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Interview: EISBRECHER
Titel: Mal hart, mal herzlich

Auch auf dem aktuellen vierten Froster-Album „Eiszeit“ beweist Frontmann, Aushängeschild, Vokalist und Texter Alexander „Alexx“ Wesselsky, dass seine tiefvoluminöse und faszinierend hypnotische Stimme noch immer zu den besten im gesamten Industrial Metal-Bereich überhaupt gehört. So erleben die neuen Kompositionen eine Kehlenkrönung nach der anderen. Packende Gänsehautmomente zuhauf sind inklusive.

Denn in Sachen Songtexte widmet sich der bekanntlich stark gesellschaftskritische Einzelgänger auf „Eiszeit“ einmal mehr aktuellen Themenkontexten, die aufgrund der gewählten, nicht selten sehr sarkastischen Wortkonstrukte jeden geneigter Hörer unweigerlich in ihren Bann ziehen. Und Letzteres kann auch getrost über die musikalische Mixtur verkündet werden, welche aus raffiniertem Electronic Trip Rock und granitener Neuer Deutscher Härte besteht.

„Mal abgesehen davon, dass es derzeit kälter sein könnte, geht es mir hervorragend! Danke der Nachfrage“, verlässt es anfangs den Mund von Alexx.

Ich will nachfolgend wissen, wie ein idealer Tag für ihn aussieht, was ihm ein anhaltend ausgelassenes Lachen entlockt. Der Eigenwillige feixt:

„Morgens die Mädels von der Vorabend-Orgie nachhause schicken, kein Studio, keine Interviews, kein Checker, kein Telefon. Mit dem Radl an die Amper, schmökern und dabei überflüssige Pfunde verlieren, gut essen ohne selbst kochen zu müssen, abends von mindestens drei selbstlosen Schönheiten verwöhnt werden. Und dann tief und fest mit gutem Gewissen schlafen. Soweit die Fantasie des Herrn Wesselsky!“, entfährt es dem Glatzkopf schelmisch grinsend.

Eisbrecher und kein Ende in Sicht also. Wie sehr ist die Band eigentlich bislang (besonders in Deutschland) erfolgreich?

„Wie erfolgreich man ist sollte man der Einschätzung anderer überlassen. Wir tun was wir können und hoffen es kommt an. Wir verkaufen ordentlich Platten, aber es gibt immer noch andere, die die Nase weiter vorn haben im Rattenrennen der Eitelkeiten; das muss sich ändern. Wir sehen das olympisch: Nur ein platz auf dem Treppchen zählt. Es gibt noch viel zu tun.“

Im weltweiten Genre Industrial/ Electronic Rock sind Eisbrecher laut Feststellung von Alexx „irgendwo dabei“. Wir erfahren weiter:

„Wir sind von allem etwas und vor allem immer anders; wir singen deutsch, wir rocken und wir sehen auch nicht schlechter aus als andere. [lacht] Die DJ’s spielen unsere Songs neben jenen der internationalen Elite; das ist ein gutes Gefühl. Wir sind da! Das muss erstmal reichen.“

Auf musikalischer Ebene erwartet die Hörer auf dem aktuellen Album „Eiszeit“ eine musikalische Reise durch Lust, Schmerz, Leid und Euphorie, so der Vokalist. „Also genau das, was an Eisbrecher interessierte Hörer erwarten dürfen: Mal hart, mal herzlich, mal Zuckerbrot, mal Faust! Das Album ist rockiger als "Sünde", uns gefällt es und es wird gut ankommen! Die Clubs dürfen sich auf neues Tanzfutter freuen.“

Als wir im Dialog zu musikalischen Einflüssen übergehen, welche die neuen Songs prägten, nennt mir mein Gesprächspartner Folgendes: „Popmusik, Rockmusik, EBM, Gothic. Billy Idol, Sisters Of Mercy, Depeche Mode, Nine Inch Nails. Alles Mögliche, wie bei den Vorgängeralben auch; Ohren geputzt und aufgemerkt. Wir verstecken unsere Anspielungen und Einflüsse nicht. Es gibt viel Schönes zu entdecken.“

Meiner anschließenden Erkundigung danach, wer die neuen Kompositionen zum Großteil geschrieben hat, beziehungsweise, wie der Kompositionsprozess ablief, antwortet mein Gegenüber erfreulich blumig:

„Großmeister Pix hat die Chefkochfunktion wie immer hervorragend (ich würde sagen: diesmal noch hervorragender) erfüllt; unser Eisbruder max hat mitgefleisselt, ebenso wie unser Gitarrero Jürgen und dann wäre da noch Henning Verlage zu nennen, der noch einen wunderbar erfrischenden Eiswind in die Produktion geblasen hat. Ein schönes kreatives Miteinander, das Türen aufgestoßen hat und Lust auf mehr macht.“

Er selbst setzt sich keine künstlerischen Ziele, so der Sänger, da er sich laut eigenem Bekunden nicht für einen Künstler hält:

„Vielleicht für einen Lebenskünstler“, meint er. „Aber nicht mal das. Sonst wäre ich ja permanent gut gelaunt; dem ist keinesfalls so. Ich will mit Pix zusammen gute Songs für Herz, Hirn und Unterleib schmieden. Nicht mehr und nicht weniger. Die Texte passen zu den Songs, gesungen habe ich auch – teilweise sogar schön [grinst] – und "Eiszeit" ist eine runde Sache geworden. Text und Musik passen! Abschiedsschmerz, Soziales und Asoziales. Verlust, Hoffnung und Sehnsucht sind die Themen. Die Zeit von Ende 2008 bis jetzt war unser Haupteinflussfaktor.“

Wer Eisbrecher kennt, der weiß, dass diese Band gerne im Bereich Kino wildert. Alexx:

„Diesmal haben wir ein bisschen James Bond, ein bisschen Bild-Zeitung, ein wenig Waffenmagazin und einen hauch von Modelcasting-Show verwurstet. Ob hier und da noch ein vor Jahren weg gelesener Brentano oder Schiller drinsteckt, weiß ich im Moment nicht. Das stellt sich heraus, wenn die Leute ihre eigenen Interpretationen abfeuern. So soll es sein. Offen interpretierbar und somit diskutierbar!“

Die neuen Eisbrecher-Texte sind nicht selten wieder latent gesellschaftskritisch beziehungsweise zynisch.

Und, ja, die Menschheit in ihrer Arroganz, Heuchlerei und modernen Verfälschtheit kann einem schon manchmal die Lebensfreude verleiden. Der Sänger äußert sich zu diesem Thema:

„Da mein Tagesablauf ja keineswegs wie der zuvor von mir geschilderte aussieht, kann ich dir klar antworten: Frust, Wut und Verzweiflung ob der totalen Begrenztheit unserer Spezies sind viel mehr meine Weggefährten als ich es mir wünsche. Leider kann ich sehen, lesen, denken. Leider bin ich nicht dumm genug, um einfach lustig meine 70 bis 80 Jahre Lebenszeit runter zu reißen und alles lustig zu finden. Leider hasse ich Silbereisen und Co., leider hasse ich Apres-Ski. Leider kotzt mich die nationale und globale Politik an und 95 % meiner Mitmenschen können mir gestohlen bleiben. Leider rege ich mich zu oft über Dinge auf, die ich nicht beeinflussen kann. Warum? Weil ich vielleicht tief in mir doch glaube, dass alles änderbar ist! Danke für die Frage. Die regt mich auch auf! Lass uns über die Biene Maja reden. Wie geht es der eigentlich und wo ist Flip?“

Dann wird der Mann unterhaltsam sarkastisch: „Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass der Schmalz- und Schleimfaktor in der schwarzen Szene zusehends größer wird und Pseudo-Gutmenschen als Dunkelschlager-Messiasse abgefeiert werden als gäbe es kein Morgen. Ich frage mich, wann es die erste vom Gothic-Wendler moderierte Dunkelschlagerhitparade mit Schunkelgarantie und alkoholfreiem Rotwein gibt. Mainstream ist OK. Aber müssen es immer Pur, Ich und Ich, Rosenstolz und sonst wer sein? Ich reg’ mich schon wieder auf. Stell mir die Frage 2011 nochmals!“

Live-Auftritte 2010 auf Bühnen vor Publikum: Da gehen Eisbrecher, so Alexx lässig, wie immer bislang ran, was bedeutet: „Kein großer Plan. Bühne, Licht, Bauch einziehen – Vollgas! Festivals, Tourneen. Eisbrecher on the rocks! Wir freuen uns sehr auf diese "Live-Best Of"-Kaperfahrt! Vielleicht treffen wir auf hoher See noch den Grafen. Der ist ja nun auch unter die Seebären gegangen. [grinst breit] Backbordseite – Feuer frei!“

Mehr Spaß am Leben und Hoffnung auf ein besseres Morgen, das erhofft sich Alexx von Eisbrecher sonst noch in 2010 mit Hoffnung in der Stimme. „Nur die Musik und alles was damit zusammenhängt, kann einem dieses Gefühl geben. In diesem Sinne: Es gilt, gute Leute zu treffen und zu wissen, dass man nicht allein ist in dieser erkaltenden Welt!“

© Markus Eck, 24.03.2010

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