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Interview: CREMATORY
Titel: Die Sehnsucht nach sich selbst

Ihre Anhänger betrauerten die im Jahre 2001 vollzogene Auflösung dieser Band sehr, schließlich haben sich Crematory gleich von ihrem 1993er Debütalbum „Transmigration“ weg im Laufe der Jahre zu einem der beliebtesten einheimischen Gothic Metal-Vertreter empor gespielt.

Nun melden sich Sänger Felix, Axeman Matthias, Tieftöner Harald, Keyboarderin Katrin und Drummer Markus Jüllich in unveränderter Besetzung mit einer neuen Veröffentlichung namens „Greed“ zurück.

Eigentlich sollte das erste neue Lebenszeichen des Quintetts nach der langen Release-Abstinenz das Comeback-Album „Revolution“ sein, doch es kam anders. Denn die dafür vorgesehenen Studioaufnahmen mussten Crematory aufgrund der vorzeitigen Geburt der gemeinsamen Tochter von Katrin und Markus unterbrechen.

Da zum Zeitpunkt der Niederkunft der neuen Erdenbürgerin bereits mehr als die Hälfte des aktuellen Langspielers im Kasten war, entschlossen sich Crematory ihren Fans zuliebe dazu, zum geplanten Veröffentlichungstermin von „Revolution“ am 01.03.2004 anstatt dessen die Single „Greed“ auf den Markt zu bringen. Sozusagen als Trostpflaster.

Diese laut Info aufwendig gestaltete Scheibe wird die Single- und Albumversion des Tracks „Greed“, eine Coverversion von Metallica's „One“ und eine Ballade mit dem Titel „Farewell Letter“ enthalten.

Ebenfalls mit drauf gepackt wurde der Videoclip zu „Greed“, welcher nur wenige Tage vor dem Geburtstermin gedreht wurde.

Crematory wollen ihre Studio-Sessions sobald als möglich wieder in Angriff nehmen und weiter an „Revolution“ arbeiten.

In der Zwischenzeit nahmen sich in Form des Autoren und Trommler Markus Jüllich zwei Namensvettern Zeit für einen informativen Plausch.

„Unsere Batterien waren leer und die einzelnen Musiker hatten diverse Erkrankungen, die auskuriert werden mussten. Wir hatten schlicht und ergreifend einfach keinen Bock mehr, da sich die Marktsituation erheblich verschlechtert hatte, was leider auch wir zu spüren bekamen. Somit war dann auch keine finanzielle Basis mehr für uns da, um von der Musik zu leben; was aber aufgrund der vielen Arbeit, die wir in Crematory investierten, einfach nicht mehr tragbar war. Und halbherzig wollten wir die Sache nicht weitermachen“, legt Markus eingangs den damaligen Trennungsgrund der Band dar.

Ein Comeback für Crematory war jedoch zu keiner Zeit geplant, wie der gewichtige Drummer mir weiter berichtet.

„Unser altes Label rief uns eines Tages an und fragte uns, ob wir einen Song zum Metallica-Tribute-Sampler `The Four Horseman` beisteuern wollten. Wir besprachen dies innerhalb der Band, hielten dies für eine gute Sache als auch neue Herausforderung und coverten den Song `One`. Es machte uns wieder richtig Spaß nach drei Jahren Abstinenz gemeinsam im Proberaum Mucke zu machen. Dieser Song ist einfach der Hammer und für mich die beste Metallica-Nummer überhaupt. Von Metallica wurden alle in der Band beeinflusst. Sie zählen zu den besten Rock- beziehungsweise Metal-Bands der Welt. Was die Jungs die letzten Jahre so trieben finde ich nicht gerade berauschend, aber `Master Of Puppets` und `…And Justice For All` sowie das schwarze Album sind Klassiker.“

Da es laut Markus’ Aussage sowohl von Seiten der Fans als auch der einschlägigen Presse sensationelles Feedback auf diese Coverversion gab, drängte besagtes Label die Band dazu, endlich wieder ein komplettes Album aufzunehmen. Crematory zögerten lange:

„Nach sofortiger Absage und dann doch noch einmal langen Überlegungen, sowie einigen Zugeständnissen von Seiten der Plattenfirma her haben wir uns überzeugen lassen, doch noch ein Comeback in Angriff zu nehmen. So fingen wir im Januar 2003 schließlich mit dem Schreiben neuer Songs an. Denn wir mussten in der Zwischenzeit feststellen, dass uns während dieser drei Jahre etwas sehr Wichtiges gefehlt hat. Die Musik. Unsere Musik.“

Wir kommen im weiteren Gesprächsverlauf auf Century zu sprechen, die mittlerweile in der Versenkung verschwundene Zweitband Jüllichs. Dieser merkt dazu an: „Da herrscht seit dem letzten Album Funkstille, da sich leider nicht so der Erfolg einstellte, wie wir uns das erhofft hatten und es zu Streitigkeiten, auf die ich nicht näher eingehen möchte, innerhalb der Band kam. Vielleicht passiert da mal wieder was in der Zukunft. Mal sehen.“

Zurück zum aktuellen Klangprodukt „Greed“:

Diese Scheibe wird zwar als Single angeboten, ist aber doch eigentlich als Minialbum einzustufen.

Markus stellt hierzu allerdings fest:

„Eigentlich ist sie beides, da für eine Single zu viel Material drauf ist. Wir boten unseren Fans schon immer Value For Money und so wird es auch zukünftig sein. Offiziell ist das Teil aber als Single betitelt.“

Auf den 31.03.2004 freut sich die ganze Crematory-Mannschaft bereits riesig, denn die Spannung innerhalb der Band auf die Reaktionen der Fans ist groß, wie der massive Kesselwart verlauten lässt.

„Es gibt nur 10.000 streng limitierte Exemplare. Bitte kauft alle am 01.03.2004 unsere Single, denn davon hängt die Zukunft des neuen Albums ab. Denkt daran: `Copy kills music!`“, ruft der robuste Drummer die Fans seiner Truppe zur Unterstützung auf. Denn wann genau nun das Comeback-Album „Revolution“ offiziell erscheinen wird, hängt von den Verkaufszahlen der Single ab.

„Momentan gibt es noch keinen genauen Veröffentlichungstermin, da wir zurzeit gerade wieder um Studio sind um das neue Album fertig zu stellen. Wenn alles gut läuft könnte es noch im Sommer klappen.“

„Revolution“, eine Revolution? „Ja, eine Revolution werden die neuen Crematory als Band und auch das Album definitiv sein“, verspricht Markus und hängt umgehend an: „Es ist das beste Album, das wir je gemacht haben. Die Songs und der Sound sowie das komplette Gesamtbild sind der Oberhammer geworden. Das wird alle wegblasen. Unsere musikalische Weiterentwicklung, die bereits auf Alben wie `Act Seven` und `Believe` angedeutet wurde, haben wir weiter verfolgt und nochmals ausgebaut beziehungsweise mit neuen Elementen verfeinert. Es hat sich einiges bei uns verändert und entwickelt. Näher will ich aber nicht darauf eingehen, denn ein bisschen Spannung soll ja für die Fans bleiben.“

Den Text zu „Greed“ sollte jedoch jeder für sich selbst interpretieren, findet Markus, der damit die Tradition der Band aufrechterhält, zu Songtexten keine Statements abzugeben.

Das Stück ist jedenfalls für ihn der neue Crematory-Hit überhaupt.

„Musikalisch ist es ein Mix aus `Fly` meets `The Fallen` und geht extrem nach vorne, wobei die Eingängigkeit nie verloren geht. Ein Muss für jeden unserer Fans. Es gibt eine Single-Version, die nur auf der Single erscheint und eine Maxiversion, die auf dem Album erscheinen wird. Mit `Farewell Letter` ist zudem eine Ballade vertreten, welche allen Mädels das Herz brechen und Tränen in die Augen treiben wird“, lautet seine Vorankündigung.

Die derzeitige Bandchemie von Crematory stellt einen Neuanfang mit voller Ambitioniertheit dar. Der kernige Stockschwinger ist daher bester Dinge: „Es könnte besser nicht sein, alle Bandmitglieder sind voll motiviert. Was mich besonders freut, ist, dass wir in gleich gebliebenem Line-Up neu antreten können. Das war bei unserer Entwicklung nicht selbstverständlich. Es hätte ja auch passieren können, dass dem einen oder anderen bei uns die musikalische Weiterentwicklung nicht gefallen hätte.“

Um ihre aktuelle „Revolution“ anzuzetteln, injizierten Crematory laut eigener Aussage altbewährten stilistischen Konventionen eine gehörige Portion erfrischender Ideenvielfalt unverbrauchter Natur.

„Da seit unserem letzten Album doch einige Zeit ins Land ging, in welcher sich unsere Musikgeschmäcker ungestört mehr oder weniger in die verschiedensten Richtungen weiterentwickeln konnten, klingt der neue Sound von Crematory entsprechend ungewohnt“, so Jüllich.

Sein Bandkollege, Bassist Harald, kann dem auch nur beipflichten:

„Die Pause hat unserer Kreativität enorm gut getan; zudem konnten wir dieses Mal ungezwungener denn je an die neuen Stücke herangehen. Wichtig war uns vor allem auch, dass jeder aus der Band seine individuellen Einflüsse einbringen konnte.“

Das neue Album wurde zudem entgegen früheren Gewohnheiten erstmalig von Crematory in Gemeinsamkeit komponiert und getextet, wie außerdem von den beiden zu erfahren ist.

So komme ich schließlich in den gewissermaßen privilegierten Genuss, meinen Ohren eine Vorab-Hörprobe der neuen Crematory-Kompositionen gönnen zu können.

Nachdem ich Platz genommen habe, erfüllt sich der Raum mit den lauten Klängen des „Resurrection“ getauften Intros:

Beginnt erwartungsgemäß düster, erfüllt von unerwartet industrieller Kälte. Die Melodik mutet feierlich an, modern gestaltete Beats pumpen strenge Rhythmik ins Gehör.

Ein rauschender Eröffnungsreigen, welcher nach circa eineinhalb Minuten von barschem Metal abgelöst wird. Metal der schweren, getragenen und schleppend instrumentierten Sorte, der nach kurzer Zeit in einen für Crematory typischen Midtempo-Stampfer überschlägt.

Auffallend ist hierbei das eingängige Grundmotiv, das von harten Riffs umgesetzt wird.

Das Stück wird im Folgenden zunehmend schwerer und härter, eine sehr gute Überleitung zum zweiten Track, dem barschen aber melodischen Opener „Wake Up“:

Sänger Felix growlt darin gleich wie ein Besessener, trotzdem wurde ein harmonisch ausgewogener Refrain eingebracht. Schnell offenbart sich hier die neue Direktive im Hause Crematory: Viel mehr Elektronik und Modernität, jedoch nahezu perfekt ins Kombinat mit eingängigem Schwermetall gebracht. Nie zuvor schienen sie reifer, ausgewogener und abwechslungsreicher gewesen zu sein. Die Schaffenspause hat dem beliebten Quintett definitiv hörbar gut getan.

Den Anschluss macht der Single-Track „Greed“, von eindringlichem Beginn gekennzeichnet. Schneidend hochgetunte Synths koalieren mit brutal schrubbender Gitarrenarbeit, deren mechanisch-monotones Riffing von prägnantem Dualgesang in Hart/Zart-Manier passend konturiert wird.

Brutal verdammende und hoffnungsvoll aufhellende Männergesänge im intensiven Duett, die man nicht vergisst. Herrlich melodisch und problemlos tanzbar. Im Mittelteil macht sich eine verträumt inszenierte Instrumentalpassage breit, welche von gemein dargebotenem Growl-Gesang geradezu zerfetzt wird. Energische Saitenattacken setzen einiges an positiven Energien frei, nachvollziehbar, dass gerade dieses Lied als Single ausgekoppelt wurde.

Schwebende Begleit-Keyboardklänge durchziehen auch den folgenden Track „Reign Of Fear“, dessen erste Sekunden von abartiger Düsternis getränkt scheinen.

Assistiert von stark elektronisch akzentuierten und betont druckvoll stampfenden Rhythmuskaskaden, deren Intensität man sich nur schwerlich entziehen kann.

Schnell ins Ohr gehen die erneut einprägsame Hookline sowie abermalig gekonnt dargebotene Vokalduelle.

Ästhetische Klavierparts wurden hierfür mit fesselnden, weil futuristisch angehauchten Halleffekten unterlegt. Ein beschwingtes Lied, trotz durchgehend inhärenter Tragik.

„Open Your Eyes“ wartet zu Anfang noch mit einer Tastenschwärmerei auf, die alsbald von donnerndem Drumming signifikant zukunftsorientierter Natur verklopft wird. Industrial Gothic Metal, voll auf der Höhe der Zeit. Anmutige, aber fordernde Melodik durchpflügt hier ein hart pochendes Takterlebnis. Im Mittelteil werden Crematory außerordentlich druckvoll und psychotisch, nivellierend bringt sich ein harmonischer Refrain ein.

„Tick Tack“ offenbart dann eine zweifellos völlig innovative Stilistik, EBM Gothic Metal mit starken Electro-Tendenzen. Knallharte Riff-Übergriffe walzen sich mit mechanischem Takt in den Raum.

Dieser Track wurde mit packenden deutschen Lyrics versehen, sein durchdachter Aufbau kann überzeugen. Ergänzend fügte die Band diverse Electro Pop-Anleihen ein. Der mächtige Soundwall dieser Komposition erfreut vor allem die Hörer, die es gern etwas härter haben.

Ein zutiefst melancholisches Keyboard-Intro von astraler Anmut eröffnet den nächsten Song „Angel Of Fate“.

Man wähnt sich dabei fast in Zeit und Raum verloren, wird jedoch rasch von einer flüssigen Tragikmelodie in die Realität zurückgeholt.

Ganz eindeutig der bisher dramaturgischste Track auf dem neuen Album. Recht rabiat gesungene Vokaleinsätze ergänzen einen krassen Kontrast aus der brutalen Signifikanz von Gitarren und Drums zu sich schwermütig dahinschleppenden Tonfolgen. Langsam und erhaben frisst sich dieses Lied ins Bewusstsein.

Perlender Ausklang markiert das Ende dieses Stückes, was dafür dem folgenden Song „Solitary Psycho“ den Weg ebnet.

Einem rasanten Beginn, eingeläutet durch harte Beats, folgt maschinenartiger Brachialgesang. Wieder ein gemeiner, lauter und tonnenschwerer Stampfer, der im Weiteren zu entrückter, besinnlicher Stimmung wechselt, welche vereinzelt von verzweifeltem Flehen penetriert wird.

Der nachfolgende, sehr griffige Titeltrack „Revolution“ zeigt erneut die hohe Professionalität der Wormser Band auf.

Man merkt abermalig, dass die Routiniers Crematory sich ganz aufs Komponieren konzentriert haben, ohne sich dabei hemmende Gedanken um spielerische Umsetzung machen zu müssen.

Eindeutig der zweite Hit nach „Greed“. Ein ausgeklügelter Mix aus eleganter Gothic-Ästhetik und düsterer Brutalität, verzückende Melodielinien inklusive.

„Industriell“ klingende, forsche Gitarrenarbeit eröffnet den Track „Human Blood“, den bisher maschinellsten Song auf „Revolution“. Diverse Neo Thrash-Einflüsse wurden hier verbaut – geht also nicht so sehr ins Ohr, schon eher in den Bauch.

Trotzdem dominiert ab dem Mittelteil der typische Crematory-Style. „Red Sky“ bietet dagegen wieder ausreichend Möglichkeit zum Mitschwingen, forcierte Drum´n´Bass-Anteile sorgen für rhythmische Dominanz. Spannend schnelle Überführung leitet dann in einen gehörig eingängigen Refrain über. Mit der abschließenden, von Sanftheit durchzogenen Ballade „Farewell Letter“ setzen Crematory stark emotionale Akzente.

Gerade also wieder auf der Bildfläche harter Sounds aufgetaucht, wären Crematory nicht Crematory, wenn dabei nicht eben auch wieder ein weitgehend überarbeitetes Klangbild präsentiert worden wäre. Ihren eingängig melodisch akzentuierten Gothic Metal kultivierten sie über die Jahre ihrer ersten Schaffensperiode zu einer unverwechselbaren Mischung aus druckvoller schwermetallischer Grundhärte und düster begleitender Ästhetik.

Sich nun aber in überraschend modernisierter musikalischer Erscheinung präsentierend, ermöglichte ihnen die Pause nach der im Jahr 2001 erfolgten Auflösung offenbar eine komplette Revitalisierung der kreativen Geschicke. So ging das auch weit über deutsche Landesgrenzen hinaus bekannte Quintett um Sänger Felix beim Songwriting für das anstehende neue Album „Revolution“ zwar abermals in schon gewohnt experimentierfreudiger Weise vor, doch eine dermaßen innovative Angelegenheit hatte wohl niemand erwartet, und vor einiger Zeit noch am allerwenigsten die Band selbst.

„Nach sehr langer Zeit hatten wir, primär vor allem durch unsere Veröffentlichungspause bedingt, endlich mal wieder das erfrischende Gefühl, den Kopf vollkommen für unsere neuen Songs frei zu haben. Das Material für `Revolution` wurde im Gegensatz zu unseren bisherigen, oftmals von Eile getriebenen Arbeitsgewohnheiten innerhalb eines Zeitraums von knapp einem Jahr komponiert. Diesmal hatten wir jedoch keinerlei Termindruck und nahmen uns alle Zeit für die neuen Stücke, die wir meinten zu brauchen. Des Öfteren nahmen wir während der Bandproben neue Riffs oder Melodien auf, welche wir dann anschließend auch mit nach Hause nahmen und dort je nach Lust und Laune überarbeiteten. Es war ein rundum befreiendes Gefühl, musikalisch genau das zu machen, worauf wir persönlich wirklich Lust hatten“, erinnert sich Drummer Markus Jüllich bestens gelaunt an den Prozess des Songwritings für das neue Album zurück.

Demnach ergaben sich Crematory für ihre früheren Werke dann wohl in erster Linie vorgegebenen musikalischen Zwängen? Ja, dies geschah, so Jüllich, aber eher unterbewusst. Wie er im Weiteren ausführt, genossen es daher sämtliche Mitglieder der Band sehr, für die Lieder des aktuellen Werkes keinerlei Rücksicht in diesen Belangen nehmen zu müssen und ihren kreativen Intentionen freien Lauf lassen zu können:

„Spekulierten wir zuvor noch manchmal darüber nach, ob der eine oder andere innovative Schritt nach vorne nicht zu weit in eine bestimmte Richtung gehen würde, war solcherlei Kompromissdenken neuerdings nicht mehr vorhanden.“

Bassist Harald ergänzt seinen trommelnden Bandkollegen in diesem Kontext:

„Unsere neu überdachte künstlerische Vorgehensweise begründete sich zu einem großen Teil dadurch, dass wir uns nach der Auflösung von Crematory jeder für sich bis zu einem gewissen Grad der Metal und Gothic Metal-Szene entzogen hatten. Ich persönlich fühlte mich beispielsweise stark in den EBM-Bereich hingezogen und konsumierte dadurch auch eine ganze Menge von diesem Sound – was auf dem neuen Album `Revolution` auch deutlich an meiner Spielweise zu hören ist.“

Harald bekundet anschließend mit einiger Selbstsicherheit in der Stimme, dass genau diese, sich jeweils selbst bewusst erlaubten geschmacklichen Erweiterungen der einzelnen Bandmitglieder mehr denn je auf der aktuellen Veröffentlichung hervorkommen.

Markus unterbricht da unerwartet energisch: „Ich hingegen bin schon seit Längerem total auf dem Techno- sowie dem Dance/Trance-Trip – gerade eher kommerziellere Sachen wie beispielsweise Mark 'O erweckten mein Interesse in starkem Maße.“

So gab es verständlicher Weise auch so einige Meinungsunterschiede, wie die neuen Songs nun im Speziellen ausfallen sollten. Markus:

„Das wollte ich unbedingt umgesetzt sehen, so weisen einige neue Lieder diverse Techno-Anklänge auf. Und nur allzu gerne hätte ich das auch noch ein wenig mehr vorangetrieben, aber ich musste die damit leider nicht konform gehenden Meinungen meiner Bandkollegen natürlich respektieren. Aber das war wahrscheinlich auch sehr gut so, denn sonst hätten wir die Hörer wohl komplett verschreckt“, formuliert der wuchtige Musiker mit kernigstem süddeutschen Dialekt.

In Sachen Verehrung alter Helden ist dem Schlagzeuger ehrlich gesagt nicht viel geblieben, wie er auch ganz offen zugibt. „Da gibt es für mich wenig, sehr wenig sogar. Wenn, dann höre ich in diesem Bereich eher neuere Bands an; so beispielsweise die letzten Alben von Korn oder den Farmer Boys. Sehr toll finde ich auch Oomph!, eine wirklich gute Band.“

Gothic Metal-Bands in Reinkultur existieren seiner Meinung nach heutzutage ohnehin fast keine mehr, denen es sich noch lohnen würde, sein Gehör zu schenken. „Es ist schon sehr selten geworden, dass aus diesem Bereich noch neue anregende Impulse kommen.“

Stolz ist Jüllich dagegen auf seine eigene Band, denn Crematory haben, wie er feststellt, einen künstlerisch sehr wichtigen Schritt vollzogen. Das kann er laut sagen. Denn obwohl noch immer treibend pumpende Schwermetall-Rhythmik die klanglichen Geschicke des Quintetts dominiert, kann der aktuelle Sound von Crematory getrost als zeitgemäß eingestuft werden.

„Genau das! Zeitgemäßer wollten wir sein, moderner. Deshalb war die für unser neues Material zugrunde liegende Grundidee, `Electro Techno Metal` machen zu wollen. Das war die grobe Vorgabe. Sobald für uns feststand, dass wir ein neues Album in Angriff nehmen werden, manifestierte sich durch diverse Gespräche auch dieser Wunsch nach einem auf diese Weise modifizierten Klanggewand in uns. Gerade `Tick Tack`, eigentlich die härteste Nummer auf der neuen Scheibe, zeigt das in wohl anschaulichster Weise auf. Schon der ungewöhnliche Titel des Songs: Zwar einfach, aber enorm einprägsam, wie der Song an sich.“

Vor allem poppig-eingängige Melodien sollten also zahlreich in den neuen Krematorienliedern vorhanden sein, wie Meister Jüllich anschließend in gewohnt erzählfreudiger Gesprächsmanier fortfährt.

„Trotzdem würde ich gänzlich davon absehen, uns irgendwelche Anbiederungen an diverse musikalische Trends vorzuwerfen.“

Wie Tieftöner Harald hier dann ohne zu zögern beipflichtet, will auch er von solchen Anschuldigungen nichts hören.

„Der überwiegende Großteil unserer aktuellen Songs für `Revolution` war schließlich schon längst fertig, bevor sich die Sache mit Oomph! zu einem solch großen und erfolgreichen Trend ausweitete.“

Überraschend wird es auf einmal lauter in der Runde: „Überhaupt, man soll mir doch mal eine einzige Band nennen, die so klingt wie Crematory auf `Revolution`. Ich jedenfalls kenne nichts Vergleichbares“, platzt es da in aller Impulsivität aus einem vor subtiler Erregung mit dem Finger herumfuchtelnden Markus heraus.

„Wir wollten etwas grundlegend `Neues` machen. Genau wie damals, als wir mit Crematory begannen. Da waren wir, zumindest im deutschen Bereich, die allererste Death Metal-Band, welche sich überhaupt traute, Keyboards in ihren Songs einzusetzen. Man kann sich das heute sowieso nicht mehr vorstellen. Für viele Death Metal-Fans war das wie ein zutiefst verwerflicher Stilbruch, geradezu ein richtiger Schock.“

Und dieser offenbar signifikante künstlerische Schaffensdrang, immer wieder etwas stilistisch völlig Innovatives auf die Beine zu stellen, ist der Band über den gesamten Verlauf ihrer Karriere dann auch bis heute erhalten geblieben. Markus:

„So wollten wir dieses Mal die ersten sein, die Techno Metal spielt. Ungefähr so ähnlich wie Rammstein, nur eben mit deutlich mehr Power im Sound.“

Von bloßem Kopieren bereits vorhandener Erfolgsmuster sollten die neuen Lieder des erfindungsreichen Fünfers allerdings weit entfernt sein, da ist sich mein im Musikgeschäft merklich sehr erfahrener Namensvetter auch im Nachhinein noch absolut sicher:

„Den Durchbruch packt man meiner Meinung immer nur dann, wenn man mit etwas Eigenständigem ankommt und wenn man der Erste ist, der damit aufkreuzt.

Doch vor alldem stand zuallererst ja noch die nicht ganz einfache Entscheidung, eine zuvor in aller Entschlossenheit aufgelöste Truppe wie Crematory überhaupt jemals wieder zum Leben zu erwecken, zumal der Bandname damals ja mit einiger medialer Begleitung beerdigt wurde.

Der nun vollzogene Neubeginn ging daher laut Markus anfänglich mit einiger Zögerlichkeit vonstatten.

Was also mit dem eigentlich zuerst als einmalige Sache geplanten Beitrag zum Metallica-Tribute-Sampler seinen Anfang nahm, sollte in unvorhergesehener Weise die gesamte Crematory-Mannschaft infizieren.

„Der von uns dafür ausgewählte Track `One` kam ja unerwartet gut an, sowohl bei den Fans als dann natürlich auch bei unserem Label. Beide Seiten machten uns daher nachfolgend einigen Druck nach einem neuen Album.“

Solchen schmeichelnden Forderungen konnten die wiedergekehrten Vorreiter des deutschen Gothic Metal anfänglich noch beharrlich widerstehen.

Doch dann machte ihnen die zu dieser Zeit neu entflammte Leidenschaft für die eigene Musik allerdings einen ziemlich dicken Strich durch die Rechnung, was sich Markus breit grinsend in Erinnerung ruft.

„Die Geschichte mit der Coverversion sollte ja wirklich eine einmalige Sache sein. Als unsere Plattenfirma jedoch danach hinsichtlich eines neuen Crematory-Albums einfach nicht locker lassen wollte, bekam das Thema mehr und mehr an Gewicht. Wir setzten uns also zusammen und diskutierten darüber, viele Male. Zunächst sagten wir uns einhellig: `Auf gar keinen Fall, niemals!`“

Zunächst. Insgeheim gedacht haben sie jedoch „nur zu gerne“ daran, lässt sich Drummer Markus nun endlich entlocken.

„Es gab uns als Band Crematory schließlich eine ganze Zeit lang, genauso genommen über zehn Jahre. Auf einmal hörte das alles auf zu existieren. Man kann zehn Jahre nicht so einfach über Bord werfen, die Erinnerungen daran bleiben ja immer präsent. Und da sehr viele und vor allem sehr gute Erinnerungen an Crematory in uns überlebten, müsste ich lügen, wenn ich nicht zugeben würde, von der Idee einer Reformierung nicht schon nach relativ kurzer Zeit angetan gewesen zu sein.“

Verständlich. So trauerte er dem Leben als Musiker laut nachfolgendem Bekenntnis während des ersten Jahres nach der Auflösung noch stark hinterher, im Laufe des zweiten akzeptierte er es.

Und ab dem dritten Jahr begann sich in ihm die von nostalgischen Emotionen geprägte Sehnsucht nach den guten alten Zeiten breit zu machen.

Das kann Bassist Harald vor mir nur bestätigen, dem es ganz ähnlich erging.

„Als ich nach der Beendigung von Crematory hin und wieder Konzerte diverser Bands besuchte und sie oben auf den Bühnen ihre Songs voller Spielfreude zocken sah, wurde ich schon hin und wieder wehmütig, ohne mir das zuerst noch eingestehen zu wollen. Eigentlich war es genau genommen bei jedem von uns so, nur daher war unsere Reformierung überhaupt doch erst möglich.“

Mit einem neuartigen Album wie „Revolution“ im Rücken ist die derzeitige Stimmung im Hause Crematory nun aber wieder sehr entspannt, wie zu erfahren ist.

Waren sie also in früheren Zeiten bei Erscheinen eines neuen Outputs ihrer selbst immer wieder von nervöser Unruhe geplagt, so ist davon im aktuellen Fall rein gar nichts mehr zu spüren. Das behauptet jedenfalls Markus.

„Wir sind natürlich reifer und erfahrener geworden, als Musiker natürlich gleichfalls wie als Menschen. In erster Linie ist es uns nun aber total egal, wie diese Platte von den Fans aufgenommen wird. Für uns war einzig wichtig, die sich gebotene Gelegenheit zu einer neuen Veröffentlichung zu nutzen und mit `Revolution` endlich mal einen Release exakt nach unserem Gusto vom Stapel zu lassen.“

Ob man ihm diese, in allzu lässiger Weise geäußerte Gelassenheit wirklich glauben soll? Crematory werden jedenfalls mit wenigen und sorgfältig ausgewählten Festivals diesen Sommer 2004 beginnen und abwarten, wie sich so die Single- und Albumverkäufe entwickeln, um dann zu entscheiden, ob eine Tour zu spielen ist. Der Schlagzeuger lässt wissen:

„Wir wollen wieder Spaß auf der Bühne und mit unseren Fans haben und endlich mal eine goldene Schallplatte bekommen! Believe in yourself and especially in Crematory!“

© Markus Eck, 01.02.2004

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