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Interview: DIES ATER
Titel: Von Feindlichkeit beseelt

Ihren Black Metal betont atmosphärisch und schön melodisch gestaltend, gelang es diesen Berlinern bisher, so einiges an Anerkennung zu erlangen.

Im damaligen Herbst 1994 gegründet, fanden Dies Ater auch schon recht schnell ihren individuellen Stil, welchen diese fähige Horde bis heute mit bemerkenswert beflissener Linientreue immer mehr verfeinert hat.

Davon kann man sich aktuell auf dem nun erscheinenden dritten Album ausreichend überzeugen.

„Chanting Evil“ betitelt, vermittelt dieser prächtige Schwarzmetalldiskus nicht nur die von Hass erfüllten Emotionen seiner Urheber mit allergrößter Authentizität. Dazu enorm stimmungsvoll inszeniert, brachten Dies Ater auch zahl- und zeitlose Atmosphären von unheimlicher spukhafter Anmut ein, die zwischen manch' mächtiger Gitarrenarbeit regelrecht benebelnd wirken.

Die allgemeine Resonanz auf ihr vorhergehendes Album „Through Weird Woods“ war so gut, dass Dies Ater laut Drummer Impurus damals von dem Gefühl beschleicht wurden, zu einer festen Größe des deutschen Black Metal herangewachsen zu sein. Er resümiert:

„Obwohl bereits unser Debüt `Reign Of Tempests` gut ankam, war der Erfolg der von dir angesprochenen Platte doch noch mal größer. Auch musikalisch sind wir bis heute sehr zufrieden mit `Through Weird Woods` und sogar ein bisschen stolz darauf, ein musikalisch so rundes Ding hinbekommen zu haben. Gefreut hat uns weiterhin, dass neben den vielen Underground-Magazinen auch Interesse bei den großen Heften geweckt wurde.“ Zahlreiche Konzerte folgten und es schien bergauf für Dies Ater zu gehen.

Ein direktes Konzept steht nicht hinter dem aktuellen Werk, wie der Schlagzeuger danach verlauten lässt.

„Es gibt keinen durchgängigen, lyrischen oder inhaltlichen Zusammenhang der Songs auf dem neuen Album. Jeder Titel ist für und in sich abgeschlossen. Worauf wir jedoch enorm großen Wert legen, ist das Verwenden von englischen als auch von deutschen Texten. Gibt es doch Dinge die sich besser in der einen, als in der anderen Sprache ausdrücken lassen. Die deutsche Sprache klingt sehr viel härter als die englische und passt daher viel besser zu den raueren, brutaleren Songs. Woraus sich schon erahnen lässt, dass bei uns die Lyrics erst nach der Musik entstehen. Sobald der Song fertig ist, beginnt für unseren Sänger und Gitarristen Nuntius Tristis das Schreiben von Texten, die dem ganzen Stück noch mehr Ausdruck und Tiefe verleihen sollen. Diese Kombination funktioniert bei uns nun schon seit drei kompletten Studioalben sehr gut und wird wohl auch für die Zukunft Geltung haben.“

Wie auch schon bei den ersten beiden Alben „Reign Of Tempests“ und „Through Weird Woods“ handeln auch die Texte auf „Chanting Evil“ laut Aussage von Impurus wieder von einer Konfrontation mit extremen Emotionen wie Wut, Verbitterung, Aggression und Hass:

„Es werden erneut keine durchgängig fiktiven und unbedarft dummen Geschichtchen erzählt. Die Lyrics auf `Chanting Evil`, besonders die deutschsprachigen, sind deutlich direkter und angriffslustiger als auf den beiden Vorgängern – was durchaus beabsichtigt war. Sie vermitteln jede Menge Zorn und Feindseligkeit. Attribute, welche wohl auch unsere Band an sich selbst gut beschreiben. Texte wie `Dethrone The Weak Mortality` oder auch `The Last Of Storms` sind inhaltlich etwas zurückhaltender und repräsentieren wohl eher die verbitterte, hasserfüllte Seite der aktuellen Scheibe. Der Titelsong `Chanting Evil` selbst, kommt wohl als Vereinigung der oben genannten Werte rüber. Im Allgemeinen sind die Texte, genauso wie auch die Musik, vielschichtig und abwechslungsreich, stehen sie doch für mannigfache Situationen.“

Und im Gegensatz zu den beiden Albumvorgängern hat er diesmal nicht nur Stücke im Alleingang komponiert, sondern auch stärker mit dem Keyboarder Ole C. zusammengearbeitet, wie Impurus nun zu Protokoll gibt.

„Dadurch sind neue Elemente dazu gekommen, die für mehr Abwechslung sorgen. Trotzdem sind wir unserem Stil treu geblieben, die meisten werden Dies Ater raushören.“

Wirklich neu auf „Chanting Evil“ ist der Einsatz des Gast-Sängers D.S., der mit diversen Klargesangsparts endlich mal einen richtigen Kontrast in die Musik bringen konnte, wie mein Gegenüber rückblickend feststellt.

„Nach drei Platten tut so eine Abwechslung Not. Wir wollten nicht immer nach demselben Schema arbeiten.“

So entsteht das Grundgerüst der Dies Ater-Songs zu Hause auf einer Vier-Spur-Maschine. Wir erfahren hierzu: „Anschließend geht es in den Proberaum, da man hier erst wirklich herausfindet, ob sich die einzelnen aufgenommen Ideen zu einer Gesamtheit zusammenfügen lassen oder nicht.“

Die allergrößten Schwierigkeiten mit der Fertigstellung von „Chanting Evil“ hatten Dies Ater jedoch am wenigsten mit sich selbst, so der Trommler. Impurus schweift für mich in die Vergangenheit:

„Was uns selbst anbelangt, hier ist nur die krasse Unzuverlässigkeit unseres damaligen Bassisten Obskur zu nennen, der noch nicht mal Zeit für den Studiotermin hatte und auch sonst nur herummotzen konnte. Das ist auch der Grund, weshalb er nach siebenjähriger Zusammenarbeit gegangen wurde. Nein, die wirklich großen Schwierigkeiten gab es mit unfähigen Studiomenschen und der Spontanpleite unseres ehemaligen Labels Last Episode. Besonders fatal war aber, dass all diese Scheiße fast gleichzeitig an einem Tag auf uns hereinbrach. Zwei mal mussten wir durch ganz Deutschland fahren, um gegen 10:00 Uhr morgens in Schwäbisch Gmünd bei Last Episode die fehlende Studiokohle einzutreiben, dreimal mussten wir die Gitarren neu einspielen und tausendmal mussten wir uns besaufen um nicht den Mut zu verlieren.“

Die größte Freude war dann aber schließlich, so der Kesselwart, dass am Ende doch noch alles geklappt hat.

„Wir konnten in Harris Johns’ Studio übersiedeln, der dann aus den von uns aufgenommenen Signalen noch einen richtig schönen Sound bastelte und mit dem neuen Label Neon Knights läuft auch alles wieder. Bei den Aufnahmen an sich haben uns besonders die Momente Spaß gemacht, in denen die Gastmusiker, wie D.S. oder Basstard zum Einsatz kamen oder das spontane Verwenden eines Virus-Synthesizers, der uns ganz neue Sounddimensionen ermöglichte.“

Was den privaten Musikgeschmack angeht, so konsumieren die einzelnen Mitglieder von Dies Ater laut Impurus schon seit vielen Jahren zwar sämtliche Musikrichtungen, jedoch besonders die Titel, die aus dem Rahmen fallen.

„Sie müssen etwas Besonderes haben. Deshalb ist Black Metal im Allgemeinen unser geringster Einfluss. Vielmehr ist es mal die Melodie eines Pornofilmes oder die schiefen Orgelklänge eines gealterten Alleinunterhalters, aber natürlich auch Metal-Sachen. Schließlich ist unser Stil grob umrissen melodischer Black Metal, der versucht die Stärken des alten Black Metal mit denen des neuen zu verknüpfen. Das sollte man auch auf der neuen Scheibe hören“, befindet er.

Black Metal war früher vor allem von immensem Hass und extremer Wut auf eine von sich selbst gelangweilte und enorm verklemmte Gesellschaft und ihre hässlichen Werte geprägt. Das sieht heutzutage jedoch extrem anders aus, wie der Drummer anschließend mit lamentiertem Unterton aussagt:

„Im Underground mag einiges davon erhalten geblieben sein, doch ist mir die Musik vieler Bands aus diesem Bereich zu herzlos, unoriginell und einfach nur kacke. Die große Masse hingegen möchte von diesem alten Musik- und Lebensgefühl am liebsten überhaupt nichts mehr wissen und sieht Black Metal als Musik wie jede andere an. Für uns ist die Musik allerdings auch in den Vordergrund gerückt. Und dennoch bleibt dieses alte Black Metal-Gefühl tief in unserer Seele versteckt.“

„Untrue“ sind Dies Ater deshalb aber noch lange nicht, wie dann klargestellt wird.

„Wir sind schon seit zehn Jahren fester Bestandteil des alten Death/Black Metal-Untergrunds und müssen uns bestimmt nicht von gerade 17 gewordenen Fummeltrienen, die sich mal eben eine Gitarre umgehängt haben und originale Darkthrone-Riffs klauen, erzählen lassen, wohin es mit unserer Szene gehen soll. Das wäre absurd. Deshalb geht uns die zunehmende Kommerzialisierung dieses Genres komplett am Arsch vorbei. Genauso wie seine im Untergrund pseudo-betriebene Endkommerzialisierung. Welche Platten kosten denn auf einmal 100 EUR? Und wieso rennt jeder zweite mit „Black Metal ist Krieg“-Lappen rum?“, fragt der Berliner Trommelbär sich zurecht.

„Grundsätzlich“, so lässt Impurus in Sachen Albumtitel nachfolgend wissen, „ist zu sagen, dass bei unseren Veröffentlichungen erst einmal jeder Songname als Albumtitel in Frage kommt. Wenn dann alles fertig ist, setzen wir uns als Band zusammen und entscheiden welcher Titel am besten zum gesamten passt. Diesmal war es eben `Chanting Evil`“.

Und obwohl ihr neues Album gerade erst erscheint, gab es schon ordentlich Lob dafür.

„Besonders der `cleane` Session-Sänger scheint gut anzukommen; und auch, dass es bei uns wieder härter zur Sache geht, trifft den Geschmack der meisten, die bisher reinhören durften. Die Zukunft wird es zeigen. Wir sind gespannt.“

Zukünftige Bühnenshows von Dies Ater sowie ihr entsprechendes Outfit interessieren mich noch.

Impurus geht darauf mit anfangs sarkastischem Zynismus ein:

„Gute Frage! Garantiert mit Leuchthörnern und Plastikumhängen – Adel verpflichtet eben. [Er verweist damit auf Mystic Circle und deren Bassisten/Sänger Graf von Beelzebub; A.d.A.] Das schöne an Konzerten – dieses Jahr gab’s nur eins – ist sowieso das Vorher und Nachher. Vorher wird alles picobello verbastelt, um anschließend nach einem schlecht gelaufenen Konzert mit räudigstem Sound im Alkoholdesaster zu enden. Man kann heute aber auch keine Konzerte mehr spielen. Wir freuen uns auch auf nichts mehr und haben keinen Spaß an nichts mehr. Das ist vorbei! Doch jetzt noch mal im Ernst: Da unser Bassist Obskur nun raus ist, mussten wir das Line-Up umstellen. Torgrim spielt jetzt den Bass, während der neue Live-Mann Andy uns an der Lead-Gitarre unterstützt.“

Als ich ihm abschließend noch Pläne für die Zukunft von Dies Ater entlocken kann, offenbart sich echter Kämpfergeist. „Wir machen auf jeden Fall weiter, mag kommen was immer da wolle. Danke für die Unterstützung. Übrigens erscheint dieser Tage noch eine limitierte Picture-LP von `Chanting Evil`, sowie auch die 7“-EP `Rausch der Macht`.“

© Markus Eck, 10.04.2003

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