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Interview: EISBRECHER
Titel: Optimaler Reifegrad

Die genreübergreifend beliebten Münchner Electro Rocker navigieren dieser Tage mit voller Fahrt auf hartem Kollisionskurs gegen schlechte Geschmäcker. Der Anker wurde längst zurückgelassen. An Bord hat die ausreichend sturmerprobte Eisbrecher-Mannschaft um Kapitän und Stimmband-Held Alexander „Alexx“ Wesselsky zuvor noch das mächtig inhaltsschwere neue und fünfte Studioalbum „Die Hölle muss warten“ gehievt.

Und mit dieser antriebsstarken Ladung kann das Ziel der neuen kreativen Expedition ebenso zeitnah wie garantiert erreicht werden. Denn man muss beileibe kein Prophet sein, um dieser raffinierten Liederkollektion einen breiten Erfolg vorherzusagen. Nein, dafür muss man lediglich die Ohren weit genug aufsperren.

Besagter neuer Eisbrecher-Langspieler, eine bestechend ausgefeilte Zusammenstellung an jeweils blitzschnell zündenden Electro Rock-Kompositionen, klingt nicht selten gar wie ein künstlerisch mächtiger Befreiungsschlag. Doch auch mittels eines dafür vorab mutig eroberten Majorlabel-Deals beim globalen Industriegiganten Sony Music könnten die Zeichen für diese bayerischen Frost-Brecher besser wohl nicht stehen.

„Man lebt“, gibt Alexx wie zu erwarten betont lapidar und scherzhaft knapp auf die Einstiegs-Frage zu Protokoll, wie er sich gegenwärtig fühlt.

Einen Tag vor dem Interview hat der Sänger nämlich seinen 43. Geburtstag erleben dürfen.

„Ich spüre zwar noch die Nachwirkungen vom gestrigen Feiern, aber ansonsten ist glücklicherweise noch immer alles im grünen Bereich bei mir“, freut er sich.

Rasch konzentriert sich der Dialog daher darauf, wie man als Künstler in solcherlei gereiftem Lebensalter mit einer immer anscheinend immer jünger werdenden Rockszene umgeht. Bei Alexx genießen solcherlei Erwägungen allerdings eine deutlich untergeordnete Rolle, wie er klar von sich gibt.

„Heutzutage, also in Zeiten von Justin Bieber und Tokyo Hotel, macht man sich ja oft schon verdächtig, wenn man mit einer Band auf die Bühne geht, die jenseits der 22 Altersjahre ist. Da muss man meiner Ansicht nach dagegenhalten. Deswegen rocke ich auch heute noch genau so gerne wie früher. Ganz klar, und das gebe ich sehr gerne zu, hat sich auch bei mir so manches über die Jahre geändert, was das Musikleben anbelangt. Beispielsweise bleibe ich, wenn die anderen aus der Band nach einem Konzert so richtig feiern wollen, schon ganz gerne im Nightliner-Tourbus, um mich auszuruhen und um Kraft zu tanken. Meine Crew aus der Band ist ja auch wesentlich jünger als ich. Und ich gehe ja mittlerweile lange nicht mehr so fahrlässig und leichtsinnig mit meiner Gesundheit um, wie es in früheren Zeiten noch der Fall war. Dabei kann es dann schon auch durchaus mal vorkommen, dass ich den Jungs spaßig zurufe: ,Geht ihr mal feiern, Opa bleibt aber lieber im Bett, denn mir tut das Kreuz weh!‘, entfährt es dem schlitzohrigen Eisbrecher-Fronthünen wunderbar unbekümmert.

Dennoch, wenn es im Eisbrecher-Dunstkreis hin und wieder hart auf hart geht, so der stilsichere Glatzkopf, gibt es auch für ihn keinerlei Zurück. So konstatiert Alexx mit ebenso markant wie überzeugt erklingenden Worten:

„Kneifen gilt nicht. Denn Feigheit bedeutet Verrat. Verrat am Freund. Und der Freund heißt Rock‘n‘Roll. Und zusammen werden wir all den blutjungen Rotzlöffeln da draußen zeigen, wo der Hammer hängt. Und richtig, man wird ja auch reifer. Mit alten Rockern ist es schließlich wie mit edlem Käse oder Wein. Beides benötigt einen gewissen Reifegrad, damit die richtige Würze parat ist. Und nun, mit sage und schreibe 43, also genau ein Jahr vor der sogenannten ,Schnapszahl‘, habe ich das eindeutige Gefühl, dass ich, beziehungsweise gerade mit Eisbrecher und ,Die Hölle muss warten‘, jetzt endlich meinen persönlichen optimalen Reifegrad erreicht habe.“

Deutlich spürbar noch entschlossener und zeitgleich enthusiastischer für die eigene Kunst denn je zuvor, brachen sich unbedingter schöpferischer Wille und immenser Drang nach unbedingter Authentizität hierfür teils tatsächlich beachtlich brachial Bahn.

Nicht, dass sich der Kehlen-Charismatiker, eloquente TV-Moderator und Tausendsassa Alexx mitsamt seinem treuen kreativen Kompagnon, dem Lead-Gitarristen Jochen „Noel Pix“ Seibert in stilistischen Belangen zuvor hätte beengen lassen, wie man als gut informierter Kenner ihrer identitätsreichen Klänge sicherlich weiß.

Aber „Die Hölle muss warten“ geriet dem musikalisch unbestechlichen Songwriter-Duo dermaßen homogen und schlüssig, dass es wirklich Staunen macht. Einmal ins sprudelnd frische Kielwasser der Gruppe geraten, kann man sich als Eisbrecher-Fan somit an einer ebenso kernig wie immens gefühlvoll gewordenen Platte die Sinne erfreuen, die trotz des massiv integrierten Variantenreichtums eine hermetisch in sich geschlossene Einheit darstellt.

Das überaus angeregte Gespräch leuchtete im Weiteren die spezielle Einstellung des mitteilungsfreudigen Sängers zu den neuen Liedern von „Die Hölle muss warten“ aus. Nahtlos geht es weiter:

„Ja, den nötigen Abstand zu den Nummern der Scheibe ich mittlerweile. Ich habe mir unsere neuen Lieder seit unserem Gipfel-Gig vom fünften November 2011 auf der Zugspitze ja seit Wochen nicht mehr angehört, um selbst eine objektive und auch nötige Distanz dazu zu bekommen. Wenn man monatelang so eng daran arbeitet wie wir es getan haben, verliert sich der kritische Blick mehr und mehr. Von daher sehe ich das Ganze nun um einiges klarer und deutlicher. Das Wort ist ja nun schön des Öfteren gefallen, und ich teile die Einschätzung: Wir erschufen eine ,reife‘ Platte. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ,Die Hölle muss warten‘ sehr vielen Leuten in der Szene zu 100 % gefallen wird. Diese Veröffentlichung ist dennoch weder ,Schlagerplatte‘ noch ,Szene-Scheibe‘. Das Ding ist eine nach allen Seiten offene Rockplatte, welche Eisbrecher in einer erwachsenen und lässigen Form präsentieren kann. Man kann auch dazu sagen: Wir haben etwas geschaffen, was der Szene gefallen wird, was aber von der grundsätzlichen Intention nicht einzig für die Szene gemacht wurde. Denn wir sind als Künstler mit unserem Stil gerne zu Gast in diversen Szenen, aber möchten uns niemals von einer bestimmen Szene vereinnahmen lassen. Ich finde das öde und teils sogar ätzend, denn Szenen sind letztlich ja wie die berühmten ,Schubladen‘, in die man als Künstler und eben vor allem als Musiker gestopft wird. Und wenn solche Schubladen einmal zugemacht sind, kommt man bekanntlich nur sehr schwer wieder heraus. So sollte permanent versucht werden, sich von solcherlei Fallen nicht einfangen zu lassen. ,Die Hölle muss warten‘ wurde ganz bewusst jenseits von allen Klischees von mir und Pix erarbeitet. Schließlich galt und gilt für uns hierzu: Der Himmel ist das Limit!“

Trotz des erwähnten mittlerweile einher gegangen Abstandes zu den neuen Eisbrecher-Tracks haben sich seine Favoriten unter den Songs bislang nicht großartig geändert, weiß der willensstarke Vokalist aus der großen Kreisstadt Fürstenfeldbruck, auch dabei merklich vollauf ambitioniert, nachfolgend zu offenbaren.

Doch der Große mit den stechenden Augen und dem ebenso stichstarken Eispickel, er gerät dabei tatsächlich ins Stocken - denn dabei hat er mehr Qual als Wahl, wie er unumwunden zugibt.

„Nach wir vor liebe ich das Stück ,Wir treiben‘ ganz besonders unter den anderen Nummern, welches für die limitierte Deluxe-Edition des Albums geplant ist. Dieser Song ist absolut geil geworden. Der packt mich immer noch so richtig und schüttelt mich durch, und das wird sich auch so schnell nicht ändern. Auch komme ich anhaltend wahnsinnig gut mit dem zweiten Lied der Track-Liste klar, ,Augen unter Null‘. An dem kann ich mich einfach nicht satt hören. Aber eigentlich fällt es mir wirklich ziemlich schwer, meine Lieblinge daraus hervor zu picken. Denn ich bin ja mit jeder Komposition des neuen Albums vollauf verwachsen. Ansonsten wären die Lieder auch jeweilig gar nicht erst auf die Platte gekommen, das ist sicher.“

Dann nennt der weitreichend populäre Kehlenkönner im Kontext dessen gleich auch noch den von ihm titulierten ,Magic Moment‘ des neuen Werkes. Seinen vollen Redefluss behält Freigeist Alexx auf sympathische Weise dabei ungebremst bei.

„Immer, wenn ich mir ,Die Hölle muss warten‘ wieder anhöre, stelle ich voller eigener Begeisterung fest, dass ich mit meiner Stimme sehr viel leiste auf dieser Platte. Vom Opernstar fühle ich mich dabei jedoch meilenweit entfernt. Natürlich, und das möchte ich hierbei auch ganz eindeutig erwähnt wissen, gibt es meiner Auffassung nach sehr viel bessere Sänger als ich es bin. Aber wir haben nun neue Songs am Start, in denen Stimme und Emotion starke tragende Stützpfeiler sind. So kann man sich mit meiner Stimme jetzt auch mal wirklich konkret auseinandersetzen und befassen, da sie auf der aktuellen Scheibe sehr viel Raum zugestanden bekommt. Und mit der Musik an sich geht diese meine Stimme jederzeit auch sehr gut Hand in Hand. Es klingt sicherlich abgedroschen, aber ich sehe es eben genau so: ,Die Hölle muss warten‘ ist eindeutig ein Song-orientiertes Album geworden. Natürlich sind die von uns bereits gewohnten alten Zutaten dabei. Aber ich finde es sehr geil, dass es darauf diesmal eben nicht einzig die brachialen Riff-Attacken sind, die mich aus den Schuhen hauen. Und es sind auch nicht die Extreme-Electro-Härte-Passagen, die mich dabei umblasen können. Nein. Denn für mein urpersönliches Empfinden geschehen die attraktivsten und intimsten Momente nicht dann, wenn das Ganze hochhaushoch über einem zusammenkracht. Sondern genau dann, wenn es eher ruhiger oder auch bedächtig zugeht auf dem Album. Also dann, wenn spezielle Passagen der Lieder reduziert einher gehen. Auf den Punkt gebracht: Die Zutaten haben bestens gestimmt und wir haben es dabei auch noch wirklich geschafft, echten Emotionen Ausdruck und Entsprechung zu verleihen.“

Ergänzend dazu benennt der schlagfertige bajuwarische Eismeister das neu erschaffene Musikprodukt als eine „Singer-Songwriter-Angelegenheit“, allerdings eine, welche seiner Aussage nach „weitab von Einschlaf-Klängen aus dieser stilistischen Ecke“ anzusiedeln ist.

So sehr, wie Alexx die kompositorische und kreative Arbeit an den Stücken auch geliebt und genossen hat, so sehr verabscheut dieses außergewöhnlich charismatische Gesangstalent noch immer die nervenaufreibende Zeit im Studio. Sein Tonfall skaliert sich beim folgenden Statement somit um einiges weiter nach unten. Es folgt Unverblümtheit in Reinkultur:

„Ich hasse Studios. Ich hasse es, darin Platten aufzunehmen. Für mich ist es die reine Hölle. Denn ich bin ein Live-Mensch, ich bin ein Entertainer. Ich liebe die Bühne, ich möchte dort von der Leine gelassen werden. Und ich liebe das Publikum. Daher gibt es für mich nichts Nüchterneres, als im Studio arbeiten zu müssen. Da stehe ich mit mir ganz allein immer wieder in der eng empfundenen Gesangs-Kabine und fühle mich dort auch heute noch absolut deplatziert. Am schlimmsten empfinde ich das für mich beispielsweise, wenn es draußen weit über 30° Grad hat und die Sonne wunderbar vom blauen Himmel scheint. 30° Grad, und ich stehe da drin und muss ,Die Hölle muss warten‘ aus voller Brust einsingen. Schwierig. Aber: Da muss ich schließlich durch. Fakt ist: Würde ich Gesangsunterricht nehmen, würde mir sicherlich vieles dabei leichter fallen, würde ich die eine oder andere Oktave noch zielsicherer und schneller treffen. Doch dafür habe ich ja meinen guten treuen Pix! Und der Kerl ist der beste und ehrlichste Gesangs-Coach, den ich mir persönlich überhaupt nur vorstellen kann. Was viele nicht hören, er hört es. Und da ist er auch diesmal wieder gesessen, hat mir beim Einsingen aufmerksam zugehört und dann im erforderlichen Falle offen zu mir gesagt: ,Alter, das ist es nicht!‘. Gut so, ich bin noch immer zutiefst dankbar für ehrliche Kritik. Denn meine Vokal-Melodien müssen tragen können, die Emotionen müssen vollauf authentisch vermittelt werden. Es gilt hierfür: Man kann sich selbst nicht belügen. Ich sage sowieso: Das, was an Eisbrecher-Songwriting jeweilig vorhanden ist, also das instrumentelle und gesangliche Gerüst, m-u-s-s vor lauter Emotionalität regelrecht geplättet werden. Das lässt sich aber eben nicht programmieren. Den perfekten Zustand aus Form, Inhalt und Emotion werden auch wir dabei wohl nie erreichen, aber wir bemühen uns nach allen vorhandenen Kräften darum.“

So war es auch diesmal wieder verdammt harte Studioarbeit für den leidenschaftlichen Sänger, wie er mit deutlich zu registrierender Demut in der hierfür ehrfürchtig langsamer gewordenen Stimme konstatiert.

Höchste Zeit also, den hünenhaften Vokalisten in solcherlei beinahe gerührter Stimmung zu den aktuellen Songtexten auf den Zahn zu fühlen.

Und der ausgesprochene Vollblut-Mensch Alexx, er gibt sich bei diesem, laut eigenem Bekunden für ihn ganz speziellen Thema, gar noch schonungsloser bezüglich seiner selbst.

„Ja, ich hatte sie auch im Enstehungsprozess von ,Die Hölle muss warten‘ wieder mal: Die grausigen Momente, an denen mir ums Verrecken einfach kein passender Text für einen Song einfallen wollte, egal, wie verbissen und hartnäckig ich mich auch darum bemühte. Schrecklich! Aber es wird eben, gerade für uns als deutschsprachige Band, von Scheibe zu Scheibe immer noch schwerer, Neues zu formulieren, Frisches zu servieren. So ungefähr nach dem Motto: ,Was haben wir denn beim letzten Mal noch nicht gesagt?‘ Doch für mich und auch für Pix kommt es letztlich nicht darauf an, ob man etwas bereits schon mal gesagt hat, sondern wie es formuliert wurde. Egal, ob es dabei in Songtexten beispielsweise um Liebe, Freundschaft, Krieg oder Frieden oder sonst um irgendetwas geht: Es ist sowieso schon alles gesagt worden, und das in jeder nur erdenklichen Wortkombination. Entscheidend ist also das ,Wie‘. Und genau so lief es auch bei all der lyrischen Mühe für ,Die Hölle muss warten‘. Bedienen tun sich alle Sänger beziehungsweise Texter aus dem selben Wortbaukasten, denke ich. Und der Wortschatz darin ist nun mal begrenzt. So sehe ich das Texten für Songs schlussendlich auch wie einen Barcode: Darin ist eine ganz gewisse Anzahl an Strichen vorgegeben, welche jedoch in schier unendlicher Variation zueinander angeordnet werden können, um spezielle Informationen zu übermitteln. Ich persönlich liebe und schätze die Kombination aus Metaphorik und Greifbarkeit. Und gerade, weil ich metaphorische Lyrik so sehr favorisiere, mag ich es eben gerade nicht, einzelne meiner Texte zu erläutern. So sollen die Hörer auch bei ,Die Hölle muss warten‘ die Lieder lieber selbst mit viel individueller Fantasie für sich interpretieren.“

Der also noch immer erfreulich frenetisch hinter seiner Sache stehende Überzeugungstäter legt eine seiner eher seltenen Sprechpausen ein … dann bekennt Alexx noch oberbegrifflich, und dies tut er ohne jede Eitelkeit:

„So ein Album zu machen, das mutet für mich stets aufs Neue an wie ein Virus, der einen befällt und der einen schier nicht mehr loslässt. Irgendwie fühlt sich das für mich fast schon wie ein Krankheits- oder Wahnzustand an, bei dem ich die Heilung mit allen Sinnen herbeisehne. Oder wie eine schwierige Schwangerschaft, die schließlich in der erlösenden Geburt mündet. Apropos, ich liebe meine neuen Song-Kinder mit ganzer Inbrunst. Aber die sollen doch bitte sinnbildlich jetzt erstmal auf ihrem Spielplatz verbleiben und mich als Vater endlich auch mal ausruhen lassen.“

Für seine ebenso quirlig sprudelnde wie umfangreiche und nicht selten auch unterhaltsam offensive Eloquenz kann man den Mann gerne schätzen. Doch dieser Tage legt Alexander „Alexx“ Wesselsky verständlicher Weise sehr viel mehr Wert darauf, den seit Monaten schon sehr ungeduldig darauf wartenden Fans mittels des neuen und fünften Eisbrecher-Albums „Die Hölle muss warten“ das geneigte Gemüt durcheinander zu wirbeln. Und die Chancen auf Erfolg stehen dafür vielversprechend gut. Denn was die bekanntlich verdammt spielfreudigen und stets betont publikumsnahen Münchner Electro Rocker aktuell so alles zu bieten haben, das schnürt sämtliche ihrer über die Jahre erworbenen Qualitäten und Ausdrucksmöglichkeiten zu einer handfesten Packung zusammen.

„Uns war und ist es sehr wichtig, die lyrische Botschaft für den neuen Video-Clip zu unserer Single ,Verrückt‘, die aus dem aktuellen Album ausgekoppelt wird, absolut eindeutig umzusetzen. Denn wenn ich tagtäglich so die Zeitungen lese und auch hin und wieder mal selbst ins ,Fernsehen‘ gucke, wird mir regelrecht übel. Eigentlich ist es ja kaum noch zu glauben, was ,sie‘ sich so dermaßen dreist trauen. Aber es ist Realität. Was die mächtige Finanzwelt global so alles Übles abzieht, ist Verbrechen im ganz großen Stil. Und das unter den Augen der Regierungen dieser Welt! Es macht mich oftmals sogar einfach sprachlos. Fragwürdige Manager klagen ihre hohen Boni ein, während immer mehr Menschen ihre Arbeit wegen korrupter und rücksichtsloser Machenschaften der Spekulanten verlieren. Und unsere lieben Massenmedien mitsamt ihrem ganzen überquellenden Informationsmüll, ihren sinnlosen Talk-Shows und überflüssigen Soaps vernebeln der Menschheit trickreich den Geist. Damit es ja so weitergehen kann. Doch es muss endlich aufhören, bevor es zu spät ist für uns alle“, verkündet der groß gewachsene Alexx mit bestimmend lautem Tonfall.

Und wie der bayerische Charakterkopf nahtlos ans Gesagte anschließt, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ist er nicht gerade großartig für all die vielen heutigen Programmformate der arglistig agierenden Tele-Visions-Manipulatoren zu begeistern. Gelinde gesagt.

Obwohl er selbst ziemlich oft vor der TV-Kamera steht, so der Vokalist, geht ihm das Allermeiste, was die globalen Gehirne korrumpiert, unerträglich auf den Wecker.

„Ich rede ja immer wieder mit diversen Programmmachern, die, wie sie mir sagen, nur zu gerne Niveauvolleres bringen würden. Aber genau dies ist ihnen verwehrt, weil der Großteil der Leute da draußen den ganzen ekligen Mist einfach sehen will! Und das beschränkt sich ja beileibe nicht nur auf die viel zitierte ,Glotze‘! Sondern auch mit vielem, was im Internet so abgeht, habe ich als vernünftig empfindender Geist wirklich massive Probleme. Was mich dabei noch am meisten stört, ist das unreflektierte kommunikative Verhalten vieler ,User‘. Beispielsweise zu unserem neuen Album: Der einen Hälfte der Interessenten scheint ,Die Hölle muss warten‘ viel zu weich zu sein; und wie der verbleibende Rest uns die letzten Wochen hat wissen lassen, erachtet er diese Platte als zu hart. Hallo? Wir verlangen beziehungsweise wollen aber vernünftige Kritik und vernünftiges Befassen mit unserer Musik! Wo bitte sind d-i-e Leute, die genau hinhören, genau nachdenken und erst dann genaue Statements abgeben? Beispielsweise auf unserer Facebook-Seite hat das mittlerweile wirklich bedenkliche Zustände angenommen. Ich nehme die Lieder von Eisbrecher sehr ernst, daher beschäftigt mich das auch anhaltend. Schließlich haben uns allesamt in der Band viele Monate eine riesige Mühe für diese Lieder gemacht, und das gilt wie erwähnt auch für die neuen Songtexte, von denen mir jeder einzelne mächtig am Herzen liegt.“

Glücklicherweise geht ihm durch solcherlei befremdliche Umstände der Grundstoff für weitere gesellschaftskritische und diesbezügliche sarkastische Lyriken so schnell noch nicht aus, wie Alexx mit sehr unterhaltsamen Zynismus weiter ausführt.

„Wie es eben bei besagtem Song ,Verrückt‘ ist. Oder nehmen wir doch gerne als Paradebeispiel auch ,Abgrund‘, die achte Nummer auf ,Die Hölle muss warten‘: Die geht thematisch auch in diese spezielle Richtung. Wie ich darin besinge, steht die Menschheit ja wirklich direkt am Abgrund. Und von hinten wird dabei auch noch mit aller Kraft nachgeschoben, damit es auch ja möglichst schnell nach ganz unten geht. Es scheint eben recht ,schick‘ geworden zu sein, sich den ganzen Tag ,leben‘ zu lassen anstatt sein Dasein selbst und kontrolliert in der Hand zu haben. Da wurde ein richtiges Kunststück vollbracht von den Massenmedien. Das Ganze hat meines Erachtens nach bereits bestürzende Züge angenommen, die einen unweigerlich an das unglaubliche Treiben von Lemmingen erinnern. Viele wissen eigentlich, was ihr verheerendes und selbstzerstörerisches Tun mit sich bringt und garantiert noch bringen wird, dennoch wird munter und unverdrossen so weiter gemacht, als wäre alles in Butter. Irre.“

Als ausdrucksstarker Sänger der erfolgreichen Münchner Electro Rocker führt und hält Sänger Alexander „Alexx“ Wesselsky seine Band somit seit so einigen Jahren stets zielsicher auf Kurs. Was nicht zuletzt daher rührt, dass der humorige und eloquente Hüne, der seine eigenen vier Dekaden bereits überschritten hat, sich seit Ende der 1970er aktiv mit kernigen Klängen beschäftigt. Gerne nennt und erläutert er mir noch seine ihm persönlich allerwichtigsten fünf Scheiben. 


AC/DC „Highway To Hell“ (1979):

„Bevor ich wusste, wie die Band klingt, wusste ich, dass mich diese Typen, speziell der mit den Hörnchen und der Schultasche, extrem faszinierten. Der gigantische Vier-Buchstaben-Schriftzug (der als Rückenaufnäher damals schon manche ältere Schlumpf-Nase in der Schule zum echt coolen Typen machte) dazu‚ Wow! Ich weiß nicht, wie oft ich die Platte in diversen LP-Abteilungen diverser Groß-Supermärkte (da durfte man mit Mutti immer zum Einkaufen hin und bekam meist ein lustiges Taschenbuch von Disney oder ein Asterix-Heft) in den Händen hatte, bevor ich zuschlug. Und dann: Bombe! Mit AC/DC kam der Achtelbass in mein Leben. Die Bandproben klangen von da an anders. Alles war anders. Ich hatte das Tor zur Welt des Dirty Rock‘n‘Roll aufgestossen. Elvis (mein Album Nummer eins, das ich mit dem Dual-Plattenspieler zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte) musste nach hinten ins Regal. Und ,Highway To Hell‘ drehte sich ohne Unterlass. Eine der besten Rock-Scheiben der Welt und für mich das ultimative Gegenstück zu ,Stairway To Heaven‘ von Led Zeppelin. Einfach, schmutzig, roh und auf den Punkt! Höllisch gut!“

Nine Inch Nails „Broken“ (1992):

„Wir schreiben das Jahr 1993; ich trug Kampfstiefel, Bugs Bunny-Shirt, bayerische Lederhosen. Irgendwo in Seattle in einem Used-Records Laden; drei Buchstaben auf Flamme. Wieder ein Icon, der mich magisch anzieht. Kopfhörer auf und ,Opinion‘ baut sich auf und dann: Bohrer ins Ohr, Faust ins Gesicht. ,Wish‘. Danach ,Last‘. Das war meine Industrial Elektro Post Apokalyptic Rock-Erweckung! So krass, beissend und gemein darf Rock sein. Und wieder ein grosser, dunkler Inspirations-Stein im werdenden Rock-Musiker-Mosaik Alex Wesselsky. Die Texte wurden fieser, die Musik dunkler. Früher war Rock Spaß und Weiber und Party. Jetzt wurde es schwer, finster und gemein anders. Das Megaherz-Fundament wurde gesetzt!“

Alice In Chains „Dirt“ (1992):

„Auch dieser Dreher hat mir 1993 in den USA gezeigt, wie viel mehr emotionale Spielarten Rockmusik bietet, als mir bis dato in good old Germany zu Gehör gekommen waren. Ich war nicht auf der Suche nach Neuem, nach Inspiration. Aber dann hat mich ,Dirt, wie ein Tanklaster im Benzinrausch überfahren. Wie schräg, wie bitter, wie schwer, wie leidend, wie tief und zerstörerisch ist dieses Album?! Und die Stimme von Lane Stayley. Die ultimative Röhre. Ein Mann im freien Fall in die Finsternis. Alice In Chains, der musikgewordene LSD-Trip! Und trotzdem hittig. Einfach grandios! So irgendwie musste Megaherz dann auch klingen. Ich werde die Fahrt nach Leavenworth nie vergessen. Toyota Celica. Highway. Und nur eine Scheibe im Player. Und fünf Leute im Auto, die sich die Seele aus dem Leib geschrien haben. Hallelujah!“

Iron Maiden „The Number Of The Beast“ (1982):

„Anfang der 1980er in Rudis Plattenladen in Fürstenfeldbruck: Ich dürfte so um die 13, 14 Jahre jung gewesen sein. Und ich wollte diese Single hören, deren Frontcover ich so wild und so gut fand. Vor allem der Schriftzug in rot-weißer Kolorierung hatte es mir angetan! Die Platte drehte, ich hörte ,Run To The Hills‘ von Maiden! Dieser Song riss die Wand zu meiner mir bis dato völlig unbekannten Heavy Metal-Seele ein. Zuhause schaffte ich es dann tatsächlich durch das permanente Wiederholen ein und desselben Liedes in adäquater Phon-Stärke, den entspanntesten Menschen der Welt, nämlich meinen Vater, zu einem genervten ,Lautstärke runter, sonst kracht es‘, zu nötigen. Das durch die Single entfachte NWOBHM-Feuer in mir wurde dann mit der Langrille zum Flächenbrand. Was für eine Stimme, was für ein Album. Und was für ein Frontcover-Artwork. Alle fanden es furchtbar hässlich und abstoßend. Hurra! Jetzt erst recht, dachte ich. Lauter, schneller, wilder. Aus dem braven Bubi Alexander wurde ein Partyschreck und Donald Duck bekam einen neuen Kumpel: Eddi! Mein Wunsch Rockstar zu werden ist Maiden geschuldet. Und Gitarristen mussten mindestens so tun als hätten sie das Niveau von Adrian Smith oder Dave Murray. Ach ja, und mein Bass-Spiel orientierte sich natürlich ad hoc an Mister Fastfinger Steve Harris. Wir alle wollten damals viel und konnten unglaublich wenig. Allen voran ich. Aber geil war es und Iron Maiden wiesen mir mit diesem Album den Weg zu Judas Priest und Accept. Eine wunderbare Reise.“

Rammstein „Herzeleid“ (1995):

„1995. München. WOM in der Sonnenstrasse. Olli: ,Hey Alex, du Deutschrocker, kennst du schon Rammstein?‘ Alex: ,Nö!‘. Olli: ,Solltest du mal reinhören!‘ Alex: ,Her damit!‘ Der Rest ist Geschichte. Die Erst-Single ,Du riechst so gut‘ hat mir die Schädeldecke davonfliegen und die Kinnlade herunter krachen lassen! Was war das? Ich nenne diese Erfahrung bis heute den ,Rammstein-Schock!‘ Denn mir war mit einem Schlag klar, dass diese damals noch albumlosen Berliner Jungs mit dieser Art Deutschrock mal eben alles niederwalzen würden, was da so in der Post Grunge-Ära herum irrlichterte und versuchte, deutschsprachige Mucke jenseits von Schlager und Betroffenheit, jenseits von BAP, den Toten Hosen, Westernhagen und Pur und Konsorten zu etablieren. Wir wollten dann auch mutiger und härter sein. Irgendwo zwischen Nine Inch Nails, Alice In Chains und AC/DC suchten wir mit Megaherz unsere neue Heimat. Leider wurde dies dann nicht unser Land, sondern ,Rammstein-Land‘! Die Tür wurde uns mit ,Du riechst so gut‘ hart sinnbildlich vor der Nase zugehauen, ja, mehr noch, mit dem furiosen Meisterklasse-Album ,Herzeleid‘ gleich zubetoniert und das Gelände vor dem Haus vermint! ,Herzeleid‘ ist für mich das mutigste, frechste, amüsanteste, verrückteste und fetteste Album der Nachkriegszeit. D-a-s Ausrufezeichen in punkto Deutschrock. Unerreichbar für alle Nachahmer, unwiederholbar, selbst für Rammstein selbst! Von da an musste und muss sich alles und jeder an Rammstein messen lassen. Was natürlich auch wieder völlig bescheuerte Stilblüten zu Tage förderte, wie zum Beispiel jene, dass sich eine Band wie Oomph! als Rammstein-Klon titulieren lassen musste, obwohl sie schon lange vorher da gewesen ist. Zehn lange Jahre haben mich die Rammstein-Vergleiche genervt und wir haben versucht aus dem übermächtigen Schatten der Überflieger herauszukommen, ins Licht! Heute kann ich darüber lachen, kann jeden Vergleich als Kompliment sehen und mit Fug und Recht sowie stolz behaupten: Ich war ein Fan der ersten Stunde und habe selten so sehnsüchtig auf ein Album gewartet wie auf ,Herzeleid‘. Die Erwartung war haushoch und wurde übertroffen. So ging es mir zuletzt bei Maiden‘s ,The Number Of The Beast‘!“

© Markus Eck, 15.01.2012

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