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Interview: CULTUS FEROX
Titel: Ehre unter Räubern

Wer diesen kecken Berliner Mittelalter-Musikanten je auf den künstlerischen Zahn fühlte, der konnte zu jeder Zeit eine ebenso eigenständige wie authentische Formation auf sich wirken lassen.

Seit einiger Zeit thematisch gar unter piratischer Beflaggung auf vielen Bühnen unterwegs, verzeichnen Fans und Medien bis heute keinerlei Abfall des Begeisterungsspektrums, welches von dem fidelen Haufen ausgeht.

Bislang hauten Cultus Ferox diverse Tonträger unters Volk, und kürzlich machte der Trupp sogar mit einer Single-Veröffentlichung erneut von sich reden. Letztere ist als Appetithappen auf das aktuelle Studioalbum „Beutezug“ gedacht, auf dem auch mächtig kantig abgerockt wird.

Der Heilige St. Brandanarius, ein lang erfahrener Recke, zuständig für Dudelsack, Schalmeien, Flöten, Hörner, Saiteninstrumente und Gesang, steigt gleich voll und ganz in den aktuellen Dialog ein.

„Ich spüre derzeit viel frischen Wind“, raunzt er erstmal kernig heraus, „es ist ja doch so, dass die jüngere Dudelsack-Generation oft von den wirklich wichtigen musikalischen Dingen fern gehalten wird. Da wir noch einen Schlagzeuger für unsere Rockkonzert-Version suchen, treffen wir uns nachher noch im Proberaum. Bin deshalb nicht nur sehr gut gelaunt, sondern auch ein klein wenig gespannt darauf, wer da heute Abend anrücken wird und ob die Rum-Dudelei, das Rum-Düsen mit Arbeits-Deutsch und das Kauder-Welsch-Singen uns was bringen werden“.

Sackpfeifer, Flötist und Gebläse-Kerl Feuerteufel, seit einiger Zeit neu in der Rotte und hierbei als FeuerteufelChen am Werk, ergänzt seinen Band-Kumpanen:

„Auch wenn die nächste Zeit wieder nervenaufreibend und spannend wird, so schaue ich doch positiv in die Zukunft von Cultus Ferox. Wir hatten im letzten Jahr auch ohne neues Album viel zu tun und haben gute Konzerte gegeben. Es herrschte zwar allzu oft mieses Wetter dabei vor, aber wir haben uns die Tage schön geredet. Und wenn das nicht funktionierte, dann gab es zum Glück immer jemanden der uns ein kleines Mittelchen gegen die aufkommende schlechte Laune verabreichte“, freut sich der Mann sichtlich.

Nachfolgend erläutert er gleich auch noch die Hintergründe zur veröffentlichten Single „Ahoii“: „Nach sechs langen Jahren des Warten auf neues Material wollten wir unseren neuesten Beutezug mit einem Seefahrer-Hymnus beginnen. Der Text zu ‚Ahoii’ spiegelt 1:1 unsere Lebenseinstellung und Lebensart wieder: Verrufen! Verstoßen! Gefürchtet! Verwegen! Das sind wir. In den Berliner Clubs auf unseren eigenen Partys hatte dieses Lied immer den meisten Zuspruch, also war langes Nachdenken, was auf diese Single gehört, gar nicht notwendig. Brandan hat noch ein paar Kleinigkeiten dazu gefummelt, damit das letztlich dann nicht nur so ein Promo-Ding ist. Und dann ist die Single auch eine richtig runde Angelegenheit geworden.“

Bei der Gelegenheit schaltet sich Meister Brandan ein und merkt zum neuen Langspiel-Dreher „Beutezug“ an: „Mich hat es sehr gefreut, dass Niki Gogow, der ehemalige Schlagzeuger von Knorkator, viele Schlagzeugspuren dafür eingetrommelt hat. Das war eine lustige Zeit, an die ich mich gerne erinnere. Also, Schlagzeug spielen kann er ja sehr gut, aber das war mir gar nicht so wichtig. Er ist privat ein lustiger Vogel und er hat einen Humor, der mir sehr gefällt. Also nach der Arbeit noch so viel zu lachen und zu schmunzeln erlebt man in der jetzigen Musiker-Szene Berlins selten. Leider kann Niki bei uns nicht Live- Trommler werden, weil seine Wege woanders hinführten. Eine Neu-Begegnung kam auch wieder mit Produzent Thommy Hein zustande. Es ist seit dem letzten Album schon sehr viel Zeit vergangen. Die letzte Zusammenarbeit mit ihm war die Produktion des Tanzwut-Albums ‚Labyrinth der Sinne’. Ich hatte mich weiterentwickelt und auch in Thommys Kopf waren ganz neue Dinge. Wir haben in den Pausen viel über die neue Welt reden können und Tischtennis kann er auch gut.“

Feuerteufel ergänzt: „Auf unserer Rum-Reiserei trafen wir zwei russische Mädchen, die uns mit ihrem Auftreten sofort auffielen. Dudelsackspielweiber aus Russland. Das war neu. Die haben wir gleich eingepackt, zum nächsten Konzert mitgenommen und dann ab nach Berlin. Zu meinem Erstaunen konnten sie jeden zweiten Tanz von unserer Uffzeuch-Liste mitspielen und die Säcke waren gestimmt. Total abgefahren. Jetzt rennen in Russland Frauen mit Hörner-Frisur und Dudelsack auf dem roten Platz herum und machen Straßenmusik. Ganz klar, diese Damen mussten mit aufs neue Album. Teufeline hat übersetzt und Rapunzelchen gesungen. Brandan hatte eine Träne im Auge und Thommy war ergriffen. Zu hören sind sie im ‚Heimatlied’.“

An der Gruppe Interessierte stießen in letzter Zeit öfter über ein Promotion-Bild zu Cultus Ferox, auf dem eine halbnackte … Dame … zu sehen ist.

„Das ist doch sonnenklar. Die nackte Dame ist unser Diebesgut, das wir natürlich teilen wollen. Wenn sich ein Herr ‚Wendler’ mit halbnackten Frauen fotografieren lässt, dann haben wir schon lange ein Anrecht darauf. Der Unterschied ist jedoch, dass das bei uns viel besser aussieht und die Aussage ‚Beutezug’ passend ist. Wir hatten auch kurzzeitig ‚Sie liebt den DJ’ im Sinn, haben uns dann aber doch wieder für ‚Beutezug’ entschieden“, feixt der Feuerteufel.

St. Brandanarius ergänzt dazu munter: „Wir haben ja nun sehr viele schlechte Angewohnheiten. Aber eine sehr gute ist es, dass wir uns tatsächlich ab und zu nur einer Frau hingeben können. Bei uns heißt das ,Rein-Teilen‘. Nicht aus Mangelerscheinungen, sondern weil einige Frauen so anziehend auf uns wirken, dass meist die gesamte Bande nicht die Finger von ihr lassen kann und selbst Babsi schwach wird.“

Wir sprechen im Anschluss angeregt darüber, wie es diesen Recken nach der Veröffentlichung der letzten Album-Scheibe „Unbeugsam“ im Großen und Ganzen auf künstlerischer Ebene ergangen ist, und der rothornige Feuerteufel erzählt:

„In der Zeit, als ,Unbeugsam‘ erschienen ist, spielte ich noch in der Folk-Rock-Band Volkstrott. Ich stieg erst Mitte 2009 zu Cultus Ferox mit ins Boot. Die zweieinhalb Jahre mit Cultus Ferox waren und sind für mich musikalisch und auch menschlich sehr prägend. Ich konnte viel Erfahrung sammeln, wie beispielsweise ein gutes Konzert geprobt werden muss und wie es auf der Bühne dann umgesetzt wird. Von einem Herrn Böslinger und dem Herrn Brandan konnte ich viel über Dudelsackbau, Spielweise und Stimmung dieser doch sehr pflegebedürftigen Instrumente erfahren. Ich kann mich ab jetzt also Dudelsackspieler nennen. Ein Herr Strahli lehrte mich die hohe Kunst der Straßenmusik und Donar von Avignon bringt durch seine aus Japan mitgebrachte Ruhe mein Yin und Yang wieder ins Gleichgewicht.“

Gevatter Brandan schließt sich den vorangegangenen Ausführungen an: „Nicht nur der neue Teufel - ich hatte ja schon mal einen Teufel an meiner Seite - kam zu uns. Auch Trommler kamen und gingen wieder, da sie dem Spielmannsleben nicht gewachsen waren. Bis heute komme ich mir vor wie ein Trainings-Camp-Leiter für altes Spielmannstum. Da blieb wenig Zeit für Kreativpausen. Die meisten Texte schrieb ich auf der Rum-Reiserei. Mein Bus stand oft in Bühnennähe, so dass ich mit einer Flasche Met in der Hand und einer Textzeile im Kopf mein rotes Aufklärungsmobil nie verfehlen konnte. Da war aber auch eine Menge Müll mit dabei. Ich stelle mir immer vor, dass auch eine andere Gruppe meine Kritzeleien spielen möchte und auch darf. Deshalb flogen viele Lieder auch gleich wieder in die Abfallkiste. Die mache ich dann irgendwann mal auf eine spezielle Brandan-Scheibe.“


Inwiefern sich nun das kommende Cultus Ferox-Album vom Vorgänger unterscheidet, das erfahren wir im Folgenden. „Wir haben diesmal ganz bewusst auf Viel-Dudelsackmelodey verzichtet. Nicht, weil wir das nicht mögen, sondern weil wir auch für unsere Rock-Konzerte ein paar Lieder brauchten, wo es nicht andauernd melodisch dudelt. Die Themen sind jedoch getreu des Namens geblieben. Einige Textzeilen sind dem Marktleben gewidmet, einige dem nächtlichen Treiben in Berlin, einige den Frauen, denen wir immer wieder verfallen und einige der Rum-Reiserei. Aber ganz obenan steht auf unserer Fahne immer: ,Nehmt euch was ihr wollt und lasst nichts aus! Das Leben ist zu kurz!‘ Unsere musikalische Ausrichtung ist geblieben, nur das neuerdings irgendwie alles viel geiler klingt. Aber das ist wahrscheinlich immer so, wenn man sich über etwas Neues freut. Wir sind zufrieden und das Album reiht sich prima zwischen all den andern Silberscheiben von uns ein“, frohlockt Brandan.

Im Weiteren nach seinen persönlichen musikalischen Einflüssen befragt, die auf der neuen Platte eventuell von ihm umgesetzt wurden, winkt der Mann betont lässig ab.

„Ich habe vor zwei Jahren alle meine CDs und Platten verschenkt oder weggeschmissen, auch wenn einige Bands dabei waren, wo mir das weggeben schwer viel. Das war so einer meiner Befreiungsschläge, so wie Schrank aufräumen, dem Konsum abschwören und alles wegfeuern, was man nicht wirklich zum Überleben bräuchte. Alle paar Jahre mache ich das, damit nicht zu viel Einfluss in meiner Arbeit als Studiomusiker passiert. Ich hoffe dann immer, dass sich Cultus Ferox seine eigenständige Art und Weise bewahrt, um Dudelsack oder andere altertümliche Instrumente mit dem Neuzeitlichen zu paaren. So ein wenig Musik höre ich natürlich noch. Linkin Park oder Rammstein zum Frühstück und Onkelz in der Kneipe vorm Nach-Hause-Weg muss bei mir schon sein. Aber Ruhe oder völlige Stille hat schon was Besonderes als Musiker. Vor allen Dingen nimmt man ja lieber selber ein Instrument in die Hand, auch wenn man nur vor sich hinklimpert, wie Strahli das gerne tut, manchmal damit nervt, aber doch auch oft erstaunt und überrascht.“

Beim wackeren Feuerteufel ist das hingegen noch so, wie der Mann verkündet, dass er alles aufsaugt, was seiner Meinung nach geil ist. „Ich bin auch richtig Fan einiger Bands. Da ist das nicht zu vermeiden, dass mich das beeinflusst. Einige Einflüsse von anderen Kollegen oder neue Musikrichtungen sind ja auch hochgradig infizierend. Wenn das dann bei uns einfließt, finde ich das nicht schlimm.“

Warum mussten die Cultus Ferox-Fans denn eigentlich ganze sechs Jahre Album-Pause aushalten? Brandan bringt Licht ins Dunkel:

„Ich habe ja zwischendurch die ,Fernweh‘ und das Album ,Kom Til Mei‘ heraus gebracht. Beides wurde vom engeren Fankreis auch gut angenommen und die ,Fernweh‘ wird oft zum Autofahren genutzt. Solo etwas zu machen war bis jetzt angenehmer wegen der vielen Verrückten bei uns. Wir hatten auch zu viele Talfahrten und mussten oft harte Schläge hinnehmen. Veranstalter kamen mit unserer Art und Weise nicht klar und sagten ab, aus Gründen, mit denen ich bis heute nicht klarkomme. Wie? Spielleute müssen sich jetzt immer benehmen? Das ist jetzt neu. Deshalb auch das Lied ,Artig‘ . Es ist nicht von uns, aber der, der es mal sang, hätte selber ,Warum denn dette uff eenmal?‘ gefragt. Zum Glück wurde der harte Kern von Cultus Ferox durch die Rückenschläge nicht gesprengt. Wir sind wieder neu aufgestellt und für die nächsten Schlachten bereit. Bis hierher mussten wir dem Scheiß-Geld hinterher rennen und konnten dadurch auch nicht wochenlang in Ton-Studios herumlungern. Die Gruppe immer wieder zu erneuern ist ein großer Kraftakt und ich freue mich umso mehr über die Neuzugänge, die den alten Hasen auch mal in den Hintern treten und vieles in eigene Hände nehmen wollen. Boosi baut mittlerweile die Dudelsäcke selber. Feuerteufel entwickelt sich so nach und nach zu einem Organisationstalent. Yangens, der Jüngste unter uns, schickt mir jetzt schon oft selber komponierte Melodien, von denen bestimmt eine dabei sein wird, die es auf die Cultus Ferox Bühne schafft. Robert"O"s freundliche Art brauche ich auf meiner Bühnenseite als Halt, sodass ich da nicht immer angetrunken herunterfalle. Bis hierher sind wir in ständiger Bewegung gewesen. Deshalb diese sechs Jahre. Tschuldigung, liebe Fans!“

Cultus Ferox treten stets betont piratisch orientiert in Erscheinung. Wie wichtig sind den Beteiligten eigentlich die Kostümierungen auf der Bühne beziehungsweise entsprechende Images, fragt man sich. Die Antwort kommt zackig:

„Bei uns sind das nicht so richtig Kostüme, da wir die Klamotten auch viel in der Straßenbahn anhaben auf dem Weg zur Straßenmucke. Oder danach in der Kneipe. In Berlin kennt man uns oft nur so. ,Da is schon wieder so Eener von den Dudelsackspielern‘ heißt es dann oft. Für uns ist das also eher so eine Art von Alltags-Dienstklamotte. Die Farben sind uns allerdings sehr wichtig. Unser Knallrot gepaart mit schwarzem Leder mussten wir uns hart erkämpfen. Ich sehe das so wie beim Fußball: Das sind unsere Farben, und die Gastmannschaft hat gefälligst Auswärts-Trikotagen anzuziehen“, stellt Brandan klar.

Der Cultus Ferox-Kultsong „Wolfsballade“ erreichte inzwischen knapp eine Million Klicks allein auf Youtube, so war zu erfahren. Merken die Musikanten dies denn auch an mächtig hohen Album- Verkäufen? Oder ist es auch in der Mittelalter-Musik-Szene eher so, dass lieber nur konsumiert wird als dass man die Künstler auch direkt unterstützt? Brandan stöhnt jetzt laut auf:

„Mann, der Titel hängt uns jetzt an und klebt wie ein Schwarm Scheißhausfliegen auf unserem Haufen. Es ist zwar schön, so viele Klicks auf Youtube zu haben, aber die Grundzüge unserer Gruppe spiegelt genau das Lied eben nicht wieder. Der Text von der ,Wolfsballade‘ ist ja eigentlich nur eine der vielen nächtlichen Begebenheiten, die man so als Spielmann so hat. Mir macht das regelrecht Angst, wenn unsere Horde nun zeitlebens darauf festgenagelt wird.“

Feuerteufel hingegen zeigt sich merklich froh darüber, „dass Brandan auf dem neuen Album wieder eine Schnulze druff hat. Vielleicht bekommt die auch ein paar Klicks oder überholt gar die ,Wolfsballade‘.“

Was aber im Grunde genommen bis heute immer das größte und wichtigste künstlerische Anliegen von Cultus Ferox war, das legt Feuerteufel gleich noch dar.

„Mir ist es wichtig, dass Cultus Ferox niemals eine ,Band‘ wird. Keine ,Band‘ eben im Sinne des Konsums oder der Charts oder so. Es ist und bleibt eine Lebenseinstellung. Wer diese Einstellung nicht versteht, schlecht redet, oder nicht teilen möchte, der wird auch nie ein Teil von uns sein. Das betrifft sowohl Musiker als auch Fans. Wir können zu Recht sagen, dass wir wohl die einzige Gruppe sind, die noch wahre Spielleute vorzuweisen hat. Solche eben, die nicht des Geldes wegen das Volk zum Tanzen bewegen möchte, sondern der gute Laune wegen.“

Laut Urviech Brandan ist dem auch nicht viel hinzuzufügen. „Lasst uns die Zeiten überdauern und lasst das Neugeborene nicht gleich wieder sterben!“

© Markus Eck, 28.02.2013

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