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Interview: DARKWELL
Titel: Buchstabenspiel zur Doppelmoral

Anspruchsvollen Gothic Metal im klassischen Sinne mit einer Fülle an emotional authentischen Facetten bittersüßer Anmut offerieren diese Österreicher mit ihrem neuen und zweiten Album „Metat[r]on“.

Nachdem das Quintett und die ehemalige Sängerin Alexandra Pittracher sich im Jahr 2003 dazu entschieden, zukünftig künstlerisch getrennte Wege zu beschreiten, verpflichteten Darkwell im Weiteren die neue Vokalistin Stephanie Luzie. Und diese gibt nun auf „Metat[r]on“ ihren stimmlichen Einstand.

„Natürlich vermissen wir Alexandra noch immer, schließlich war sie viele Jahre ein Teil von uns. Aber die Zeiten ändern sich nun mal auch für Musiker, und wir müssen mit diesem Fakt umgehen können“, entgegnet Bassist und Darkwell-Anführer Roland Wurzer.

Laut seiner daran angefügten Aussage steht die gesamte Band geschlossen hinter der neuen Frontfrau samt ihren Leistungen:

„Auch die Zusammenarbeit mit ihr funktioniert wirklich hervorragend, worüber wir allesamt sehr froh sind. Sie hat sich bestens in unser altes Material hineinversetzt und weiß es umzusetzen, ohne Alexandra zu kopieren oder den Charakter und die Ideen der Songs zu verändern. Falls sich am Gesang etwas ändert, stellt so etwas selbstverständlich immer den kritischsten Wechsel im Line-Up einer Band überhaupt dar, denn viele Hörer sehen darin immer den Kern der Band. Andererseits war dies für uns die einzige Möglichkeit weiterhin mit Darkwell Musik zu machen.“

Seiner Auffassung nach haben Darkwell als Künstler nicht stagniert, sondern können mit dem neuen Werk „Metat[r]on“ sogar eine Weiterentwicklung aufweisen.

„Die neue Scheibe ist wieder Darkwell durch und durch, alle unsere Trademarks sind vertreten und darüber hinaus haben wir eine ganze Menge an neuen und frischen Ideen einfließen lassen. Wir sind schon sehr neugierig auf die Kritiken, denn unser letztes Minialbum `Conflict Of Interest` bekam sogar noch positivere Reviews als das Darkwell-Debütalbum `Susperia`.“

Die Überlieferung beschreibt „Metatron“ ursprünglich als Menschen mit Namen Henoch.

Also jenen Henoch, welcher der siebte Nachkomme Adams war und der wegen seiner Rechtschaffenheit nicht starb, sondern zu Gott entrückt wurde.

Eine Legende, die jedoch aus dem alten Testament getilgt wurde, wie der Innsbrucker Tieftöner anschließend auf das lyrische Konzept des neuen Albums eingeht.

„Die Herkunft des neueren Namens Metatron ist ungewiss; manchmal wird sie wegen des Dienstes beim göttlichen Thron abgeleitet vom griechischen `Meta thronou`, also `Beim Thron`. In der jüdischen Überlieferung, besonders der Kabbalah, wurde Henoch beziehungsweise Metatron zu einem der höchsten Engel mit 36 (6x6) Flügeln und zahllosen feurigen Augen. Seine Wimpern sind Blitze, seine Knochen bestehen aus Glut und sein Fleisch aus Feuer. Ihm werden alle möglichen Funktionen zugeschrieben. Er gilt als Archivar der Geheimnisse des Kosmos und Buchhalter aller menschlichen Taten, die er ins Buch des Lebens einschreibt. Manchmal wird Metatron sogar als der mächtigste der Seraphim bezeichnet, dessen besondere Aufgabe es ist, für Wohlbefinden und Erhalt der Menschheit zu sorgen. Andererseits wird er aber auch in seinen dunklen Aspekten in okkulten Kreisen mit Satan, dem Fürsten der Finsternis, oder dem `alten Drachen` gleichgesetzt.“

Roland präzisiert zu diesem Thema noch aus:

„Die Engel, die ja eigentlich seit jeher für alles Gute standen, waren laut dieser Legende voller Neid auf die Menschheit. So stiegen sie vom Himmel herab und vergewaltigten die Erdenfrauen, ließen ihren vom Teufel korrumpierten Trieben völlig freien Lauf und erschufen somit die Riesenrasse der Nephilim, die über die Erde wandelten und Schrecken und Grauen über die Menschheit brachten. Ergo also die reinste Form des Seins, und zwar die der Engel, verursachte Chaos, Mord und Terror. Diese Überlieferung als Basis genommen, sind eigentlich die Grundfesten der meisten Glaubensrichtungen dadurch von vornherein erschüttert. `Metat[r]on` soll daher ein kritisches Augenzwinkern auf die Geißeln unserer Zeit sein, andererseits ist es für mich eine überaus faszinierende Geschichte, die ich gern mit Darkwell vertont sah.“

Wahrlich eine ebenso ungewöhnliche wie interessante Konzeption für eine Gothic Metal-Veröffentlichung wie „Metat[r]on“. Herr Wurzer darf daher im momentanen Themenkontext nur allzu gerne weiter in die Tiefe schweifen.

„Der Begriff Metatron tritt ja bekanntlich einerseits in der Kaballah zu Tage, in der christlichen Mythologie wird er einerseits mit Enoch, der direkt aus der Linie Adams stammt assoziiert, andererseits wird er als der mächtigste Seraphim gehandelt. [Kaballah, auch Kabbala, ist hebräischer Herkunft und steht für `Überlieferung`. Der Name bezeichnet generell eine jüdische Geheimlehre und Mystik, welche vor allem zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert noch weit verbreitet war. Oft wird die Kaballah auch mit jüdischer Mystik gleichgesetzt; A.d.A.]. In der ägyptischen Mythologie hingegen wird Metatron mit Thoth, dem Gott der Weisheit assoziiert. Er wurde im alten Testament aufgearbeitet, später wieder getilgt und dann verleugnet. Einerseits spiegelte er die Unsicherheit der Menschheit wider, den Polytheismus abzulegen, andererseits ermöglichte er in der Überlieferung auch einem Sterblichen, ein Erzengel zu werden. Dementsprechend ist der Metatron ein Symbol der Orientierungslosigkeit der glaubenden Menschen, aber auch ein Symbol der Doppelmoral, die in unserer heutigen Zeit ja sehr beliebt ist. Genauso ist die Klammer im neuen Albumtitel ein kleines Buchstabenspiel in Richtung der Ersatzdroge Methadon, welches als Schaden bringendes Substitut einmal mehr auf die Doppelmoral der neuzeitlichen Gesellschaft hinweist.“

Für einen ganz gewissen Teil dieser neuzeitlichen Gesellschaft spielen Darkwell aber letztlich ihre Lieder, was Roland auch in aller Ehrlichkeit entsprechend kommentieren möchte.

„Der so genannte `Aufschwung` hält ja eigentlich schon seit längerem an, es begann mit Rammstein, ging über HIM und Co. bis heute mit Nightwish und Oomph!. Eigentlich treffen all diese Bands in ein Sub-Genre der Rockmusik, welches sowohl Melancholie, Romantik aber auch Härte enthält, und anscheinend sind die Hörer an dieser Stimmung momentan sehr interessiert. Derzeit schlägt wohl die Zeit der `Female fronted`-Bands und man muss eigentlich sowohl Nightwish als auch Within Temptation zugestehen, dass diese Bands seit längerem existieren, ihre Musik kontinuierlich verfeinerten und jetzt mit der Schützenhilfe ihrer großen Labels den verdienten Erfolg bekommen. Da gibt es in uns weder Neid noch Frust, sondern wir freuen uns eigentlich tierisch, dass diese Bands endlich von ihrer Musik leben können und die Früchte ihrer Arbeit ernten. Etwas schwieriger ist es natürlich mit den ganzen Gruppen, die im Windschatten der Erwähnten von heute auf morgen nach oben gepusht werden. Zu uns ist eigentlich nur zu sagen, dass wir konsequent unsere Linie verfolgt haben und weiter an der Entwicklung unseres Sounds gearbeitet haben. Ich mache mir da schon ein wenig Sorgen, dass nun so mancher, der uns bisher noch nicht kannte, von uns denkt, dass schon wieder versucht wird, auf den Trend aufzuspringen, aber was soll’s. Abgesehen davon klingen wir schon etwas anders, denn der Nightwish- und Within Temptation-Bombast liegt uns eigentlich nicht, also grenzen wir uns dadurch ja schon automatisch ab.“

Und die Zeiten des großen Lampenfiebers sind für Darkwell eigentlich ohnehin vorbei. „Wenn technisch alles glatt läuft und alle Vorbereitungen passen, freuen wir uns einfach nur auf das Konzert. Allerdings kann man als Support-Band nicht mit besonders vielen Special Effects aufwarten. Wenn es mal mit einer wirklichen Headliner-Tour mit Budget usw. klappt, das wäre schon mal eine tolle Sache für uns.“

© Markus Eck, 01.11.2004

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