zeit, an der Stelle neue Wege zu gehen, da wir mit der alten Plattenfirma zum Schluss nur noch in sinnlosen Diskussionen verstrickt waren. Die Arbeit fürs neue Album geht mit Drakkar sehr gut und zügig voran, was uns sehr wichtig ist.“

Die deutsche und vor allem deutschsprachige Musikszene macht gewaltige Sprünge und ist noch lange nicht am Ende, so mein Gegenüber.

„Ich finde es sehr positiv, was hier gerade passiert. Langweiligerweise haben einige Leute immer noch ein Problem damit, wenn Bands auf deutsch texten. Es hat Jahre gedauert, bis endlich klar wurde, dass Deutsch nicht gleichzusetzen ist mit Schlager. Es gibt eine Fülle von deutschsprachigen Bands aus verschiedensten Stilrichtungen, die mich begeistern. Ich sehe das wie eine Art Bewegung und bin froh, einen winzigen Teil dazu beitragen zu dürfen. Deutschsprachig ist heute einfach spannend und aufregend. Es ist vieles möglich geworden, was noch vor zehn Jahren, dummerweise auch noch von den eigenen einheimischen Radiostationen, boykottiert wurde. In dem Sinne ist das amerikanische Musikverständnis glaube ich ein viel gesünderes. Da geht es nicht darum wer wen kopiert oder wer als erster eine Country-Nummer verpunkt hat. Die Musik muss was sagen. Das reicht! Ich finde das sehr angenehm! Nur um eines klarzustellen: Ich habe auch tonnenweise englischsprachige Bands in meinem CD Regal stehen und liebe sie!“

Eisheilig möchten kein bestimmtes Publikum mit ihrer Musik ansprechen. Dennis: „Ich glaube, dass dieses ständige Szenedenken einen auf Dauer auch vollkommen engstirnig werden lässt. Am liebsten würde ich das auch alles abschaffen. [lacht] Ich mag immer, wenn möglichst viele unterschiedliche Leute auf unsere Konzerte kommen. Das macht den eigentlichen Reiz aus und macht die ganze Sache doch viel lebendiger. Es gibt für mich keinen Grund, irgendeine Szene zu bedienen. […] Eisheilig wäre die glücklichste Band der Welt, wenn sie so viele unterschiedliche Menschen wie möglich damit erreichen würde. Mal ehrlich: Wurde denn der Film `Easy Rider` auch nur von den Hells Angels angeschaut?“ [lacht]

Das neue Album aufzunehmen und zu produzieren war diesmal ein derbe anstrengendes Stück Vollzeitarbeit, wie der Sänger und Hauptkomponist resümiert.

„Da die Band Juli bereits Monate vorher einen fixen Termin in unserem `Stammstudio`, dem Mohrmann-Studio Bochum hatte, und wir mit den Plattenfirmenverhandlungen nicht fertig wurden, blieben uns am Ende effektiv etwas mehr als zwei Wochen Gesamtzeit. Das hieß eine Woche aufnehmen und eine Woche mischen. Jede Stunde hat gezählt, es gab keine überdimensionierten Mittagspausen und kein Wochenende. Einfach nur arbeiten, arbeiten und dann ein paar Stunden schlafen. Während Till, Dominik und Niklas vorne im Aufnahmeraum ihre Instrumente eingespielt haben, habe ich parallel dazu im Hinterzimmer meine Gesangs-Tracks aufgenommen. So konnten wir innerhalb einer Woche alles auf die Festplatte bannen. Wir hatten Glück im Unglück, weil uns keine technischen Probleme aufgehalten haben und die aufgenommenen Signale alle irgendwie diesmal von sich aus schon viel besser klangen als sonst. Beim Schlagzeug beispielsweise haben wir das reine Naturset so belassen wie es war. Ohne Samples und ohne Soundgesuche. Also unterm Strich kann ich nur sagen, dass es vielleicht gar nicht immer gut ist wenn man zuviel Zeit im Studio hat. So ist man einfach dazu verdammt, innerhalb weniger Tage das Beste aus sich und der Band rauszuholen. Mit Heimi, Dede und Eddie hatten wir allerdings auch Leute dabei, ohne deren pausenlosem Einsatz das in der Zeit niemals funktioniert hätte. Danke nochmals an der Stelle!“

Mit „Elysium“ ist die ganze Truppe laut Statement von Dennis rundum zufrieden, auch im Nachhinein. „Es ist sogar definitiv unser bestes Album. Jaja, ich weiß, das sagen Bands immer von Ihrem `Neugeborenen`; aber wir empfinden es so und damit hat es sich.“

© Markus Eck, 21.03.2006

[ zur Übersicht ]

Advertising

+++

+++


+++

+++