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Interview: DIE APOKALYPTISCHEN REITER
Titel: Wieder richtig im Galopp

Als die Weimarer Paradiesvögel im 2014er Frühjahr mit dem neunten Longplayer „Tief.Tiefer“ an den Start gingen, war fürs Erste bedingungsloses, dauerhaftes Befassen damit angesagt.

Denn anders konnte man dieser vielfältig angelegten Zweischeiben-Konzeptveröffentlichung nämlich auch gar nicht auf den Grund gehen.

Jetzt preschen Die Apokalyptischen Reiter wieder stürmisch mit unberechenbarem Kurs über die Trommelfelle von Freund und Feind.

Und „Der Rote Reiter“ macht in diesem Jahr nicht nur die Albumdekade voll, sondern zeigt die facettenreiche Formation um Frontmann Fuchs auch voller unbändiger Lust aufs Ziehen der eigenen Wurzeln.


Da „Tief.Tiefer“ selbst für Reitermaniacs-Verhältnisse außerordentlich ungewöhnlich und vor allem betont kunstsinnig konzipiert aus den Lautsprechern erschallt, zieht Bassist Volk-Man zunächst noch sein persönliches Resümee zum krachbunten Vorgänger.

„Das Album hat sowohl uns als auch die Fans in bisher ungeahnte Tiefen geführt. Insofern war der Titel tatsächlich etwas prophetisch gewählt. Es war fordernd, sowohl für uns als den Hörer. Es war keine leichte Kost, das war uns auch schon im Vorfeld der Veröffentlichung klar, aber das Leben besteht nicht nur aus Geraden, sondern es braucht auch Kurven, Untiefen und Nebel, sonst wäre es langweilig.“

„Der Rote Reiter“ fühlt sich für den Tieftöner befriedigend an, so sagt er, aber zugleich auch etwas unwirklich.

„Es gab Momente, wo ich nicht daran geglaubt hätte, dass es nochmal ein neues Album geben würde. Nach dem Beschluss, nach dem 20. Bandjubiläum eine unbestimmte Pause zu machen, gab es absolut keinen Plan, ob und wie es weitergehen soll. Die Band zerstreute sich förmlich in alle Himmelsrichtungen, was etwas sehr Befreiendes und Reinigendes hatte. Umso intensiver und hungriger war unser Wiedersehen, sowohl mental als auch physisch. Ich kann mich noch sehr genau an die erste Probe nach der Pause erinnern: Es glich einem emotionalen Vulkanausbruch und ich glaube, diese Geburtsstunde des roten Reiters prägte die folgenden Wochen und Monate, in denen wir völlig frei und unbeschwert komponierten und das Album täglich wuchs und wuchs.“

Rittmeister as usual - so ziemlich alles ist laut Volk-Man nun anders und neu. „Man spürt es von der ersten Sekunde und dieses Gefühl ebbt nie ab. Ich will das nicht erklären, denn Musik ist zum hören da und sollte nicht im Vorfeld schon erklärt, analysiert und totdiskutiert werden.“

Da das Ganze ja nun klingt, als hätte dafür eine kräftige Rückbesinnung auf die ungestümen, unverbrauchten, hungrigen Anfänge der Reiter stattgefunden, geht das weitere Gespräch auch rasch genau darauf ein.

„Ja, das geschah sowohl bewusst als auch unbewusst. Ich denke, wir waren nach fast 20 Jahren im Sattel etwas müde und brauchten eine Pause vom ‚Hamsterrad: Platte, Tour, Festivals, Platte, Tour, Festivals‘-Rhythmus. Wir haben musikalisch immer Wege bestritten, die für zehn andere Bandkarrieren gereicht hätten, haben es uns nie zu gemütlich in einer Komfortzone eingerichtet, die auf stumpfe Reproduktion ausgerichtet war. Aber ich möchte auch nicht verhehlen, dass speziell auf den letzten beiden Scheiben der gesamte Produktionsprozess sehr langwierig war, viel Kopfarbeit stattgefunden hat, die, wenn man es im Nachhinein betrachtet, das Bauchgefühl etwas überdeckt hat. ‚Der Rote Reiter‘ wurde in wesentlich spontaneren und kürzeres Sessions komponiert und aufgenommen. Mehr Bauch, weniger Kopf. Das ist in der Tat eine Arbeitsweise, die uns sehr an früher erinnert hat.“

So musste die neueste Musik in erster Linie eine heftige Emotion in der Band auslösen, dann passte es den Beteiligten laut Volk-Man. „Es gibt immer diese magischen Momente im Proberaum, wenn man spürt, dass man eine tolle Melodie oder einen guten Part geschrieben hat. Dann gibt es dieses Grinsen bei allen, diese Gänsehaut beim Spielen, dann schiebt man sozusagen einen Film, wo man sich vorstellt, wie es wäre, diesen Song jetzt live in einem Club zu spielen und komplett dazu auszurasten. Schwitzende Leiber, Schweiß, Emotionen – kurz ein guter Song ist Kopfkino, es gibt dieses Gefühl, ihn bis ans Ende der Welt zu tragen, koste es, was es wolle.“


Was nun die vielen Reaktionen, vor allem diejenigen der älteren Fans auf den neuen Release im Gegensatz zu „Tief.Tiefer“ anbelangt, für diesen Kontext wünscht sich der Mann rein gar nichts Spezielles, wie er ganz entspannt offenbart.

„Das ist eine vermessene Frage, die ich nicht mal für mich selbst beantworten kann. Frag’ zehn Leute und du hast elf Meinungen. Ich kann das nicht abstrahieren, im Gegenteil: Meinungen der Leute sind mal so, mal so ... eine Emotion ist flüchtig wie der Wind. Niemand denkt beim Komponieren daran, was das auslösen wird. Ganz pragmatisch gesehen: Ich hoffe, die Leute werden vom Text und Song aus ihrer Welt herausgerissen. Kunst war immer schon ein Ort, wo alles möglich war und Musik hat den Menschen immer schon die Möglichkeit gegeben, aus der Realität zu entfliehen oder die Realität aus einer anderen Perspektive zu sehen.“

Das neue Album ist gemäß der Ansicht von Volk-Man grundsätzlich weniger experimentell ausgefallen, alles ist etwas erdiger und direkter vorgetragen als auf den Vorgängern.

„‚Der Rote Reiter‘ bietet gerade den Gitarren wieder viel mehr Raum, so viele zweistimmige Sachen haben wir seit Ewigkeiten nicht gemacht. Die Keyboards und Synthies wiederum wurden stark zurückgenommen, was sicherlich auch die martialische Rohheit vieler Stücke noch besser erklärt.“

Das gesamte Songwriting und Ausarbeiten des neuen Materials nahm etwa ein halbes Jahr und dann noch knapp drei Monate für Vorproduktion und Aufnahme in Anspruch, wie zu erfahren ist.

„Wir haben so lange geschrieben, bis wir der Meinung waren, es ist genug Material da und sind dann ins Studio gegangen. Es war, wie schon angedeutet, ein Album, was uns sehr leicht gefallen ist. Es gab vom Beginn an eine klare musikalische Vision und unglaublich gute und kreative Treffen im Proberaum. Es gab diese Leidenschaft, das Brennen für diese Band und diesen Sound, der uns diesen Mal beflügelt hat.“

Und, was den eigentlichen Aufnahmeprozess angeht:

„Ja, hierbei haben wir uns im Studio ordentlich schleifen lassen und vielen Verlockungen der modernen Technik widerstanden. Künstlich erzeugte digitale Perfektion erzeugt genau die Sterilität, die Leute beim Hörer abtörnt. Wir haben versucht, durch eine natürliche und organische Arbeitsweise viel vom echten Charme der Band aufs Album zu bringen.“

„Der Rote Reiter“ ist eine Passage aus der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Volk-Man weitet aus: „‚Dann sah ich: Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel; und ich hörte das erste der vier Lebewesen wie mit Donnerstimme rufen: Komm! Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen. Als das Lamm das zweite Siegel öffnete, hörte ich das zweite Lebewesen rufen: Komm! Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der, der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben. Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage. Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu! Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt ‚der Tod‘; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde. (Offb 6,1–8)‘“

Zu den Lyriken des Albums will und kann der Bassist nichts sagen.

„Die Texte sollen nicht erklärt werden. Jeder hat einen Kopf zum selbst denken und sollte dies auch tun.“

Die Freude am Anderssein, der Wunsch, kreativ und selbstbestimmt einer Sache nachzugehen, die einem Freude, Abenteuer und Anerkennung einbringt - all dies nennt der Kerl als seinen stärksten Antrieb, der ihn reitet und peitscht, um genau solcherlei Musik immer noch mit solcherlei Inbrunst zu machen. 



„Es ist immer sehr schwierig, die eigene Motivation für sein Handeln zu hinterfragen, ich möchte damit auch nicht sagen, ob es bei jedem in der Band genauso ist. Es ist ein großes Geschenk, in einer Band spielen zu können, mit Leuten, mit denen man so viel teilt. Mir ist das gerade während der Pause bewusst geworden und es ist eine große Freude, bald wieder auf Tour gehen zu dürfen und die große Vorfreude auch in unserer Fanbase zu spüren.“

Wenn Die Apokalyptischen Reiter mit diesen neuen Stücken auf die Bühnen gehen werden, dann zählt für den Tieftöner: „Rein technisch: guter Sound, gutes Licht, wenig Spielfehler. Ganz praktisch: Der eine Typ im Publikum, der vor deinen Augen komplett ausrastet oder ergriffen von einem Song in eine andere Welt entflieht. Oder ein kurzer Blick auf der Bühne zu einem der Jungs, das Leuchten in den Augen, der die Magie des Augenblicks in einem Wimpernschlag abbildet. Ich erhoffe mir für uns eine großartige Zeit. Nicht mehr, nicht weniger.“

© Markus Eck, 27.07.2017

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