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Interview: CREMATORY
Titel: Inspirierte Weiterentwicklung

Der jüngst vollzogene Firmenwechsel zu ihrem alten Stammlabel soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese deutschen Gothic Dark Metal-Veteranen mit ihrem brandneuen Studioalbum „Klagebilder“ eine höchst erfrischende Scheiblette liefern. Zum 15-jährigen Band-Jubiläum entschlossen sich die Pfälzer, ihren noch immer zahlreichen Anhängern endlich mal wieder ein deutschsprachiges Werk zu spendieren. Eine Veröffentlichung mit den wohl hochwertigsten und persönlichsten Song-Lyriken der gesamten Gruppenhistorie überhaupt.

„Mit dem Schreiben neuer Lieder begannen wir bereits im Januar 2005. Da wir als `Hobbyband` meistens nur am Wochenende Zeit haben, arbeiteten wir so wie wir Zeit und Lust hatten an den neuen Songs und nahmen diese dann gleich mixfertig im Kohlekeller Studio bei unserem Freund Kohle [Christian Kohlmannslehrer; Anm.d.A.] auf. Die Arbeit an den neuen Liedern war eigentlich sehr entspannt, da wir genügend Zeit und keinen Druck hatten. Entspanntes Arbeiten war angesagt und zwar so lange bis uns die Lieder hundertprozentig gefallen haben“, gibt Langzeit-Trommler Markus Jüllich zu Protokoll.

Wie der Schlagzeuger weiter berichtet, war es für ihn als Papa mit Kinderpflichten mitunter schon recht schwierig, zeitlich alles unter einen Hut zu kriegen: „Da unser Kind doch sehr viel Aufmerksamkeit benötigt und ich ja seit dem `Act Seven`-Album der Hauptproduzent und Ideengeber der Band bin, hatte ich gut zu tun. Prima zusammengearbeitet haben wir jedoch wie erwähnt erneut mit unserem Produzenten Kohle im Kohlekellerstudio, der immer eine helfende Hand an meiner Seite war, wie dies auch bereits beim `Revolution`-Album der Fall war. Auch unser Matthias hat sich dieses Mal sehr viel mehr mit in die Songs eingebracht – nicht nur von den Gitarrenarrangements her, sondern auch von seinen Vocals. Gemeinsam haben wir uns sehr inspiriert und weiterentwickelt.“

Diesmal war laut Jüllich von vornherein ganz klar, dass Crematory wieder ein deutsches Album machen werden. „Dementsprechend haben wir auch darauf hingearbeitet. Da es wesentlich schwieriger ist mit deutschen Texten zu arbeiten als mit englischen, lag unsere Aufmerksamkeit sofort auf dem Gesamtkonzept eines deutschen Albums. Musikalisch wollten wir eher etwas rockiger und Gitarren-betonter werden, so wie wir das auch bereits auf unserem ersten deutschen Album, welches genau vor zehn Jahren erschienen ist, gemacht haben.“

Der neue Albumtitel „Klagebilder“: Er erweckt in mir allerlei Assoziation zu Klageliedern, die man sich hier offenbar verbildlichen soll. Der Drummer bestätigt mich: „Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Du hast den Sinn des Titels bestens interpretiert.“

Instrumentell ist das aktuelle Album erneut wie bisher gewohnt ziemlich ausgereift, jedoch hatte der Autor auf gesanglicher Ebene auch nach mehreren Hördurchläufen so seine Schwierigkeiten.

Gerade die Growl-Parts wirken seiner Ansicht nach oftmals eher unpassend.

Es wirkt irgendwie so, als würde eine Unentschlossenheit herrschen, wann klar und wann growlig gesungen wird.

Mein Gesprächspartner kontert jedoch entschlossen: „Ganz im Gegenteil. Da sich Felix enorm weiterentwickelt hat, ist es mittlerweile schwer zu unterscheiden welche Teile Felix und welche Matthias singt. Felix hat circa 70 % des neuen Albums gesungen und daher ist es wahrscheinlich beim ersten Hören schwer die Details herauszuhören. Gerade Felix hat ein großes Kompliment verdient, denn er hat sich für dieses Album mehr denn je den Arsch aufgerissen und seine Weiterentwicklung sehr deutlich dokumentiert. Der Abwechslungsreichtum, so wie es auch bei unserer Musik ist, ist das, was jetzt auch die Vocals noch stärker ausmachen und die Emotionen der Lieder zusätzlich unterstützt.“

Inspirativen Haupteinfluss für „Klagebilder“ hatten laut Aussage meines pfälzischen Namensvetters all die Crematory-Fans, welche die Band bereits seit Jahren darum baten, endlich wieder ein komplett deutsches Album zu machen. Wir erfahren hierzu:

„Wir hatten in der Vergangenheit meistens einen Song in deutscher Sprache auf unseren Alben, die sich auch jeweilig immer als die eigentlichen Hits herauskristallisiert haben. Da wir dieses Jahr unser 15-jähriges Bandjubiläum feiern, sowie wir genau vor zehn Jahren bereits schon einmal ein sehr erfolgreiches deutsches Album produzierten und die ganze Band vor allem mal wieder Bock auf eine neue Herausforderung hatte, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen und sind heilfroh, dass wir wieder ein neues deutsches Album gemacht haben.“

Die neuen Songtexte finde ich wie bereits geschrieben einfach klasse.

Ich frage Markus daher auch nach seiner Einschätzung des Stellenwerts der neuen Texte im Vergleich zur Musik.

„Die nehmen natürlich den gleichen Stellenwert ein. Die Aussagekraft der Texte muss mit dem musikalischen Ausdruck harmonieren und eine Einheit ergeben, denn nur dann hast Du einen guten Song. Textlich hat sich Felix diesmal weit geöffnet und zahlreiche Erfahrungen aus seinem Privatleben preisgegeben. Es sind Themen, mit denen sich jeder Mensch bereits schon einmal auseinandergesetzt hat oder noch auseinandersetzen muss. Aus der Realität gegriffene Texte sozusagen.“

Der vor einiger Zeit angestrebte Spaßfaktor wurde eindeutig zurückgeholt, verkündet der Schlagzeuger anschließend. „Sicher, genau und nur deshalb machen wir ja das Ganze. Wir haben alle unseren festen Job und die Familien. Wir betreiben Crematory weiterhin als ernsthafte `Hobbyband` und wollen so viel Spaß wie nur möglich haben und diesen auch unseren Fans entsprechend bieten. Es ist auch alles viel entspannter geworden. Wir haben nicht mehr so den Druck wie früher von der Musik leben zu müssen. Wir machen Musik zum Spaß an der Freude und sind glücklich noch so viele Fans auf der ganzen Welt zu haben, denn die Fans sind das was eine Band ausmacht. In einer Band wie der unseren zu spielen und die Fäden zu ziehen, das ist meine zweite Familie ohne die ich nicht sein möchte.“

Wie der Drummer im Weiteren mitteilt, haben Crematory ganz speziell auch mit dem letzten Album zahlreiche Fans, vor allem auch im Ausland, dazu gewinnen können. „Sicherlich verliert man mit den Jahren auch ein paar Fans, aber bei uns war es bis jetzt glücklicherweise so, dass wir immer mehr Menschen für uns begeistern konnten. Wir haben auch den Vorteil, dass wie Metal-, Gothic-, EBM-, Rock- und `normale` Fans haben. Unsere Musik ist eigentlich Musik für jedermann, denn wir lassen uns nicht gerne in Schubladen stecken.“

Und was den Labelwechsel zurück zu Massacre Records anbelangt, so schließt sich der Kreis laut Jüllich. Er erzählt dazu:

„Unser letztes deutsches Album wurde bei Massacre veröffentlicht und nun auch das neue. Wir hatten keinerlei Stress mit Nuclear Blast, ganz im Gegenteil. Wir arbeiten weiterhin mit Nuclear Blast zusammen, was unseren Vertrieb des Back-Kataloges mit unserem eigenen Label CRC angeht. Nuclear Blast wollten auch den bestehenden Vertrag verlängern – eben, wie es nun mal so ist, wenn man vertragsfrei ist. Wir hatten auch verschiedenen anderen Plattenfirmen unsere Demos geschickt und wollten damit mal unseren Marktwert prüfen. Wir haben uns für Massacre entschieden, da wir dort die absolute Prioritätsband sind, gute Vertragskonditionen erhalten haben und die Jungs dort alles möglich machen werden um Crematory noch weiter nach vorne zu bringen.“

Für dieses Jahr 2006 sind leider eher wenige ausgewählte Konzerte der beständigen Gruppe geplant.

„Das hat zum Grund, dass wir alle aus familiären und jobtechnischen Gründen sehr eingespannt sind. Möglicherweise werden wir eine kleine Tour von zehn Tagen gegen Ende des Jahres machen, was aber noch nicht genau feststeht. Zahlreiche Anfragen aus dem Ausland liegen ebenfalls vor. Wir werden sehen wie das neue Album läuft und dann entscheiden welche Live-Aktivitäten wir unternehmen werden. Geplant ist jedenfalls, nächstes Jahr 2007 die großen Festivals im Sommer zu spielen.“

Auf die Veröffentlichung und die Reaktionen zum neuen Album freut sich die ganze Truppe am meisten, gibt der wuchtige Taktklopfer abschließend preis. „Ich bin wirklich sehr gespannt, denn ich denke, dass alle unsere Fans von dem neuen Material begeistert sein werden. Und die Leute, denen Tokio Hotel zu lasch und Rammstein zu unmelodiös sind, die werden mit dem neuen deutschen Crematory-Album ihr Lieblingsalbum entdecken. Beste Grüße an alle unsere Fans, und dir Markus, erneut vielen Dank für das Interview.“

© Markus Eck, 31.05.2006

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