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Interview: EDEN WEINT IM GRAB
Titel: Gespenstische Düster-Revue

Beklemmend abgründig gestimmter und dennoch düsterpoetisch schön verträumter Dark Metal ist das große künstlerische Pläsier des Berliners Alexander Paul Blake. Blake, ein auf vielfältige Weise sehr kreativer Geist, der aktuell das vierte Album „Geysterstunde I“ veröffentlicht, spielt bei Eden Weint Im Grab Gitarre und Bass. Dazu komponiert er die verwunschen anmutenden Stücke und produziert das Ganze auch.

Bühnenauftritte werden ebenfalls gespielt, und hierbei agiert der stark nachtsüchtige Dramatikercharakter mit vierköpfiger instrumenteller Verstärkung. Die deutschsprachigen Kompositionen des melancholischen Visionärs können erneut in ihren lichtlosen Bann ziehen, nicht zuletzt mittels erneuter hörspielartiger Passagen.

„Wir haben ja mit ‚Der Herbst des Einsamen’ zuletzt ein sehr experimentelles Album veröffentlicht, das Gedichte des österreichischen Expressionisten Georg Trakl vertont hat. Und es war zunächst einmal spannend zu sehen, wie die Menschen auf solch’ ein avantgardistisches Werk ganz ohne Gitarren, Schlagzeug und Metal-Vocals reagieren würden. Aber überraschenderweise sind die Menschen diesem Album im Rezitativ sehr offenherzig begegnet. Diese Wertschätzung nonkonformer Kunst war natürlich eine große Motivation für die Zukunft, wenngleich ‚Geysterstunde I’ nun wieder deutlich düstermetallischer ist und den zuvor eingeschlagenen Weg fortsetzt“, legt der tiefsinnige Musiker und Philosoph dar.

Der Bandname Eden Weint Im Grab inspiriert einen rasch zum Philosophieren: Die heutige Welt ist schon lange kein Garten Eden mehr, und die einstige unermessliche Schönheit des Planeten und seiner menschlichen Bewohner scheint laut in erzdüsterer Grabeskälte zu weinen. Richtig getippt, Alexander?

„Es steht jedem frei, den Bandnamen auf seine Weise zu interpretieren, denn die Bedeutung, die ich persönlich darin sehe, ist nicht in Stein gemeißelt. Aber ich möchte betonen, dass die Abkürzung ‚ewig’ trotz aller Düsternis, die wir verbreiten, durchaus einen Hoffnungsschimmer und eine spirituelle Komponente erkennen lässt. Die bedrückende Vorstellung eines Grabes wird so auf einer Metaebene gewissermaßen transzendiert. Und was Eden auch immer sein mag - es scheint noch nicht endgültig verloren zu sein, solange es noch in der Lage ist zu weinen und somit einer aktiven Handlung nachzugehen. Denn wer weint ist nicht tot. Oder sind es womöglich postmortale Tränen?“

Wie der Musikus mir im Weiteren preisgibt, erhofft er sich von seinen neuen Liedern primär ein paar aufmerksame Ohren und offene Geister der zugeneigten Hörer.

„Wir werden sie dafür mit einer gespenstischen Reise in die Abgründe ihrer Fantasie belohnen. ‚Geysterstunde I’ ist das erste von voraussichtlich zwei Alben, die wir Sujets wie Spuk, Horror und Paranormalem widmen. Mal ironisch und schwarzhumoristisch, mal todernst. Jeder Song des Albums erzählt eine eigene Geschichte, die sich dem mitternächtlichen Konzept der ‚Geysterstunde’ unterordnen lässt. Da wäre beispielsweise der Leierkastenmann, der ungehört von der Welt einsam auf dem Jahrmarkt seine Drehorgel spielt, und eigentlich doch schon längst tot ist, wie der körperliche Verfall andeutet. Unsere ‚Armee der Wiedergänger’ ist eine schauerliche Armee der Untoten, die in immerwährenden Schlachten gefangen ist und den wahren Kriegsgrund längst vergessen hat. ‚Die Knochenmühle’ wiederum wird von einem Müller betrieben, der statt Korn die Knochen der Menschen mahlt; es handelt sich hier um eine morbide Adaption des Kinderliedes ‚Es klappert die Mühle am rauschenden Bach’. ‚Nautilus’ wiederum ist eine Unterwasservariante des Fliegenden Holländers, denn hier wurde eine Horde toter Seeleute dazu verdammt, ihr Dasein für immer in einem U-Boot auf dem Grund des Meeres zu fristen. Nicht außer Acht lassen sollten wir auch die ‚Gespenster-Revue im Theater Obszön’, die inspiriert vom Théâtre du Grand Guignol ein makabres Kabarett nach Eden Weint Im Grab-Art bietet. Und zu guter letzt sei noch ‚Tango Mortis’ erwähnt, für das ich Jan Lubitzki (ex-Depressive Age) für ein Duett gewinnen konnte: Wir haben aus dem Totentanz einen Totentango gemacht und vereinen hier melodischen Death Metal und Tango zu einem Tanz auf Messers Schneide.“

So wagt er zu behaupten, eröffnet Blake, dass alle jene, die Eden Weint Im Grab schon kennen, die Spinnweben-Truppe auch aktuell auf Anhieb wieder erkennen werden.

„Aber wir haben – wie bei jedem Album bislang – versucht, unser Spektrum zu erweitern und so gibt es diesmal Ausflüge in die Welten von Doom- und Black Metal, Jahrmarkts-Musik, Soundtracks, Hörspielen oder eben Tango. So bleibt es für uns selbst und den Hörer spannend, da man auf dieser musikalischen Reise nie weiß, was einen als nächstes erwartet. Insgesamt ist ‚Geysterstunde I’ ein gleichsam morbides wie skurriles Album, das jedoch auch wieder zahlreiche Ohrwurm-Melodien enthält, die den Hörer wie spukende Geister bis in die Träume verfolgen werden.“

Wir setzten uns nachfolgend damit auseinander, worin Alexander seiner persönlichen Ansicht nach die größten Stärken der neuen Songs auf „Geysterstunde I“ sieht.

„Primäre Stärken sehe ich darin, dass jeder Song eine kleine Welt für sich ist und eine abgeschlossene Geschichte erzählt. Ähnlich wie literarische Kurzgeschichten, wobei die Musik die Texte stets unterstreicht. Wenn es um den ‚Tango Mortis’ geht, erklingen auch Tango-Elemente, die ‚Moritat des Leierkastenmanns’ lässt das Leiern der Orgel auch klanglich nachempfinden. Die ‚Irrfahrt durchs Leichen-Labyrinth’, jenes sonderbare Grusel-Kabinett zwischen den Welten, ist auch musikalisch eine rasante, aufrüttelnde Fahrt. ‚Armee der Wiedergänger’ enthält Elemente der Marschmusik und ‚Gespenster-Revue im Theater Obszön’ lässt auch das Ohr am Spuktheater zu Beginn des letzten Jahrhunderts teilhaben. Wir fordern den Hörer also auf mehreren Ebenen heraus. Davon abgesehen finde ich, dass die Songs allesamt schlüssig komponiert sind und flott ins Ohr gehen, jedoch auch für eine weitergehende Beschäftigung genug Tiefe bereithalten.“

Einen ganz persönlichen Favoriten unter den neuen Stücken hat der Dunkelkerl allerdings nicht im Kopf:

„Die Frage kann ich wie immer recht einfach beantworten: Keines! Wir haben in jedes Stück sehr viel investiert und würden keinen Song veröffentlichen, von dem wir nicht überzeugt wären. Daher liebe ich sie alle gleichermaßen wie Eltern ihre Kinder.“

Schließlich auch noch auf das Songwriting an sich beziehungsweise eventuell im Zuge dessen hier und da aufgetauchte Schwierigkeiten für die neue Eden Weint Im Grab-Veröffentlichung von mir angesprochen, winkt der Mann in aller Lässigkeit ab:

„Das war überhaupt nicht schwierig. Es war, als hätten uns die Geister aus der Anderswelt die Stücke förmlich eingeflüstert, flossen sie innerhalb kürzester Zeit durch den Äther in unsere materielle Welt, um fortan auf einen Tonträger in Nullen und Einsen gequetscht ihr Dasein zu fristen. Es dauerte aufgrund weltlicher Verpflichtungen lediglich eine Weile, bis die Manifestation vollendet war.“

Und Literatur ist immer ein Einfluss für Eden Weint Im Grab, wie ebenfalls in Erfahrung zu bringen war. Blake erläutert:

„Aber es ist selten so, dass ein konkreter Roman oder ein Gedicht Pate für einen Song steht. Eher ist es so, dass beispielsweise die Schriften von Edgar Allan Poe, William Blake, Novalis oder auch Franz Kafka dauerhaft eine ebenso unbewusste Inspiration auf uns ausüben wie die Filme von Tim Burton oder die wissenschaftlichen Studien von William James. Aber auch der Einfluss spiritueller Literatur für Eden Weint Im Grab ist nicht von der Hand zu weisen. Ein konkretes Beispiel ist aktuell das Stück ‚Feuer-Inferno’ das sich um den schwedischen Mystiker Emanuel Swedenborg dreht, der 1759 seine hellseherischen Fähigkeiten unter Beweis stellte, indem er aus 400 Kilometer Entfernung einen Brand in Stockholm beschrieb, von dem er nichts wissen konnte."

Derzeit sind, wie diese dämmerungssüchtige Seele die Leser wissen lässt, bereits Bühnenauftritte von Eden Weint Im Grab für 2011 fokussiert. Er blickt entschlossen auf und formuliert seine Worte mit beschwörender Manier: „Am siebten Mai findet unsere Record-Release-Party in Berlin im K17 statt, samt einer Lesung meinerseits. Weitere spukhafte Darbietungen werden folgen.“

© Markus Eck, 26.03.2011

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